»Stimmt.«
Was für ein Exzentriker! Obwohl er sich gerade dafür entschuldigt hatte, nur einen einzigen Stuhl zu besitzen, fand er offenbar überhaupt nichts dabei, selbst darauf sitzenzubleiben und seine Gäste stehen zu lassen. »Willkommen in meinem
Reich! Gemütlich, was?« Sein Ton verriet Bitterkeit. »Krosac, nicht wahr?«
»Sieht ganz danach aus«, antwortete Isham leise. Sowohl er als auch Ellery waren überwältigt von der starken Familienähnlichkeit zwischen Van und Megara. »Stephen schreibt« - Van begann zu zittern -, »daß er das T benutzt hat.«
»Allerdings. Und den Toten den Kopf abgetrennt. Entsetzlich. -Ihr richtiger Name lautet also Andrew Tvar.«
Der Schulmeister lächelte matt. »In unserer Heimat hieß ich Andreja, meine Brüder Stefan und Tomislav. Als wir rüberkamen, in der Hoffnung -« Er zuckte die Schultern, richtete sich auf seinem Stuhl sehr gerade auf und klammerte sich mit beiden Händen an der ungleichmäßigen Sitzfläche fest. Er verdrehte wie ein verängstigtes Tier die Augen und ließ seinen Blick an der schweren Tür und dem stacheldrahtbewehrten Fenster entlangwandern. »Sind Sie ganz sicher«, stieß er hervor, »daß Ihnen niemand gefolgt ist?«
Isham bemühte sich, beruhigend zu klingen. »Absolut. Wir haben jede nur erdenkliche Vorsichtsmaßnahme ergriffen, Mr. Tvar. Ihr Bruder Stephen ist offen mit einer Polizeieskorte auf einer der Schnellstraßen von Long Island nach New York City gebracht worden - übrigens in Begleitung von Inspector Vaughn, der für den Bezirk Nassau zuständig ist.« Der Lehrer nickte zögerlich. »Sollte Krosac ihnen -in welcher Verkleidung auch immer -gefolgt sein, sind ihm einige unserer Männer, die überall entlang der Strecke postiert waren, längst auf der Spur. Mr. Queen und ich sind gestern nacht heimlich losgefahren.«
Andreja Tvar nagte an seiner schmalen Oberlippe. »Es hat uns eingeholt ... Es -Es reichen keine Worte, um Ihnen begreiflich zu machen, wie entsetzlich es ist, nach Jahren unbestimmter Angst endlich das Gespenst vor sich zu sehen ... Wollen Sie unsere Geschichte hören?«
»Meinen Sie nicht auch«, erwiderte Ellery trocken, »daß wir angesichts der Umstände sogar ein Recht darauf haben?«
»Doch, doch«, antwortete der Lehrer. »Stephen und ich brauchen jede nur mögliche Hilfe ... Was hat er Ihnen bisher erzählt?«
»Lediglich, daß Sie, Brad und er Brüder sind«, antwortete Isham. »Nicht aber, was uns eigentlich interessiert -«
Andrew Van stand auf; seine Augen wurden hart. »Ich sage kein Wort mehr! Ich sage gar nichts mehr, solange ich Stephen nicht gesehen habe.«
Die Veränderung in seiner Mimik und Haltung war so plötzlich eingetreten, daß Ellery und Isham völlig verdutzt waren. »Aber, Mann, warum?« stöhnte Isham. »Wir haben viele hundert Kilometer zurückgelegt, um herzukommen -«
Der Mann schnappte sich seine Flinte, und Isham machte unwillkürlich einen Schritt rückwärts. »Ich behaupte nicht, daß Sie die Unwahrheit sagen. Stephens Handschrift ist echt, und die von Tom ebenfalls. Trotzdem läßt sich so etwas arrangieren. Ich habe mir nicht die komplizierte Doppelidentität und all das ausgedacht, um am Ende auf einen dummen Trick hereinzufallen. Wo ist Stephen jetzt?«
»In Bradwood«, erwiderte Ellery ruhig. »Wir spielen hier nicht Räuber und Gendarm, Mr. Van. Lassen Sie doch endlich die alberne Knarre! Mr. Megara hat gleich vermutet, daß Sie erst reden, wenn Sie Ihren Bruder wiedersehen; und wir haben entsprechend vorgesorgt. Wir haben vollstes Verständnis für Ihr Mißtrauen und stehen allen Vorschlägen Ihrerseits offen gegenüber, nicht wahr, Mr. Isham?«
»Es ist genauso, wie er sagt«, brummte der Staatsanwalt und nahm das Bündel an sich, das er den Berg hochgeschleppt hatte. »Was sagen Sie dazu, Mr. Tvar?«
Der Mann betrachtete unsicher das Bündel; man sah, daß er eine Weile mühsam gegen seine Neugier ankämpfte -und schließlich verlor.
»Machen Sie es auf!«
Isham riß das braune Packpapier auf: Das Bündel enthielt eine vollständige Polizeiuniform des Bezirks Nassau mitsamt Schuhen und Revolver.
»Vollkommen unverdächtig«, bemerkte Ellery. »Wenn wir in Bradwood ankommen, gehören Sie zur Polizei. Da wimmelt‘s nur so von Beamten; und ein Mann in Uniform ist sowieso immer nur ein Mann in Uniform, Mr. Tvar.«
Der Lehrer schritt seinen Steinfußboden nervös auf und ab. »Die Hütte aufgeben ...«, murmelte er. »Ich bin hier monatelang sicher gewesen. Ich -«
»Der Revolver ist geladen«, erwiderte Isham. »Und Sie haben genug Ersatzmunition im Gürtel. Was kann Ihnen denn schon zustoßen, wenn Sie eine Waffe mit sich führen und außerdem von zwei erfahrenen Männern begleitet werden?«
Van wirkte verlegen. »Sie müssen mich für einen Feigling halten, Gentlemen ... Also gut.«
Er begann, sich die Lumpen vom Körper zu reißen -darunter trug er saubere Unterwäsche, wie sie bemerkten, ohne von solchen Absonderlichkeiten noch überrascht zu sein. Recht unbeholfen begann er dann, sich die Uniform anzuziehen.
»Paßt«, bemerkte Ellery. »Megara hatte recht mit der Größe.«
Der Schulmeister sagte nichts ... Als er nun endlich in voller Montur dastand und der Revolver im Halfter schwer von seiner Hüfte herabhing, hatte er eine ganz andere Präsenz: Er war groß, kräftig und sah sogar ausgesprochen gut aus. Mit einer Hand tastete er nach seiner Waffe und streichelte sie, als flöße sie ihm Zuversicht ein.
»Ich bin soweit«, verkündete er schließlich mit fester Stimme.
»Gut!« Isham ging zur Tür; Ellery schaute aus dem verdrahteten Fenster. »Luft rein, Mr. Queen?«
»Sieht so aus.« Isham entriegelte die Tür, und sie huschten ins Freie ... Die Lichtung wirkte friedlich und verlassen; gerade übergoß die Sonne die bereits nebelverhangenen Bergrücken mit ihrem letzten Gold. Ellery kroch zwischen den unteren Drahtsträngen hindurch, und Isham folgte ihm unbeholfen. Nun standen sie da und beobachteten, wie ihr uniformierter Schützling mit -wie Ellery sich eingestehen mußte beneidenswerter Behendigkeit über den Zaun kletterte.
Andrew Tvar hatte die Tür verriegelt. Noch immer schlängelte sich die graue Rauchfahne aus dem Kamin. Jeder, der sich in den Wäldern herumtrieb, mußte die kleine Festung für bewohnt und uneinnehmbar halten.
Die drei Männer spurteten auf den Wald zu, dessen Dunkel sie bald gnädig umfing, und stiegen entlang der verwilderten Fährte vorsichtig den Hang hinunter, bis sie bei den Büschen anlangten, hinter denen der alte Duesenberg wie ein treuer Hund auf sie gewartet hatte. Sie begegneten niemandem mehr.
18. Fox bricht sein Schweigen
Ellery und Isham hatten sich zwar Freitag nacht heimlich aus dem Staub gemacht und waren auch den ganzen Samstag über fortgeblieben; das bedeutete jedoch nicht, daß in Bradwood alles ruhig geblieben wäre. Als Inspector Vaughn und Megara mit unbekanntem Ziel losgefahren waren, schien die ganze Nachbarschaft hinter den Gardinen gestanden zu haben; jedenfalls war ihr plötzlicher Aufbruch in aller Munde. Selbst Oyster Island war aufgeschreckt; Hester Lincoln hatte den langen, mühseligen Weg durch den Wildwuchs von Harachts »Tempel« bis zur Ostspitze der Insel zurückgelegt, um den alten Ketcham zu fragen, was eigentlich vor sich ging.
In Bradwood jedoch regte sich bis zur Rückkehr von Vaughn und Megara nichts. Professor Yardley hatte sein Versprechen gehalten, sich hinter den Mauern seines bizarren Palastes zu verschanzen.
Am Samstag mittag -Ellery und Isham waren zu diesem Zeitpunkt zwischen Harrisburg und Pittsburgh mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch den Süden von Pennsylvania gebraust, um möglichst früh in Arroyo einzutreffen -war die aufsehenerregende Kavalkade -Vorhut und Flanken bildeten Motorräder; die zweite Limousine gab Rückendeckung -in die Einfahrt von Bradwood eingebogen und zum Halten gekommen. Die Wagentür flog auf, und Inspector Vaughn sprang heraus. Megara folgte langsam nach und sah sich argwöhnisch um. Sofort schirmten ihn seine Leibwachen ab, und die Prozession setzte sich in Bewegung. Als sie an Bradwoods Anlegesteg ankamen, wartete bereits sein eigenes Boot auf ihn. Ein Polizeiboot lotste Megara zur Helene, der nun die Leiter hochstieg und im Innern des Schiffes verschwand. Das Polizeiboot begann Runden um die Jacht zu drehen.