Ein Polizist, der zuvor noch faul im Schaukelstuhl auf der Veranda der Kolonialvilla gesessen hatte, sprang auf und übergab dem Inspector einen Umschlag. Vaughn, der an diesem Morgen besonders hilflos gewirkt hatte, schnappte nach dem Umschlag wie nach einem Rettungsring. Während er las, überzog ein Grinsen sein Gesicht; alle Zweifel waren von ihm gewichen.
»Vor einer halben Stunde per Eilbote gebracht worden«, erklärte der Polizist.
In der Eingangstür erschien Helene Brad, und der Inspector stopfte sich den Umschlag hastig in seine Jackentasche.
»Was geht hier eigentlich vor?« fragte sie aufgebracht. »Wo ist Stephen? Nach all dieser Geheimniskrämerei sind Sie uns einige Erklärungen schuldig, Inspector!«
»Mr. Megara ist auf seiner Jacht«, blaffte Vaughn. »Und im übrigen bin ich Ihnen gar nichts schuldig. Wenn Sie mich bitte ent-«
»Gar nichts werde ich ...« Helene war außer sich. »Sie und Ihre Meute sind die reinsten Rüpel! Wo sind Sie und Megara heute morgen hingefahren?«
»Tut mir leid«, sagte Vaughn. »Bitte, Miss -«
»Stephen sieht krank aus. Haben Sie ihn Ihren berüchtigten Verhörmethoden unterzogen?«
Vaughn grinste. »Na, na! Sie müssen nicht alles glauben, was die Zeitungen schreiben! Alles Quatsch. Krank sieht er aus, sagen Sie. Stimmt. Er klagt über starke Schmerzen in der Leistengegend.«
Helene stampfte mit dem Fuß auf. »Unmenschen, allesamt! Ich werde sofort Dr. Temple bitten, zur Jacht rauszufahren und ihn zu untersuchen! «
»Von mir aus, bitte«, erwiderte der Inspector. »Vielleicht gar keine so schlechte Idee.« Er wirkte zutiefst erleichtert, als er die Veranda verließ, um den schmalen Pfad einzuschlagen, der an dem Totempfahl vorbeiführte. »Komm mit, Johnny. Gibt Arbeit.«
Vaughn und der Polizist marschierten durch den Wald, bis sie die Hütte erreicht hatten, in der Fox, der gärtnernde Chauffeur, eingesperrt war. Ein Mann in Zivil lehnte lässig an der Eingangstür.
»Und?« fragte Vaughn.
»Gibt keinen Mucks von sich.«
Vaughn drückte ohne viel Federlesens die Tür auf und trat ein. Seine Männer folgten ihm. Fox sah erwartungsvoll auf; sein Gesicht war blaß, verhärmt, voller Bartstoppeln, und seine Augen zierten tiefviolette Ränder. Seit Tagen war er wie ein Häftling in seiner Zelle auf und ab gegangen; als er jedoch seinen Besucher erkannte, verzog er das Gesicht, senkte den
Kopf und setzte seine Runden fort.
»Ich gebe Ihnen eine letzte Chance«, sagte der Inspector barsch. »Haben Sie mir etwas zu sagen?«
Fox setzte stur einen Fuß vor den anderen, ohne einmal innezuhalten.
»Sie wollen mir also noch immer nicht erzählen, was Sie bei Patsy Malone zu suchen hatten?« Keine Antwort.
»Also gut.« Vaughn setzte sich betont lässig. »Das ist Ihr Bier - Pendleton!«
Fox stolperte kurz, fand jedoch Wieder in seinen Rhythmus hinein. Sein Gesicht indes blieb ausdruckslos.
»Ist er nicht tapfer?« bemerkte Vaughn sarkastisch. »Mensch, die Nerven möcht‘ ich haben! Schade nur, daß Ihnen das Theater überhaupt nichts mehr nützt, Pendleton. Wir wissen alles über Sie.«
»Ich weiß nicht, wovon Sie reden«, murmelte Fox.
»Sie haben gesessen!«
»Ich verstehe nicht.«
»Rede ich chinesisch oder was? -Aber gut.« Der Inspector setzte sein wohlwollendes Lächeln auf. »Reiten Sie sich nur tiefer rein, Pendleton! Ich mache Ihnen ja nicht zum Vorwurf, daß Ihnen längere Zeit Eisengitter als Vorhänge gedient haben ...« Sein Lächeln verschwand. »Ich mein‘s ernst, Pendleton. Leugnen macht alles nur noch schlimmer! Sie sitzen in der Patsche. Bei Ihren Vorstrafen kann ich Ihnen nur dringend raten, endlich den Schnabel aufzumachen!«
Fox schien zu Tode geängstigt. »Ich habe nichts zu sagen.«
»Ach nein? Gut, dann machen wir es anders. Stellen Sie sich vor, gerade ist der Tresor eines Juwelierladens geknackt worden. Zufällig streunt ein der Polizei bekannter Gauner in der Gegend herum. Meinen Sie nicht, daß der uns einige Erklärungen schuldig ist? - Versuchen Sie es noch einmal!«
Der große Mann blieb stehen, stützte sich auf die Knöchel seiner Finger, die sich hell von der schwarzen Tischplatte abhoben. »Um Himmels willen, hören Sie endlich auf, Inspector! Also gut, ich bin Pendleton. Mit diesem Fall aber habe ich nichts zu tun! Ich bin absolut unschuldig! Lassen Sie mich hier-«
»Hmm«, murmelte der Inspector. »Schon besser. Jetzt wissen wir wenigstens, worüber wir uns unterhalten. Sie heißen Phil Pendleton und sind wegen Raubes zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, die Sie im Staatsgefangnis Vandalia, Illinois, zum größten Teil abgesessen haben. Als Mithäftlinge letztes Jahr einen Ausbruchsversuch unternahmen, haben Sie den Helden gespielt und einem Gefängniswärter das Leben gerettet. Der Gouverneur von Illinois hat Ihnen daraufhin die Reststrafe erlassen. Ebenfalls gesessen haben Sie wegen Körperverletzung in Kalifornien und Einbruchs in Michigan ... Wenn Sie uns die Wahrheit erzählt haben, gut. Wenn nicht, dann würde ich Ihnen dringend empfehlen, dies auf der Stelle nachzuholen. Wir machen es Ihnen so leicht wie möglich. Haben Sie Thomas Brad umgelegt?«
Der Mann, der sich Fox nannte, ließ sich resigniert in einen Stuhl fallen. »Nein«, flüsterte er. »So wahr mir Gott helfe, Inspector.«
»Wie haben Sie Ihre letzte Anstellung bekommen bei dem Mann, der Ihnen die Referenzen ausgestellt hat?«
Er antwortete, ohne aufzublicken. »Ich wollte noch einmal von vorne anfangen. Er -er hat keine Fragen gestellt. Aber das Geschäft lief schlecht, und er hat mich gefeuert. Das ist alles.«
»Sie hatten also keinen speziellen Grund, hier als Gärtner und Chauffeur anzufangen?«
»Nein. Wissen Sie, die frische Luft und die gute Bezahlung «
»Schön, schön. Wenn wir Ihnen entgegenkommen sollen, dann müssen Sie uns allerdings verraten, was Sie bei Patsy
Malone wollten. Wenn Sie keine Dinger mehr drehen -was haben Sie dann mit Malones Bande zu tun?«
Fox schwieg eine längere Weile. Dann stand er auf; sein Gesicht hatte sich wieder verfinstert. »Ich habe ein Recht, zu tun und zu lassen -«
»Natürlich haben Sie das, Pendleton«, sagte der Inspector freundlich. »Na also. Wir helfen Ihnen.«
Fox redete schnell und starrte dabei auf den Beamten im Türpfosten, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. »Ein -ein uralter Knastkumpan hat mich hier aufgespürt. Das war Dienstag morgen. Er hat drauf bestanden, mich zu treffen. Ich sagte: ›Nein -damit will ich nichts mehr zu tun haben.‹ Da sagte er: ›Du willst doch wohl nicht, daß ich deinem Boß einen Tip gebe?‹ Also hab‘ ich‘s gemacht.«
Vaughn nickte; er hörte äußerst aufmerksam zu. »Weiter, Junge, weiter.«
»Er hat mir dann eine Adresse in New York genannt. Keine Namen. Dienstag abend, nachdem ich Stallings und Mrs. Baxter am Roxy abgesetzt hatte, bin ich hingefahren und habe den Wagen einen Block weiter abgestellt. Einer mit ‘ner Knarre hat mich reingelassen. Dann kam -jemand hat mir einen -einen Vorschlag gemacht. Ich habe abgelehnt und gesagt, daß ich mit der Vergangenheit abgeschlossen hätte und keine Aufträge mehr annehmen wollte. Er gab mir einen Tag Bedenkzeit. Wenn ich‘s nicht machte, drohte er, würde er dafür sorgen, daß Mr. Brad erfährt, wer ich bin. Ich bin gegangen -das Übrige wissen Sie ja.«