»Er hat natürlich von Ihnen abgelassen, als er von dem Mord hörte«, murmelte Vaughn. »Patsy Malone, nicht wahr?«
»Ich - ich kann es nicht sagen.«
Vaughn nickte. »Wollen wohl noch immer nicht singen, hm? Was war das für ein Vorschlag?«
Fox schüttelte den Kopf. »Mehr kann ich Ihnen beim besten
Willen nicht sagen, Inspector. Ich weiß ja, Sie wollen‘s mir leichtmachen und so - aber das wäre mein Todesurteil.«
Der Inspector erhob sich. »Verstehe. Ganz unter uns gesagt ich würde unter diesen Umständen auch dichthalten. Klingt gar nicht gut ... Ach, wo wir schon dabei sind, Fox ...« Der Mann schaute plötzlich auf; auf seinem Gesicht spiegelten sich Überraschung und Dankbarkeit. »Wo waren Sie letzte Weihnachten?«
»In New York, Inspector, auf der Suche nach Arbeit. Ich habe auf Brads Anzeige geschrieben, und am zweiten Januar habe ich hier angefangen. «
»Gut.« Der Inspector seufzte. »Nun, Fox, ich kann in Ihrem Interesse nur hoffen, daß Sie uns kein Märchen aufgetischt haben. Aber meine Hände sind gebunden. Sie müssen sich weiter zur Verfügung halten -ohne Bewachung, ohne Arrest, wenn Sie verstehen. Wir werden Sie jedoch observieren; Sie brauchen‘s also gar nicht erst zu versuchen.«
»Eher hack‘ ich mir‘n Bein ab, Inspeetor!« rief Fox voll neuerwachter Hoffnung.
»Tun Sie so, als wäre nichts gewesen. Wenn Sie wirklich sauber sind, erzähle ich Mrs. Brad nichts von unserer Unterhaltung. Von Ihren Vorstrafen erfährt sie auch nichts.«
Fox verschlug es angesichts solch unerwarteter Großzügigkeit die Sprache. Der Inspector gab den Polizisten ein Zeichen und verließ die Hütte. Fox stolperte langsam hinterher, blieb im Türrahmen stehen und sah zu, wie der Inspector mit seinen zwei Männern den Weg zum Wald zurücklief. Sein Brustkorb hob sich, und er inhalierte die warme Luft in tiefen Zügen.
Helene saß auf der Veranda des großen Hauses.
»Mußten Sie den armen Fox wieder quälen!« sagte sie trotzig und zog die Nase hoch.
»Fox geht‘s gut«, erwiderte Vaughn knapp; Erschöpfung und Ratlosigkeit hatten in seinem Gesicht tiefe Spuren hinterlassen. »Haben Sie Dr. Temple gefunden?«
»Dr. Temple war nicht zu Hause. Man sagte mir, er sei mit dem Motorboot draußen auf dem Wasser. Ich habe eine Nachricht hinterlassen, daß er sich bitte Stephen anschauen soll, sobald er zurück ist.«
»Draußen, sagen Sie?«
Vaughn blickte in Richtung Oyster Island und nickte melancholisch.
19. T
Um viertel nach neun am Sonntag morgen wurde Inspector Vaughn, der die Nacht in Bradwood verbracht hatte, von Stallings zum Telefon gerufen. Er schien den Anruf erwartet zu haben, tat jedoch ahnungslos und murmelte laut: »Wer das wohl sein mag.« Ob Stallings nun darauf hereinfiel oder nicht, Vaughns einsilbige Antworten -»Hmm ... Ja ... Nein ... In Ordnung« -waren nicht gerade geeignet, seiner Fantasie Brücken zu bauen. Der Inspector hängte ein und stürzte aus dem Haus.
Um viertel vor zehn bog eine Polizeilimousine mit Staatsanwalt Isham und drei Polizisten in Bradwoods Einfahrt ein. Als die Insassen ausgestiegen waren, stürmte Vaughn auf Isham zu, ergriff seine Hände und redete im Flüsterton auf ihn ein.
Im Schatten dieses Spektakels rollte Ellerys Duesenberg ein paar Augenblicke später unbemerkt auf Yardleys Grundstück.
Auch schien niemand zu bemerken, daß einer der Polizisten, die den Staatsanwalt begleitet hatten, sich nicht so zackig bewegte wie die anderen. Er sonderte sich ab und stieß zu einer größeren Gruppe von Uniformierten, die sich nun in alle Himmelsrichtungen verstreuten.
Professor Yardley, in Hemd und Freizeithose und mit der unvermeidlichen Pfeife im Mundwinkel, begrüßte Ellery mit einem Freudenschrei im Selamik seines Hauses. »Da ist ja unser wichtigster Gast wieder!« rief er. »Verloren hatte ich dich gegeben, Sohn!«
»Wenn Sie schon in Zitierlaune sind«, schmunzelte Ellery, während er seinen Mantel abstreifte und sich auf dem marmornen Mosaikboden niederließ, »sollten Sie auch bedenken: hospes nullus fam in amici hospitium diverti potest ... odiosus sit.«
»Warum Placitus vergewaltigen? Sie sind immerhin volle drei Tage fortgewesen!« Die Augen des Professors funkelten neugierig. »Und?«
»Wir haben ihn dabei.«
»Nein!« Yardley wurde nachdenklich. »Einer der Uniformierten? - Was für ein Coup!«
»Die Einzelheiten haben wir heute morgen in Mineola abgesprochen. Isham hat zwei Beamte und einen offiziellen Dienstwagen angefordert, Vaughn benachrichtigt; und dann haben wir uns auf den Weg nach Bradwood gemacht.« Ellery stöhnte schwach; unter seinen Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet. »Die Fahrt! Van war etwa so mitteilsam wie eine Schlaftablette. Mensch, bin ich erledigt. Aber es bleibt einem ja nichts erspart. Sie brennen sicher darauf, dabeizusein, wenn‘s spannend wird!«
Der Professor stand auf. »Und ob! Auf die Folter gespannt haben Sie mich jetzt lange genug! Schon gefrühstückt?«
»Wir haben uns erst in Mineola die Bäuche vollgeschlagen. Kommen Sie!«
Sie verließen das Haus und schlenderten die Straße nach Bradwood hinunter. Als sie an der Veranda ankamen,
diskutierte Vaughn noch immer mit Isham. »Ich berichte dem
Staatsanwalt gerade, was wir über Fox ausgegraben haben.«
»Über Fox?«
Der Inspector faßte knapp zusammen, was die Ermittlungen über das Vorleben des Mannes erbracht hatten.
Ellery zuckte die Achseln. »Armer Teufel ... Wo ist Megara?«
»Auf seiner Jacht.« Vaughn senkte seine Stimme. »Er ist zum Anlegesteg runter ... Megara hatte gestern Leistenschmerzen. Miss Brad hat versucht, Dr. Temple zu holen; doch der war den ganzen Tag außer Haus. Vermutlich hat er aber heute morgen nach Megara gesehen.«
»Hat das Verhör von gestern irgend etwas gebracht?«
»Fehlanzeige. Hat nicht angebissen. Keine Namen. -Aber kommen Sie, wir sollten uns auf den Weg machen, bevor die Leute aufwachen. Noch schlafen sie offenbar alle; jedenfalls bin ich noch keinem der Herrschaften begegnet.«
Sie folgten dem Pfad, der an der Villa vorbei zum Ufer führte. Auf dem Kai standen drei Polizisten bereit; dahinter wartete eine Barkasse auf ihren Einsatz.
Niemand schenkte dem dritten Polizisten auch nur die geringste Beachtung, während Isham, Vaughn, Yardley und Ellery -gefolgt von den drei Beamten -in das Boot kletterten, das umgehend ablegte. Die Jacht lag etwa achthundert Meter entfernt.
Das Schauspiel wiederholte sich, als sie an Bord gingen: Die vier Männer stiegen die Leiter hoch; die drei Uniformierten folgten. Die in makelloses Weiß gekleideten Besatzungsmitglieder der Helene, die auf Deck herumstanden, hatten nur Augen für Inspector Vaughn, der ungestümen Schrittes an ihnen vorbeirauschte, als wolle er jemanden verhaften.
Captain Swift öffnete seine Kabinentür, als sie dort vorbeikamen. »Wie lange -«, begann er.
Doch Vaughn war auf beiden Ohren taub und stapfte weiter, ohne zu reagieren. Die anderen stapften brav hinterdrein. Mit geschwollenen Schläfen starrte ihnen der Captain nach, begann wortreich zu fluchen und verschwand türenschlagend wieder in seiner Kabine.
Der Inspector klopfte an die Tür der Hauptkabine. Die Tür öffnete sich nach innen; im Türspalt erschien Dr. Temples straffes, tiefgebräuntes Gesicht.
»Hallo!« sagte er. »Oh, starker Aufmarsch! Ich habe nur gerade Mr. Megara verarztet.«
»Dürfen wir hereinkommen?« fragte Isham.
»Selbstverständlich!« vernahmen sie Megaras angespannte Stimme aus dem Inneren der Kabine. Die Männer drückten sich einer nach dem anderen durch die enge Tür, ohne einen Ton von sich zu geben. Stephen Megara lag in einer schlichten Koje; er war nackt bis auf ein Tuch, das seine Lenden bedeckte. Er sah blaß und erschöpft aus, auf seiner Stirn hatten sich Schweißperlen gesammelt. Er krümmte sich und preßte die Hände gegen eine Leiste. Die Polizisten würdigte er keines Blickes, sondern fixierte mit schmerzverzerrtem Gesicht Dr. Temple.