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Vor ein paar Jahren schließlich fiel die Barriere. Wenn die Verbannten den Neuanfang in der Alten Welt geschafft hatten, dann würden sie Kinder bekommen und ihr Merkmal der völligen Unbeflecktheit von der Gabe verbreitet haben«- Richard hob die Arme und zuckte mit den Schultern –, »doch es fehlt jede Spur von ihnen. Die Menschen hier unterscheiden sich in nichts von denen in der Neuen Welt – einige werden mit der Gabe geboren, aber alle besitzen zumindest einen winzigen Funken der Gabe, der es ihnen ermöglicht; eine Wechselbeziehung mit Magie einzugehen.

Die Menschen damals schienen einfach vom Erdboden verschluckt worden zu sein.«

»Demnach wissen wir jetzt«, überlegte Owen laut, den Blick gedankenverloren ins Nichts gerichtet, »daß die vor so langer Zeit in die Alte Welt Verbannten entweder gestorben ... oder umgebracht worden sein müssen.«

»Das dachte ich ursprünglich auch«, sagte Richard. Er wandte sich um, blickte den Männern ins Gesicht und wartete, bis aller Augen auf ihn gerichtet waren, ehe er fortfuhr.

»Aber dann habe ich sie gefunden. Ich fand dieses lange verschollene Volk.«

Wieder setzte aufgeregtes Getuschel ein. Die Vorstellung, daß ein ganzes Volk wider alle Wahrscheinlichkeit überlebt hatte, schien den Männern neuen Mut zu geben.

»Und wo sind sie nun, Lord Rahl?«, fragte einer »diese Menschen aus dem gleichen Geschlecht wie Ihr? Diese Menschen, die eine so grausame Verbannung, ein so schreckliches Ungemach erleiden mußten?«

Richard bedachte die Männer mit einem durchdringenden Blick. »Kommt mit, dann verrate ich euch, was aus diesem Volk geworden ist.«

Er führte sie um die Statue herum zur Stirnseite, wo sich ihnen der in Stein gehauene Wachtposten zum ersten Mal in seiner vollen Größe offenbarte. Als sie die Statue zum allerersten Mal von vorne sahen, befiel die Männer eine ehrfürchtige Scheu. Aufgeregt unterhielten sie sich untereinander, wie real sie wirke, und daß sie deutlich die scharf geschnittenen Züge im Gesicht des Mannes erkennen konnten.

Sowohl die heftige Erregung ihrer Stimmen als auch der Inhalt ihrer Worte selbst ließen Richard den entschiedenen Eindruck gewinnen, daß sie noch nie zuvor eine Statue gesehen hatten, zumindest keine von solch kolossalen Ausmaßen. Die Statue schien für sie eher eine Art Offenbarung der Magie denn ein Zeugnis menschlichen Könnens zu sein.

Richard legte eine Hand auf den kalten Stein des Sockels. »Dies ist das alte Bildnis eines Zauberers aus der Alten Welt mit Namen Kaja-Rang. Es wurde nicht zuletzt zu Ehren dieses Mannes in Stein gemeißelt, der als großer und mächtiger Zauberer galt.«

Owen unterbrach ihn, indem er seine Hand hob. »Ich dachte, die Menschen in der Alten Welt hatten Magie abgelehnt? Wieso gab es dann einen großen Zauberer bei ihnen – und vor allem, warum haben sie einen solchen Mann der Magie auf diese Weise geehrt?«

Richard schmunzelte, daß Owen den Widerspruch bemerkt hatte. »Das Verhalten der Menschen ist nicht immer logisch. Man könnte sogar sagen, je irrationaler die Glaubensüberzeugungen, desto ausgeprägter die Widersprüche. Ihr, zum Beispiel, versucht die Unstimmigkeiten eures Verhaltens dadurch zu übertünchen, daß ihr eure Glaubensgrundsätze je nach Situation auslegt. Ihr behauptet, nichts sei wirklich, und wir seien unfähig, das wahre Wesen der Wirklichkeit zu erkennen; und doch macht euch, was die Imperiale Ordnung euch antut, Angst – die Untaten dieser Leute erscheinen euch mithin wirklich genug, um ihr Ende herbeizusehnen.

Wäre nichts wirklich, hättet ihr keinen Grund, der Imperialen Ordnung Einhalt gebieten zu wollen. Tatsächlich aber widerspricht dieser Wunsch – ja bereits die Erkenntnis, daß ihr Vorhandensein wirklich und sogar schädlich für euch ist – euren erklärten Glaubensüberzeugungen, denen zufolge der Mensch nicht fähig ist, die Wirklichkeit zu erkennen.

Und doch begreift ihr durchaus den ganz realen Schrecken, den die Männer der Imperialen Ordnung unter euch verbreiten; ihr wißt genau, wie verabscheuungswürdig das ist, also setzt ihr die Gebote eures Glaubens je nach Belieben außer Kraft, um Owen mit dem Auftrag loszuschicken, mich zu vergiften und auf diese Weise zu zwingen, eure sehr realen Probleme für euch zu lösen.«

Richards Worte schienen einige Männer verwirrt zu haben, andere dagegen wirkten eher peinlich berührt. Wieder andere starrten ihn nur mit staunenden Augen an. Niemand aber schien gewillt, irgendwelche Einwände vorzubringen, und so ließen sie ihn ohne Unterbrechung fortfahren.

»Die Menschen in der Alten Welt waren genauso – und sind es bis heute. Auch sie gaben vor, keine Magie zu wollen, aber als dies plötzlich Wirklichkeit zu werden drohte, mochten sie nicht mehr auf sie verzichten. Die Imperiale Ordnung verhält sich ebenso. Sie sind unter dem Vorwand, für die Befreiung der Menschheit von der Magie zu kämpfen, in die Neue Welt einmarschiert und erzählen jedem, der es hören will, welch nobler Zweck dies sei – und doch bedienen sie sich zur Erreichung dieses erklärten Zieles der Magie. Sie behaupten, Magie sei schlecht, und doch machen sie sie sich zu eigen.

Ihr Anführer, Kaiser Jagang, bedient sich der mit Magie Gesegneten, um seine Ziele durchzusetzen, zu denen erklärtermaßen das Ausmerzen der Magie gehört. Obschon der Traumwandler Jagang ein Nachfahre jener Traumwandler aus alter Zeit ist, deren Talent eindeutig auf Magie zurückgeht, hält er sich nach wie vor für befähigt, sein Reich zu führen. Obwohl er Magie besitzt – nach seinen eigenen Worten ein Grund, den Menschen jedes Mitspracherecht für die Zukunft abzusprechen –, nennt er sich Jagang, der Gerechte.

Was immer diese Leute zu glauben vorgeben, ihr Ziel ist – schlicht und einfach – die Beherrschung von Menschen. Sie verbergen ihr Machtstreben hinter nobel klingenden Worten. Jeder Tyrann hält sich für anders, und doch sind alle gleich. Ihre Herrschaft gründet sich allein auf rücksichtslose Gewalt.«

Owen, die Stirn zerfurcht von tiefen Falten, versuchte dies alles zu begreifen. »Die Menschen in der Alten Welt haben sich also nicht an ihre eigenen Regeln gehalten, an das, was sie zu glauben vorgaben. Aber wenn sie gepredigt haben, daß die Menschen ohne Magie besser dran seien, und trotzdem nicht auf Magie verzichten wollten, müssen sie doch innerlich zerrissen gewesen sein.«

»So ist es.«

Owen deutete auf die Statue. »Und was hat es mit diesem Mann auf sich? Warum sitzt er hier, wenn er gegen das war, was sie gepredigt haben?«

Über der hoch in den Himmel ragenden Statue ballten sich düstere Wolken zusammen. Die kalte, schwere, feuchte Luft schien völlig still zu stehen. Es war, als wollte das heraufziehende Unwetter noch mit dem Ausbruch warten, um erst das Ende der Geschichte anzuhören.

»Dieser Mann sitzt hier, weil er dafür gekämpft hat, die Bewohner der Alten Welt vor etwas zu bewahren, was sie noch mehr fürchteten als Magie«, erklärte Richard.

Er sah hoch in das entschlossene Gesicht, dessen Augen für alle Zeiten auf die Säulen der Schöpfung gerichtet schienen.

»Dieser Mann«, fuhr Richard ruhig fort, »dieser Zauberer mit Namen Kaja-Rang, scharte alle von der Gabe völlig Unbefleckten – die Säulen der Schöpfung, die aus der Neuen Welt hierher verbannt worden waren – sowie alle, die sich mit ihnen verbunden hatten, während sie hier lebten, um sich und schickte sie dorthin.«

Richard deutete auf einen fernen Punkt weit jenseits der Statue.

»All diese Menschen versammelte er an diesem ringsum von Bergen geschützten Ort und umgab sie mit einer tödlichen Grenze, die quer über diesen Paß verlief, so daß sie diesen Ort nie wieder verlassen konnten, um sich unter die übrigen Menschen zu mischen.

Kaja-Rang war es auch, der diesen Menschen ihren Namen gab: die Bandakaren. Der Begriff Bandakar entstammt einer sehr alten Sprache mit Namen Hoch-D’Haran und bedeutet ›die Verbannten‹. Dieser Kaja-Rang hat sie dort eingesperrt, um sein eigenes Volk vor den von der Gabe völlig Unbeleckten, von denen, die immun waren gegen Magie, zu retten.