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Die Hände wütend zu Fäusten geballt, trat Jennsen einen Schritt auf die Männer zu. Wie auf ein Kommando wichen sie einen Schritt zurück.

»Ihr alle hattet Familie und Freunde – ihr alle habt in einer Gemeinschaft gelebt. Ich dagegen hatte nie Freunde; ich konnte keine haben, weil meine Mutter und ich unser Leben lang vor meinem Vater davonlaufen mußten, um nicht aufgegriffen zu werden. Hätte er mich gefaßt, hätte er mich gefoltert und schließlich umgebracht – wie er es auch mit euch getan hätte. Wahrend meiner ganzen Kindheit konnte ich nie Freunde haben, deshalb hat mir meine Mutter Betty geschenkt. Betty war damals gerade geboren; wir sind zusammen aufgewachsen. Sie hat ihren Strick durchgenagt, weil ich die Einzige bin, die ihr jemals nahe stand und sie ganz einfach bei mir sein wollte.

Ich wurde, wegen des Verbrechens meiner Geburt, von allen anderen verbannt – genau wie eure Vorfahren. Ihr wißt, wie ungerecht und schmerzhaft eine solche Verbannung ist, und nun wagt ihr es, mich abzuweisen, nur weil ich rote Haare und als Haustier eine Ziege habe? Ihr seid nichts weiter als ein Haufen rückgratloser Feiglinge und Heuchler!

Erst vergiftet ihr den einzigen Menschen auf der ganzen Welt, der den Mut besitzt, eure Verbannung aus dem Rest der Menschheit zu beenden, und jetzt habt ihr Angst vor mir und weist mich aufgrund eures albernen Aberglaubens zurück. Ich wünschte, ich besäße Magie, denn dann würde ich euch alle für eure Herzlosigkeit zu einem Häuflein Asche verbrennen!«

Richard legte ihr eine Hand auf die Schulter und zog sie ein Stück zurück. »Ich bin sicher, das wird sich klären lassen«, redete er leise auf sie ein. »Laß mich nur mit ihnen reden.«

»Ihr taucht einfach hier auf und behauptet, Ihr seid ein Zauberer«, rief ein älterer Mann im Hintergrund, »und erwartet, daß wir Euch glauben – einfach so, nur weil Ihr es sagt. Und im selben Atemzug verlangt Ihr, wir dürfen nicht an unserer Überzeugung festhalten, daß sie eine Hexe mit ihrer Vertrauten sein könnte, und das nur, weil es unserem Glauben entspricht.«

»Genau«, rief ein anderer. »Ihr behauptet, an echte Magie zu glauben, aber unseren Glauben tut Ihr als Unsinn ab. Vieles, was Ihr sagt, klingt vernünftig, aber ich bin nicht mit allem einverstanden.«

Teilweise Zustimmung durfte er auf keinen Fall zulassen; einen Teil der Wahrheit abzulehnen hieße sie ganz ablehnen. Richard wägte seine Möglichkeiten ab, überlegte, wie er diese Leute, die immun gegen Magie waren, sie nicht einmal wahrnehmen konnten, von der Existenz echter Magie überzeugen könnte. Aus ihrer Sicht machte er sich des gleichen Irrtums schuldig, den er ihnen vorwarf. Nur, wie sollte er einem Blinden die Farben des Regenbogens zeigen?

»Ihr habt nicht ganz Unrecht«, rief er ihnen zu. »Gebt mir einen Augenblick Zeit, dann zeige ich euch die echte Magie, von der ich spreche.«

Er winkte Cara zu sich heran. »Holt das Warnzeichen her«, raunte er ihr in vertraulichem Ton zu.

Cara machte sich sogleich auf den Weg, den Hang hinunter. Er sah, daß Jennsen Tränen der Wut in den Augen standen, sie jedoch nicht weinte. Kahlan zog sie noch ein Stück weiter zurück, als Richard sich von neuem an die Manner wandte.

»Es gibt noch etwas, das ich euch erzählen muß – Dinge, die ihr unbedingt verstehen müßt. Ich habe die Verbannung beendet, aber das heißt nicht, daß ich euch bedingungslos als Mitglieder unseres Volkes akzeptiere.«

»Aber Ihr habt uns doch bereits in unserer neuen Heimat willkommen geheißen«, wandte Owen ein.

»Ich habe lediglich ausgesprochen, was für jeden offenkundig ist – daß ihr das Recht auf ein eigenes Leben habt. Euch als Bürger D’Haras, als Bürger dessen, wofür D’Hara derzeit steht, willkommen zu heißen – so ihr dies wollt –, war eine freundliche Geste. Aber dieser Willkommensgruß bedeutet nicht, daß ich euch bedingungslos willkommen heiße.

Natürlich sollte es jedem freistehen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, aber – damit wir uns nicht mißverstehen – zwischen dieser Freiheit und Anarchie besteht ein großer Unterschied.

Sollten wir aus unserem Kampf siegreich hervorgehen, seid ihr als freie Bürger eines d’Haranischen Reiches willkommen; doch dieses Reich hält an bestimmten Werten fest. So steht es euch zum Beispiel frei, zu denken, was immer ihr für richtig haltet, und zu versuchen, andere von der Richtigkeit eurer Ansichten zu überzeugen. Doch das verträgt sich nicht mit der Auffassung, daß diejenigen, die für diese Freiheiten kämpfen, in euren Augen als Barbaren oder gar Kriminelle gelten, während ihr selbst in den Genuß der Früchte ihres Kampfes kommen wollt. Zumindest hätten sie euren Respekt und Dank verdient. Ihr Leben ist nicht weniger wert als eures und darf euretwegen nicht einfach geopfert werden. Das wäre Sklaverei.«

»Aber ihr habt barbarische Bräuche und bedient Euch des Mittels der Gewalt, um für ein Land zu kämpfen, das wir noch nicht einmal gesehen haben«, wandte einer der jüngeren Männer ein. Mit ausgestrecktem Arm zeigte er hinter sich nach Bandakar. »Das einzige Land, das wir je kennen gelernt haben, liegt dort – und Eure Vorliebe für Gewalt lehnen wir bedingungslos ab.«

»Land?« Richard breitete die Arme aus. »Wir kämpfen nicht für ein bestimmtes Land. Wir sind einem Ideal verpflichtet; dem Ideal der Freiheit – unabhängig davon, wo jemand lebt. Uns geht es nicht darum, ein bestimmtes Territorium zu verteidigen, unser Blut für ein Stück Erde zu vergießen. Wir kämpfen nicht etwa aus Liebe zur Gewalt. Wir kämpfen für unsere persönliche Freiheit, für das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, für die Sicherung unseres Fortbestands, für unser Glück.

Ihr glaubt in eurer selbstgefälligen Arroganz offenbar, eure bedingungslose Ablehnung jeglicher Gewaltanwendung macht euch zu edlen, erleuchteten Wesen. In Wahrheit aber ist sie nichts weiter als die unterwürfige moralische Kapitulation vor dem Bösen. Wenn ihr jegliche Selbstverteidigung bedingungslos ablehnt – offenbar, weil ihr sie als vermeintliche Kapitulation vor der Gewalt betrachtet –, bleibt euch als letztes Mittel nur, um Gnade zu betteln oder Versöhnung anzubieten.

Aber das Böse kennt keine Gnade, und jeder Versuch, sich mit dem Bösen auszusöhnen, wäre nichts weiter als eine schrittweise Kapitulation. Aber vor dem Bösen zu kapitulieren bedeutet im günstigsten Fall Sklaverei und schlimmstenfalls den Tod. Eure bedingungslose Ablehnung jeglicher Gewalt bedeutet in Wirklichkeit nichts anderes, als den Tod dem Leben vorzuziehen.

Ihr werdet stets nur das erreichen, was ihr bereitwillig annehmt.

Das Recht, ja, die absolut zwingende Notwendigkeit, an jedem Vergeltung zu üben, der als Erster zum Mittel der Gewalt greift, ist eine der Grundvoraussetzungen für das eigene Überleben. Die Ethik der Selbstverteidigung gründet sich auf das Recht eines jeden Einzelnen auf Leben. Darin äußert sich eine völlige Ablehnung jeder Gewalt, die sich nur durch die unerschütterliche Bereitschaft, jeden zu vernichten, der sich mit Gewalt gegen einen wendet, garantieren läßt. Die bedingungslose Entschlossenheit, jeden auszumerzen, der es wagt, gewaltsam gegen einen vorzugehen, erhöht wiederum den Wert des Lebens eines jeden Einzelnen. Somit ist die Weigerung, das eigene Leben jedem dahergelaufenen Schurken oder Tyrannen zu überlassen, im Grunde eine Bejahung des Lebens selbst.

Wenn ihr nicht bereit seid, euer Recht auf Leben zu verteidigen, dann benehmt ihr euch wie hilflose Nager, die mit einem Raubvogel debattieren wollen. Ihr haltet seine Methoden für verkehrt, er hält euch für sein Fressen.

Nach den Lehren der Imperialen Ordnung ist die Menschheit verdorben und böse, weshalb das Leben selbst von geringem Wert ist; ihr ganzes Verhalten bestätigt dies. Sie predigt, Erlösung und Glück können nur in einer anderen Welt erlangt werden, und das auch nur, wenn man sein Leben in dieser bereitwillig opfert.

Großzügigkeit, so sie aus freien Stücken erfolgt, ist eine wunderbare Sache, der Glaube an das Primat der Selbstaufopferung als moralische Bedingung dagegen ist nichts anderes als die Befürwortung der Sklaverei. Wer euch einzureden versucht, es sei eure bindende Pflicht, euch für andere aufzuopfern, versucht euch blind zu machen gegen die Ketten, die man euch im selben Moment um den Hals legt.