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»Ihr haltet das für eine hinterlistige Täuschung?«, fragte Richard. »Ihr selbst habt doch wissentlich bekannte Verbrecher auf die Welt losgelassen, damit sie ahnungslose Bürger ausrauben. Ihr habt wissentlich Gewalttäter auf freien Fuß gesetzt und damit ahnungslose Bürger außerhalb eures Landes zu Opfern ihrer Gewalt verdammt. Statt einen Mörder hinzurichten, gabt ihr ihnen – soweit ihr dies damals wissen konntet, hättet ihr auch nur einen Moment darüber nachgedacht – auch noch die Möglichkeit, weiterhin Menschen umzubringen. In dem blinden Bestreben, Gewalt um jeden Preis zu vermeiden, habt ihr sie in Wahrheit noch gefördert.

Ihr habt euch eingeredet, diese anderen Menschen zählten nicht, weil sie nicht wie ihr, erleuchtet seien; daß ihr besser wärt als sie, weil ihr euch über Gewalt erhaben wähntet und sie bedingungslos ablehntet. Wenn ihr überhaupt einen Gedanken auf sie verschwendet habt, dann waren diese Menschen jenseits der Grenze für euch Barbaren, deren Leben nicht zählte. Im Grunde habt ihr das Leben Unschuldiger für diese Männer, von denen ihr wußtet, daß sie Verbrecher sind, geopfert.

Kaja-Rang hat also nicht nur verhindert, daß die von der Gabe völlig Unbeleckten auf freien Fuß kamen, sondern er hat die von euch verbannten Verbrecher ihrer gerechten Strafe zugeführt, bevor sie anderen ein Leid antun konnten. Ihr dünkt euch nobel, weil ihr Gewalt ablehnt, dabei hättet ihr sie mit eurem Verhalten um ein Haar noch gefördert. Allein Kaja-Rangs mutigem Entschluß ist es zu verdanken, daß das verhindert wurde.«

»Gütiger Schöpfer, in Wahrheit ist es noch viel schlimmer.« Owen ging in die Knie und ließ sich schwer zu Boden fallen. »Viel schlimmer, als Ihr ahnt.«

Auch einige seiner Kameraden schien das kalte Grausen gepackt zu haben. Einige mußten sich, wie Owen, zu Boden sinken lassen, andere wandten sich ab, das Gesicht in den Händen vergraben.

»Was soll das heißen?«, fragte Richard.

Owen, aschfahl im Gesicht, sah auf. »Die Geschichte, die ich Euch über unser Land erzählt habe ...über die Ortschaft, aus der wir stammen, und die anderen großen Städte, und daß dort alle glücklich und zufrieden miteinander lebten ...« Richard nickte. »Nun, das traf nicht auf alle zu.«

Owen hob seine Hände in einer hilflosen Geste. »Einigen von uns war dieses einfache, unbeschwerte Leben nicht genug. Sie wollten ... na ja, sie wollten gewisse Dinge verändern. Sie sagten, sie wollten alles besser machen, wollten unsere Lebensumstände verbessern, sich eigene Häuser bauen, obwohl das völlig unseren Gewohnheiten widersprach.«

»Es stimmt, was Owen sagt«, bestätigte ein älterer Mann mit finsterer Stimme. »Ich hab zu meiner Zeit jede Menge dieser Leute kennen gelernt, die unsere Regeln des Zusammenlebens, die manche nur noch als ›lästige Gängelei‹ bezeichneten, einfach nicht mehr ertrugen.«

»Und was geschah, wenn jemand Veränderungen wollte oder die in eurem Reich geltenden Regeln nicht mehr ertrug?«, wollte Richard wissen.

Owen blickte nach rechts und links, in die niedergeschlagenen Gesichter der anderen. »Die Großen Sprecher verwarfen ihre Ideen als untauglich. Der Weise erklärte, sie würden nur Zwist unter uns säen. Ihre Hoffnungen auf eine Verbesserung der Verhältnisse zerschlugen sich, und sie selbst wurden öffentlich gebrandmarkt.« Owen schluckte. »Also beschlossen sie, Bandakar zu verlassen. Sie verließen unser Land über den Pfad, der durch die Öffnung in der Grenze führte, und versuchten ein neues, eigenes Leben anzufangen. Nicht einer von ihnen ist je zu uns zurückgekehrt.«

Richard wischte sich mit der Hand übers Gesicht. »Demnach sind sie auf der Suche nach einem neuen Leben, einem Leben, das besser war als das, was ihr ihnen bieten konntet, umgekommen.«

»Ich glaube, Ihr versteht nicht.« Owen erhob sich. »Wir sind genau wie diese Leute.« Er deutete mit seinem Arm hinter sich, auf seine Kameraden. »Wir haben uns geweigert, zurückzukehren und uns den Soldaten der Imperialen Ordnung zu ergeben, obwohl wir wußten, daß unseretwegen Menschen gefoltert wurden. Uns war klar, daß unsere Rückkehr die Soldaten nicht davon abhalten würde, also gingen wir nicht zurück.

Wir haben uns dem ausdrücklichen Wunsch unserer Großen Sprecher und des Weisen widersetzt, um unser Volk zu retten, und wurden dafür gebrandmarkt. Wir haben den Paß überquert, um Informationen zu beschaffen und eine Möglichkeit zu finden, wie wir uns der Imperialen Ordnung entledigen konnten. Begreift Ihr nicht? Wir haben uns praktisch genauso verhalten wie alle diese Männer in der Geschichte unseres Volkes. Wie sie, so beschlossen auch wir, unser Land zu verlassen und die Dinge zu verändern, statt die alten Zustände einfach weiter hinzunehmen.«

»Vielleicht fangt ihr jetzt endlich an zu begreifen«, sagte Richard, »daß alles, was man euch beigebracht hat, euch nur zeigte, wie man den Tod, aber nicht das Leben annimmt. Vielleicht versteht ihr jetzt, daß das, was ihr die Lehren der Erleuchtung nennt, nichts anderes waren als Scheuklappen, die man euch vor die Augen band.«

Er legte Owen eine Hand auf die Schulter und betrachtete die kleine Statuette von sich selbst in seiner anderen Hand, ehe er seinen Blick über die nervösen, angespannten Gesichter wandern ließ.

»Ihr seid es, die übrig geblieben sind, nachdem alle anderen die Prüfung nicht bestanden hatten. Nur ihr habt es so weit gebracht. Ihr allein habt endlich angefangen, von eurem Verstand Gebrauch zu machen, um für euch und eure Lieben einen Ausweg zu finden. Ihr müßt noch viel lernen, aber zumindest habt ihr einen ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht. Jetzt dürft ihr nicht mehr innehalten; wenn ihr eine reelle Chance haben wollt, eure Lieben zu retten, müßt ihr euch beherzt den Herausforderungen stellen, die ich euch jetzt erklären werde.«

Zum allerersten Mal zeichnete sich so etwas wie Stolz in ihren Mienen ab. Sie hatten Anerkennung gefunden – nicht für das fehlerfreie Herunterbeten irgendwelcher leerer Phrasen, sondern für Entscheidungen, die sie ganz allein getroffen hatten.

43

»Ihr habt uns immer noch keinen Beweis Eurer Magie gezeigt«, rief nach einer Weile einer von ihnen.

Richard überlegte kurz, trat auf die Männer zu und sagte: »Kaja-Rang versah seine Magie mit einer bestimmten Eigenschaft, die mit der hier errichteten Grenze in Zusammenhang stand und die sie sichern helfen sollte.« Richard hielt die kleine Figur von sich selbst in die Höhe, damit die Männer sie sehen konnten. »Um mich darauf aufmerksam zu machen, daß die Grenze zu eurem Land gefallen war, hat man mir dies geschickt.«

»Wieso ist der obere Teil so merkwürdig schwarz verfärbt?«, wunderte sich jemand aus der vordersten Reihe.

»Meiner Meinung nach handelt es sich um eine Anspielung darauf, daß meine Zeit abläuft und daß ich bald sterben werde.«

Besorgtes Getuschel ging durch die Gruppe der Männer. Mit erhobener Hand bat Richard sie eindringlich, ihn anzuhören, ehe er schließlich fortfuhr: »Der Sand im Innern der Figur – könnt ihr ihn alle sehen?«

Die Männer reckten die Hälse und versuchten einen Blick darauf zu erhaschen, weil aber nicht alle nahe genug standen, ging Richard durch ihre Reihen und hielt dabei die kleine Figur in die Höhe, damit alle sehen konnten, daß sie ihm nachempfunden war und der Sand im Innern herabrieselte.

»Genau genommen ist dies gar kein Sand«, fuhr er in seiner Erklärung fort, »sondern Magie.«

Owen verzog skeptisch das Gesicht. »Aber sagtet Ihr nicht eben, wir könnten Magie gar nicht sehen?«

»Ihr alle seid von der Gabe völlig unbefleckt und immun gegen Magie, weshalb ihr gewöhnliche Magie auch nicht wahrnehmen könnt. Trotzdem hat euch die Grenze daran gehindert, in die Welt hinauszugehen, oder? Was könnte, eurer Meinung nach, wohl der Grund dafür gewesen sein?«

»Dieser Wall war für uns tödlich«, ergriff ein älterer Mann, der dies offenbar für selbstverständlich hielt das Wort.

»Aber wieso konnte er Menschen etwas anhaben, die gegen Magie immun sind? Das Betreten der Grenze war für euch ebenso tödlich wie für jeden anderen. Ihr mögt nicht mit der Gabe gesegnet sein, gleichwohl seid ihr sterblich. Ihr seid den Gesetzen des Lebens unterworfen, also auch denen des Todes.«