Выбрать главу

Cara zog ihre Waffe zurück. Richard löste die ungeheure Anspannung seiner gesamten Muskulatur und versuchte keuchend, den Oberkörper vorgebeugt, wieder zu Atem zu kommen und nicht vollends zusammenzubrechen. Von seinen Fingerspitzen tropfte immer noch Blut.

Kahlan war sofort bei ihm, in der Hand ein kleines Halstuch, das Jennsen aus ihrer Tasche gezogen hatte. »Hast du den Verstand verloren?«, fauchte sie ihn erbost an, während sie seinen blutenden Arm notdürftig verband.

Er bedankte sich für ihre Hilfe, war ansonsten aber nicht gewillt, auf ihren Vorwurf einzugehen, zumal er das Zittern seiner Finger nicht unterbinden konnte. Cara hatte sich nicht zurückgehalten. Er war einigermaßen sicher, daß sie ihm keine Knochen gebrochen hatte, auch wenn ihm sein Gefühl ihm etwas anderes sagte. Tränen des Schmerzes liefen ihm dennoch über die Wangen.

Als Kahlan fertig war schob Cara eine Hand unter seinen Arm und half ihm wieder auf die Beine. »Die Mutter Konfessor hat völlig Recht«, raunte sie ihm knurrend zu. »Ihr habt den Verstand verloren.«

Richard verspürte keine Lust die Notwendigkeit dessen, was er sie hatte tun lassen, zu verteidigen, statt dessen wandte er sich wieder den Männern zu und zeigte ihnen seinen Arm. Auf dem Halstuchverband hatte sich der Länge nach ein nasser, dunkelroter Fleck gebildet, der langsam größer wurde.

»Was ihr soeben gesehen habt, ist eine mächtige Magie. Die Magie selbst konntet ihr nicht sehen, wohl aber ihre Wirkung. Wenn Cara dies wünscht, vermag diese Magie zu töten.« Die Männer blickten besorgt in ihre Richtung und betrachteten sie mit neu erwachtem Respekt. »Euch dagegen konnte der Strafer nichts anhaben, weil ihr nicht fähig seid, eine Wechselbeziehung mit dieser Art der Magie einzugehen. Nur wer zumindest mit einem Funken der Gabe geboren wurde, kann die Berührung dieser Waffe spüren.«

Die Stimmung war umgeschlagen; der Anblick des Blutes hatte alle schlagartig ernüchtert.

Nur zu gern hatte Richard jetzt auch die Frage nach der Übergabe des Gegenmittels geklärt, doch Owen und seine Kameraden waren immer noch uneins. Dabei drängte die Zeit, wie Richard sich angesichts seines geschwächten Zustands infolge der Berührung mit dem Strafer eingestehen mußte. Der stechende Schmerz des Giftes kroch allmählich wieder seine Brust herauf.

Wenn er die Männer möglichst bald dazu bringen konnte, ihm das Versteck des Gegenmittels zu verraten, würde er sich vielleicht rechtzeitig wieder erholen.

Wenn nicht, war seine Überlebenschance nahezu null.

44

Die Männer hielten sich ausnahmslos an Richards Anweisungen und verzichteten darauf, sich untereinander auszutauschen. Wer von ihnen würde also für die Überreichung des Gegenmittels stimmen und zwei Steine in seiner geschlossenen Hand halten? Und wer hielt nur einen darin, um damit seine Ablehnung kundzutun?

Als Richard schließlich zu ihnen hinüberging, trat einer der jüngeren Männer vor, einer von denen, die ganz ungeduldig gewesen waren zu hören, was Richard ihnen zu sagen hatte. Er hatte den Eindruck gemacht, als hätte er aufmerksam zugehört und über die Dinge nachgedacht, die Richard ihnen erklärt hatte. Richard wußte, wenn dieser Mann mit »Nein« stimmte, bestand nicht die geringste Chance, daß die anderen zustimmen würden.

Als der junge blonde Mann seine Faust öffnete, lagen zwei Steine darin. Richard atmete innerlich erleichtert auf. daß wenigstens einer von ihnen beschlossen hatte, das Richtige zu tun.

Dann trat der Nächste vor und öffnete seine Faust; auch er hielt zwei Steine in der Hand. Richard quittierte es mit einem knappen Nicken, ohne sich eine Regung anmerken zu lassen, und ließ ihn zur Seite wegtreten. Inzwischen hatten die übrigen Männer eine Schlange gebildet; einer nach dem anderen traten sie vor und öffneten wortlos ihre Hand. Jeder zeigte ihm zwei Steine zum Beweis seiner Bereitschaft, die tödliche Bedrohung zurückzunehmen, ehe er sich entfernte, damit der Nächste seine Entscheidung kundtun konnte.

Owen war der letzte in der Reihe. Die Lippen fest aufeinandergepreßt, sah er hoch zu Richard, ehe er seine Hand vorstreckte. Mit den Worten »Ihr habt uns nichts getan« öffnete er seine Faust. Auf der Innenfläche seiner Hand lagen zwei Steine.

»Was jetzt aus uns werden wird, weiß ich nicht«, erklärte er, »aber ich sehe ein, daß wir Euch kein Leid zufügen dürfen, nur weil wir dringend Eure Hilfe brauchen.«

Richard nickte. »Ich danke dir.« Die Aufrichtigkeit in seiner Stimme rief ein Lächeln auf die Gesichter vieler, die die Szene beobachtet hatten. »Jeder von euch hat mir zwei Steine gezeigt; daß ihr euch ausnahmslos dafür entschieden habt, das Richtige zu tun, macht mir Mut. Jetzt haben wir eine gemeinsame Basis, auf der wir über unser weiteres Vorgehen entscheiden können.«

Die Männer sahen einander verblüfft an; es stimmte sie sichtlich froh, daß ihr Entschluß sie einte. Richard ging zu Kahlan, Cara, Jennsen und Tom zurück.

»Zufrieden?«, fragte er Kahlan und Cara.

Cara verschränkte trotzig die Arme. »Und was hättet Ihr getan, wenn sie beschlossen hätten, den Fundort des Gegenmittels geheim zu halten, bis Ihr ihnen geholfen habt?«

Richard zuckte die Achseln. »In diesem Fall hätte sich meine Lage weder verbessert noch verschlechtert. Ich wäre gezwungen, ihnen zu helfen, hätte aber zumindest gewußt, daß ich keinem von ihnen trauen kann.«

Kahlan machte noch immer keinen glücklichen Eindruck. »Und wenn sich die meisten dafür entschieden hätten, und nur ein paar auf ihrem früheren Standpunkt beharrt hätten?«

Richard sah ihr fest in ihre entschlossenen grünen Augen. »Dann hätte ich, sobald die anderen mir den Fundort des Gegenmittels verraten hätten, die, die dagegen gestimmt haben, töten müssen.«

Kahlan begriff die Tragweite seiner Bemerkung und nickte ernst. Cara setzte ein zufriedenes Lächeln auf, Jennsen dagegen wirkte schockiert.

»Wenn einige von ihnen mit Nein gestimmt hätten«, erklärte er ihr, »wäre dies ihr Eingeständnis gewesen, daß sie beabsichtigen, mich weiterhin wie einen Sklaven zu behandeln und mich unter Androhung einer Gefahr für mein Leben zu nötigen, ihnen zu geben, was sie von mir verlangen. Ich hätte mich auf diese Männer niemals verlassen können.« Die tiefhängenden Wolken hatten sich mittlerweile so verdichtet, daß das nachmittägliche Licht eher an die gedrückte Stimmung der Abenddämmerung erinnerte.

Richard hob den Blick und richtete ihn auf die Männer. »Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um euch zu helfen, die Imperiale Ordnung zu vertreiben.«

Ein Jubelschrei erhob sich in die dünne, kalte Luft, als sich die Anspannung der Männer löste und sie ihrer Erleichterung Ausdruck gaben. Zum allerersten Mal sah er ein strahlendes Lächeln auf ihren Gesichtern, Gesichter, die mehr als alles andere verrieten, wie sehr sie sich danach sehnten, endlich die Soldaten der Imperialen Ordnung loszuwerden. Richard fragte sich, wie sie wohl darüber denken mochten, nachdem er ihnen erklärt hatte, welchen Part sie dabei zu übernehmen hatten.

Solange Nicholas der Schleifer ihren Aufenthaltsort mit Hilfe der Riesenkrähen ausfindig machen konnte, bliebe er eine Gefahr, die sie auf Schritt und Tritt verfolgte und die all ihre Bemühungen, die Alte Welt zu einem Aufstand zum Sturz der Imperialen Ordnung zu bewegen, gefährden konnte. Schlimmer noch – er konnte Meuchler auf ihre Fährte setzen. Richard überlief es eiskalt bei der Vorstellung, daß dieser Nicholas Kahlan sah und wußte, wo er sie finden konnte. Dieser Mann mußte ausgeschaltet werden. Womöglich würde ein solcher Schlag sogar helfen, die Imperiale Ordnung aus der Heimat dieser Männer zu vertreiben.

Richard winkte die Männer zu sich heran. »Aber bevor wir uns über die Befreiung eures Volkes unterhalten können, müßt ihr mir zeigen, wo ihr das Gegenmittel versteckt habt.«

Owen ging in die Hocke, nahm einen in der Nähe liegenden Stein vom Boden auf und ritzte ein Oval in eine ebene Stelle des felsigen Bodens. »Angenommen, dieser Strich bezeichnet das Gebirge, das Bandakar umschließt.« Er legte den Stein auf die schmale Seite des Ovals, die Richard am nächsten war. »Dann ist dies der Paß, wo wir uns derzeit befinden.«