Er nahm drei weitere Steine vom Boden auf. Mit den Worten »Dies ist unser Heimatort, Witherton, wo wir gewohnt haben« legte er den ersten Stein unweit des Steins, der den Paß darstellte, auf die Erde. »Eine Dosis des Gegenmittels befindet sich dort.«
»Und ungefähr hier hatten sich deine Kameraden versteckt?«, fragte Richard, indem er den Finger über dem ersten Stein kreisen ließ. »In den Hügeln rings um Witherton?«
»Größtenteils südlich davon«, bestätigte Owen und zeigte auf das Gebiet. Er plazierte einen zweiten Stein in die ungefähre Mitte des Ovals. »Hier, in dieser Stadt mit Namen Hawton, befindet sich eine weitere Phiole mit dem Gegenmittel.« Den dritten Stein legte er ganz an den Rand des Ovals. »Das dritte Fläschchen befindet sich in dieser Stadt, in Northwick.«
»Also«, faßte Richard zusammen, »demnach muß ich nur einen dieser Orte aufsuchen, um mir das Gegenmittel zu beschaffen. Da dein Heimatort der kleinste ist, stehen unsere Chancen dort vermutlich am günstigsten.«
Einige der Männer schüttelten den Kopf, andere wandten verlegen den Blick ab.
Owen machte ein betrübtes Gesicht und tippte mit dem Finger nacheinander auf die drei Steine. »So leid es mir tut, Lord Rahl, aber eines dieser Fläschchen wird nicht genügen. Es ist bereits zu viel Zeit verstrichen. Selbst zwei werden mittlerweile nicht mehr ausreichend sein. Der Mann, der das Gift hergestellt hat, meinte, sobald ein gewisser Zeitpunkt überschritten ist, müsse man, um eine sichere Heilung zu gewährleisten, alle vier zu sich nehmen.
Er sagte, falls Ihr das erste Gegenmittel, das ich Euch brachte, nicht sofort eingenommen habt wird es die weitere Ausbreitung des Giftes lediglich verzögern. Dann müßten auch die anderen drei Fläschchen eingenommen werden; in diesem Fall, erklärte er verlaufe die Vergiftung wahrscheinlich in drei Stadien. Um das Gift also vollends aus dem Körper zu spülen, müßt Ihr alle drei noch verbliebenen Gegenmittel einnehmen. Wenn nicht bedeutet das Euren sicheren Tod.«
»Drei Stadien? Was heißt das?«
»Während des ersten Stadiums kommt es zu Schmerzen in der Brust. Das zweite äußert sich in starkem Schwindelgefühl; es kommt zu Gleichgewichtsstörungen.« Owen vermied es, Richard in die Augen zu sehen. »Im dritten Stadium schließlich macht Euch das Gift blind.« Er sah auf und legte Richard eine Hand auf den Arm, als wollte er seine Besorgnis zerstreuen. »Aber wenn Ihr alle drei einnehmt, wird das Gegenmittel Euch ganz sicher wieder gesund machen.«
Richard wischte sich mit matter Hand über die Stirn. Nach den Schmerzen in seiner Brust zu urteilen, befand er sich noch im ersten Stadium.
»Wie viel Zeit bleibt mir noch?«
Owen schlug die Augen nieder und strich verlegen seinen Ärmel glatt. »Das weiß ich nicht genau, Lord Rahl. Seit der Einnahme des ersten Fläschchens ist bereits viel Zeit vergangen.«
»Wie lange noch?«, wiederholte Richard, bemüht, so ruhig wie möglich zu bleiben.
Owen schluckte trocken. »Um ganz ehrlich zu sein, Lord Rahl, ich bin überrascht, wie gut Ihr die Schmerzen in der Brust während des ersten Stadiums verkraftet. Nach dem, was man mir erzählte, nehmen die Schmerzen mit der Zeit sogar noch zu.«
Richard nickte nur und vermied es, Kahlan anzusehen.
Sich auch nur bis zu einem Ort durchzuschlagen, um das Gegenmittel zu beschaffen, schien jetzt, da die Truppen der Imperialen Ordnung Bandakar bereits besetzt hatten, schon schwierig genug, es jedoch aus allen drei Verstecken zu besorgen, war nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.
»Also gut, die Zeit ist knapp, deshalb habe ich eine bessere Idee«, sagte Richard. »Stellt mehr von dem Gegenmittel her, dann brauchen wir uns nicht den Kopf zu zerbrechen, wie wir an den versteckten Vorrat herankommen sollen, sondern können uns ganz darauf konzentrieren, wie wir am besten gegen die Soldaten der Imperialen Ordnung vorgehen.«
Owen zuckte mit einer Schulter. »Unmöglich.« Er deutete auf den kleinen Beutel, den er mitgebracht hatte und der jetzt etwas abseits lag – den Beutel mit den Fingern der drei Mädchen. »Es war der Vater dieser Mädchen, der sowohl das Gift als auch das Gegenmittel hergestellt hat. Er, als Einziger, weiß, wie man diese komplizierten Kräuterrezepturen zusammenstellt. Wir kennen uns damit nicht aus – wir kennen ja nicht mal die meisten der von ihm verwendeten Kräuter. Ihr habt also nur eine Chance, wenn Ihr überleben wollt: Ihr müßt die drei Fläschchen mit dem Gegenmittel beschaffen.«
Mittlerweile hatten Richards Kopfschmerzen ein Ausmaß angenommen, daß er bezweifelte, sich noch lange auf den Beinen halten zu können. Da nur drei Fläschchen existierten und er sie alle unbedingt brauchte, mußte er sie in seinen Besitz bringen, bevor einem von ihnen etwas zustieß. Bei jedem Atemzug verspürte er ein reißendes Stechen in seiner Brust. Die aufkommende Panik drohte jeden klaren Gedanken unmöglich zu machen.
Als Kahlan ihm ihre Hand auf die Schulter legte, tätschelte er sie dankbar.
»Wir werden Euch helfen, das Gegenmittel zu beschaffen, Lord Rahl«, erbot sich einer der Männer.
Ein anderer schloß sich ihm nickend an. »Genau. Wir werden Euch alle dabei unterstützen.« Zu guter letzt erklärte sich jeder von ihnen bereit, ihm bei seiner Suche zu helfen.
»Die meisten von uns kennen mindestens zwei der Verstecke«, erklärte Owen. »Einige sogar alle drei. Ich war derjenige, der es versteckt hat, wir wissen also genau, wo wir suchen müssen.«
»Dann werden wir genau das tun.« Richard ging in die Hocke, um die in den Felsen geritzte Karte zu studieren. »Wo befindet sich dieser Nicholas?«
Owen beugte sich über die Karte und tippte auf den Stein in der Mitte. »Hier, in Hawton.«
Richard sah zu ihm hoch. »Sag bloß, du hast das Gegenmittel in dem Gebäude versteckt, wo du diesen Nicholas gesehen hast.«
Owen zog verlegen die Schultern hoch. »In dem Moment schien es eine gute Idee zu sein. Wir alle sind es ja nicht gewohnt, an kriegerische Auseinandersetzungen und Kämpfe auch nur ansatzweise zu denken. Jetzt allerdings wünsche ich mir, ich hätte es mir anders überlegt und einen leichter erreichbaren Ort gewählt.«
Als der Ärger über so viel Dummheit ihn schier zu übermannen drohte, griff Richard die kleine Statue, holte schwungvoll aus und schleuderte das Warnzeichen auf die Statue Kaja-Rangs.
Die Männer duckten sich, als die kleine Figur über ihre Köpfe hinwegsegelte, um schließlich am steinernen Sockel der Statue zu zerschellen. Bernsteinfarbene Splitter und tiefschwarze Scherben flogen in alle Richtungen davon. Der Sand aus dem Innern verteilte sich in einer feinen Spur quer über die Stirnseite des granitenen Sockels.
Alle verstummten erschrocken.
Droben am Himmel zogen die Nachzügler düsterer Wolkenfetzen vorüber, so nah, daß man sie beinahe mit der Hand berühren konnte. Ein paar eisige Schneeflocken trieben in der stillen Luft. Ringsumher war ein frostiger Nebel aufgezogen, der die umliegenden Berge verhüllte und dem Kamm des Passes und seinem steinernen Wächter etwas Entrücktes und Jenseitiges verlieh, so als reduzierte sich das ganze Dasein auf diesen einen Ort. Richard bildete den Mittelpunkt dieser absoluten Stille – und der allgemeinen Aufmerksamkeit.
Die auf Hoch-D’Haran in den Sockel der Statue gemeißelten Worte gingen ihm durch den Kopf.
Fürchte jeden Durchbruch in das jenseits liegende Land ... denn dort liegt das Böse: die, die nicht sehen können.
Ein ums andere Mal gingen ihm diese Worte auf Hoch-D’Haran durch die Gedanken. An der Übersetzung schien irgend etwas nicht zu stimmen.
»Gütiger Himmel«, entfuhr es Richard leise, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. »Ich habe mich geirrt. Es muß etwas ganz anderes bedeuten.«
45
Richard stand da und starrte auf die Stelle, wo das Warnzeichen an der Statue zerschellt war. Kahlan ging zu ihm hin und flüsterte ihm ins Ohr: »Du hast dich getäuscht, und es muß etwas ganz anderes bedeuten? Wovon redest du überhaupt?«