»Von der Übersetzung«, antwortete er in einem Tonfall, als wäre er selbst von seiner plötzlichen Erkenntnis überrascht. Er stand vollkommen reglos, das Gesicht der Statue Kaja-Rangs zugewandt. »Erinnerst du dich, wie ich sagte, die Formulierung sei eigenartig?«
Kahlan warf einen kurzen Blick auf die Statue, ehe sie wieder zu Richard sah. »Ja.«
»Aber das stimmt gar nicht, ich hatte mich lediglich vertan. Ich habe etwas hineinzulesen versucht, was ich dort vermutete – daß die Bewohner jenseits der Grenze keine Magie erkennen können –, statt einfach nur zu sehen, was ich vor mir habe. Was ich vorhin sagte, steht dort gar nicht ...«
Als er den Satz unbeendet ließ, faßte Kahlan ihn beim Arm. »Was soll das heißen?«
Richard wies auf die Statue. »Mir ist klar geworden, daß ich die Reihenfolge der Wörter vertauscht habe und deshalb solche Schwierigkeiten mit dem Satz hatte. Ich sagte ja vorhin bereits, ich sei mir bei der Übersetzung nicht ganz sicher. Meine Zweifel waren berechtigt. Dort steht nicht etwa: ›Hütet Euch, die Sperre zu dem jenseits liegenden Reich zu durchbrechen ... denn dahinter liegt das Böse: diejenigen, die blind sind.‹«
Kahlan zupfte erneut an seinem Arm und zwang ihn, sie anzusehen. »Und was steht nun dort?«
Seine grauen Augen begegneten kurz ihrem Blick, ehe sie zu den Augen der Statue Kaja-Rangs zurückkehrten, die auf die Säulen der Schöpfung gerichtet waren, sein allerletztes Mittel, die Welt vor diesen Menschen zu beschützen. Statt ihr zu antworten, setzte er sich in Bewegung.
Die Männer machten ihm Platz, als er entschlossenen Schritts auf die Statue zuhielt. Kahlan blieb ihm dicht auf den Fersen, unmittelbar gefolgt von Cara. Jennsen ergriff Bettys Strick und zog sie hinter sich her. Tom blieb, wo er war, um die Männer aufmerksam, aber unauffällig im Blick zu behalten.
Als er bei der Statue war, befreite Richard den Sockel von seiner feinen Schneeschicht, bis die auf Hoch-D’Haran gemeißelten Worte darunter wieder zum Vorschein kamen. Kahlan beobachtete, wie seine Augen über die Worte hinwegwanderten, während er sie leise bei sich las. Seine Bewegungen verrieten eine gewisse Erregtheit, die ihr sagte, daß er auf einen entscheidenden Punkt aus war.
Zudem fiel ihr auf, daß seine Kopfschmerzen, zumindest im Augenblick, nachgelassen hatten. Warum sie von Zeit zu Zeit abklangen, war ihr nicht recht klar, trotzdem vermerkte sie mit Erleichterung, daß seine Bewegungen wieder kraftvoller geworden waren. Gestützt auf seine Arme, die Hände weit auseinander auf dem Stein, sah er von der Inschrift auf. Ohne die Kopfschmerzen waren seine Augen von geradezu sprühender Klarheit.
»Der Text war stellenweise recht verwirrend«, sagte er. »Doch jetzt wird mir einiges klar. Hier steht: ›Hütet Euch, die Sperre zu dem jenseits liegenden Land zu durchbrechen, denn dahinter leben diejenigen, die unfähig sind, das Böse zu erkennen.‹«
Kahlan runzelte nachdenklich die Stirn. »... diejenigen, die unfähig sind, das Böse zu erkennen.«
Mit seinem bandagierten Arm deutete Richard auf die Figur, die über ihnen in den Himmel ragte. »Das war es, was Kaja-Rang am meisten fürchtete – nicht Menschen, die keine Magie erkennen konnten, sondern solche, die unfähig waren, das Böse zu erkennen. Das war seine Warnung an die Welt.« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter auf die hinter ihnen stehenden Männer. »Diese Inschrift bezieht sich auf sie.«
Kahlan war verblüfft – und auch ein wenig verwirrt. »Glaubst du nun, daß diese Leute Magie nicht wahrnehmen können und deswegen auch blind gegen das Böse sind?«, fragte sie, »oder daß sie auf Grund ihrer Andersartigkeit einfach unfähig sind, das Böse zu erkennen – etwa so, wie sie auch nicht begreifen, daß wahrnehmbare Magie nichts mit Aberglauben zu tun hat?«
»So in etwa könnte es Kaja-Rang gesehen haben«, erwiderte Richard. »Aber ich nicht.«
»Bist du dir vollkommen sicher?«, fragte Jennsen.
»Ja.«
Ehe Kahlan ihn auffordern konnte, sich näher zu erklären, wandte sich Richard zu den Männern um. »Hier steht, in Stein gemeißelt, Kaja-Rangs Warnung an die Welt. Sie bezieht sich auf Menschen, die unfähig sind, das Böse zu erkennen. Eure Vorfahren wurden aus der neuen Welt verbannt, weil sie von der Gabe völlig unbeleckt waren; doch dieser Mann, der mächtige Zauberer Kaja-Rang, fürchtete sie aus einem ganz anderen Grund: wegen ihrer Ideen. Er fürchtete sie, weil sie sich weigerten, das Böse zu erkennen. Das war es, was eure Vorfahren für die Menschen in der Alten Welt so gefährlich machte.«
»Wie ist das möglich?«, fragte jemand.
»Als bunt zusammengewürfelter Haufen, verbannt an einen fremden Ort, in die Alte Welt, müssen eure Vorfahren in ihrer Verzweiflung ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt haben. Die Vorstellung, ausgestoßen oder verbannt zu werden, war für sie so beängstigend, daß sie es vermieden, einen der ihren auszustoßen. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit die feste Überzeugung, niemand dürfe, unter welchen Umstanden auch immer verdammt werden. Aus diesem Grund lehnten sie den Begriff des Bösen ab – da sie sonst gezwungen gewesen wären, andere zu verurteilen. Und jemanden für böse zu erklären hatte bedeutet, daß sie plötzlich vor dem Problem gestanden hätten, den Betreffenden aus ihrer Gemeinschaft auszuschließen.
Diese Wirklichkeitsflucht führte schließlich zu einer fantastisch anmutenden Rechtfertigung ihres Vorgehens: Sie beschlossen, daß nichts wirklich sei und niemand das wahre Wesen der Wirklichkeit erkennen könne. So brauchten sie sich auch nicht einzugestehen, daß jemand böse war. Es war allemal besser, die Existenz des Bösen zu leugnen, als den Übeltäter aus den eigenen Reihen entfernen zu müssen. Besser, man sah über das Problem hinweg, ignorierte es und hoffte darauf, es werde sich von selbst erledigen.
Hätten sie die Existenz des Bösen anerkannt, wäre die Entfernung des Übeltäters das einzig angemessene Verfahren gewesen; folglich mußten sie als Verbannte denken, sie wären verbannt worden, weil sie böse waren. Ihre Lösung des Dilemmas bestand in der Ablehnung des Begriffs des Bösen überhaupt. Um diesen Grundgedanken entwickelte sich ein ganzes Glaubensgebäude.
Kaja-Rang mag einen Zusammenhang gesehen haben zwischen ihrer völligen Unbeflecktheit von der Gabe und ihrer Unfähigkeit, Magie wahrzunehmen, was er aber fürchtete, war, daß sie mit ihren Vorstellungen andere infizieren könnten. Denken erfordert Mühe; diese Leute jedoch hatten einen Glauben zu bieten, der von den Menschen keinerlei Überlegung, sondern lediglich das Nachbeten weihevoll klingender Phrasen verlangte.
Kaja-Rang erkannte diesen Glauben als das, was er war: eine freiwillige Hingabe an den Tod statt an das Leben. Der Rückschritt von wahrer Erleuchtung zur Illusion von Erkenntnis erzeugte ein heilloses Durcheinander, wurde zu einer Bedrohung für die gesamte Alte Welt und beschwor das Gespenst eines Rückfalls in die Unwissenheit herauf.«
Richard tippte mit dem Finger auf den oberen Rand der Felsleiste. »Hier oben, rings um den Sockel, gibt es eine weitere Inschrift, die diesen Schluß zuläßt und andeutet, wie man des Problems schließlich Herr wurde: Kaja-Rang ließ sämtliche Anhänger dieses Glaubens – nicht nur alle von der Gabe völlig Unbefleckten, die bereits aus der Neuen Welt verbannt worden waren, sondern auch die fanatischen Eiferer, die ihrer wahnhaften Ideologie erlegen waren – zusammentreiben und schickte sie samt und sonders ins Exil. Die Menschen in der Alten Welt fühlten sich diesem großartigen Mann so sehr zu Dank verpflichtet, daß sie ihm zu Ehren dieses Monument errichteten – als Dank für alles, was er getan hatte, um sie vor einem Glauben zu beschützen; der, davon waren sie überzeugt, eines Tages ihr ganzes Gemeinwesen gefährdet hätte. Und diese Gefahr war keineswegs von der Hand zu weisen.