Selbst im Tod wacht Kaja-Rang noch über diese Grenze, und nun hat er mir, aus der Welt der Toten, eine Warnung zukommen lassen, daß die Sperre durchbrochen worden ist.«
Richard wartete in der spannungsgeladenen Stille, bis die Augen aller Männer wieder auf ihn gerichtet waren, ehe er seinen Vortrag mit ruhiger Stimme beendete.
»Kaja-Rang hat eure Vorfahren nicht nur deswegen verbannt, weil sie keine Magie wahrzunehmen vermochten, sondern auch und vor allem, weil sie unfähig waren, das Böse zu erkennen.«
Die Männer, nervös und zutiefst beunruhigt, sahen sich nach ihren Gefährten um. »Aber was Ihr das Böse nennt ist nichts weiter als Ausdruck einer inneren Qual«, wandte einer ein; es klang jedoch eher nach einer Ausflucht, denn nach einem echten Argument.
»Er hat recht«, klärte ein anderer Richard auf. »Jemanden für böse zu erklären, das ist doch nichts als Voreingenommenheit. Man setzt jemanden herab, der sich ohnehin bereits wegen einer Sache grämt. Solchen Menschen muß man mit Offenheit begegnen und sie lehren, ihre Furcht vor den Mitmenschen abzulegen, dann werden sie bestimmt nicht auf den Abweg der Gewalt geraten.«
Richard ließ den Blick über die ihm entgegenblickenden Gesichter schweifen. Er deutete hinauf zur Statue.
»Kaja-Rang fürchtete euch, weil ihr für jeden eine Gefahr darstellt – und zwar nicht deswegen, weil ihr nicht mit der Gabe gesegnet seid, sondern weil ihr mit euren Lehren dem Bösen Vorschub leistet. Dadurch, durch euer Bestreben, stets freundlich, uneigennützig und unvoreingenommen zu bleiben, gebt ihr dem Bösen eine Macht, die es sonst niemals besäße. Mit eurer Weigerung, das Böse zu erkennen, öffnet ihr ihm Tür und Tor. Ihr laßt zu, daß es existiert, und gebt ihm Macht über euch. Ihr, als Volk, habt den Tod mit offenen Armen willkommen geheißen und es versäumt, ihm eine Abfuhr zu erteilen. Euer Reich ist dem Schatten des Bösen hilflos ausgeliefert.«
Nach einem Augenblick bedrückten Schweigens ergriff schließlich einer der Älteren das Wort. »Dieser Glaube an das Böse, wie Ihr es nennt, ist eine sehr intolerante Haltung und eine zu vereinfachende Sichtweise, denn letztendlich bedeutet er nichts anderes als eine unaufrichtige Verdammung Eurer Mitmenschen. Keiner, nicht einmal Ihr, darf sich erlauben, einen anderen Menschen zu verurteilen.«
Kahlan wußte, daß Richard zwar über ein großes Maß an Geduld verfügte, seine Langmut dagegen wenig ausgeprägt war. Er hatte diesen Männern gegenüber große Geduld bewiesen; doch jetzt sah sie, daß er mit seiner Nachsicht am Ende war. Fast erwartete sie, er werde sein Schwert ziehen.
Er trat mitten unter die Männer, einzelne im Vorübergehen mit seinem Raubtierblick zur Seite scheuchend. »Ihr dünkt euch selbst erleuchtet, glaubt, über Gewaltanwendung erhaben zu sein. Das seid ihr nicht; ihr seid nichts weiter als Sklaven, die auf ihren Gebieter warten, willige Opfer in Erwartung ihres Schlächters. Jetzt ist es so weit, sie sind gekommen.«
Richard schnappte sich den kleinen Beutel und blieb vor dem Mann stehen, der als letzter gesprochen hatte. »Öffne deine Hand.« Der Mann streckte zögerlich seine geöffnete Hand, die Innenfläche nach oben, vor.
Richard langte in den Beutel und legte ihm einen winzigen Finger, dessen Fleisch runzelig und mit getrocknetem Blut bedeckt war, in die Hand.
Es bereitete ihm ganz offenkundig Unbehagen, daß der winzige Finger in seiner Handfläche lag, doch nach einem Blick in Richards vernichtende, zornig funkelnde Augen verzichtete er darauf, zu protestieren und sich der blutigen Trophäe wieder zu entledigen.
Richard setzte seinen Weg durch ihre Reihen fort, wählte scheinbar zufällig Männer aus, die er die Hand öffnen hieß. Die Ausgewählten, bemerkte Kahlan, waren ausnahmslos Männer, die Bedenken gegen seine Hilfsvorschläge geäußert hatten. Er verteilte die abgeschnittenen Finger auf die geöffneten Hände, bis der Beutel leer war.
»Was ihr jetzt in Händen haltet, ist eine Folge des Bösen«, erklärte Richard. »Ihr alle wißt, daß dies die Wahrheit ist; ihr wißt, daß das Böse in eurem Land umgeht. Ihr alle wolltet, daß sich das ändert, wolltet das Böse los sein. Ihr wolltet leben, und ihr wolltet, daß eure Lieben leben können.
Und das alles in der Hoffnung, der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Ich habe euch einiges zu erklären versucht, damit ihr das Wesen des Kampfes begreift, dem wir alle uns gegenübersehen.«
Richard rückte den Waffengurt über seiner Schulter zurecht.
»Doch nun bin ich mit meinen Erklärungen am Ende. Ihr wolltet, daß man mich in euer Land holt; dieses Ziel habt ihr erreicht. Nun müßt ihr entscheiden, ob ihr zu Ende bringen wollt, was ihr als richtig erkannt habt. Wenn ihr beschließt, mir im Kampf beizustehen«, wählte Richard seine Worte mit Bedacht, »wird man von euch verlangen, daß ihr Soldaten der Imperialen Ordnung, böse Männer, tötet. Vielleicht habt ihr irgendwann einmal geglaubt, das Töten mache mir Spaß, aber seid versichert, ihr irrt euch. Es ist mir verhaßt; ich tue es nur, um Leben zu verteidigen. Ich würde niemals erwarten, daß ihr Gefallen daran findet. Man tut es, weil man es tun muß, aber gewiß nicht, um es zu genießen. Von euch erwarte ich, daß ihr Gefallen am Leben findet und alles Erforderliche tut, um es zu bewahren.«
Richard nahm einen der etwas abseits liegenden Gegenstände zur Hand, die sie angefertigt hatten, während sie darauf gewartet hatten, daß Tom und Owen die Männer zum Paß heraufführten. Er unterschied sich kaum von einem kräftigen, dicken Stock und war tatsächlich aus einem Stück Eichenholz gemacht. Der besseren Griffigkeit wegen am unteren Ende abgerundet, verjüngte er sich in der Mitte und war am anderen Ende angespitzt.
»Ihr besitzt keine Waffen; deshalb haben wir, während wir auf eure Ankunft warteten, einige hergestellt.« Mit einer ungeduldigen Handbewegung forderte er Tom auf vorzutreten. »Die Soldaten der Imperialen Ordnung werden sie nicht als Waffen erkennen, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Wenn man euch danach fragt, erklärt ihr, sie dienten dazu, Löcher zum Einpflanzen der Setzlinge ins Erdreich zu bohren.«
Mit seiner Linken packte Richard Toms Hemd an der Schulter, um ihn festzuhalten, dann demonstrierte er den Gebrauch der Waffe, indem er vorführte, wie man sie unmittelbar unter dem Brustkorb des Gegners nach oben stieß, um ihn zu durchbohren. Einige Männer verzogen angewidert das Gesicht.
»Am einfachsten stößt man sie von unten nach oben unter dem Brustkorb in die Weichteile«, erklärte Richard ihnen. »Gleich nach dem Stoß hebelt ihr sie seitwärts, damit sie an der schmalen Stelle bricht. Auf diese Weise ist es unmöglich, sie wieder herauszuziehen. Mit einem solchen Stab in den Eingeweiden wird euch niemand, selbst wenn er sich noch auf den Beinen halten kann, hinterherrennen oder in einen Kampf verwickeln können, was euch ein schnelles Entkommen erheblich erleichtern dürfte.«
Jemand hob fragend seine Hand. »Aber so ein Stück Holz ist feucht und bricht nicht ohne weiteres. Die Fasern werden sich einfach biegen, so daß das Griffende dranbleibt.«
Richard warf ihm die Waffe zu. Nachdem dieser sie aufgefangen hatte, forderte er ihn auf: »Sieh dir den Mittelteil an, wo sich das Holz verjüngt. Du wirst bemerken, daß es aus genau diesem Grund über einem Feuer getrocknet wurde. Und jetzt betrachte das spitze Ende. Es ist in vier Teile gespalten, deren Spitzen, wie bei einem Blütenkelch, leicht nach außen gebogen sind, so daß sie sich beim Eindringen in einen Gegner höchstwahrscheinlich weiten und dadurch erheblich größeren Schaden anrichten werden. Ein Stoß mit dieser Waffe ist, als steche man viermal auf einen Gegner ein.
Bricht man sie dann in seinem Körper ab, ist er augenblicklich kampfunfähig, da die langen Eichensplitter sich mit jeder Bewegung tiefer in seine empfindlichen Eingeweide bohren. Selbst wenn sie nicht auf ein lebenswichtiges Organ treffen und ihn auf der Stelle töten, wird er höchstwahrscheinlich noch am selben Tag eines qualvollen Todes und unter entsetzlichen Schreien sterben. Diese zu allem fähigen Männer sollen wissen, daß all die Schmerzen und das Leid, das sie anderen zufügen, letzten Endes auf sie zurückfallen. Diese Angst wird zum ersten Mal den Gedanken an Flucht in ihnen aufkeimen lassen; sie wird ihnen schlaflose Nächte bereiten und sie zermürben, so daß sie, wenn wir schließlich auf sie treffen, leichter zu töten sein werden.«