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Richard nahm einen anderen Gegenstand zur Hand. »Dies ist eine kleine Armbrust.« Er hielt sie in die Höhe, damit die Männer sie sehen konnten, während er ihre Einzelteile erläuterte. »Wie ihr seht, wird die Sehne von diesem Sperrkegel zurückgehalten. In diese Kerbe hier wird ein kurzer kräftiger Bolzen eingelegt. Drückt man auf den Abzug hier, wird der Sperrkegel nach vorn geschoben, die Sehne schnellt vor und feuert den Bolzen ab. Es ist keine besonders präzise gearbeitete Waffe, außerdem habt ihr keine Erfahrung in ihrem Gebrauch, andererseits braucht man auf kurze Distanz auch kein besonders guter Schütze zu sein.

Ich habe damit begonnen, eine ganze Reihe dieser Armbrüste herzustellen, außerdem habe ich einen ganzen Berg Schäfte und andere Einzelteile anfertigen lassen. Mithilfe der Dinge, die ihr mitgebracht habt, können wir sie jetzt zusammenbauen. Sie sind ziemlich primitiv und dürften, ich sagte es bereits, auf größere Entfernung nicht viel taugen, aber sie sind handlich und lassen sich unter einem Umhang verbergen. Wie groß und kräftig der Gegner auch sein mag, hiermit kann selbst der Schmächtigste unter euch ihn töten. Aus nächster Nähe abgefeuert, vermag nicht einmal seine Kettenpanzerrüstung ihn gegen diese Waffe zu schützen. Ich kann euch versichern, ihre Wirkung ist überaus tödlich.«

Anschließend zeigte Richard ihnen Hartholzknüppel, die noch mit Nägeln versehen werden mußten; auch diese Waffen ließen sich leicht verstecken. Dann zeigte er ihnen eine einfache Schnur mit einem kleinen Holzgriff an beiden Enden, die man zum Erdrosseln eines Mannes von hinten – wenn es vor allem darum ging, unbemerkt zu bleiben – benutzte.

»Mit den ersten Soldaten, die wir überwältigen, werden uns weitere Waffen in die Hände fallen – Messer, Äxte, Keulen, Schwerter.«

»Aber Lord Rahl«, warf Owen, sichtlich außer sich vor Sorge, ein, »selbst wenn wir einwilligen sollten, uns euch anzuschließen, sind wir noch lange keine Kämpfer. Die Soldaten der Imperialen Ordnung sind brutale, in diesen Dingen erfahrene Rohlinge. Gegen solche Männer haben wir doch keine Chance.«

Die anderen pflichteten ihm besorgt bei, doch Richard schüttelte nur den Kopf und bat mit erhobenen Händen um Ruhe.

»Seht euch die Finger an, die ihr in Händen haltet, und dann fragt euch, welche Chance diese kleinen Mädchen gegen diese Männer hatten. Fragt euch, welche Chance eure Mütter, Schwestern, Ehefrauen oder Töchter hätten. Für diese Menschen – und für euch selbst – seid ihr die allerletzte Hoffnung.

Sehr wahrscheinlich hättet ihr gegen diese Männer tatsächlich keine Chance. Ich habe jedoch nicht die Absicht, so gegen sie zu kämpfen, wie ihr euch das vorstellt. Das wäre glatter Selbstmord.« Richard zeigte mit dem Finger auf einen der Jüngeren. »Was ist unser Ziel? Weshalb habt ihr mich hergeholt?«

Der junge Bursche schien etwas verwirrt. »Um die Soldaten der Imperialen Ordnung loszuwerden?«

»Genau«, sagte Richard. »Das ist richtig. Ihr wollt diese Mörder loswerden; das letzte, was ihr wollt, ist gegen sie kämpfen.«

Der junge Bursche deutete mit einer Handbewegung auf die Waffen, die Richard ihnen vorgeführt hatte. »Aber diese Dinger ...«

»Diese Männer sind rücksichtslose Mörder; unsere Aufgabe ist es, sie zu vernichten. Kämpfe wollen wir nach Möglichkeit vermeiden. Wenn wir gegen sie kämpfen, riskieren wir, verletzt oder getötet zu werden. Ich will damit nicht sagen, daß wir nicht dazu gezwungen sein könnten, aber es ist nicht unser Ziel. Es wird Momente geben, da sie in begrenzter Zahl auftreten und wir gewiß sein können, sie zu überrumpeln, ehe es überhaupt zu einem richtigen Handgemenge kommt. Bedenkt bitte, diese Soldaten sind darauf eingestellt, daß von eurer Seite nicht der geringste Widerstand zu erwarten ist. Wir setzen darauf, sie zu töten, ehe sie überhaupt auf die Idee kommen, eine Waffe zu ziehen.

Aber wenn wir einer direkten Konfrontation aus dem Weg gehen können, um so besser. Unser Ziel ist es, sie zu töten – wenn möglich, jeden Einzelnen von ihnen. Wir werden sie im Schlaf töten, sobald sie in die andere Richtung schauen, beim Essen, beim Sprechen und beim Trinken und wenn sie sich kurz die Beine vertreten. Diese Männer sind böse. Unsere Aufgabe ist es, sie zu töten, nicht gegen sie zu kämpfen.«

Owen warf die Hände in die Luft. »Aber Lord Rahl, sobald wir die ersten von ihnen umgebracht haben, werden die anderen sich an den Menschen rächen, die sie in ihrer Gewalt haben.«

Richard betrachtete die Männer und wartete, bis er sicher sein konnte, daß er die ungeteilte Aufmerksamkeit aller hatte.

»Soeben seid ihr zu der Einsicht gelangt, daß diese Soldaten das Böse verkörpern. Aber ihr habt Recht: Wahrscheinlich werden sie, um euch zur Aufgabe zu zwingen, dazu übergehen, ihre Gefangenen zu töten. Aber das tun sie auch schon jetzt. Ließe man sie nach Belieben walten, würden diese Morde ein ungeheures Ausmaß annehmen. Je schneller wir sie töten, desto schneller ist es vorbei, desto schneller hat das Morden ein Ende. Unser Vorgehen wird einige Menschen das Leben kosten, allen anderen jedoch wird es die Freiheit bringen. Verharren wir aber in Untätigkeit, liefern wir sie auf Gnade und Ungnade dem Bösen aus. Ich sagte es bereits, mit dem Bösen kann man nicht verhandeln; das Böse gilt es auszumerzen.«

Jemand räusperte sich. »Lord Rahl, einige unserer Leute haben diesen Leuten Glauben geschenkt und sich auf die Seite dieser Ordenssoldaten geschlagen. Sie werden nicht einverstanden sein, daß wir diesen Soldaten ein Leid zufügen.«

Richard stieß einen bedrückten Seufzer aus. Er wandte sich einen Moment lang ab und richtete den starren Blick hinaus in das Dunkel, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder den Männern zuwandte. »Mein Leben lang habe ich Menschen, die ich gut kannte, töten müssen, weil sie für die Imperiale Ordnung Partei ergriffen hatten. Sie hatten den Beteuerungen der Imperialen Ordnung Glauben geschenkt und mich, da ich ein Feind des Ordens bin, zu töten versucht. Es ist grausam, einen Menschen, den man gut kennt, töten zu müssen, die Alternative aber halte ich für noch viel grausamer.«

»Die Alternative?«, fragte der andere.

»Ganz recht – von ihnen getötet zu werden. Denn das ist die Alternative: Man verliert den Kampf um seine Sache und damit sein Leben und das seiner Lieben.« Richards Gesicht wurde überaus ernst. »Es gilt: ihr Leben oder eures; ja womöglich sogar unser aller Leben. Auch wenn sich einige von euren Leuten auf die Seite des Bösen geschlagen haben, dürfen wir uns nicht davon abhalten lassen, das Böse zu vernichten.

Das gehört ebenfalls zu den Dingen, die es bei eurer Entscheidung abzuwägen gilt: Nehmt ihr diesen Kampf auf, müßt ihr die Möglichkeit akzeptieren, Menschen, die ihr kennt, töten zu müssen.«

Seine Worte schienen ihre schockierende Wirkung auf die Männer verloren zu haben; vielmehr schienen sie jetzt mit feierlichem Ernst zu lauschen.

Kahlan sah eine Gruppe kleiner Vögel auf der Suche nach einem Schlafplatz für die Nacht vorüberhuschen. Himmel und der eisige Nebel verdunkelten sich zusehends. Sie suchte den Himmel mit den Augen ab, stets auf der Hut vor den schwarz gezeichneten Riesenkrähen, doch in Anbetracht des scheußlichen Wetters hier oben auf dem Paß war nicht anzunehmen, daß sie in der Nähe waren. So hatte der Nebel wenigstens ein Gutes.

Richard wirkte erschöpft. Sie spürte am eigenen Leib, wie schwer ihr das Atmen in der dünnen Höhenluft fiel, wie viel schwerer mußte es ihm fallen, zumal sie befürchtete, die dünne Luft könnte ihn wegen des Gifts zusätzlich schwächen. Sie mußten unbedingt auf eine geringere Höhe hinabsteigen.

»Ich habe alles getan, um euch die Augen für die Wahrheit zu öffnen«, rief Richard den Männern zu. »Jetzt liegt euer Schicksal in den Händen eines jeden Einzelnen von euch.«