Ruhig bat er Cara, Jennsen und Tom, ihre Sachen zusammenzusuchen, dann legte er Kahlan zärtlich eine Hand auf den Rücken, drehte sich wieder zu den Männern herum und deutete den Hang hinunter.
»Wir werden jetzt in unser Lager in den Wäldern dort zurückkehren. Entscheidet euch, was ihr tun wollt. Wer für uns ist, kommt hier herüber in den Schutz der Bäume, wo uns die Riesenkrähen, sobald das Wetter aufklart, nicht sehen können. Wir müssen mit der Herstellung der Waffen, die ihr tragen sollt, fertig werden.
Wer sich gegen uns entscheidet, ist von jetzt an ganz auf sich gestellt. Ich habe nicht die Absicht, lange in diesem Lager zu verweilen. Wenn ihr von der Imperialen Ordnung aufgegriffen werdet, wird man euch vermutlich foltern; und ich möchte nicht in der Nähe sein, wenn ihr euch die Lungen aus dem Leib kreischt und dabei den Standort unseres einstigen Lagerplatzes verratet.«
Die ratlos wirkenden Männer standen dicht gedrängt in einer Gruppe zusammen.
»Lord Rahl«, fragte Owen, »heißt das, wir müssen uns jetzt entscheiden?«
»Ich habe euch gesagt, was ich euch sagen kann. Wenn ihr euch für uns und für das Leben entscheidet, begleitet ihr uns hinunter in unser Lager. Entscheidet ihr euch gegen uns, wünsche ich euch Glück. Aber versucht nicht, uns zu folgen; in diesem Fall wäre ich gezwungen, euch zu töten. Ich war früher Waldführer, ich werde also wissen, ob uns jemand folgt.«
Einer der Männer, der erste, der Richard durch das Vorzeigen der beiden Steinchen seine Bereitschaft zur Preisgabe des Verstecks des Gegenmittels bekundet hatte, löste sich aus der Gruppe seiner Kameraden und trat vor.
»Lord Rahl, mein Name ist Anson.« Seine blauen Augen füllten sich mit Tränen. »Ich will, daß Ihr das wißt, daß Ihr wißt, wer ich bin. Ich heiße Anson.«
Richard nickte. »In Ordnung, Anson.«
»Ich möchte Euch danken, daß Ihr mir die Augen geöffnet habt. Manche der Gedanken, die Ihr soeben geäußert habt, sind mir keineswegs neu. Jetzt begreife ich, warum, und ich begreife die Blindheit, mit der ich geschlagen war. So will ich nicht weiterleben. Ich will nicht länger nach irgendwelchen sinnlosen Geboten leben, und ich möchte nicht, daß diese Ordensmänner mein Leben bestimmen.
Meine Eltern wurden ermordet. Ich habe den Leichnam meines Vaters an einem Pfahl hängen sehen. Er hatte nie einer Menschenseele etwas angetan; einen solch grausigen Tod hatte er nicht verdient. Meine Schwester wurde verschleppt. Ich weiß, was diese Männer mit ihr machen. Ich kann nachts kaum noch schlafen, wenn ich an das Grauen denke, das sie durchmacht.
Ich will mich endlich wehren. Ich will diese bösartigen Männer töten. Sie haben den Tod verdient. Ich will sie zu Staub zermalmen, wie Ihr es ausgedrückt habt. Mein Entschluß steht fest: Ich schließe mich Euch an und werde für meine Freiheit kämpfen. Ich will in Freiheit leben, und ich will, daß meine Lieben in Freiheit leben können.«
Kahlan war nicht wenig erstaunt, diese Worte aus dem Mund eines dieser Männer zu hören, zumal er sich nicht einmal vorher mit seinen Kameraden beraten hatte. Während Ansons kleinem Vortrag hatte sie die Augen der anderen beobachtet. Gespannt hatten alle auf jedes seiner Worte gelauscht.
Richard legte ihm lächelnd die Hand auf die Schulter. »Willkommen in D’Hara, Anson. Willkommen in deiner neuen Heimat. Wir können deine Hilfe gut gebrauchen.« Er deutete zu Cara und Tom hinüber, die mit dem Einsammeln der Waffen beschäftigt waren, welche sie mitgebracht hatten, um sie den Männern vorzuführen. »Warum hilfst du den beiden nicht, die Sachen wieder in unser Lager hinunterzuschaffen?«
Anson willigte schmunzelnd ein. In seinem Eifer versuchte er, Cara ihre Last abzunehmen, doch die war nicht bereit, sie ihm zu überlassen, also sammelte er die restlichen Gegenstände vom Boden auf und folgte Tom den Hang hinunter.
Die anderen sahen ihm nach, wie er zusammen mit Cara, Tom und Jennsen den Abhang hinunterstieg. Schließlich entfernten sie sich ein Stück zur Seite, fort von der Statue, und beratschlagten mit leise tuschelnden Stimmen, wie sie sich verhalten wollten.
Ehe er sich anschickte, ebenfalls den Hang hinabzusteigen, warf Richard noch einen letzten Blick auf die Statue Kaja-Rangs. Etwas schien seine Aufmerksamkeit zu erregen.
»Was ist?«, fragte Kahlan.
Richard zeigte. »Die Inschrift dort, auf der Oberseite des Sockels, unmittelbar zu seinen Füßen.«
An dieser Stelle, das wußte Kahlan, hatte sich zuvor noch keine Inschrift befunden, außerdem stand sie noch zu weit entfernt, um in dem gesprenkelten Granit tatsächlich eine Schrift erkennen zu können. Sie sah sich kurz nach den anderen um, folgte dann aber doch Richard, als dieser zur Statue hinüberging. Die Männer standen immer noch etwas abseits, eifrig in ihre Debatte vertieft.
Jetzt konnte sie die Stelle auf der Sockeloberfläche erkennen, wo das Warnzeichen zerschellt war. Der Sand aus dem Innern der kleinen, Richard nachempfundenen Figur lag noch immer über die gesamte Oberfläche des Sockels verstreut.
Als sie näher kamen, wollte sie kaum glauben, was sich dort vor ihren Augen abzuzeichnen begann. Der Sand hatte offenbar das Gestein abgetragen, so daß darunter eine Schrift zum Vorschein gekommen war. Diese Worte hatten zuvor nicht dort gestanden, dessen war sie sich absolut sicher.
Kahlan war in einer ganzen Reihe von Sprachen bewandert, diese jedoch war ihr nicht geläufig. Allerdings erkannte sie sie wieder: Es war Hoch-D’Haran.
Sie schlang die Arme gegen den kalten Wind, der aufgekommen war, um ihren Körper. Die düsteren Wolken jagten rastlos dahin. Wirbelnde Schneeflocken trübten den Blick auf die Hänge in der Ferne. Dann riß die Wolkendecke für einen winzigen Augenblick auf und gab den Blick auf ein Tal jenseits des Passes frei, das sattes Grün und Wärme verhieß.
Und die Truppen der Imperialen Ordnung.
Kahlan, unmittelbar neben Richard, wünschte sich, er würde einen wärmenden Arm um sie legen. Sie sah zu, wie er auf die kaum zu entziffernden Lettern im Gestein starrte.
»Richard«, fragte sie leise, »was steht dort?«
Wie gelähmt fuhr er mit den Fingern langsam und sachte über die Schriftzeichen, während seine Lippen stumm die Worte auf Hoch-D’Haran formten.
»Das achte Gesetz der Magie«, übersetzte Richard mit kaum hörbarer Stimme. »Taiga Vassternich.«
46
Verna blieb stehen, als sie Rikka entschlossenen Schritts ihren Weg kreuzen sah. Sie bekam die Mord-Sith beim Arm zu fassen.
»Was gibt’s, Prälatin?«, fragte Rikka schroff.
»Habt Ihr gehört, um was es dabei geht?«
Rikka sah sie verständnislos an. »Worum es wobei geht?«
Der Bote war auf der gegenüberliegenden Seite der behelfsmäßigen Wegkreuzung stehen geblieben. Pferde trabten in beiden Richtungen vorüber, eines davon mit einem Karren voller Wasserfässer im Schlepp. Auf der Nebenstraße kreuzte ein Trupp schwerbewaffneter Soldaten. Das Lager, eines von mehreren mit einem Schutzwall umgebenen Feldlagern, hatte sich mittlerweile zu einer Stadt entwickelt, durchzogen von einem dichten Netz aus Wegen und Straßen, die mitten durch das Chaos aus kampierenden Soldaten, Pferden und Karren führten.
»Irgend etwas stimmt nicht«, sagte Verna.
»Tut mir leid, mir ist nichts zu Ohren gekommen.«
»Habt Ihr gerade zu tun?«
»Nichts Dringendes.«
Verna packte Rikkas Arm mit festem Griff und drängte sie weiterzugehen. »General Meiffert hat nach mir geschickt. Vielleicht kommt Ihr am besten mit. Fall er Euch ebenfalls benötigt, müssen wir nicht erst lange nach Euch suchen lassen.«
Rikka zuckte die Achseln. »Mir soll’s recht sein.«
Kurz darauf blieb der Bote am Rand der Lagerstraße stehen. »Dort drüben, Prälatin. General Meiffert trug mir auf, Euch zu dem Zelt bei den Bäumen zu bringen.«
Verna dankte dem jungen Burschen und suchte sich, begleitet von Rikka, einen Weg durch das morastige Gelände. Das Zelt stand, ein wenig abseits des allgemeinen Lagertreibens, in einem ruhigeren Bereich, wo die Offiziere des öfteren mit den eben von ihren Patrouillen zurückgekehrten Kundschaftern zusammentrafen.