Die Wachen sahen Verna kommen und steckten kurz den Kopf zum Zelt hinein, um ihre Ankunft anzukündigen. Fast augenblicklich kam General Meiffert aus dem Zelt hervor und eilte ihr entgegen. In seinen blauen Augen funkelte eiserne Entschlossenheit, sein Gesicht dagegen war aschfahl.
»Ich bin unterwegs Rikka begegnet«, erklärte Verna, während General Meiffert sie mit einem flüchtigen Neigen des Kopfes begrüßte. »Ich hielt es für sinnvoll, sie gleich mitzubringen, falls Ihr sie ebenfalls benötigt.«
Der blonde D’Haraner warf Rikka einen kurzen Blick zu. »Ja, sehr gut. Tretet bitte ein, beide.«
Verna hielt ihn am Ärmel zurück. »Ist etwas nicht in Ordnung?«
Die Augen des Generals wanderten zu Rikka und dann wieder zurück zu Verna. »Es gibt Nachricht von Jagang.«
Rikkas Ton hatte eine gewisse Schärfe, als sie fragte: »Wie konnte ein Bote Jagangs durch unsere Linien brechen, ohne getötet zu werden?«
Es entsprach der üblichen Praxis, niemanden, aus welchem Grund auch immer durch den Paß zu lassen. Nicht einmal eine Maus sollte hindurchschlüpfen können, daher war es unmöglich zu sagen, ob es sich nicht vielleicht um ein Täuschungsmanöver handelte.
»Es handelte sich um einen kleinen Wagen, der von einem einzelnen Pferd gezogen wurde.« Er sah Verna an. »Die Posten vor Ort dachten, der Wagen sei leer und ließen ihn, eingedenk Eurer ausdrücklichen Anweisung, durch.«
Verna war etwas überrascht, daß Anns Warnung sich so buchstäblich erfüllt hatte. »Ein Wagen hat ganz von allein die Grenze überquert? Ein leerer Wagen, ohne Fahrer?«
»Nun, ganz so war es nicht. Die Posten, die ihn bemerkt hatten, hielten ihn für leer. Das Pferd scheint ein Arbeitspferd zu sein, das an Straßen gewöhnt ist; es trottete, wie man es ihm beigebracht hatte, gemächlich die Straße entlang.« Als er Vernas verwirrten Gesichtsausdruck bemerkte, preßte General Meiffert verlegen die Lippen aufeinander, ehe er dem Zelt den Rücken kehrte. »Kommt mit, dann zeige ich es Euch.«
Er führte sie zum dritten Zelt in der Reihe und hielt die Zeltöffnung zur Seite. Verna zog den Kopf ein und verschwand im Innern, gefolgt von Rikka und dem General. Drinnen, auf einer Bank, saß eine junge Novizin, Holly, den Arm um ein überaus verängstigt aussehendes Mädchen von höchstens zehn Jahren gelegt.
»Ich bat Holly, bei ihr zur bleiben«, erklärte General Meiffert mit leiser Stimme. »Ich dachte, es würde sie vielleicht nicht so nervös machen wie ein Soldat, der auf sie aufpaßt.«
»Natürlich«, sagte Verna. »Sehr weise von Euch. Demnach war sie es also, die die Nachricht überbracht hat?«
Der junge General nickte. »Sie saß hinten auf der Ladefläche, weshalb die Soldaten, die ihn kommen sahen, ihn zunächst für leer hielten.«
Jetzt wurde Verna auch klar, warum eine solche Botin hatte durchschlüpfen können. Es war ziemlich unwahrscheinlich; daß die Posten ein Kind töten würden, zumal die Schwestern es einer Prüfung unterziehen konnten, um sicherzustellen, daß es keine Gefahr darstellte. Verna fragte sich, was Zedd wohl dazu zu sagen hatte. Eine Bedrohung kam selten allein, und obendrein meist überraschend. Behutsam näherte sich Verna den beiden auf der Bank und beugte sich lächelnd zu ihnen hinunter.
»Mein Name ist Verna. Geht es dir gut, Kleines?« Das Mädchen nickte schüchtern. »Möchtest du vielleicht etwas zu essen?«
Wieder nickte es, während es leicht zitternd die auf es herabstarrenden Erwachsenen mit ihren großen, braunen Augen musterte.
»Prälatin«, warf Holly ein, »Valery ist bereits unterwegs, um ihr etwas zu holen.«
»Verstehe«, sagte Verna, ohne von ihrem Lächeln abzulassen. Sie ließ sich auf die Knie herunter und tätschelte begütigend die in seinem Schoß liegenden Hände des Mädchens. »Bist du hier aus der Gegend?«
Das Mädchen kniff seine großen braunen Augen halb zusammen, wie um abzuschätzen, ob von der vor ihr hockenden erwachsenen Frau eine Gefahr ausging. Vernas Lächeln und die freundliche Berührung schien es ein wenig zu beruhigen. »Etwas nördlich von hier, Ma’am.«
»Hat dich jemand zu uns geschickt?«
Ihre großen braunen Augen füllten sich mit Tränen, aber sie fing nicht an zu weinen. »Mein Eltern sind dort unten, auf der anderen Seite vom Paß. Die Soldaten halten sie fest. Als Gäste, sagen sie. Soldaten sind gekommen und haben uns zur Armee gebracht. Dort mußten wir die letzten Wochen bleiben. Heute haben sie mir dann gesagt, ich soll einen Brief über den Paß zu den Leuten hier bringen. Sie haben gesagt, wenn ich tue, was man mir sagt, lassen sie meine Mutter, meinen Vater und mich wieder nach Hause gehen.«
Verna tätschelte erneut die Hände der Kleinen. »Verstehe. Nun, das war ganz richtig von dir, daß du deinen Eltern hilfst.«
»Ich will nur nach Hause.«
»Wirst du auch, Kleines.« Verna richtete sich wieder auf. Bemüht, sich ihre Anspannung nicht anmerken zu lassen, verabschiedete sich Verna mit einem Lächeln von den Mädchen, bevor sie die anderen aus dem Zelt hinausgeleitete. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was Jagang mit diesem Schachzug bezweckte.
»Was steht in dem Brief?«, fragte Verna, während sie zum Kommandozelt hinübereilten.
Unmittelbar vor dem Zelt blieb General Meiffert zögernd stehen und sah Verna, während er mit dem Daumen über einen der Messingknöpfe an seiner Uniformjacke rieb, in die Augen. »Es wäre mir ganz lieb, wenn Ihr ihn selbst lesen würdet, Prälatin. In einigen Punkten ist er recht unmißverständlich; andere dagegen ... nun, ich hatte gehofft, Ihr würdet es mir vielleicht erklären können.«
Als sie in das Zelt trat, sah Verna Captain Zimmer bereits an der Seite warten. Von dem gewohnten ansteckenden Lächeln, das den Mann mit dem markanten Kinn sonst auszeichnete, war nichts zu sehen. Der Captain war Befehlshaber der d’Haranischen Spezialtruppen, einer Einheit, deren Aufgabe es war, Tag und Nacht heimlich auf feindliches Gebiet vorzudringen und so viele Gegner wie möglich zu töten. Der Vorrat schien unerschöpflich; dessen ungeachtet schien der Captain fest entschlossen, ihn bis zur Neige aufzubrauchen.
Plötzlich blitzte es, und alle hoben kurz den Kopf; das Unwetter kam offenbar näher. Nach einer kurzen Verzögerung erbebte der Erdboden unter dem lang anhaltenden Donnergrollen.
General Meiffert nahm ein kleines, zusammengefaltetes Stück Papier vom Tisch und reichte es Verna.
»Dies ist der Brief, den das Mädchen bei sich hatte.«
Nach einem kurzen Blick in die grimmigen Mienen der beiden Offiziere faltete Verna das Blatt Papier auseinander und las den in säuberlicher Handschrift abgefaßten Text:
Ich habe Zauberer Zorander sowie eine Hexenmeisterin namens Adie in meiner Gewalt; zudem bin ich im Besitz der Burg der Zauberer mit allem, was sich darin befindet. Mein Schleifer wird mir in Kürze Lord Rahl und die Mutter Konfessor übergeben.
Eure Sache ist verloren. Im Falle einer sofortigen Kapitulation und der Freigabe der Pässe werde ich Eure Truppen verschonen. Andernfalls werde ich sie bis zum letzten Mann töten.
Sie ließ den Arm mit dem Blatt Papier in ihren zitternden Fingern sinken.
»Gütiger Schöpfer«, entfuhr es Verna leise. Ihr schwindelte.
Rikka riß ihr den Zettel aus der Hand, kehrte ihr den Rücken zu und las ihn durch. Sie stieß einen leisen Fluch aus.
»Wir müssen ihn dort herausholen«, erklärte Rikka. »Wir müssen Zedd und Adie aus der Gewalt Jagangs befreien.«
Captain Zimmer schüttelte den Kopf. »Ein solches Vorhaben ist völlig undurchführbar.«
Rikkas Gesicht wurde rot vor Zorn. »Er hat mir das Leben gerettet! Und Euch auch! Wir müssen ihn dort rausholen!«
Anders als die aufgebrachte Rikka war Verna um einen milderen Ton bemüht. »Was Zedd betrifft, empfinden wir wohl alle das Gleiche; wahrscheinlich hat er jedem von uns bereits mehrfach das Leben gerettet. Bedauerlicherweise wird Jagang ihn aus ebendiesem Grund nur noch übler mißhandeln.«