Rikka fuchtelte mit der Nachricht vor ihren Gesichtern. »Also lassen wir ihn einfach dort krepieren? Wir sollen zulassen, daß Jagang ihn umbringt? Schleichen wir uns heimlich ein, was auch immer!«
Captain Zimmer legte den Handballen auf das lange Messer an seinem Gürtel. »Herrin Rikka, angenommen, ich verrate Euch, daß ich hier irgendwo in diesem Lager einen Mann versteckt habe, und ließe Euch, ohne daß Euch jemand behelligt oder irgendwelche Fragen stellt, ungehindert nach ihm suchen, wie lange würdet Ihr wohl brauchen, um ihn zu finden?«
»Aber man wird sie nicht in irgendeinem x-beliebigen Zelt untergebracht haben«, gab Rikka zurück. »Nehmt zum Beispiel uns. Als die Nachricht eintraf, wurde sie da in irgendein beliebiges Zelt dieses Lagers gebracht? Nein, sie gelangte an exakt die Stelle, wo man sich mit derartigen Dingen befaßt.«
Captain Zimmer deutete mit ausgestrecktem Arm auf den Feind jenseits des Gebirges. »Ich war schon so oft im Lager der Imperialen Ordnung, daß ich es kaum noch zählen kann,«, sagte er. »Ich glaube, Ihr macht Euch völlig falsche Vorstellungen von der ungeheuren Größe ihres Feldlagers. Millionen von Kriegern lagern dort.
Das ganze Feldlager ist ein einziger von Halsabschneidern bevölkerter Sumpf, in dem das blanke Chaos regiert. Genau diese heillose Unordnung ermöglicht es uns ja, unbemerkt hineinzuschleichen, ein paar von ihnen zu töten und gleich darauf wieder abzutauchen. Es ist ganz sicher kein Ort, an dem man länger verweilen möchte. Fremde fallen dort für gewöhnlich auf, erst recht, wenn sie blond sind. Das soll allerdings nicht heißen, daß meine Manner und ich nicht bereit waren, bei einem Versuch, Zedd dort herauszuholen, unser Leben aufs Spiel zu setzen; ich will damit nur sagen, daß wir unser Leben umsonst aufopfern würden.«
Ein Gefühl grenzenloser Hoffnungslosigkeit breitete sich im Zelt aus.
Der General gestikulierte mit dem Blatt Papier, nachdem Rikka es ihm zurückgegeben hatte. »Habt Ihr eine Vermutung, was ein Schleifer sein könnte, Prälatin?«
Verna sah ihm in seine festen, blauen Augen. »Ein Seelenräuber.«
Der General legte die Stirn in Falten. »Ein was?«
»Damals, im Großen Krieg vor dreitausend Jahren, verwandelten die Zauberer Menschen in Waffen. Eine dieser Waffen waren die Traumwandler wie Jagang. Am besten läßt es sich vielleicht so erklären: Ein Schleifer ist in gewisser Hinsicht dasselbe wie ein Traumwandler. Ein Traumwandler vermag in den Verstand eines Menschen einzudringen und ihn völlig zu beherrschen. Mit einem Schleifer verhält es sich meines Wissens ähnlich, nur daß er sich des Geistes, der Seele, bemächtigt.«
Rikka schnitt eine Grimasse. »Warum sollte jemand so etwas tun?«
Verna warf in einer verzweifelten Geste die Hände in die Luft. »Genau weiß ich das auch nicht. Um sein Opfer zu beherrschen, vielleicht. Die Veränderung der mit der Gabe Gesegneten ist eine von alters her übliche Praxis. Man veränderte mit der Gabe Gesegnete mit Hilfe von Magie, um sie einem bestimmten Verwendungszweck anzupassen. Mit subtraktiver Magie entfernte man bestimmte unerwünschte Eigenschaften, ehe man anschließend, mit Hilfe additiver Magie, ein bestimmtes erwünschtes Wesensmerkmal hinzufügte oder hervorhob. Auf diese Weise entstanden damals Ungeheuer in Menschengestalt.
Ich bin auf diesem Gebiet nicht sonderlich bewandert, aber nach meiner Ernennung zur Prälatin hatte ich Zugang zu Büchern, die ich nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte. Dort fand ich auch den Verweis auf die Schleifer. Sie wurden benutzt, um in das Wesen einer Person hineinzuschlüpfen und sie ihres innersten Kerns zu berauben – ihres Geistes, ihrer Seele.
Die Verwandlung von Personen mit dem Ziel, Schleifer zu erschaffen, ist eine lange ausgestorbene Kunst. Ich fürchte, mit meinen Kenntnissen zu diesem Thema ist es nicht weit her. Ich meine aber gelesen zu haben, daß diese Schleifer genannten Geschöpfe damals ungemein gefährlich waren.«
»Eine lange ausgestorbene Kunst«, murmelte der General. Er sah aus, als bereitete es ihm größte Mühe, sich zu beherrschen. »Die damaligen Zauberer schufen also Waffen wie diesen Schleifer, aber wieso war Jagang dazu imstande? Er ist kein Zauberer. Könnte es sein, daß er ganz einfach lügt?«
Verna ließ sich die Frage einen Moment durch den Kopf gehen. »Er verfügt über mit der Gabe Gesegnete, die seiner unmittelbaren Befehlsgewalt unterliegen. Einige von ihnen sind imstande, Magie aus der Unterwelt zu gebrauchen. Wie gesagt, meine Kenntnisse auf diesem Gebiet sind begrenzt, doch vermutlich ist es möglich, daß er dazu imstande war.«
»Aber wie?«, hakte der General nach. »Wieso konnte Jagang so etwas tun? Er ist nicht einmal ein Zauberer.«
Verna verschränkte die Hände vor dem Körper. »Er hat Schwestern des Lichts und der Finsternis in seiner Gewalt. Damit hat er, theoretisch, alles, was er braucht. Zudem ist er ein geschichtlich interessierter Mann. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, daß er großen Wert auf Bücher legt. Er besitzt eine umfassende und ziemlich wertvolle Sammlung, ein Umstand, der den Propheten Nathan mit großer Sorge erfüllte, weswegen er eine Unmenge wichtiger Folianten vernichtete, ehe sie Jagang in die Hände fallen konnten.
Nichtsdestoweniger besitzt der Kaiser noch zahllose andere Bücher und hat jetzt, nach der Eroberung der Burg der Zauberer, Zugriff auf bedeutende Bibliotheken. Überdies sind diese Bücher gefährlich, sonst wären sie schließlich gar nicht erst in der Burg der Zauberer weggesperrt worden.«
»Und nun kann Jagang frei über sie verfügen.« General Meiffert fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, dann packte er die Lehne des vor dem kleinen Schreibtisch stehenden Stuhls mit beiden Händen, um sich darauf abzustützen. »Was meint Ihr, stimmt es, daß er Zedd und Adie in seiner Gewalt hat?«
Die Frage war der verzweifelte Versuch, sich einen letzten Hoffnungsschimmer zu bewahren. Verna schluckte trocken, während sie sorgfältig über die Frage nachdachte. Um keine falschen Hoffnungen zu wecken, bemühte sie sich bei ihrer Antwort um größtmögliche Aufrichtigkeit, schließlich hatte sie sich, seit sie Jagangs Mitteilung gelesen hatte, selbst an diese vage Hoffnung geklammert.
»Meiner Meinung nach ist er nicht der Typ, der sich damit zufrieden gibt, mit etwas zu prahlen, das er nicht wirklich erreicht hat. Ich denke, er sagt die Wahrheit – nicht zuletzt, weil er uns seine hämische Freude über sein gelungenes Schurkenstück zeigen will.«
Der General löste seine Hände von der Stuhllehne und wandte sich ab, um über Vernas Worte nachzudenken. Schließlich stellte er eine noch weit beklemmendere Frage.
»Sagt er Eurer Meinung nach auch die Wahrheit, wenn er behauptet, dieser Schleifer habe Lord Rahl und die Mutter Konfessor in seiner Gewalt? Was glaubt Ihr, wird dieses grauenhafte Geschöpf, dieser Schleifer, die beiden tatsächlich Jagang in Kürze übergeben?«
Im Stillen überlegte Verna, ob das nicht vielleicht auch der Grund für Anns und Nathans überstürzte Reise quer durch die Alte Welt sein könnte. Sie wußte, daß Richard und Kahlan sich irgendwo dort unten befanden; ein dringenderer Grund für Anns und Nathans Reise in den Süden war eigentlich kaum vorstellbar. War es möglich, daß dieser Schleifer sie bereits in seine Gewalt gebracht oder sich sogar ihrer Seelen bemächtigt hatte? Ein Gefühl der Mutlosigkeit überkam Verna. Sie fragte sich, ob Ann nicht längst wußte, daß der Schleifer Richard in seiner Gewalt hatte, und sie sich deswegen nur sehr vage über den Zweck ihrer Mission äußerte.
Schließlich sagte sie: »Ich weiß es nicht.«
»Meiner Meinung nach ist Jagang einfach ein Fehler unterlaufen«, sagte Captain Zimmer.
Verna machte ein erstauntes Gesicht. »Und der wäre?«
»Er hat uns soeben ungewollt verraten, wie viel Schwierigkeiten ihm die Pässe bereiten. Im Grunde hat er uns verraten, wie gut unsere Verteidigungsmaßnahmen funktionieren und wie verzweifelt er in Wahrheit ist. Gelingt ihm der Durchbruch nicht in diesem Frühjahr, wird seine riesige Armee noch einen weiteren Winter durchhalten müssen. Deswegen will er daß wir ihn durchlassen.