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Die Winter in D’Hara sind hart erst recht für Männer wie seine Truppen, die diese Witterungsbedingungen nicht gewöhnt sind. Ich habe mit eigenen Augen eindeutige Hinweise auf die ungeheure Zahl seiner Verluste während des letzten Winters gesehen. Hunderttausende seiner Soldaten sind irgendwelchen Krankheiten zum Opfer gefallen.«

»Soldaten hat er zur Genüge«, warf General Meiffert ein. »Die Verluste kann er also verschmerzen. Er erhält ständig Nachschub frischer Truppen, als Ersatz für die an Fieber und anderen Krankheiten Gestorbenen des letzen Winters.«

»Ihr glaubt also, der Captain irrt sich?«, fragte Verna.

»Nein, ich stimme insofern überein, als Jagang die Geschichte gerne zum Abschluß bringen würde; nur glaube ich nicht, daß es ihn schert, wie viele seiner Soldaten dabei ums Leben kommen. Meiner Ansicht nach ist er besessen von der Idee, die Welt zu beherrschen. Geduldig, wie er im Allgemeinen ist, sieht er das Ende nahe, sein großes Ziel in greifbare Nähe gerückt. Wir sind die Einzigen, die ihm dabei noch im Weg stehen und verhindern, daß ihm der Fang in die Hände fällt. Auch seine Männer warten bereits ungeduldig auf ihre Beute.

Sein Entschluß, mit seinem Vormarsch auf Aydindril einen Keil in die Neue Welt zu treiben, hat ihn seinem Ziel nahe gebracht – ihn in gewisser Hinsicht aber auch wieder davon entfernt. Wenn es ihm nicht gelingt, die Pässe zu überqueren, könnte er sich dazu durchringen, seine Armee zusammenzuziehen und den langen Marsch zurück in den Süden anzutreten, in das Tal des Kern, um dort den Fluß zu überqueren und nach D’Hara hinaufzumarschieren. Hat seine Armee erst einmal das offene Gelände im Süden erreicht, haben wir keine Möglichkeit mehr sie aufzuhalten.

Wenn er jetzt nicht bei den Pässen durchbrechen kann, bedeutet das für ihn zwar einen weiten Marsch und einen langen Aufschub, am Ende jedoch wird er uns besiegen. Statt dessen würde er das lieber gleich erledigen, weshalb er uns in einem Handel anbietet, das Leben unserer Soldaten zu schonen.«

Verna starrte leeren Blicks vor sich hin. »Es ist stets ein folgenschwerer Fehler, sich mit dem Bösen aussöhnen zu wollen.«

»Der Meinung bin ich auch«, bestätigte General Meiffert. »Sobald wir die Pässe freigegeben haben, wird er jeden unserer Männer abschlachten.«

Die Stimmung im Zelt war so bleiern wie der Himmel draußen.

»Ich denke, wir sollten ihm mit einem Brief antworten«, schlug Rikka vor. »Mit einem Brief, in dem wir ihm mitteilen, daß wir nicht glauben, er habe Zedd und Adie in seiner Gewalt. Wenn wir ihm glauben sollen, muß er uns einen Beweis liefern. Er soll uns ihre Köpfe schicken.«

Captain Zimmer vermerkte den Vorschlag mit einem Lächeln.

Der General trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte, während er darüber nachdachte. »Angenommen, es verhält sich so, wie Ihr vermutet, Prälatin, und Jagang hat sie tatsächlich in seiner Gewalt, dann sind uns die Hände gebunden – er wird sie töten. Und nach dem, was Zedd Jagangs Streitmacht in Aydindril angetan hat, ganz zu schweigen von dem verheerenden Schlag, den er der Imperialen Ordnung vergangenen Sommer, als die Mutter Konfessor bei uns weilte, versetzt hat, weiß ich, daß es kein schneller Tod sein wird. Aber letztendlich wird er sie töten.«

»Dann seid Ihr auch der Meinung, daß es keine andere Möglichkeit gibt?«, fragte Verna.

General Meiffert wischte sich mit der Hand über das Gesicht. »Ich gebe es nur äußerst ungern zu, aber ich fürchte, sie sind verloren. Deshalb sollten wir Jagang, glaube ich, nicht auch noch die Genugtuung verschaffen, ihm unsere wahren Gefühle diesbezüglich mitzuteilen.«

Verna drehte sich der Kopf bei der Vorstellung, daß Zedd und Adie gefoltert wurden, daß sie sich in der Gewalt Kaiser Jagangs und der Schwestern der Finsternis befanden. Ihr zitterten die Knie bei der Vorstellung, daß die d’Haranischen Streitkräfte Zedd verlieren könnten. Niemand außer ihm verfügte über seine Erfahrung, sein Wissen. Er war ganz einfach unentbehrlich.

»Also gut, schreiben wir Jagang einen Brief«, entschied Verna.

»Das Einzige, was wir tun können«, sagte Rikka, »ist, ihm das zu verweigern, wonach es ihn am meisten verlangt. Und das ist unsere Kapitulation.«

General Meiffert zog den Stuhl unter dem Tisch hervor und forderte Verna auf, Platz zu nehmen und den Brief aufzusetzen. »Falls ihn ein solches Schreiben tatsächlich ärgert, könnte es sein, daß er uns einfach ihre Köpfe schickt. In diesem Fall bliebe ihnen unvorstellbares Leid erspart. Es ist das Einzige, was wir für sie tun können – und gleichzeitig das Beste.«

Verna musterte forschend die grimmigen Mienen und vermochte nichts als Entschlossenheit in ihnen zu erkennen. Sie ließ sich auf dem Stuhl nieder, den General Meiffert ihr anbot, und entkorkte das Tinten-Faß, ehe sie dem kleinen Stapel in einer neben ihr stehenden Schachtel einen Bogen Papier entnahm.

Sie tauchte die Feder ein und starrte einen Augenblick auf das leere Blatt, um zu überlegen, wie sie das Schreiben formulieren sollte. Dabei versuchte sie sich vorzustellen, was Kahlan schreiben würde. Dann kam ihr ein Gedanke; sie beugte sich über den Tisch und schrieb.

Ich halte Euch nicht für fähig, Zauberer Zorander gefangen zu nehmen. Wenn doch, würdet Ihr uns zum Beweis seinen Kopf schicken. Und verschont uns mit Eurem Begehr, die Pässe zu öffnen, nur weil Ihr unfähig seid, es selbst zu tun.

Rikka, die ihr beim Schreiben über die Schulter gesehen hatte, rief aus: »Ich finde es gut.«

Verna sah zu den anderen auf. »Wie soll ich unterzeichnen?«

»Was würde Jagangs Zorn – oder seine Sorge – am meisten erregen?«, fragte Captain Zimmer.

Verna tippte das Ende der Feder gegen ihr Kinn und dachte nach. Dann fiel es ihr ein. Sie setzte die Feder auf das Blatt.

Unterzeichnet: die Mutter Konfessor.

47

Richard ließ die Augen auf der Suche nach irgendwelchen Anzeichen für Truppen über die Stelle im hinteren Teil des weiten, grünen Tals wandern. Dann sah er Owen an.

»Das ist Witherton?«

Owen, die Hände in den weichen Waldboden am höchsten Punkt der niedrigen Anhöhe gepreßt, zog sich naher zum Rand vor und reckte den Hals, um über die Kante schauen zu können. Schließlich nickte er, ehe er sich wieder zurückschob.

Richard hatte es sich größer vorgestellt. »Ich kann keine Soldaten erkennen.«

Rückwärts kriechend entfernte sich Owen von der Kante. Erst im schützenden Schatten der Farne und des dichten Unterholzes richtete er sich wieder auf und klopfte sich die feuchten Blätterreste von Hemd und Hose.

»Die Soldaten der Imperialen Ordnung bleiben meistens im Ort, denn sie haben kein Interesse daran, bei der Arbeit zu helfen. Sie brauchen unsere Lebensmittelvorräte auf und zocken um die Sachen, die sie unseren Leuten abgenommen haben. Wenn sie damit beschäftigt sind, interessieren sie sich kaum noch für etwas anderes.« Sein Gesicht wurde rot vor Zorn. »Früher haben sie nachts einige unserer Frauen geholt.« Da mehr als offenkundig war zu welchem Zweck, verzichtete Owen auf eine nähere Erklärung. »Manchmal kamen sie tagsüber, um nach unseren Leuten zu sehen, die auf den Feldern arbeiteten, oder um sich zu vergewissern, daß abends alle wieder in den Ort zurückkehrten.«

Falls die Soldaten einst außerhalb der Umwallung des Ortes gelagert hatten, so hatte sich das jetzt geändert; offenbar zogen sie die bequemeren Unterbringungsmöglichkeiten in der Ortschaft selbst vor. Sie hatten gelernt, daß diese Leute keinerlei Widerstand leisteten; Worte genügten, um sie einzuschüchtern und zu beherrschen. Die Soldaten der Imperialen Ordnung konnten völlig gefahrlos mitten unter ihnen nächtigen.

Der Wall, der Witherton urngab, versperrte Richard größtenteils die Sicht auf den eigentlichen Ort; außer durch die offenen Tore war nicht viel zu erkennen. Er war aus senkrechten Pfählen, unwesentlich höher als ein erwachsener Mann, errichtet worden. Die Pfähle selbst, von unterschiedlichem Durchmesser, nie jedoch mächtiger als handbreit, waren am oberen und unteren Ende fest mit Stricken vertäut. Der Schutzwall wand sich, mal nach innen, mal nach außen geneigt, in einer Schlangenlinie um die gesamte Ortschaft. Vor dem Wall gab es kein Bollwerk, nicht einmal einen Graben. Außer als Schutz gegen äsendes Rotwild oder vielleicht einen streunenden Bären bot der Wall kaum Schutz – gewiß nicht genug, um einem Angriff der Soldaten der Imperialen Ordnung standzuhalten.