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Zweifellos hatten die Soldaten ganz andere Gründe als die Stärke des Befestigungswalls dazu bewogen, die Ortschaft durch die Tore zu betreten; das Öffnen der Tore war ein Symbol der Unterwerfung gewesen.

Weite Teile des Tales wiesen keinerlei Baumbestand auf, so daß, neben den säuberlichen Reihen der gemeinschaftlich genutzten Gemüsegärten; genügend Platz für Getreidefelder blieb. Zäune aus ineinander verflochtenen Zweigen dienten als Pferch für die Kühe; dort waren die wilden Gräser zu kurzen Stoppeln abgefressen. In der Nähe einiger Verschläge tummelten sich ein paar Hühner, und ein paar vereinzelte Schafe knabberten am harten Gras.

Eine leichte Brise trug den Geruch von fetter Erde, Wildblumen und Gräsern bis zu dem Wald herüber, wo Richard wartete. Der Abstieg vom Paß war für ihn eine große Erleichterung gewesen; oben, auf den hochgelegenen Hängen, war das Atmen in der dünnen Luft mit der Zeit doch sehr beschwerlich geworden. Außerdem war es hier, auf der anderen Seite des hohen Gebirgspasses, erheblich wärmer, obwohl er nach wie vor fröstelte.

Richard suchte das weite Gelände des offenen Tals ein letztes Mal mit den Augen ab, ehe er und Owen sich durch das dichte Unterholz auf den Rückweg zu jener Stelle machten, wo die anderen warteten. Bei den Bäumen handelte es sich meist um Harthölzer, Ahorn oder Eiche, immer wieder unterbrochen von kleinen Birkenhainen, aber es gab auch Waldstücke mit hochaufragenden Nadelbäumen. Im dichten Laub zwitscherten Vögel. Ein Eichhörnchen auf einem hohen Fichtenzweig begrüßte sie, als sie vorübergingen, mit lautem Schnattern. Nur gelegentlich wurden die tiefen Schatten unter dem dichten Laubdach von Sonnensprenkeln durchbrochen.

Als Richard Owen auf die geschützte Waldlichtung führte, sprangen einige Männer hastig auf. Richard war froh, endlich wieder in den wärmenden, in spitzem Winkel einfallenden Sonnenstrahlen zu stehen.

Die Lichtung in dem dichten Wald war offenbar durch einen Blitzeinschlag in einen mächtigen, alten Ahornstamm entstanden. Hinter den aus dem Erdreich gerissenen Wurzeln traten weitere Männer ins Freie. Eine Vielzahl junger Föhren, nicht mehr als brusthoch, war in dem durch den plötzlichen und gewaltsamen Tod des alten Ahornbaumes entstandenen, sonnenbeschienenen Flecken aus dem Boden geschossen. Die übrigen Männer standen verteilt zwischen Kahlan, Cara, Jennsen und Tom – seine Armee.

Ansons Äußerung oben auf dem Paß, er wolle bei der Befreiung seines Volkes von der Imperialen Ordnung helfen, hatte den übrigen Männern offenbar den entscheidenden Anstoß geliefert, was schließlich den Ausschlag gegeben hatte: Ihr von Dunkelheit und Zweifel geprägtes Dasein war plötzlich dem leidenschaftlichen Wunsch nach einem Leben im Licht der Wahrheit gewichen. In einem atemberaubenden Augenblick der Entscheidung hatten die Männer erklärt, sich Richard und dem d’Haranischen Reich anschließen zu wollen, um im Kampf gegen die Soldaten der Imperialen Ordnung ihre Freiheit wiederzuerlangen.

Die Soldaten der Imperialen Ordnung, hatten sie entschieden, seien böse und hätten den Tod verdient – selbst dann, wenn sie das Töten selbst besorgen müßten.

Als Tom kurz den Kopf senkte, um zuzuschauen, wie Betty sich erneut über die jungen Kräuter hermachte, fiel Richard auf, daß ihm der Schweiß in Perlen auf der Stirn stand. Auch Cara fächelte sich mit ein paar großen Blättern des Gebirgsahorns Kühlung zu. Er wollte schon fragen, wie sie an einem so kühlen Tag schwitzen konnten, als ihm bewußt wurde, daß es das Gift war, das ihn frösteln ließ. Mit eisigem Grausen erinnerte er sich daran, wie ihn das Gift in jener furchtbaren Nacht, als ihm das letzte Mal so kalt gewesen war, um ein Haar getötet hätte.

Anson sowie ein weiterer Mann, John, ließen ihre Rucksäcke von den Schultern gleiten. Die beiden hatten vor, sich bei Einbruch der Nacht unter die in den Ort zurückkehrenden Feldarbeiter zu mischen. Sobald sie sich in den Ort geschlichen hatten, wollten sie das Gegenmittel beschaffen.

»Ich glaube, es wäre besser, wenn ich dich begleite«, wandte sich Richard an Anson. »John, warum wartest du nicht einfach hier bei den anderen?«

John machte ein überraschtes Gesicht. »Wenn Ihr es wünscht, Lord Rahl. Aber es ist wirklich nicht nötig, daß Ihr selber geht.«

»John hat Recht«, mischte sich Cara ein. »Die beiden werden es schon schaffen.«

Das Atmen wurde Richard zusehends zur Qual. Nur mit Mühe konnte er sein Husten unterdrücken.

»Ich weiß. Ich finde nur, ich sollte mir besser selbst einen Überblick verschaffen.«

Cara und Kahlan wechselten einen verstohlenen Seitenblick.

»Wenn du Anson in den Ort begleitest«, gab Jennsen zu bedenken, »kannst du aber dein Schwert nicht mitnehmen.«

»Ich habe nicht die Absicht, einen Krieg vom Zaun zu brechen. Ich will mich doch bloß etwas umsehen.«

Kahlan trat näher. »Die beiden können die Ortschaft erkunden und dir dann Bericht erstatten. In der Zwischenzeit könntest du dich ausruhen – sie werden nur wenige Stunden fort sein.«

»Ich weiß, aber ich glaube, so lange möchte ich nicht warten.«

Kahlan erkannte, welch ungeheure Schmerzen er litt, deshalb verzichtete sie darauf, das Thema weiter zu vertiefen, und gab sich statt dessen mit einem Nicken geschlagen.

Richard zog Waffengurt und Schwertgürtel über seinen Kopf, streifte beides Kahlan über und legte ihr den Waffengurt über die Schulter.

»Hiermit ernenne ich dich zum Sucher der Wahrheit.«

Sie nahm Schwert und Ehrung in Empfang, indem sie die geballten Fäuste in die Hüften stemmte. »Und daß du mir dort unten nicht irgendeinen Ärger anfängst. Das wäre gegen die Abmachung. Du und Anson, ihr werdet ganz auf euch gestellt sein. Wartet damit, bis wir alle wieder zusammen sind.«

»Das weiß ich doch. Sobald ich das Gegenmittel gefunden habe, sind wir im Handumdrehen wieder zurück.«

Doch Richard wollte mitnichten nur das Gegenmittel beschaffen, er wollte auch einen Blick auf die gegnerischen Streitkräfte und ihre Aufstellung werfen und sich die Anlage des Ortes einprägen. Sich von den Männern eine Karte in den Staub zeichnen zu lassen war eine Sache, die eigene Anschauung dagegen etwas völlig anderes, zumal diese Leute keine Winkel berechnen konnten.

Einer der Männer zog seine leichte Jacke aus, ein Kleidungsstück, wie es eine ganze Reihe von ihnen trug, und reichte sie Richard. »Hier, Lord Rahl, zieht das über. Damit wird man Euch eher für einen von uns halten.«

Richard streifte die Jacke mit einem dankbaren Nicken über. Der Mann hatte ungefähr seine Größe, die Jacke paßte also einigermaßen. Außerdem verdeckte sie das Messer in seinem Gürtel.

Jennsen musterte ihn kopfschüttelnd. »Ich weiß nicht, Richard. Du siehst einfach nicht aus wie einer von ihnen. Du siehst immer noch aus wie Lord Rahl.«

»Was redest du da?« Richard breitete die Arme aus und sah an sich herab. »Was gibt es an meinem Aussehen auszusetzen?«

»Deine Haltung ist viel zu aufrecht«, sagte sie.

»Zieh die Schultern hoch und laß den Kopf ein wenig hängen«, schlug Kahlan vor.

Richard nahm ihre Vorschläge ernst. Er hatte nicht weiter darüber nachgedacht, aber die Männer neigten tatsächlich stark dazu, die Schultern hochzuziehen. Er wollte auf jeden Fall vermeiden, aufzufallen. Wenn er nicht den Verdacht der Soldaten erregen wollte, mußte er mit der Menge verschmelzen. Er beugte den Oberkörper ein wenig vor.

»Etwa so?«

Jennsen verzog kritisch den Mund. »Kaum ein Unterschied.«

»Aber ich stehe doch schon vornübergebeugt.«

»Lord Rahl«, sagte Cara in mildem Ton und warf ihm einen viel sagenden Blick zu, »vielleicht erinnert Ihr Euch noch, wie es war hinter Denna herzugehen, als sie die Kette zu Eurem Halsring in Händen hielt. Versucht es einmal damit.«