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Richard sah sie aus halb zusammengekniffenen Augen an. Sich selbst plötzlich wieder vor seinem inneren Auge als Gefangenen der Mord-Sith zu sehen, war wie ein Schlag ins Gesicht. Er verzichtete jedoch auf eine passende Erwiderung und fügte sich, die Lippen fest aufeinander gepreßt, mit einem knappen Nicken. Die Erinnerung an diese entsagungsvolle Zeit war so deprimierend, daß er keine Mühe haben würde, sich mit ihrer Hilfe in seine Rolle zu versetzen.

»Wir sollten jetzt besser aufbrechen«, sagte Anson. »Sobald die Sonne hinter den Bergen versinkt, wird es hier rasch dunkel.« Er zögerte kurz, ehe er hinzufügte: »Lord Rahl, die Soldaten der Imperialen Ordnung kennen Euch nicht – was ich meine, ist, sie werden möglicherweise nicht merken, daß Ihr nicht aus dem Ort seid. Aber unsere Leute tragen keine Waffen. Wenn sie das Messer sehen, werden sie wissen, daß Ihr nicht aus unserem Ort seid und Alarm schlagen.«

Richard schlug seine Jacke zurück und betrachtete das Messer. »Du hast recht.« Er lockerte seinen Gürtel, streifte die Scheide mit dem Messer darin ab und reichte sie Cara zur Aufbewahrung.

Zum Abschied legte er Kahlan kurz die Hand an die Wange; sie ergriff sie mit beiden Händen und drückte ihm einen flüchtigen Kuß auf den Handrücken.

Den Männern war Kahlans zärtliche Geste nicht entgangen, was Richard jedoch keineswegs peinlich war. Sie sollten ruhig wissen, daß andere sich in wichtigen, menschlichen Verhaltensweisen nicht von ihnen unterschieden. Genau dafür kämpften sie schließlich – für die Chance auf ein menschenwürdiges Dasein, zu lieben und seine Lieben in Ehren zu halten, und für ein selbstbestimmtes Leben.

Das Licht schwand rasch, während Richard und Anson sich einen Weg durch den Wald bahnten und schließlich an Feldern voller wilder Gräser entlanghasteten. Richard wollte sich bis zu der Stelle vorarbeiten, wo der Wald näher an die in den Gärten unkrautjätenden und das Vieh versorgenden Landarbeiter heranreichte. Wegen der hohen Berge im Westen ging die Sonne lange vor der eigentlichen Abenddämmerung in ihrem Rücken unter, so daß der Himmel eine tiefe blaugrüne Farbe annahm und das Tal selbst in ein seltsam güldenes Dämmerlicht getaucht wurde.

Als Richard und Anson die Stelle erreichten, wo sie den Wald verlassen wollten, war es noch immer ein wenig zu hell, so daß sie einen Augenblick warteten, bis das schwindende Licht über den Feldern düster genug war, um ihnen Deckung zu geben. Die Ortschaft lag noch ein gutes Stück entfernt, und da Richard draußen vor den Toren niemanden erkennen konnte, nahm er an, daß Soldaten, die in ihre Richtung blickten, ihn ebenso wenig sehen konnten.

Schließlich hasteten sie in geduckter Haltung und immer in Deckung über das mit wilden Gräsern bewachsene Feld; Anson deutete nach vorn. »Die Männer dort sind auf dem Weg zurück in den Ort; wir sollten uns ihnen anschließen.«

Mit leiser Stimme sagte Richard über die Schulter: »Einverstanden, aber vergiß nicht, wir dürfen ihnen nicht zu nahe kommen, sonst erkennen sie dich womöglich wieder und machen unnötigen Lärm. Wir lassen sie ein gutes Stück vorausgehen.«

Als sie den Ortswall erreichten, sah Richard, daß das Tor nur aus zwei Teilen des Palisadenzauns bestand. Die Torflügel waren mit zwei an der Vorderseite befestigten Querstangen, nicht dicker als Richards Handgelenk, versteift worden. Die Stricke, mit denen die Querstangen zusammengehalten wurden, dienten gleichzeitig als Angeln. Beide Teile des Palisadenzauns wurden einfach angehoben und zum Öffnen oder Schließen zur Seite geschwenkt. Alles andere als eine sichere Befestigung.

Im trüben Licht der Abenddämmerung konnten die beiden Posten, die unmittelbar innerhalb des Tores auf und ab gingen und die rückkehrenden Feldarbeiter mißtrauisch musterten, kaum etwas von Richard und Anson erkennen. In ihren Augen waren sie bloß zwei weitere Feldarbeiter.

Beim Gehen zog Richard die Schultern hoch und ließ den Kopf hängen. Die beiden Torposten schenkten ihm keinerlei Beachtung.

Sie hatten die beiden Posten fast schon passiert, da streckte der nähere der beiden plötzlich den Arm vor, packte Anson am Ärmel und riß ihn mit einem Ruck zu sich herum.

»Ich will ein paar Eier«, verlangte der junge Soldat. »Gib mir einige von denen ab, die du eingesammelt hast.«

Anson stand da, die Augen weit aufgerissen, unschlüssig, wie er sich verhalten sollte. Daß man diesen zwei jungen Kerlen erlaubte, ihrer Sache zu dienen, indem sie andere schikanierten, schien absurd. Sofort war Richard an seiner Seite und mischte sich ein, stets darauf bedacht, den Kopf gesenkt zu halten, um den jungen Burschen nicht zu überragen.

»Wir haben keine Eier, Sir. Wir waren Unkraut jäten, in den Bohnenfeldern. Tut mir leid. Wenn Ihr wollt, bringen wir Euch morgen Eier mit.«

Richard hob kurz den Kopf, im selben Augenblick, als der Posten ihm den Handrücken ins Gesicht schlug und ihn glatt rücklings zu Boden streckte. Er riß sich augenblicklich zusammen und unterdrückte seinen Zorn. Statt dessen wischte er sich das Blut vom Mund und beschloß zu bleiben, wo er war.

»Es stimmt, was er sagt«, bestätigte Anson, um die Aufmerksamkeit des Postens auf sich zu lenken. »Wir haben Unkraut in den Bohnen gejätet. Wenn Ihr wollt, bringen wir Euch morgen Eier mit – so viel Ihr wollt.«

Der Posten brummte einen Fluch in ihre Richtung, ehe er, seinen Kameraden im Schlepptau, davonstolzierte. Die beiden hielten auf ein längliches, gedrungenes Gebäude zu, vor dessen niedriger Eingangstür eine Fackel an einem Pfahl festgebunden war. Im flackernden Schein der Fackel konnte Richard den Zweck des Bauwerks nicht erkennen, es schien jedoch eine Art Langhaus zu sein, teilweise in die Erde eingegraben, so daß sich die Traufe ungefähr in Augenhöhe befand. Als die beiden Soldaten in sicherer Entfernung waren, reichte Anson Richard die Hand, um ihm aufzuhelfen. Richard hatte den Schlag gar nicht als übermäßig hart empfunden, trotzdem drehte sich ihm der Kopf.

Kaum hatten sie sich wieder in Bewegung gesetzt, da tauchten in Türöffnungen und hinter dunklen Ecken Gesichter auf, die sie verstohlen beobachteten. Blickte Richard in ihre Richtung, wurden sie sofort zurückgezogen.

»Sie wissen, daß Ihr nicht von hier seid«, raunte Anson ihm zu.

Richard mochte nicht darauf vertrauen, daß keiner dieser Leute die Posten alarmierte. »Wir sollten uns beeilen und uns holen, weswegen wir hergekommen sind.«

Anson nickte und führte Richard hastig eine schmale Straße entlang, die dem Anschein nach auf beiden Seiten von eng beieinander stehenden Häusern, eigentlich eher Hütten, gesäumt war. Die Fackel vor dem länglichen Gebäude, in dem die Soldaten verschwunden waren, warf nur ein spärliches Licht in diese Straße. Soweit Richard es im Dunkeln erkennen konnte, machte der Ort – eigentlich eher eine Siedlung als eine richtige Ortschaft – einen schäbigen Eindruck. Viele Gebäude schienen Behausungen für Vieh und nicht für Menschen zu sein. Nur selten fiel ein Lichtschein aus den gedrungenen Häusern nach draußen, und die Lichter, die er sah, schienen eher von Kerzen denn von Lampen zu stammen.

Am Ende der Straße traten Richard und Anson durch eine kleine Seitentür in ein größeres Gebäude. Die Kühe drinnen protestierten laut muhend gegen die Störung. Schafe raschelten aufgeschreckt in ihren Verschlägen, ein paar Ziegen, in anderen Ställen, meckerten nervös. Richard und Anson warteten ab, bis die Tiere sich wieder beruhigt hatten, dann begaben sie sich quer durch die Scheune zu einer seitlich stehenden Leiter. Richard folgte Anson, als dieser mit schnellen Bewegungen auf einen kleinen Heuboden kletterte.

An der Rückwand des Heubodens langte Anson über einen Dachsparren und tastete sich bis zu der Stelle vor, wo dieser, hinter einer Querstrebe, in die Wand eingelassen war. »Hier ist es«, sagte er und verzog das Gesicht, während er mit gestrecktem Arm in das Versteck hineinlangte.

Er brachte ein kleines, rechteckiges Fläschchen zum Vorschein, das er Richard in die Hand drückte. »Dies ist das Gegenmittel. Trinkt es rasch aus, und dann laßt uns von hier verschwinden.«