Mit einem Knall flog die große Tür auf. Obwohl draußen völlige Dunkelheit herrschte, spendete die am Ende der Straße angebrachte Fackel genug Licht, daß sich in der Tür die breiten Umrisse eines Mannes abzeichneten. Seinem Gebaren nach konnte es sich nur um einen Soldaten handeln.
Richard entkorkte das Fläschchen; das Gegenmittel verströmte ein schwaches Zimtaroma. Er stürzte es in einem Zug hinunter, ohne recht auf den süßlich-pikanten Geschmack zu achten. Den Mann in der Tür ließ er keinen Moment aus den Augen.
»Wer ist da?«, blaffte der.
»Sir«, rief Richard nach unten, »ich hole nur ein wenig Heu für das Vieh.«
»Im Dunkeln? Was zum Teufel hast du vor? Komm da sofort runter, auf der Stelle!«
Richard legte Anson eine Hand auf die Brust und schob ihn zurück in das Dunkel. »Jawohl, Sir, bin schon unterwegs«, rief Richard dem Soldaten zu, bereits auf den Sprossen, die er hastig hinunterkletterte.
Am Fuß der Leiter drehte er sich um und sah den Mann auf sich zukommen. Soeben wollte er nach seinem Messer unter seiner Jacke greifen, als ihm einfiel, daß er es gar nicht mitgenommen hatte. Der Soldat war immer noch ein dunkler Schattenriß vor der offenen Scheunentür. Da Richard im Dunkeln stand, war er für ihn vermutlich unsichtbar. Lautlos entfernte er sich ein Stück von der Leiter.
Als der Soldat unmittelbar neben ihm vorüberging, trat Richard geräuschlos hinter ihn, griff an dessen Seite und schloß die Finger um das Messer, das neben der Axt in seiner Scheide am Gürtel hing. Vorsichtig zog er es heraus, just als der Soldat stehen blieb und die Leiter zum Heuboden hinaufblickte.
Richard griff ihm mit einer Hand ins Haar, faßte mit der anderen um ihn herum und schlitzte ihm mit einem tiefen Schnitt die Kehle auf, ehe dieser überhaupt wußte, wie ihm geschah. Er hielt den sich in seinen Armen windenden Soldaten fest, dessen einziges Geräusch ein gurgelndes Röcheln war.
»Anson«, rief Richard leise die Leiter hinauf, während er den Mann zu Boden gleiten ließ, »komm jetzt, wir verschwinden.«
Anson hastete die Leiter herunter, drehte sich, unten angekommen, herum und sah die dunklen Umrisse des am Boden liegenden Toten.
»Was ist passiert?«
Richard, damit beschäftigt, den Waffengurt von dem massigen reglosen Körper zu lösen, sah auf. »Ich habe ihn getötet.«
»Oh.«
Er reichte Anson das in seiner Scheide steckende Messer. »Hier, bitte. Jetzt besitzt du eine echte Waffe – ein Langmesser.«
Richard wälzte den Toten herum, um den Gürtel vollends unter seinem Körper hervorzuziehen. Kaum hatte er ihn befreit, vernahm er hinter sich ein Geräusch und konnte sich gerade noch rechtzeitig herumdrehen, um einen zweiten Soldaten auf sie zustürmen zu sehen.
Anson rammte ihm das Langmesser wuchtig bis zum Heft in die Brust. Der Soldat taumelte nach hinten. Richard, den Waffengurt in der Hand, war sofort auf den Beinen. Der Soldat schnappte keuchend nach Luft, während er mit beiden Händen krampfhaft an dem Messergriff zerrte. Schließlich sackte er schwer auf die Knie; eine Hand griff ins Leere, dann begann er zu schwanken und kippte mit einem letzten Aufstöhnen auf die Seite.
Anson starrte auf den am Boden zusammengesunkenen Toten mit dem Messer in der Brust.
»Alles in Ordnung?«, erkundigte sich Richard leise, als Anson endlich den Blick von ihm löste.
Er nickte. »Ich erkenne ihn wieder. Wir haben ihn Wiesel genannt. Der Kerl hat den Tod verdient.«
Richard gab Anson einen tröstlichen Klaps auf den Rücken. »Du hast richtig gehandelt. Jetzt laß uns von hier verschwinden.«
Als sie die kleine Straße zurückliefen, bat Richard Anson, einen Moment zu warten, während er in den Seitenstraßen und zwischen den gedrungenen Bauten nachsah, ob sich dort noch weitere Soldaten herumtrieben. Im Dunkeln war Richard, der als Waldführer oft nachts das Gelände erkundet hatte, in seinem Element.
Der Ort war wesentlich kleiner als erwartet, und obendrein erheblich weniger durchdacht angelegt, als er angenommen hatte; die primitiven Bauten standen ohne erkennbaren Plan über das Gelände verteilt. Die Straßen dieser aufs Geratewohl in die Landschaft gesetzten Ortschaft, sofern man sie überhaupt so nennen konnte, waren in den meisten Fällen wenig mehr als simple Trampelpfade zwischen Gruppen kleiner, aus nur einem Raum bestehender Hütten. Er sah ein paar Handkarren, jedoch nichts technisch aufwendigeres. Es gab nur eine einzige Fahrstraße durch den Ort – sie führte wieder zur Scheune zurück, wo sie das Gegenmittel gefunden hatten und auf die beiden Soldaten gestoßen waren –, die breit genug war, um einen Wagen aufzunehmen. Seine Suche nach patrouillierenden Soldaten blieb ergebnislos.
»Weißt du, ob die Soldaten der Imperialen Ordnung stets zusammenbleiben?«, fragte er Anson, der in den Schatten auf ihn wartete, bei seiner Rückkehr.
»Nachts ziehen sie sich zurück. Sie schlafen in unserem Langhaus gleich am Ortseingang.«
»Du meinst das gedrungene Gebäude, in dem die beiden Torposten verschwunden sind?«
»Genau. Früher hat sich nachts dort der größte Teil der Einwohnerschaft eingefunden, aber jetzt benutzen es die Männer der Imperialen Ordnung für sich allein.«
Richard musterte ihn stirnrunzelnd. »Soll das etwa heißen, ihr habt alle unter einem Dach geschlafen?«
Die Frage schien Anson leicht zu erstaunen. »Ja, sicher. Wir waren so oft wie möglich zusammen. Viele hatten ein Haus, in dem sie arbeiten, essen und ihren Besitz aufbewahren konnten, aber geschlafen haben sie dort nur selten. Gewöhnlich schliefen wir alle zusammen in den Schlafhäusern, nachdem wir dort zusammengekommen waren, um über die Ereignisse des Tages zu sprechen. Bisweilen kam es auch vor, daß jemand woanders übernachtete, meist aber schliefen wir alle zusammen dort.«
»Und alle haben sich ... einfach nebeneinander hingelegt?«
Anson wandte verlegen den Blick ab. »Paare haben sich oft von den anderen abgesondert, indem sie sich unter einer gemeinsamen Decke verbargen, aber sie waren trotzdem nicht von der Gemeinschaft ausgeschlossen: nur daß sie im Dunkeln eben niemand sehen konnte, wenn sie ... zusammen unter einer Decke lagen.«
Es bereitete Richard einige Mühe, sich diese Art des Zusammenlebens vorzustellen. »Der ganze Ort paßte in dieses Schlafhaus? Dort war für alle Platz?«
»Nein, für ein einziges Schlafhaus waren wir zu viele. Es gibt noch ein zweites.« Anson zeigte darauf. »Es steht dort drüben, genau hinter dem einen, das Ihr bereits gesehen habt.«
»Dann sollten wir uns dort einmal umsehen.«
Sie begaben sich rasch zurück zu dem sogenannten Stadttor und den Schlafhäusern. Die Straße war menschenleer, und auch auf den Pfaden zwischen den einzelnen Häusern sah Richard keine Menschenseele. Wer im Ort zurückgeblieben war, war offenbar schlafen gegangen oder hatte Angst, bei Dunkelheit das Haus zu verlassen.
Eine Tür in einem der winzigen Wohnhäuser öffnete sich einen Spaltbreit, so als spähte jemand nach draußen. Schließlich wurde die Tür ganz geöffnet, und eine schmächtige Gestalt kam heraus und lief auf sie zu.
»Ansonl«, zischte eine flüsternde Stimme.
Der Junge war vielleicht fünfzehn Jahre alt. Er ließ sich auf die Knie fallen, umklammerte Ansons Arm und küßte ihm vor Freude über das Wiedersehen die Hand.
»Ich bin so froh, daß du wieder zu Hause bist, Anson! Wir haben dich so vermißt. Wir hatten große Angst um dich – wir dachten, du wärst vielleicht ermordet worden.«
Anson packte den Jungen bei seinem Hemd und zog ihn wieder auf die Beine. »Bernie, es geht mir gut, und ich freue mich zu sehen, daß du wohlauf bist, aber jetzt mußt du wieder zurück ins Haus. Die Soldaten könnten dich sehen. Wenn sie dich auf der Straße antreffen ...«
»Bitte, Anson, schlaf doch bei uns zu Hause. Wir sind so allein und fürchten uns so.«
»Wer ist wir?«
»Jetzt nur noch ich und Großvater. Bitte komm mit und bleib bei uns.«