»Das geht im Augenblick nicht. Vielleicht ein andermal.«
Der Junge sah hoch zu Richard und wich, als er merkte, daß er ihn nicht kannte, erschrocken zurück.
»Das ist ein Freund von mir, Bernie – aus einem anderen Ort.« Anson ging neben dem Jungen in die Hocke. »Bitte, Bernie, ich komme ja wieder, aber jetzt mußt du ins Haus zurückgehen und die Nacht über dort bleiben. Laß dich draußen nicht blicken. Wir fürchten, daß es Ärger geben könnte. Bleib zu Hause und richte deinem Großvater aus, was ich gesagt habe, in Ordnung?«
Schließlich hatte Bernie ein Einsehen und lief wieder zu dem dunklen Hauseingang zurück. Richard hatte es eilig, den Ort zu verlassen, ehe noch jemand auftauchte, um ihnen seine Aufwartung zu machen. Wenn er und Anson nicht acht gaben, würden sie am Ende noch die Aufmerksamkeit der Soldaten auf sich ziehen.
Mit schnellen Schritten liefen sie bis zum Ende der Straße, indem sie die Häuser als Deckung benutzten. Den Rücken an die Seitenwand eines Gebäudes ganz am Ende der Straße gepreßt, spähte Richard vorsichtig um die Ecke, hinüber zu dem aus Flechtwerk und Lehm errichteten Schlafhaus, in dem die Torposten verschwunden waren. Die Tür stand offen, so daß davor ein warmer Lichtschein über den Weg fiel.
»Da drinnen?«, fragte Richard leise. »Dort habt ihr alle geschlafen?«
»Ja. Das ist eines der Schlafhäuser, und gleich dahinter steht das andere.«
Richard dachte einen Moment nach. »Was habt ihr als Schlafunterlagen benutzt?«
»Stroh. Normalerweise haben wir Decken darüber gelegt und es häufig gewechselt, so daß es stets frisch war. Aber um so was scheren sich diese Kerle nicht. Sie schlafen wie die Tiere in staubigem, altem Stroh.«
Richard sah zum Tor hinaus auf die Felder, dann wieder zurück zum Schlafhaus.
»Und jetzt liegen die Soldaten alle dort drinnen und schlafen?«
»Ja. Sie haben das Gebäude einfach beschlagnahmt und es zu ihrer Kaserne erklärt. Unsere Leute – wer von ihnen noch lebt – müssen jetzt schlafen, wo immer sie ein passendes Plätzchen finden.«
Richard hieß Anson sich nicht von der Stelle zu rühren, während er sich, jenseits des Lichtscheins der Fackel, durch die Schatten davonmachte, um das Gelände hinter dem ersten Gebäude zu erkunden. Das zweite Langhaus war ebenfalls mit lachenden und sich unterhaltenden Soldaten belegt. Die Männer waren zahlreicher, als für die Bewachung einer so kleinen Ortschaft nötig gewesen wäre, andererseits lag Witherton an der Einfallstraße nach Bandakar hinein – und hinaus.
»Komm«, sagte Richard, als er wieder neben Anson auftauchte, »gehen wir zu den anderen zurück. Ich habe eine Idee.«
Auf dem Weg zum Tor blickte Richard, wie so oft, nach oben, um den sternenübersaten Himmel nach Anzeichen für die Riesenkrähen abzusuchen. Dabei fiel ihm auf, daß an den Pfählen rechts und links des Tores jeweils ein an den Füßen aufgehängter Leichnam hing. Als Anson sie ebenfalls bemerkte, ließ ihn der grausige Anblick wie versteinert stehen bleiben.
Richard legte ihm eine Hand auf die Schulter und beugte sich zu ihm. »Alles in Ordnung mit dir?«
Anson schüttelte den Kopf. »Nein. Mir wird es erst wieder besser gehen, wenn die Barbaren, die hergekommen sind, um so etwas zu tun, tot sind.«
48
Richard wußte nicht, ob er sich nach Einnahme des Gegenmittels besser fühlen sollte, aber wenn ja, dann hatte seine Wirkung noch nicht eingesetzt. Seine Brust schmerzte bei jedem Atemzug, als sie sich über die in pechschwarzer Dunkelheit daliegenden Felder anschlichen. Er blieb stehen und schloß kurz die Augen, als die von der Gabe verursachten Kopfschmerzen übermächtig wurden. Nichts hätte er lieber getan, als sich einen Augenblick hinzulegen, aber dafür war keine Zeit. Als er sich wieder in Bewegung setzte, schlossen sich ihm die anderen erneut an und bewegten sich lautlos über die Felder vor den Toren Withertons.
Wenigstens war es ein gutes Gefühl, sein Schwert wieder bei sich zu haben, auch wenn ihn die Vorstellung grauste, es ziehen zu müssen, denn es stand zu befürchten, daß ihm seine Magie nicht mehr zur Verfügung stand. Sobald sie die beiden anderen Fläschchen mit dem Gegenmittel beschafft hatten und er von dem Gift befreit war, würden sie es vielleicht schaffen, Nicci aufzusuchen, damit sie ihm bei seinen Schwierigkeiten mit der Gabe helfen konnte.
»Ich glaube, ich kann bereits die äußere Umwallung erkennen«, raunte Kahlan.
»Ja, das ist die Stelle.« Richard zeigte nach vorn. »Dort drüben ist das Tor. Siehst du?«
»Ich glaube ja«, gab sie leise zurück.
Es war eine vollkommen dunkle, mondlose Nacht. Im Gegensatz zu den anderen, die kaum etwas erkennen konnten, als sie sich durch das Dunkel tasteten, war Richard glücklich über die Bedingungen. Ihm reichte zum Sehen das Sternenlicht, er bezweifelte allerdings, daß die Soldaten sie bei dieser geringen Helligkeit erspähen konnten.
Als sie näher heranschlichen, rückte, jenseits des Tores, das Schlafhaus ins Blickfeld. Die Fackel draußen vor der Tür des Langhauses, in dem die Soldaten schliefen, brannte noch. Richard bedeutete den anderen per Handzeichen, sich um ihn zu scharen. Alle kauerten geduckt am Boden. Er packte Anson bei der Schulter seines Hemdes und zog ihn näher zu sich heran, ehe er das Gleiche bei Owen tat.
Beide waren mittlerweile mit Streitäxten bewaffnet. Anson trug außerdem noch das Messer, das er erbeutet hatte. Die übrigen Männer trugen die Waffen, bei deren Fertigstellung sie eigenhändig mitgeholfen hatten.
Nach ihrer Rückkehr auf die Waldlichtung hatte Anson die wartenden Männern ausführlich über die Vorfälle im Ort unterrichtet. Als er in seiner Schilderung auf die Tötung des Mannes mit Namen Wiesel zu sprechen kam, hielt Richard gespannt den Atem an; er war unsicher, wie die Männer darauf reagieren würden, daß einer aus ihren Reihen tatsächlich einen Menschen getötet hatte. Doch das anfänglich verstörte Schweigen wich Augenblicke später spontaner Freude über das gelungene Bravourstück. Während er darauf wartete, daß die Nacht noch dunkler wurde, hatte er sie ein wenig feiern lassen, anschließend waren sie aufgebrochen und hatten sich quer über die Felder angeschlichen.
In dieser Nacht würde Witherton seine Freiheit zurückerlangen.
Richard ließ den Blick über die dunklen Gestalten schweifen. »Also gut, denkt daran, was wir euch erklärt haben. Ihr müßt absolut leise sein und die Tore vollkommen ruhig halten, während Anson und Owen die Stricke, an denen sie aufgehängt sind, durchschneiden. Und laßt die Tore bloß nicht fallen, sobald die Angeln durchtrennt sind.«
Im matten Licht der Sterne konnte Richard nur schemenhaft erkennen, daß die Männer seine Anweisungen mit einem Nicken quittierten. Sorgfältig suchte er den Himmel mit den Augen nach Anzeichen für die Riesenkrähen ab. konnte aber keine erkennen. Mittlerweile war es schon längere Zeit her, daß sie die Vögel gesichtet hatten. Alles deutete darauf hin, daß ihr Täuschungsmanöver funktioniert hatte und es ihnen tatsächlich gelungen war, sich Nicholas’ Überwachung zu entziehen. Traf dies tatsächlich zu, konnte er unmöglich wissen, wo er die Suche nach ihnen wieder aufnehmen sollte.
Ein kurzer Händedruck mit Kahlan, dann lief er los und hielt auf die Öffnung im Palisadenzaun des Ortes zu. Tom und Jennsen bildeten die Nachhut, um sie gegen etwaige Überraschungen von hinten abzusichern.
Als sie die Felder unmittelbar vor den Toren des Ortes erreichten, bedeutete Richard allen per Handzeichen, sich flach auf den Boden zu legen und nicht von der Stelle zu rühren. Begleitet von Tom, rückte er im Schatten des Palisadenzaunes bis zum Tor selbst vor. Unmittelbar innerhalb der Toröffnung schritt ein einzelner Posten auf seiner einsamen nächtlichen Wache gemächlich auf und ab. Besondere Vorsicht ließ er dabei nicht walten, sonst hätte er diesen Dienst nicht im Schein der Fackel verrichtet.
Als der Posten kehrtmachte, um sich wieder von ihnen zu entfernen, schlich Tom sich von hinten an ihn heran und brachte ihn blitzschnell zum Schweigen. Noch während er den Toten durch das Tor schleifte, um ihn im Dunkel draußen vor den Palisaden zu verstecken, schlüpfte Richard, sich in den Schatten und fern von der vor dem Schlafhaus brennenden Fackel haltend, durch das Tor. Die Tür zum Schlafhaus stand offen, doch von drinnen drangen weder Geräusche noch Licht hervor. Zu dieser späten Stunde schliefen die Soldaten sicher längst.