Er bewegte sich am ersten Langhaus vorbei zum zweiten, wo er auf einen weiteren Posten stieß. Schnell und lautlos packte Richard ihn, schnitt ihm die Kehle durch und hielt ihn fest, während er sich in seinen Armen wand. Als er endlich erschlaffte, legte er ihn an der Stirnseite des zweiten Schlafhauses, außerhalb des Fackelscheins, im Dunkeln ab.
Ein gutes Stück entfernt hatten die anderen bereits das Tor erklommen und hoben es leicht an, damit Anson und Owen die als Angeln dienenden Stricke durchtrennen konnten. Augenblicke später hatten sie beide Flügel des Tores herausgelöst. Richard hörte das leise, angestrengte Ächzen, als die schweren Torflügel von zwei Trupps mit Muskelkraft herumgeschwenkt wurden.
Jennsen reichte ihm seinen bereits gespannten Bogen, dazu einen der präparierten Pfeile. Die übrigen hielt sie für ihn bereit. Unterdessen huschte Kahlan zu der am Pfahl vor dem ersten Gebäude befestigten Fackel und entzündete daran mehrere kleinere Fackeln, die sie, eine nach der anderen, an die Männer weiterreichte. Eine behielt sie für sich selbst zurück.
Richard legte den Pfeil auf die Sehne, ließ den Blick über die Gesichter schweifen, die im flackernden Schein der Fackeln vor ihm zu schweben schienen, bis sie, als Antwort auf seine unausgesprochene Frage, mit einem Nicken ihre Bereitschaft signalisierten. Dann sah er zu den Männern hinüber, die die beiden Torflügel im Gleichgewicht hielten, und sah sie ebenfalls nicken. Den Bogen in der Hand, den Pfeil an seinem Platz fixiert, gab Richard ihnen das verabredete Handzeichen, worauf sie sich augenblicklich in Bewegung setzten.
Was auf dem Weg vom Wald bis in den Ort als langsames, behutsames Vorantasten begonnen hatte, verwandelte sich schlagartig in einen beherzten Sturmangriff.
Richard hielt die Spitze des in seinen Bogen eingelegten Pfeils in die Flamme der Fackel, die Kahlan ihm hinhielt. Sobald dieser Feuer gefangen hatte, lief er zur offenen Tür des Schlafhauses und schoß den Pfeil in den rückwärtigen Teil des Gebäudes.
Der lichterloh brennende Pfeil sirrte der Länge nach durch das Gebäude und beleuchtete auf seinem Flug Reihe um Reihe der auf ihren Strohlagern schlafenden Soldaten. Kurz vor der Rückwand senkte sich der Pfeil, bohrte sich in den Boden und verteilte seine Flammen über das Stroh, ein verstörender Anblick, der manch einen benommen den Kopf heben ließ. Sofort reichte Jennsen ihm den nächsten. Wieder riß er die Sehne an die Wange, der Pfeil schnellte los und schoß auf den mittleren Teil des Gebäudes zu.
Richard trat von der Tür zurück, um zweien seiner Männer Platz zu machen, die darauf prompt ihre von brennendem Pech triefenden Fackeln in den Innenraum schleuderten. Ein kurzes Rauschen, während sie sich in der Luft befanden, dann landeten sie inmitten der Schlafenden im weichen Stroh, sprangen einmal hoch und rollten schließlich aus, wobei sie eine wahre Feuerwand entfachten.
Wenige Herzschläge nach Beginn des Angriffs stand das erste Schlafhaus bereits von einem Ende bis zum anderen lichterloh in Flammen. Wie beabsichtigt, hatten die in Pech getauchten Fackeln am Ende des Gebäudes, nahe der Tür die größte Feuersbrunst entfacht. Aus dem Innern drangen, durch die dicken Wände gedämpft, verwirrte Schreie, als die schlaftrunkenen Soldaten auf die Beine zu kommen versuchten.
Nachdem Richard sich vergewissert hatte, daß die Männer mit den schweren Torflügeln im Anmarsch waren, lief er um das Schlafhaus herum zum zweiten Gebäude. Jennsen, unmittelbar hinter ihm, reichte ihm einen Pfeil, dessen um einen ölgetränkten Lappen lodernde Flammen beim Laufen ein dumpfes Rauschen von sich gaben.
Vor dem Gebäude, vor dem der von Richard getötete Posten auf und ab gegangen war, riß einer seiner Männer die Fackel aus ihrer Halterung. Richard steckte den Kopf zur Tür hinein und sah einen bulligen Kerl aus dem dunklen Schlafraum auf sich zustürzen. Den Rücken am Türpfosten abgestützt, versetzte er ihm einen Tritt mitten auf die Brust, der ihn nach hinten warf.
Richard riß die Bogensehne zurück und ließ den lichterloh brennenden Pfeil in das Schlafhaus schnellen. Als er auf seinem Flug das Innere des Hauses beleuchtete, konnte er sehen, daß einige Soldaten aufgewacht waren und gerade aufstehen wollten. Er wandte sich herum, um von Jennsen den zweiten brennenden Pfeil entgegenzunehmen, und sah aus dem ersten Schlafhaus Rauch hervorquellen.
Kaum hatte er die Sehne an die Wange gerissen und den zweiten Pfeil losschnellen lassen, gab er sogleich die Tür frei, damit seine Leute ihre Fackeln hineinschleudern konnten.
Eine kam wieder zur Tür herausgerollt: sie war von der Brust eines zum Ausgang stürzenden Soldaten, der draußen nach dem Rechten sehen wollte, abgeprallt. Das brennende Pech hatte seinen öligen Bart in Brand gesetzt, und er stieß einen gräßlichen Schrei aus. Richard beförderte ihn mit einem Fußtritt zurück nach drinnen. Augenblicke später stürmten Soldaten im Dutzend zum Ausgang – Richard sah es allenthalben blinken, als sie ihre Waffen zogen.
Er schnellte von der Türöffnung zurück, als die Männer, die den schweren Flügel des Ortstores schleppten, angelaufen kamen. Sie schwenkten das Tor seitlich herum und rammten es unter die Dachtraufe, doch noch ehe sie das untere Ende absetzen und am Boden verankern konnten, warfen sich die brüllenden Krieger aus dem Innern des Gebäudes mit ihrem ganzen Gewicht gegen den Torflügel und drückten ihn zurück. Die Männer, die ihn hielten, wurden nach hinten gedrängt, bis sie unter dem Gewicht den Halt verloren und das Tor sie unter sich begrub.
Urplötzlich kamen Krieger in Scharen zur Tür herausgeströmt; doch Richards Männer waren vorbereitet. So wie ihre Gegner einer nach dem anderen aus der Tür hervordrängten, machten sie sich augenblicklich über sie her bohrten ihnen die hölzernen Waffen in den weichen Unterleib und brachen anschließend die Griffe ab. Andere hatten sich seitlich neben der Tür plaziert und machten ausgiebig Gebrauch von ihren Keulen, um den Soldaten, sobald sie sich in der Tür zeigten, den Schädel einzuschlagen. Als einer von ihnen mit erhobenem Schwert herauskam, zertrümmerte ihm der Mann neben der Tür den Arm, während ein zweiter herbeistürzte und ihm den hölzernen Pflock von unten unter die Rippen rammte. Je mehr von ihnen unmittelbar hinter der Schwelle zu Boden gingen, desto stärker wurden die dahinter Nachdrängenden aufgehalten und konnten um so leichter unschädlich gemacht werden.
Teils waren die Soldaten so verblüfft, diese Leute kämpfen zu sehen, daß sie kaum fähig waren, sich wirkungsvoll zu wehren. Als einer über die den Türeingang verstopfenden Leichen hinwegsetzte und sein Schwert hochriß, sprang ein Mann ihn von hinten an und riß ihm den Arm auf den Rücken, während ein zweiter ihn erstach. Ein anderer stürmte, Befehle blaffend, auf Jennsen los, nur um von einem Armbrustbolzen mitten im Gesicht getroffen zu werden. Einigen Soldaten gelang es. aus dem brennenden Gebäude zu entkommen und sich an Richards Kriegern vorbeizudrücken, doch dort erwartete sie bereits Caras Strafer. Ihre Schreie, entsetzlicher als die ihrer brennenden Kameraden, zogen für einen Moment die Blicke aller auf sich, auf beiden Seiten des Gefechts.
Auf den Boden gefallene Messer oder Schwerter wurden von den Männern aus dem Ort sofort aufgehoben und gegen die Soldaten der Imperialen Ordnung gerichtet. Richard feuerte einem Krieger einen Pfeil mitten in die Brust als dieser sich aus dem zur Tür herausquellenden Rauch schälte. Noch während er zu Boden ging, fällte ein zweiter Pfeil bereits den Soldaten unmittelbar hinter ihm. Immer mehr Männer stürzten aus dem Gebäude hervor, stolperten über ihre sich rings um die Türöffnung stapelnden Kameraden, wo sie von erbeuteten Äxten in Stücke gehackt oder mit ergatterten Schwertern abgestochen wurden.