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»Hier entlang, Lord Rahl.«

»Ich weiß. Warte, bis ich einen Blick in den Flur geworfen und mich überzeugt habe, daß die Luft rein ist.«

»Dort oben gibt es nur unbewohnte Räumlichkeiten, in denen die Ortsbewohner gelegentliche Zusammenkünfte abhalten.«

»Ich will mich trotzdem mit eigenen Augen überzeugen. Cara, Ihr wartet hier bei Kahlan.«

Kahlan folgte ihm bis zur Tür unterhalb des Balkons. »Ich komme mit.«

Richard öffnete die Tür einen spaltbreit und spähte in den dahinter liegenden dunklen Flur. Es war keine Menschenseele zu sehen. Cara, den Strafer in der Hand, zwängte sich an ihnen vorbei und trat noch vor ihnen in das Haus, um sich zu vergewissern, daß es auch sicher war. Schließlich folgte Kahlan ihm in das Gebäude. Auf beiden Seiten des Flures gab es jeweils zwei Türen sowie eine weitere ganz am Ende mit einem kleinen Fenster darin.

»Kannst du etwas erkennen?«, flüsterte Kahlan, als Richard durch das Fenster spähte.

»Die Straße. Und ein paar von unseren Leuten.«

Auf dem Weg zurück überprüfte Richard die Zimmer auf der einen, während Cara einen Blick in die auf der anderen Seite warf. Sie waren, wie Owen gesagt hatte, ausnahmslos leer.

»Dies wäre möglicherweise ein geeignetes Versteck für unsere Männer«, schlug Cara vor.

Richard nickte. »Der Gedanke war mir auch schon gekommen. Wir könnten das Haus, hier, mitten im Ort, zum Ausgangspunkt für unsere Überfälle machen, statt Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden, wenn wir uns jedes Mal aus der näheren Umgebung anschleichen.«

Sie hatten die Hintertür noch nicht wieder ganz erreicht, als Richard plötzlich das Gleichgewicht verlor, mit der Schulter gegen die Wand stieß und auf ein Knie sackte. Kahlan und Cara bekamen ihnen gerade noch rechtzeitig zu fassen, um zu verhindern, daß er vornüber auf das Gesicht fiel.

Er hielt einen Moment inne, offenbar um abzuwarten, bis der Schmerzanfall wieder abgeklungen war. Dabei krallte er seine Finger so schmerzhaft in Kahlans Arm, daß ihr die Tränen kamen, sie zwang sich jedoch, sich jeder Bemerkung zu enthalten. »Die Dunkelheit im Flur, vermutlich.« Er lockerte den schraubstockartigen Griff an Kahlans Arm.

»Das zweite Stadium, so hat Owen es genannt. Er sagte, das zweite Stadium der Vergiftung werde von einem gelegentlichen Schwindelgefühl begleitet«, murmelte Kahlan.

Richard sah in der Dunkelheit zu ihr hoch. »Es geht schon wieder. Holen wir uns jetzt das Gegenmittel.«

Als sie bei Owen anlangten, der im Schatten des Treppenschachtes gewartet hatte, machte dieser sich sofort auf den Weg hinunter, stieß die Tür am Fuß der Treppe auf und spähte hinein.

Erleichtert verkündete er: »Sie sind noch hier. Die Sprecher sind noch im Gebäude – ich kann einige reden hören. Der Weise muß ebenfalls noch bei ihnen sein. Offenbar sind sie nicht, wie ich befürchtet hatte, in ein anderes Versteck umgezogen.«

Owen hoffte, die Sprecher würden sich bereit erklären, bei der Befreiung ihres Volkes von der Imperialen Ordnung tatkräftig mitzuhelfen. Er klopfte in dem winzigen Vorraum leise an die Tür. Gedämpftes Kerzenlicht drang von drinnen heraus, als die Tür einen spaltbreit geöffnet wurde. Ein Mann steckte kurz den Kopf zur Tür heraus; schließlich bekam er große Augen. »Owen?«

Kahlans erster Eindruck war, daß er nicht die Absicht hatte, die Tür vollends zu öffnen. Ehe er Gelegenheit hatte, lange darüber nachzudenken, stieß Richard die Tür einfach auf und trat in den Raum. Der Mann beeilte sich, ihm Platz zu machen.

Richard nahm Cara beiseite. »Bewacht die Tür. Keiner dieser Männer verläßt den Raum ohne meine ausdrückliche Erlaubnis.«

Cara nickte und bezog draußen vor der Tür Posten.

»Was hat das zu bedeuten?«, herrschte der Mann an der Tür Owen an, während er Richard und Kahlan aus mißtrauischen Augen anglotzte.

»Großer Sprecher, wir müssen unbedingt mit euch allen sprechen.«

Der Raum war erfüllt von Kerzenschein. Anderthalb Dutzend Männer, die auf Teppichen saßen, soeben an ihrem Tee nippten oder sich auf die Kissen entlang der Mauern stützten, verstummten augenblicklich.

Die aus Stein errichteten Mauern bildeten das äußere Fundament des Gebäudes. Mitten durch den saalähnlichen Raum liefen zwei steinerne Stege, die die mächtigen Stützbalken ein gutes Stück über Richards Kopf stützten. Der Raum war vollkommen schmucklos und erinnerte ein wenig an ein riesigen Kellerraum, den man am einen Ende, wo die Männer bei ihren Versammlungen zusammenkamen, mit ein paar Teppichen und Kissen etwas komfortabler ausstaffiert hatte. Auf den primitiven Holztischen an der einen Seitenwand standen jede Menge Kerzen.

Einige der Manner erhoben sich.

»Owen!«, rief jemand in vorwurfsvollem Ton. »Du bist verbannt worden. Was hast du hier verloren?«

»Verehrter Sprecher, mit engstirnigen Vorstellungen wie Verbannung haben wir alle hier längst nichts mehr zu schaffen.« Er wies mit ausgestreckter Hand auf seine Begleiter: »Das sind Freunde von mir, von jenseits unseres Reiches.«

Kahlan packte Owens Hemd an der Schulter, zog ihn zu sich heran und flüsterte ihm zwischen zusammengebissenen Zahnen hindurch ins Ohr: »Das Gegenmittel.«

Owen nickte schuldbewußt. Die Männer, ausnahmslos älter als er, verfolgten mit empörten Blicken, wie Owen sich in die hintere rechte Ecke des Raumes begab, dort einen ungefähr in Brusthöhe sitzenden Stein packte und ihn hin und her zu ruckeln begann. Richard war sofort zur Stelle und half ihm, den Stein aus der Wand zu lockern. Als er den schweren Quader weit genug aus der Mauer gelöst hatte, um ihn ein wenig zur Seite drehen zu können, langte Owen dahinter und förderte das Fläschchen zutage, das er ohne das geringste Zögern Richard aushändigte. Der zog den Korken heraus und leerte den Inhalt in einem Zug.

»Ihr müßt jetzt wieder gehen«, knurrte einer der Männer. »Ihr seid hier nicht willkommen.«

Owen blieb standhaft. »Wir müssen unbedingt den Weisen sprechen.«

»Was!«

»Die Soldaten der Imperialen Ordnung sind in unser Land eingefallen; sie foltern und ermorden unser Volk. Unzählige wurden von ihnen verschleppt.«

»Das ist nicht zu ändern«, erwiderte der rotgesichtige Sprecher. »Wir tun, was immer wir tun müssen, damit unser Volk so weiterleben kann wie bisher. Wir tun, was wir tun müssen, um jegliche Gewalt zu vermeiden.«

»Wir haben der Gewaltherrschaft ein Ende gemacht«, erklärte Owen. »Jedenfalls in unserem Heimatort. Wir haben alle Soldaten der Imperialen Ordnung getötet, die uns mit ihrer Schreckensherrschaft unterdrückt und unser Volk vergewaltigt, gefoltert und ermordet haben. Die Bevölkerung ist von der Tyrannei der Soldaten der Imperialen Ordnung befreit worden. Wir müssen uns endlich wehren und auch den Rest unseres Volkes befreien. Als Sprecher ist es unsere Pflicht, den Menschen in unserem Land zu ihrem Recht zu verhelfen und seiner Versklavung nicht tatenlos zuzusehen.«

Die großen Sprecher reagierten, als hätte sie der Schlag getroffen. »Davon wollen wir nichts wissen!«

»Wir werden mit dem Weisen sprechen und uns anhören, was er dazu zu sagen hat.«

»Kommt nicht in Frage! Der Weise wird euch nicht empfangen. Niemals! Euer Ansinnen ist hiermit abgewiesen. Ihr müßt auf der Stelle wieder gehen!«

52

Wütend stürzte einer der Sprecher vor, krallte seine Hand in Richards Hemd und versuchte ihn hinauszudrängen. »Ihr seid an allem schuld! Ihr, ein Barbar! Ein Unerleuchteter! Ihr habt diese lasterhaften Gedanken in unser Volk getragen!« Er bemühte sich nach Kräften, Richard durchzurütteln. »Ihr habt unser Volk zur Gewalt verführt!«