»Soll das heißen, ihr kocht für die Soldaten?«
»Ja«, bestätigte die Alte. »Sie möchten es offenbar nicht so gerne selbst machen.«
»Wann müßt ihr die nächste Mahlzeit zubereiten?«
»In diesem Augenblick werden einige große Kessel für das morgendliche Essen vorbereitet. Die Vorbereitungen werden die ganze Nacht in Anspruch nehmen, wenn wir den Eintopf bis zum Abendessen morgen fertig haben wollen. Außerdem müssen wir die ganze Nacht durcharbeiten, um Gebäck, Eier und Hafergrütze für das Frühstück zuzubereiten.«
Richard nickte und nahm den Heiler, der soeben Ansons Verband fester anzog, am Arm beiseite. »Du hast gesagt, du besäßest einen kleinen Kräutervorrat. Kennst du dich mit diesen Dingen aus?«
Er zuckte mit den Achseln. »Nicht sehr gut, es reicht gerade, um ein paar einfache Arzneien herzustellen.«
Kahlans Hoffnung sank. Sie hatte gehofft, dieser Mann wüßte vielleicht, wie sich eine weitere Dosis des Gegenmittels herstellen ließe.
»Kannst du Maiglöckchen, Oleander, Eiben, Mönchskraut sowie einige Schierlinge beschaffen?«
Der Alte blinzelte ihn erstaunt an. »Na ja, das ist alles recht gewöhnlich, würde ich sagen, besonders im Waldgebiet gleich nördlich der Stadt.«
Richard wandte sich zu seinen Männern herum, die im Vordergrund der Menge standen. »Unser Ziel ist es, die Soldaten der Imperialen Ordnung zu vernichten; je weniger wir dabei kämpfen müssen, desto besser.
Noch vor Tagesanbruch müssen wir uns aus der Stadt schleichen und einige Dinge beschaffen, die wir dringend benötigen.« Er deutete mit der Hand auf die Alte, die erzählt hatte, sie koche für die Soldaten. »Du wirst uns die Stelle zeigen, wo ihr das morgige Abendessen zubereitet. Wir werden euch ein paar zusätzliche Zutaten bringen.
Die Zutaten, die wir unter den Eintopf für die Soldaten mischen, werden innerhalb weniger Stunden eine heftige Übelkeit auslösen. Wir werden den einzelnen Kesseln verschiedene Zutaten beimischen, so daß die Symptome jeweils unterschiedlich sind, was Verwirrung und Panik noch verstärken dürfte. Wenn es uns gelingt, eine ausreichend große Menge dieser Giftstoffe unter den Eintopf zu mengen, werden die meisten innerhalb weniger Stunden an Schwächeanfällen, Lähmungserscheinungen und Krämpfen sterben.
Spät abends dann schleichen wir ins Lager und erledigen alle, die entweder noch nicht tot sind oder vielleicht nichts gegessen haben. Bei entsprechend sorgfältiger Vorbereitung können wir Northwick kampflos von der Imperialen Ordnung befreien. Das Ganze wäre im Handumdrehen vorbei, ohne daß jemand von uns zu Schaden käme.«
Einen Augenblick lang herrschte im Raum völlige Stille; dann sah Kahlan, wie ein Lächeln über die ersten Gesichter in der Menge ging. Es war, als wäre ein Sonnenstrahl in ihr Leben gefallen.
»Das wird unser einstiges Leben von Grund auf auf den Kopf stellen«, rief jemand, doch aus seiner Stimme sprach nicht etwa Verbitterung, sondern vielmehr Erstaunen.
»Unsere Erlösung ist greifbar nahe«, schloß sich ein anderer aus der Menge an.
53
Zedd, kaum fähig, sich auf den Beinen zu halten, wartete schwankend unweit des Zeltes, in das Schwester Tahirah soeben eine kleine Kiste gebracht hatte. Während sie den magischen Gegenstand drinnen behutsam auspackte und für die Untersuchung vorbereitete, standen nicht weit entfernt die Wachtposten und unterhielten sich; ihre Sorge, der hagere alte Mann mit dem Rada’Han um den Hals und den auf den Rücken gefesselten Händen könnte ihnen Ärger machen oder gar fliehen, war nicht übermäßig groß.
Diese Gelegenheit nutzte Zedd, um sich gegen ein Hinterrad des Transportwagens zu lehnen. Wenn man ihm nur erlauben würde, sich hinzulegen und ein wenig zu schlafen. Er riskierte einen heimlichen Blick über seine Schulter auf Adie, die ihm mit einem kurzen, tapferen Lächeln antwortete.
Als er einen neugierig um sich blickenden Elitesoldaten in Lederharnisch und Kettenrüstung unweit stehenbleiben sah, hob Zedd den Kopf. Am oberen Rand seines rechten Ohres fehlte ein v-förmiges Knorpelstück. Er trug zwar die unter Elitesoldaten übliche Uniform, nicht aber die dazu passenden Stiefel. Als er sich umdrehte, bemerkte Zedd, daß sein linkes Auge nicht ganz so weit geöffnet war wie das rechte; Augenblicke später hatte er sich bereits unter die Gruppen patrouillierender Soldaten gemischt und war verschwunden.
Während Zedd das unablässige Gedränge aus vorüberziehenden Soldaten, Schwestern und anderen beobachtete, überkamen ihn immer wieder verstörende Visionen von Personen aus seiner Vergangenheit und anderer ihm bekannter Menschen. Es war entmutigend, von diesen Trugbildern heimgesucht zu werden – Täuschungen, erzeugt von einem Verstand, der ihm aus Schlafmangel und wegen der fortwährenden Anspannung zusehends seinen Dienst versagte.
Wie ein Racheengel stürzte die hakennasige Schwester plötzlich wieder aus dem Zelt. »Schafft sie herein«, blaffte sie.
Die vier Wachtposten traten augenblicklich in Aktion; zwei packten Adie, die beiden anderen griffen Zedd. Sie schleiften ihn ins Zelt, beförderten ihn um den Tisch herum und drückten ihn so wuchtig auf den Stuhl, daß ihm die Luft mit einem Ächzen aus den Lungen wich.
Zedd schloß die Augen, verzog gequält das Gesicht und wünschte, sie würden ihn, damit er sie nie wieder öffnen mußte, einfach töten. Aber wenn sie ihn töteten, würden sie Richard seinen Kopf schicken, und er wollte sich lieber nicht ausmalen, wie schmerzhaft das für den Jungen wäre.
»Nun?«, fragte Schwester Tahirah.
Zedd schlug die Augen auf und betrachtete den Gegenstand vor ihm mitten auf dem Tisch. Ihm stockte der Atem.
Es war ein entworfener Bann, genannt Sonnenuntergangsbann.
Zedd schluckte. Offensichtlich hatte keine der Schwestern ihn bislang geöffnet. Nein, das hätten sie niemals gewagt. Hätten sie es getan, säße er nicht hier.
Vor ihm auf dem Tisch stand ein kleines Kästchen von etwa der halben Größe seiner Handfläche. Es war der oberen Hälfte einer stilisierten Sonne nachempfunden – ein Halbkreis mit sechs spitz zulaufenden Strahlen, der die Sonne im Augenblick des Versinkens hinter dem Horizont darstellen sollte. Das Kästchen selbst war leuchtend gelb lackiert, ebenso wie die Strahlen, die jedoch am Rand mit orangefarbenen, grünen und blauen Streifen abgesetzt waren.
»Nun?«, wiederholte Schwester-Tahirah ihre Frage.
»Äh ...«
Ihr Blick war in ihr Buch, nicht auf das gelbe Kästchen gerichtet. »Was ist es?«
»Ich ... bin nicht sicher; ich kann mich nicht erinnern«, stammelte er, um Zeit zu gewinnen.
Die Schwester war nicht bei Laune, um sich in Geduld zu üben. »Wollt Ihr, daß ich ...«
»Ja, richtig«, beeilte er sich, bemüht unbekümmert zu klingen. »Jetzt erinnere ich mich. Es handelt sich um ein mit einem Bann belegtes Kästchen, das eine kleine Melodie spielt.«
Das entsprach durchaus der Wahrheit. Die Schwester war noch immer in ihr Buch vertieft. Zedd warf einen Blick über die Schulter zu der auf einer Bank sitzenden Adie und sah ihren blinden Augen an, daß etwas in der Luft lag. Hoffentlich bemerkte es die Schwester nicht ebenfalls.
»Es handelt sich also um eine Spieldose«, murmelte Schwester Tahirah, deren Hauptinteresse nach wie vor ihrer Liste mit magischen Objekten galt.
»Ja, ganz recht. Ein Kästchen, das einen musikalischen Bann enthält. Entfernt man den Deckel, spielt es eine Melodie.« Der Schweiß troff ihm in den Nacken und rann zwischen seine Schulterblätter. Zedd schluckte, bemüht zu verhindern, daß sich sein Zittern auf seine Stimme übertrug. »Probiert es halt aus, dann seht Ihr es selbst.«
Sie bedachte ihn über den Rand ihres Buches hinweg mit einem argwöhnischen Blick. »Ihr werdet den Deckel selbst abnehmen.«
»Nun ... das kann ich nicht. Man hat mir die Hände auf den Rücken gefesselt.«
»Benutzt Eure Zähne.«
»Meine Zähne?«
Mit dem hinteren Ende ihres Stiftes schob die Schwester das gelbe, halbsonnenförmige Kästchen näher zu ihm hin. »Ganz recht, Eure Zähne.«