Er hatte auf ihren Argwohn spekuliert, wagte aber nicht, es zu übertreiben. Also bewegte er seine Zunge im Mund und versuchte verzweifelt, ein wenig Speichel zu erzeugen. Blut wäre besser, aber er wußte genau, wenn er sich auf die Innenseite seiner Lippe biss, würde die Schwester Verdacht schöpfen. Blut war ein allzu gebräuchlicher Katalysator.
Ehe die Schwester mißtrauisch werden konnte, beugte Zedd seinen Oberkörper vor und versuchte, seine Lippen über das Kästchen zu stülpen. Er bekam den unteren Rand der Sonne mit den Zähnen zu fassen und versuchte, seinen Oberkiefer über einen der spitzen Strahlen zu schieben. Das Kästchen war eine Spur zu groß. Ihre Hand auf seinem Hinterkopf, half Schwester Tahirah ein wenig nach. Das war alles, was er brauchte! Er packte den Deckel mit den Zähnen, doch statt nur den Deckel anzuheben, hob er das ganze Kästchen vom Tisch. Der Deckel löste sich erst nach einigem Hin- und Herwerfen des Kopfes. Er legte ihn daneben ab.
Wurde ein Sonnenuntergangsbann nicht von einem am Diebstahl der in der Burg eingelagerten Gegenstände Beteiligten geöffnet, mußte er von einem Zauberer, den der Bann erkannte, aktiviert werden. Rasch, bevor sie merkte, was er tat, ließ er zu ebendiesem Zweck ein wenig Speichel in das Kästchen träufeln.
Als die Musik ertönte, überkam Zedd ein übermütiges Glücksgefühl. Es funktionierte also, der Bann war noch aktiv. Er spähte durch den schmalen Schlitz der Zeltöffnung. Bald schon würde die Sonne hinter dem Horizont untergegangen sein.
Am liebsten wäre er aufgesprungen und hätte zu der fröhlichen Melodie getanzt, wäre in lauten Jubel ausgebrochen. Trotz seines nahen Endes überkam ihn ein Gefühl unbeschwerter Heiterkeit. Seine Qualen würden bald ein Ende haben, in Kürze würden sämtliche aus der Burg entwendeten magischen Objekte vernichtet werden, und er mit ihnen. Sie würden nichts mehr aus ihm herausbekommen. Er würde ihre Sache nicht verraten.
Es betrübte ihn zutiefst, daß die gefangenen Familien, mit deren Hilfe man seine Kooperation zu erzwingen hoffte, dabei ebenfalls umkommen würden, aber wenigstens mußten sie nicht länger leiden. Er verspürte einen traurigen Stich, als ihm bewußt wurde, daß auch Adie sterben würde. Diese Vorstellung war ihm mindestens genauso verhaßt wie der Gedanke, daß sie litt.
Die Schwester legte den Deckel wieder zurück an seinen Platz. »Wie reizend.«
Die Musik brach ab, doch das spielte keine Rolle mehr der Bann war längst aktiviert. Die Musik war lediglich eine Bestätigung – und gleichzeitig eine Warnung, sich außer Reichweite zu begeben. Die Chancen dafür waren gleich Null.
Auch das war nicht mehr von Belang.
Schwester Tahirah nahm das gelbe Kästchen vom Tisch und beugte sich mit den Worten zu Zedd herab: »Ich werde es jetzt wieder zurückbringen, und in meiner Abwesenheit werde ich die Wachen das nächste Mädchen hereinbringen lassen, damit Ihr es Euch genau ansehen und darüber nachdenken könnt, was die Männer im Nachbarzelt gleich mit ihm anstellen werden. Und zwar ohne das geringste Zögern, solltet Ihr noch einmal versuchen, uns hinzuhalten und unsere Zeit zu verschwenden.«
»Aber ich ...«
Seine Worte wurden brutal abgewürgt, als der Rada’Han um seinen Hals einen brennenden heißen Stich vom Schädelansatz bis zur Hüfte hinabjagte. Sein Rücken krümmte sich, als Zedd, der Ohnmacht nahe, einen Schrei ausstieß. »Ihr begleitet mich«, rief Schwester Tahirah den Wachen zu. »Ich brauche jemanden, der mir zur Hand geht. Der Posten, der das nächste Kind hereinbringt, kann auf die beiden aufpassen.«
Obwohl der Schmerz allmählich nachließ, starrte Zedd mit Tränen in den Augen an die Decke des Zeltes. Er merkte, wie Licht hereinfiel, als die Zeltöffnung zurückgeschlagen wurde, anschließend wanderten Schatten über die Leinwand, als die Schwester und die vier Soldaten hinausgingen und sie den Posten mit dem Kind hereinschickte. Zedd starrte zum Zeltdach hinauf, um nicht noch einem Kind in die Augen sehen zu müssen.
Nach einer Weile hatte er sich erholt und richtete sich wieder auf.
Etwas seitlich stand einer der hünenhaften Elitesoldaten in seiner Uniform aus Lederharnisch, Kettenhemd und dem breiten, waffenstarrenden Gürtel, vor sich ein blondes Mädchen – dasselbe Mädchen, das Zedd zuvor zugelächelt hatte. Zedd schloß kurz gequält die Augen, als er sich ausmalte, was sie diesem armen Kind antun würden.
Als er die Augen aufschlug, lächelte sie ihn schon wieder an. Jetzt zwinkerte sie ihm auch noch zu.
Zedd kniff die Augen zusammen. Sie hob ihr mit Blumen bedrucktes Kleid gerade weit genug, daß er die zwei Messer, die um jeden ihrer Oberschenkel geschnürt waren, sehen konnte. Der Anblick ließ ihn erneut die Augen zusammenkneifen. Er hob den Blick und sah in ihr lächelndes Gesicht.
»Rachel ...?«
Ihr Lächeln wurde breiter, bis sie schließlich über das ganze Gesicht strahlte.
Zedd sah hoch in das Gesicht des Hünen, der hinter ihr Wache stand.
»Bei den Gütigen Seelen ...«, stieß Zedd tonlos hervor.
Es war der Grenzposten.
»Ich höre, Ihr habt Euch hier in Schwierigkeiten gebracht«, begrüßte ihn Chase.
Einen Moment lang war Zedd absolut sicher, daß alles nur Einbildung sein konnte. Dann erkannte er, warum Rachel ihm einerseits vertraut und doch so anders vorkam; sie war mehr als zweieinhalb Jahre älter als bei ihrer letzten Begegnung und trug ihr früher kurz geschnittenes, blondes Haar jetzt lang. Außerdem mußte sie seiner Schätzung nach mindestens einen Fuß gewachsen sein.
Chase hakte seine Daumen hinter seinen breiten Ledergürtel. »Vernünftig, wie Ihr seid, Adie, kann es eigentlich nur Zedd gewesen sein, der Euch diesen Schlamassel eingebrockt hat.«
Zedd sah über seine Schulter. Er konnte sich nicht erinnern, wann er Adie zuletzt hatte lächeln sehen.
»Der Mann bedeutet nichts als Ärger«, erklärte sie dem Grenzposten.
Zweieinhalb Jahre war es jetzt her, daß er seinen alten Freund Chase, den Grenzposten, gesehen hatte. Er war es gewesen, der sie damals mit Adie zusammengebracht hatte, damit sie Richard den Weg durch die Grenze zeigen konnte, ehe Darken Rahl sie niederriß. Chase war älter als Richard, aber einer seiner engsten und vertrautesten Freunde.
»Vor ein paar Tagen tauchte ein älterer Grenzposten mit Namen Friedrich auf und behauptete, nach mir zu suchen«, erklärte Chase. »Er sagte, ein ›Lord Rahl‹ hätte ihn zur Burg der Zauberer geschickt, um Euch zu warnen. Dieser Lord Rahl hätte ihm auch von mir erzählt; und da Ihr verschwunden wart und die Burg der Zauberer erobert war, sei er nach Westland gekommen, um mich zu suchen. Grenzposten können stets aufeinander zählen. Also haben Rachel und ich beschlossen, herzukommen und Eure alte Haut zu retten.«
Zedds Blick fiel auf den Sonnenstrahl, der durch den schmalen Schlitz der Zeltöffnung fiel. »Ihr müßt von hier verschwinden, und zwar noch vor Sonnenuntergang – sonst werdet Ihr getötet. So beeilt euch, lauft, solange ihr noch dazu in der Lage seid.«
Chase machte ein erstauntes Gesicht. »Ich habe doch nicht den ganzen weiten Weg hierher gemacht, um ohne Euch wieder abzuziehen.«
»Aber Ihr begreift nicht ...«
Ein Messer wurde durch die Seitenwand des Zeltes gestoßen und schlitzte die Leinwand von oben nach unten auf. Als einer der Elitesoldaten sich durch den Schlitz zwängte, starrte Zedd ihn verblüfft an; auch er kam ihm irgendwie bekannt vor, doch etwas an ihm stimmte nicht.
»Nicht!«, rief Zedd Chase zu, als der Hüne nach seiner an der Hüfte baumelnden Axt greifen wollte.
»Du rührst dich nicht von der Stelle!«, befahl der durch den Schlitz im Zelt getretene Soldat Chase. »Draußen wartet ein Kamerad, der dich bei der geringsten Bewegung mit dem Schwert durchbohrt.«
Zedd klappte der Unterkiefer runter. »Captain Zimmer?«
»Selbstverständlich. Ich bin gekommen, um Euch hier herauszuholen.«
»Aber... aber Euer Haar ist schwarz.«
Der Captain zeigte ihm sein ansteckendes Lächeln. »Das ist Ruß. Wäre keine gute Idee, sich mitten in Jagangs Feldlager mit blonden Haaren blicken zu lassen. Ich bin gekommen, um Euch zu befreien.«