Zedd machte sich in Gedanken eine Notiz, wo er die feine schwarze Schnur überall aufgespannt hatte, schließlich würde er Adie einweihen müssen. Er bezweifelte allerdings, daß sie mit ihrem Sehvermögen der Gabe dieser Warnung bedurfte. Ihre blinden Augen sahen gewiß weit mehr als jeder Sehende.
Dem köstlichen Duft des Schinkeneintopfes folgend, gelangte Zedd in den gemütlichen, mit Bücherregalen gesäumten Raum, in dem sie sich die meiste Zeit aufhielten. An den niedrigen, mit kunstvollen alten Schnitzereien versehenen Deckenbalken hatte Adie Gewürze zum Trocknen aufgehängt. Vor dem großen offenen Kamin thronte ein Ledersofa, und von den bequemen Sesseln aus, die neben dem mit Silberintarsien verzierten Tisch vor dem im Rautenmuster bleiverglasten Fenster standen, hatte man einen atemberaubenden Blick auf ganz Aydindril.
Die untergehende Sonne tauchte die Stadt tief unten in ein warmes Licht. Alles schien fast so wie immer, außer, daß kein Rauch über dem Kochfeuer aufstieg.
Zedd legte den schweren, mit seiner Ernte gefüllten Leinensack auf einen Bücherstapel auf dem runden, hinter dem Sofa stehenden Mahagonitisch. Dann trat er mit schlurfenden Schritten näher an das Feuer heran, nicht ohne den betörenden Duft des Eintopfs in tiefen Zügen aufzunehmen.
»Adie«, rief er, »es duftet köstlich. Hast du heute schon einen Blick aus dem Fenster geworfen? Ich habe überaus merkwürdige Vögel gesehen.«
Lächelnd nahm er eine weitere Prise.
»Adie – meiner Meinung dürfte er jetzt fertig sein«, rief er zur Tür der Speisekammer hinüber. »Ich finde, wir sollten wenigstens mal probieren. Es kann nicht schaden, eben mal zu kosten, weißt du.«
Zedd blickte über seine Schulter. »Adie? Hörst du mir überhaupt zu?«
Er ging zur Tür hinüber und schaute in die Speisekammer, aber dort war niemand.
»Adie?«, rief er die Stufen an der Rückseite der Speisekammer hinunter. »Bist du da unten?«
Als sie nicht antwortete, verzog Zedd mißmutig den Mund.
»Adie?«, versuchte er es erneut. »Verdammt, Frau, wo steckst du nur?«
Er wandte sich wieder herum und linste hinüber zu dem Eintopf, der in dem an einem Arm über dem offenen Feuer hängenden Kessel vor sich hin köchelte.
Dann schnappte er sich einen langen Holzkochlöffel aus einem Speisekammerschrank, blieb mitten in der Kammer stehen und lehnte sich Richtung Treppe. »Laß dir nur Zeit, Adie. Ich bin hier oben und werde ein wenig ... lesen.«
13
Richard war sofort auf den Beinen, als er Cara durch die Schlucht auf das Lager zumarschieren und dabei einen Mann vor sich herstoßen sah, den er irgendwo schon einmal meinte gesehen zu haben. Im schwindenden Licht war das Gesicht des Mannes nicht deutlich zu erkennen. Er suchte die umliegenden Geröllfelder, die felsigen Hänge und die steilen, baumbewachsenen Hänge dahinter mit den Augen ab, aber sonst war niemand zu sehen.
Friedrich war ein Stück Richtung Süden gegangen, und Tom hatte sich in westlicher Richtung entfernt, um, wie Cara auch, das umliegende Gelände zu erkunden und sich zu vergewissern, daß niemand in der Nähe und dies ein sicherer Platz für ein Nachtlager war. Die beschwerliche Suche nach dem ständig die Richtung wechselnden Pfad durch das zunehmend zerklüftete Gelände hatte an ihren Kräften gezehrt. Cara hatte sich Richtung Norden umgesehen; es war ihre Marschrichtung und die Richtung, aus der Richard die wahrscheinlich größte Gefahr befürchtete. Jennsen ließ von den Tieren ab und wartete, um zu sehen, wen die Mord-Sith da anschleppte.
Kaum auf den Beinen, wünschte sich Richard, er wäre nicht ganz so überhastet aufgesprungen – die hektische Bewegung hatte ein Schwindelgefühl bei ihm ausgelöst. Dieses seltsam losgelöste Gefühl, so als sähe er jemand anderen reagieren, sprechen und sich bewegen, schien er überhaupt nicht mehr ablegen zu können. Manchmal, wenn er sich zusammenriß und sich voll auf eine Sache konzentrierte, ließ das Gefühl wenigstens teilweise nach, bis er sich zu fragen begann, ob er es sich nicht doch nur eingebildet hatte.
Er spürte Kahlans Hand auf seinem Arm, die ihn festhielt, so als glaubte sie, ihn stützen zu müssen.
»Alles in Ordnung?«, erkundigte sie sich leise.
Er nickte, ohne Cara und den Fremden aus den Augen zu lassen. Vermutlich hatte er einen leichten Fieberanfall, was auch erklären würde, warum ihn fröstelte, während alle anderen schwitzten.
Ein Fieberanfall wäre allerdings so ziemlich das Letzte, was er in diesem Augenblick gebrauchen konnte. Es standen so wichtige ... wichtige Dinge an – was genau, war ihm offenbar im Augenblick entfallen. Er konzentrierte sich ganz auf den Versuch, sich an den Namen des jungen Fremden zu erinnern, oder zumindest, wo er ihn schon einmal gesehen hatte.
Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne überzogen die Berge im Osten mit einem rosafarbenen Schimmer, während die näheren Hügel in der aufkommenden Dämmerung zu einem zarten Grau verblaßten. Jetzt, da es allmählich dunkel zu werden begann, tauchte das niedrig brennende Lagerfeuer die unmittelbare Umgebung in ein warmes, gelbliches Licht. Richard hatte ihr Kochfeuer klein gehalten, um ihren Standort nicht deutlicher als unbedingt nötig preiszugeben.
»Lord Rahl«, grüßte der Fremde ehrfurchtsvoll, als er das Lager betrat, und senkte zögernd kurz das Haupt, offenbar unsicher, ob es angebracht sei, sich zu verbeugen oder nicht. »Es ist mir eine Ehre, Euch wiederzusehen.«
Er mochte ein paar Jahre jünger sein als Richard und hatte schwarzes, lockiges Haar, das bis knapp auf die breiten Schultern seiner ledernen Jacke fiel. In seinem Gürtel trug er ein langes Messer, aber kein Schwert. Seine Ohren standen weit vom Kopf ab, so daß es aussah, als lauschte er angestrengt auf jedes noch so feine Geräusch. Richard vermutete, daß er sich als kleiner Junge wegen seiner Ohren eine Menge Hänseleien hatte anhören müssen, jetzt aber als Erwachsenem, verliehen ihm seine Ohren einen Ausdruck ernster Aufmerksamkeit. Kräftig wie er war, bezweifelte Richard, daß er sich noch immer irgendwelchen Spott deswegen gefallen lassen mußte.
»Ich ... tut mir leid, aber ich kann mich offenbar nicht recht erinnern ...«
»Oh, wie solltet Ihr auch, Lord Rahl. Ich war doch nur...«
Plötzlich fiel es Richard wieder ein. »Sabar, richtig? Du hast die Schmelzöfen in Priskas Gießerei in Altur’Rang befeuert.«
Sabar strahlte über das ganze Gesicht. »Das ist richtig. Ich kann gar nicht glauben, daß Ihr Euch an mich erinnert.«
Sabar war einer der Männer in Priskas Gießerei, die hatten weiterarbeiten können, weil Richard Priska mit Material belieferte, als niemand sonst sich dazu in der Lage sah. Er hatte begriffen, wie hart Priska schuften mußte, um trotz der unablässigen willkürlichen und oft widersprüchlichen Verordnungen der Imperialen Ordnung den Betrieb in seiner Gießerei aufrechtzuerhalten. Er war bei der Enthüllung der von Richard aus Stein gemeißelten Statue anwesend gewesen und hatte sie noch vor ihrer Zerstörung gesehen. Er hatte auch die Anfänge der Revolution in Altur’Rang miterlebt und an der Seite von Victor, Priska und all den anderen gekämpft, die die entsprechende Gelegenheit sofort beim Schopf ergriffen hatten. Tapfer hatte er für seine persönliche Freiheit, die seiner Freunde und seiner Stadt gekämpft.
Jener eine Tag hatte alles verändert...
Lächelnd sagte Richard zu Cara: »Schon gut, ich kenne diesen Mann.«
»Das hat er mir bereits erzählt.« Sie legte Sabar eine Hand auf die Schulter und drückte ihn hinunter. »Setz dich doch.«
»Genau,«, sagte Richard, froh, daß Cara dabei halbwegs freundlich geblieben war. »Setz dich hin und erzähl uns, was dich herführt.«
»Nicci schickt mich.«
Richard erhob sich, abermals mit einer zu schnellen Bewegung, und auch Kahlan war sofort wieder aufgesprungen. »Nicci? Wir sind doch gerade auf dem Weg zu ihr.«