Deshalb mußte Richard zurück zu Victor und Nicci, damit sie das einmal begonnene Werk gemeinsam fortführen und die wirkungsvollste Strategie für den Sturz der Imperialen Ordnung finden konnten.
Unglücklicherweise lief ihnen unterdessen jedoch bei der Lösung eines anderen Problems, eines Problems, das sie noch nicht durchschauten, die Zeit davon.
»Ich bin froh, daß du uns gefunden hast, Sabar. Richte Nicci und Victor bitte aus, daß wir uns zuvor noch um etwas anderes kümmern müssen, daß wir sie aber, sobald dies geschehen ist, bei ihrem Vorhaben unterstützen können.«
Sabar wirkte erleichtert. »Es wird sie freuen, das zu hören.«
Dann zögerte er, neigte den Kopf zur Seite und deutete mit einer Handbewegung Richtung Norden. »Ich bin auf dem Weg hierher, um Euch zu suchen, Niccis Wegbeschreibung gefolgt; dabei kam ich, ehe ich mich später wieder etwas südlicher hielt, auch durch die Gegend, wo sie sich mit Euch treffen wollte.« Ein Anflug von Besorgnis mischte sich in seine Züge. »Vor ein paar Tagen dann stieß ich auf ein Gebiet von mehreren Meilen Breite, in dem es nicht das geringste Anzeichen von Leben gab.«
Richard hob erstaunt den Kopf. Seine Kopfschmerzen schienen schlagartig abgeklungen zu sein. »Kein Anzeichen von Leben? Was genau meinst du damit?«
Sabar deutete mit der Hand in das abendliche Dämmerlicht. »Das Gebiet, durch das ich kam, ähnelte im Großen und Ganzen der Landschaft hier; es gab ein paar vereinzelte Bäume, ein paar Grasbüschel und gelegentlich ein kleines Dickicht aus Gestrüpp.« Er senkte die Stimme. »Aber dann gelangte ich in ein Gebiet, wo plötzlich jeglicher Bewuchs endete, und zwar schlagartig, so als hätte jemand eine Linie gezogen. Dahinter gab es nichts als Felsen. Nicci hatte mich darauf vorbereitet, daß ich an diesen Ort gelangen würde, trotzdem muß ich zugeben, daß ich es mit der Angst bekam.«
Richard sah nach rechts – nach Osten – zu den fernen Bergen. »Bis wohin erstreckte sich dieser Ort, an dem es absolut kein Leben gab?«
»Nun, nachdem ich alles Lebendige hinter mir gelassen hatte und weiterging, war mir, als marschierte ich geradewegs in die Unterwelt hinein.« Sabar wich Richards Blick aus. »Oder in die Fänge einer neuartigen Waffe, geschaffen von der Imperialen Ordnung, um uns alle zu vernichten.
Ich bekam eine Heidenangst und wollte schon umkehren, doch dann dachte ich daran, daß die Imperiale Ordnung mir schon mein ganzes Leben lang Angst eingejagt hatte, und die Vorstellung paßte mir gar nicht. Schlimmer noch, ich stellte mir vor, wie ich vor Nicci stünde und ihr erklären müßte, daß ich einfach umgekehrt sei, statt, wie sie mich gebeten hatte, Lord Rahl zu suchen. Diese Vorstellung erfüllte mich so mit Scham, daß ich beschloß, weiterzugehen. Ein paar Meilen später setzte der Bewuchs dann wieder ein.« Er blies die Wangen auf. »Ich war ungeheuer erleichtert und kam mir vor wie ein Narr, weil ich mich so gefürchtet hatte.«
Nummer zwei. Demnach existierten also zwei dieser merkwürdigen Grenzen.
»Ich bin auch schon auf solche Gegenden gestoßen, Sabar, und, ganz unter uns, ich hatte auch Angst.«
Ein Grinsen ging über Sabars Gesicht. »Dann war es also gar nicht so unvernünftig von mir, mich zu fürchten.«
»Ganz und gar nicht. Konntest du erkennen, wie weit dieses Gebiet reichte? War es dort, an dieser einen Stelle, mehr als nur ein kleiner Flecken nackten Felsgesteins? Konntest du sehen, ob dieser Streifen gerade verlief, entlang einer Linie mit eindeutiger Richtung?«
»Ja, ganz recht, es war eine gerade Linie, genau wie Ihr sagt.« Sabar deutete mit einer unbestimmten Handbewegung Richtung Osten. »Sie kam von den fernen Bergen dort, etwas nördlich des Einschnitts dort.« Die Hand flach wie ein Hackmesser, wies er mit einer scharfen Abwärtsbewegung in die entgegengesetzte Richtung. »Nach Südwesten verlief sie sich dort drüben in der Ödnis.«
Bei den Säulen der Schöpfung.
Kahlan beugte sich zu den beiden und meinte mit leiser Stimme: »Demnach verlief sie nahezu parallel jener Grenze, die wir nicht sehr weit südlich von hier passiert haben. Aber warum sollte es in unmittelbarer Nachbarschaft zwei solcher Grenzen geben? Das ergibt doch keinen Sinn.«
»Das weiß ich auch nicht«, raunte Richard ihr zu. »Vielleicht war das, wovor die Grenze schützen sollte, so gefährlich, daß, wer immer sie dort eingerichtet hat, eine für nicht ausreichend hielt.«
Kahlan rieb sich fröstelnd die Oberarme, enthielt sich aber einer Erwiderung. Richard glaubte ihrem Gesichtsausdruck ohnehin entnehmen zu können, welche Gefühle diese Vorstellung bei ihr auslöste – insbesondere, wenn man bedachte, daß die Grenzen jetzt nicht mehr existierten.
»Wie auch immer«, sagte Sabar und zuckte verlegen die Achseln. »Ich war jedenfalls froh, nicht umgekehrt zu sein.«
»Ich bin auch froh, Sabar. Ich glaube, das Gebiet, das du durchquert hast, ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr gefährlich, jedenfalls nicht mehr so wie einst.«
Jennsen konnte ihre Neugier nicht länger bezähmen. »Wer ist eigentlich diese Nicci?«
»Nicci ist eine Hexenmeisterin«, erklärte Richard, »die früher einmal eine Schwester der Finsternis war.«
Jennsen machte ein erstauntes Gesicht. »Früher?«
Richard nickte. »Sie war Jagang bei der Durchsetzung seiner Ziele behilflich, bis sie ihren Irrtum erkannte und sich auf unsere Seite schlug.« Es war eine Geschichte, auf die er nur ungern näher eingehen mochte. »Jedenfalls kämpft sie jetzt für uns. Sie hat uns schon unschätzbare Hilfe geleistet.«
Als sie sich erneut vorbeugte, schien sie noch erstaunter als zuvor. »Aber kannst du einem solchen Menschen trauen, einem Menschen, der sich mit seiner ganzen Kraft bereits für Jagang eingesetzt hat? Noch dazu einer Schwester der Finsternis? Ich habe einige dieser Frauen aus nächster Nähe erlebt, Richard, ich weiß, wie skrupellos sie sind. Mag sein, daß sie tun müssen, was Jagang ihnen befiehlt, aber eigentlich sind sie dem Hüter der Unterwelt ergeben. Glaubst du wirklich, du kannst bei deinem Leben darauf vertrauen, daß sie dich nicht verrät?«
Richard blickte Jennsen tief in die Augen. »Dir habe ich ein Messer anvertraut, während ich schlief.«
Jennsen richtete sich lächelnd wieder auf – mehr aus Verlegenheit denn aus einem anderen Grund, vermutete Richard. »Ich denke, ich verstehe, was du meinst.«
»Was hat Nicci sonst noch gesagt?«, drängte Kahlan, ungeduldig, zum eigentlichen Thema zurückzukehren.
»Nur, daß ich mich an ihrer Stelle mit Euch treffen soll«, antwortete Sabar.
Richard wußte, daß Nicci aus Vorsicht so gehandelt hatte und diesem jungen Mann, für den Fall, daß er aufgegriffen wurde, nicht zuviel hatte erzählen wollen.
»Woher wußte sie denn, wo ich mich befinde?«
»Sie sagte, sie könne mit Hilfe von Magie feststellen, wo Ihr gerade seid. Nicci ist ebenso mächtig im Umgang mit Magie wie schön.«
Sabar hatte dies im Tonfall ehrfürchtiger Scheu gesagt, dabei konnte er ihre wahren Fähigkeiten nicht einmal ahnen. Nicci war eine der mächtigsten Hexenmeisterinnen, die je gelebt hatten. Ebenso wenig wußte er, daß Nicci als sie sich noch für die Ziele der Imperialen Ordnung eingesetzt hatte, unter dem Namen Herrin des Todes bekannt gewesen war.
Vollblütige D’Haraner wie Cara vermochten über die Bande den Aufenthaltsort des Lord Rahl festzustellen. Kahlan hatte ihm einmal gestanden, wie entnervend sie es bisweilen fand, daß Cara stets wußte, wo er sich befand. Nicci war zwar keine D’Haranerin, aber sie war Hexenmeisterin und deshalb auch über die Bande mit Richard verbunden; möglicherweise hatte sie die Bande also dahingehend beeinflussen können, daß sie ihr seinen Aufenthaltsort verrieten.
»Aber Nicci hat dich doch gewiß nicht nur zu uns geschickt, um uns ausrichten zu lassen, daß sie am Treffpunkt nicht auf uns warten kann.«
»Ja. natürlich«, erwiderte Sabar unter heftigem Nicken, so als wäre es ihm peinlich, daran erinnert zu werden. »Als ich fragte, was ich Euch denn nun ausrichten soll, erklärte sie, sie habe alles in einem Brief aufgeschrieben.« Sabar schlug die Lederklappe an seiner Gürteltasche zurück. »Sie sagte, als ihr bewußt wurde, wie weit Ihr tatsächlich entfernt seid, sei sie bestürzt gewesen, da sie die Zeit nicht erübrigen könne. Euch persönlich aufzusuchen. Um so wichtiger sei es deshalb, daß ich Euch auf jeden Fall finde und den Brief aushändige. Dann meinte sie noch, der Brief würde erklären, warum sie nicht warten konnte.«