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Sabar zog den Brief vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger aus der Tasche; dabei machte er ein Gesicht, als hielte er eine tödliche Viper in den Fingern und nicht eine kleine, mit Wachs versiegelte Papierrolle.

»Nicci hat mich darauf hingewiesen, wie überaus gefährlich der Brief ist«, fügte er erklärend hinzu, als er Richards Blick bemerkte. »Sie meinte, falls nicht Ihr, sondern jemand anderer ihn öffnete, sollte ich nicht in der Nähe bleiben, da ich sonst ebenfalls getötet würde.«

Er legte den zusammengerollten Brief behutsam in Richards geöffnete Hand, wo er sich sofort spürbar erwärmte. Obwohl es längst dämmerte, leuchtete das rote Siegelwachs auf, als wäre ein Sonnenstrahl darauf gefallen. Das Leuchten breitete sich vom Siegelwachs über den Brief aus, bis es diesen der Länge nach erfaßt hatte. Plötzlich bildeten sich feine Risse im roten Wachs, gleich dem ersten, noch dünnen Eis eines Teiches, das unter dem Gewicht eines darauf tretenden Fußes zerspringt. Schließlich platzte das Wachs auf und zerfiel in kleine Brocken.

Sabar schluckte. »Ich möchte mir lieber nicht vorstellen, was passiert wäre, hätte ein anderer ihn zu öffnen versucht.«

Jennsen steckte erneut den Kopf vor. »War das etwa Magie?«

»Ich wüßte nicht, was sonst«, meinte Richard, während er daranging, den Brief auseinander zu rollen.

»Aber ich habe doch gesehen, wie das Wachs zersprang«, raunte sie ihm in vertraulichem Ton zu.

»Hast du außerdem noch etwas beobachtet?«

»Nein, nur wie es ganz plötzlich zerfiel.«

Mit Daumen und Zeigefinger pflückte Richard ein kleines Stückchen des zerborstenen Siegels von seiner Handfläche. »Vermutlich hat sie den Brief mit einem magischen Netz umgeben und den Zauber auf meine Berührung abgestimmt. Hatte ein anderer versucht, das Netz aufzubrechen und den Brief zu öffnen, wäre der Zauber ausgelöst worden. Ich schätze, meine Berührung hat das Siegel geöffnet. Demnach hast du nur das Ergebnis der Magie gesehen – das erbrochene Siegel –, nicht aber die Magie selbst.«

»Augenblick!« Sabar schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. »Wo bin ich nur mit meinen Gedanken? Das hier soll ich Euch ebenfalls geben.«

Er ließ die Gurte von seinen Schultern gleiten, streifte sie über seine Arme und nahm den Rucksack auf den Schoß. Mit hastigen Bewegungen löste er die Lederriemen, langte hinein und nahm behutsam einen in schwarzen, gesteppten Stoff gehüllten Gegenstand heraus. Er war nur etwa einen Fuß lang und nicht übermäßig umfangreich. So, wie Sabar mit ihm hantierte, schien er nicht ganz leicht zu sein.

Sabar stellte den mit Stoff umwickelten Gegenstand senkrecht auf den Boden, genau vor das Lagerfeuer. »Nicci trug mir auf, euch dies hier auszuhändigen; die Erklärung dazu stünde in dem Brief.«

Fasziniert beugte Jennsen sich ein Stück vor. »Was ist das?«

Sabar zuckte die Achseln. »Das hat Nicci mir nicht gesagt.« Seinem Gesicht war das Unbehagen darüber anzusehen, daß er über seine Mission nur recht lückenhaft informiert worden war. »Wenn Nicci einen ansieht und einem aufträgt, etwas zu tun, kommt man gar nicht auf die Idee, Fragen zu stellen.«

Richard lächelte bei sich, als er den Gegenstand auszuwickeln begann. Er wußte nur zu gut, worauf Sabar anspielte.

»Hat Nicci irgend etwas dazu gesagt, wer diesen Gegenstand auspacken darf?«

»Nein, Lord Rahl. Sie meinte nur, ich soll ihn Euch aushändigen, und daß der Brief alles erklären würde.«

»Wäre er wie der Brief, mit einem Netz umgeben, hätte sie dich bestimmt gewarnt.« Richard sah auf. »Cara«, sagte er und deutete auf das vor dem Feuer stehende Paket, »warum entfernt Ihr nicht schon mal die Verpackung, während Kahlan und ich den Brief lesen?«

Während Cara sich mit übereinander geschlagenen Beinen auf dem Boden niederließ und die festen Knoten der Lederschnüre der gesteppten Stoffhülle aufzudröseln begann, hielt Richard den Brief ein wenig zur Seite, so daß Kahlan ihn stumm mit ihm zusammen lesen konnte.

Lieber Richard, liebe Kahlan,

Zu meinem großen Bedauern kann ich euch nicht gleich jetzt alles erklären, was ihr wissen solltet, da ich mich einer dringenden Angelegenheit widmen muß, die keinen Aufschub duldet. Jagang hat etwas in Gang gesetzt, das ich für unmöglich gehalten habe. Dank seiner Talente als Traumwandler ist es ihm gelungen, Schwestern der Finsternis, die er in seiner Gewalt hat, zu zwingen, Menschen in Waffen zu verwandeln – wie damals, zur Zeit des Großen Krieges. Dies ist an sich bereits recht gefährlich, da Jagang aber nicht die Gabe besitzt, ist sein Verständnis dieser Dinge mehr als lückenhaft. Er führt sich auf wie ein ungeschlachter Bulle, der mit seinen Hörnern Spitzen zu sticken versucht. Als Rohmaterial für ihre Experimente benutzen sie das Leben von Zauberern. Inwieweit ihre Bemühungen bislang von Erfolg gekrönt waren, vermag ich noch nicht abzuschätzen, gleichwohl wird mir angst und bange, wenn ich an die möglichen Ergebnisse denke. Mehr dazu in Kürze.

Zuvor ein Wort zu dem Gegenstand, den ich euch schicke. Ich fand ihn, als ich eure Fährte aufnahm und ihr bis zum vereinbarten Treffpunkt folgte. Ich denke, ihr seid bereits auf ihn gestoßen, da er bereits von einem Hauptakteur, der entweder mit der Sache selbst oder mit euch zu tun hat, berührt wurde.

Es handelt sich um ein bereits aktiviertes Warnzeichen – aktiviert nicht etwa durch besagte Berührung, sondern durch die Ereignisse. Die Gefahr, die es darstellt, kann nicht genug betont werden.

Nur die Zauberer aus früheren Zelten waren imstande, solche Gegenstände herzustellen, da für die Fertigung eines solchen Objekts sowohl additive als auch subtraktive Magie erforderlich ist und die Gabe zu beiden angeboren sein muß. Gleichwohl sind sie so selten, daß ich noch nie zuvor tatsächlich eines zu Gesicht bekommen habe.

Aber gelesen habe ich über sie, in den Gewölbekellern des Palasts der Propheten: die Funktionsfähigkeit dieser Warnzeichen wird durch die Verbindung zu dem toten Zauberer aufrechterhalten, der sie einst erschuf.

Richard lehnte sich zurück und stieß einen besorgten Seufzer aus. »Wie ist es möglich, daß eine solche Verbindung hergestellt wurde?«, raunte Kahlan ihm zu.

Er mußte nicht lange zwischen den Zeilen lesen, um zu begreifen, daß Nicci ihn auf das Nachdrücklichste zu warnen versuchte.

»Nun, offenbar muß sie über einen Kontakt mit der Unterwelt hergestellt werden«, erwiderte Richard flüsternd.

Kleine Spiegelungen des Feuerscheins tanzten in ihren grünen Augen, als sie ihn sprachlos anstarrte.

Sie sah wieder zu Cara, die noch immer mit dem Entwirren der Knoten beschäftigt war und schließlich eine der Lederschnüre von dem Gegenstand entfernte, der also in welcher Weise auch immer mit einem toten Zauberer in der Unterwelt verbunden war. Sie hielt den Brief in die Höhe und las hastig mit Richard weiter.

Nach allem, was ich über diese Warnzeichen weiß, dienen sie der Überwachung sehr starker und lebenswichtiger Schutzschilde, die er richtet wurden, um dahinter etwas überaus Gefährliches wegzusperren. Sie existieren stets als Paar: das erste besteht immer aus Bernstein. Sie sind als Warnung an den gedacht, der für das Erbrechen des Siegels verantwortlich ist. Wird es von einem Hauptakteur oder einer einem Hauptakteur nahe stehenden Person berührt, leuchtet es auf, so daß sich seine Bestimmung offenbart und es seinen Zweck – die Warnung der beteiligten Personen – erfüllen kann. Es kann erst vernichtet werden, wenn der Adressat die Warnung erhalten hat. Ich schicke es euch, um absolut sicher zu sein, daß ihr es gesehen habt.