Wie genau das zweite beschaffen ist, ist mir nicht bekannt, jedenfalls ist es für den bestimmt, der imstande ist, das Siegel wieder anzubringen.
Ich kenne weder die genaue Beschaffenheit des Siegels, noch was damit ursprünglich geschützt werden sollte. Fest steht nur eins: Das Siegel wurde erbrochen.
Wenn auch der eigentliche Grund für die Aktivierung dieses Warnzeichens unklar ist, so dürfte die Ursache für das Erbrechen des Siegels offenkundig sein.
»Oh, Augenblick mal«, rief Cara, erhob sich und trat einen Schritt zurück, so als hätte sie soeben eine tödliche Seuche aus dem schwarzen, gesteppten Stoff befreit. »Diesmal war es aber nicht mein Fehler.« Sie deutete auf das Paket. »Diesmal habt Ihr mich darum gebeten.«
Die lichtdurchlässige Statue, die Cara zuvor schon einmal berührt hatte, stand jetzt mitten auf der auseinandergefalteten Umhüllung aus schwarzem, gestepptem Stoff.
Es war dieselbe Figur: eine kleine Statuette Kahlans.
Ihr linker Arm hing an ihrer Seite herab, den rechten hatte sie erhoben, wie um auf etwas zu zeigen. Die wie eine Sanduhr geformte Statuette schien aus durchsichtigem Bernstein gemacht zu sein, der ihnen Einblick in ihr Innenleben gewährte.
Feiner Sand rieselte aus der oberen Hälfte des Stundenglases durch die schmale Taille in den unteren, dem weiten Konfessorinnengewand nachempfundenen Teil.
Der Sand rieselte noch immer genau wie beim letzten Mal, als Richard die Figur gesehen hatte. Da war die obere Hälfte noch voller gewesen als die untere, mittlerweile jedoch hatte sich das Verhältnis umgekehrt.
Kahlans Gesicht wurde aschfahl.
Damals hatte Richard Niccis Erklärungen nicht gebraucht, um zu wissen, wie gefährlich eine solche Figur war. Er hatte nicht gewollt, daß jemand sie berührte. Als sie sie damals in einer Felsvertiefung neben dem Pfad gefunden hatten, war die Statuette wegen ihrer matten, dunklen Oberfläche undurchsichtig, aber trotzdem sofort als Kahlan zu erkennen gewesen. Sie hatte auf der Seite gelegen.
Cara war nicht eben erfreut gewesen, auf eine solche Darstellung Kahlans zu stoßen, vor allem aber hatte sie sie nicht einfach herumliegen lassen wollen, bis sie irgend jemandem in die Hände fiel, der womöglich sonst etwas damit anstellte. Also hatte sie sie, ungeachtet der lautstarken Proteste Richards, sie auf keinen Fall anzufassen, einfach aufgehoben.
Schon auf die leiseste Berührung hin hatte sie begonnen, lichtdurchlässig zu werden, worauf Cara sie erschrocken sofort wieder hingestellt hatte.
In diesem Moment hatte sie den rechten Arm gehoben und nach Osten gezeigt: und im selben Moment war sie vollends durchsichtig geworden, so daß man den Sand in ihrem Innern herabrieseln sehen konnte.
Die unmißverständliche Drohung des verrinnenden Sandes hatte sie alle aus der Fassung gebracht. Cara hatte sie noch einmal in die Hand nehmen und umdrehen wollen, um zu verhindern, daß der Sand weiterrieselte, das jedoch hatte Richard ihr strikt untersagt. Obwohl er von diesen Dingen nichts verstand, hatte er bezweifelt, daß eine so naive Lösung sich vorteilhaft auswirken würde. Schließlich hatten sie sie mit einer Schicht aus Steinen und Gestrüpp bedeckt, damit niemand von ihrer Existenz erfuhr. Offenbar vergeblich.
Jetzt wußte er, daß Caras Berührung lediglich die Warnung ausgelöst hatte, ansonsten aber keinen Einfluß auf die Geschehnisse hatte. Er beschloß, sich seine ursprüngliche Vermutung bestätigen zu lassen. »Legt sie wieder hin, Cara.«
»Hinlegen?«
»Ja, auf die Seite – wie Ihr es schon letztes Mal tun wolltet, um zu sehen, ob der Sand dann zu rieseln aufhört.«
Cara musterte ihn einen Augenblick erstaunt, dann kippte sie die Statuette mit ihrer Stiefelspitze auf die Seite.
Der Sand rieselte munter weiter, so als stünde sie noch immer aufrecht.
»Wie ist das möglich?«, fragte Jennsen ungläubig. »Wie kann der Sand weiterrieseln – noch dazu seitwärts?«
»Du kannst ihn also sehen?«, fragte Kahlan. »Du kannst den Sand deutlich rieseln sehen?«
Jennsen nickte. »Aber ja, und eins sage ich dir, mich überläuft dabei am ganzen Körper eine Gänsehaut.«
Wenn nichts sonst, so mußte zumindest der waagerecht durch die Figur rieselnde Sand magischen Ursprungs sein. Nur hatte Jennsen, eine Säule der Schöpfung, eine Lücke in der Welt, eine von der Gabe völlig unbefleckte Nachkomme Darken Rahls, sie dann eigentlich gar nicht sehen dürfen.
Und doch gab es keinen Zweifel.
Kahlan straffte sich. »Du siehst tatsächlich ...«
Plötzlich drang ein eindringlicher Warnruf Toms zu ihnen herüber. Im nu war Richard auf den Beinen und zog in einer einzigen, fließenden Bewegung sein Schwert. Das unverwechselbare Klirren von Stahl erfüllte die Nachtluft.
Die Magie des Schwertes blieb jedoch in der Scheide zurück.
14
Als Richard sein Schwert aus der Scheide riß, warf Kahlan sich zur Seite und ging in Deckung. Das unverwechselbare Klirren des aus Zorn gezogenen Stahls verschmolz mit Toms noch immer durch die umliegenden Hügel hallendem Warnschrei, daß sie vor Angst am ganzen Körper eine kribbelnde Gänsehaut überlief. Instinktiv wollte sie, den Blick starr in das undurchdringliche, nächtliche Dunkel ringsum gerichtet, ebenfalls zu ihrer Waffe greifen, doch die hatte sie, statt sie sich umzuschnallen, auf dem Wagen verstaut, um gar nicht erst mißtrauische Fragen nach ihrer Herkunft aufkommen zu lassen. In der Alten Welt trugen Frauen keine Waffen.
Im Schein des Feuers konnte Kahlan Richards Gesicht deutlich erkennen. Unzählige Male hatte sie ihn das Schwert der Wahrheit ziehen sehen, in den unterschiedlichsten Situationen; beim allerersten Mal, als er es – nachdem Zedd es ihm mit der Aufforderung, es zu ziehen, überreicht hatte – nur zögerlich aus der Scheide herausgezogen hatte, aber auch mitten im Eifer des Gefechts oder in Augenblicken wie diesem, wenn er sich plötzlich verteidigen mußte.
Mit dem Schwert zog Richard auch die mit ihm untrennbar verbundene Magie, denn darin bestand des Schwertes eigentliche Funktion: Seine Magie war nicht einfach nur zur Verteidigung seines rechtmäßigen Besitzers geschaffen worden, sondern diente vielmehr der Projektion seiner Absicht. Im Grunde war das Schwert der Wahrheit nicht einmal ein wirkliches Zaubermittel, sondern vielmehr das Werkzeug des Suchers der Wahrheit. Die eigentliche Waffe war der rechtmäßig ernannte Sucher selbst, der dieses Schwert, dessen Magie ihm allein gehorchte, führte.
Ebendiese Magie hatte sie, wann immer Richard das Schwert gezogen hatte, gefährlich in seinen Augen aufblitzen sehen. Und nun, zum ersten Mal überhaupt, ließ sich in seinen Augen keine Spur von Magie erkennen; der stechende Raubtierblick war ganz Richard und nichts sonst. Hatte es sie schockiert, ihn wohl das Schwert ziehen, nicht aber gleichzeitig dessen Magie in seinen Augen aufblitzen zu sehen, so war Richard vollkommen verblüfft. Er hielt einen Augenblick inne, so als wüßte er nicht weiter.
Noch ehe sie recht dazu kamen, darüber nachzudenken, was Toms Warnschrei ausgelöst haben mochte, stürzten schattenhafte Gestalten, eben noch verborgen im Schutz der nahen Bäume, aus der Dunkelheit hervor. Im nu war die Nachtluft erfüllt vom losbrechenden Lärm und Getöse grauenhafter Schreie, als eine Horde Männer brüllend in ihr Lager stürmte.
Auf den ersten Blick schien es sich nicht um Soldaten zu handeln; sie trugen weder Uniformen, noch griffen sie, wie bei Soldaten üblich, mit gezogenen Waffen an. Kahlan sah nicht einen der Kerle ein Schwert, eine Axt oder auch nur ein Messer schwingen.
Waffen oder nicht es war eine riesige Horde übelster Burschen mit wütenden Schlachtrufen auf den Lippen, so als hätten sie nichts anderes als ein blutiges Gemetzel im Sinn. Allerdings wußte sie auch, daß der Schock des unvermittelten, ohrenbetäubenden Gebrülls nichts weiter war als eine Taktik, die darauf abzielte, die Zielpersonen in hilfloser Angst erstarren zu lassen, um sie leichter niederstrecken zu können. Das wußte sie, denn sie hatte sich dieser Taktik selbst schon bedient.