Kahlan streifte jede Empfindung ab und machte den Weg frei für die ungehinderte Entfesselung ihrer ungestümen Kraft.
Jetzt war er rettungslos verloren.
Er gehörte ihr.
Die rauschhafte, geradezu hämische Freude über die Gewißheit, sie als ruhmvoller Sieger zu besitzen, verzerrte bereits seine Züge. Er war es, der über den Fortgang ihres Lebens bestimmen würde, in dem sie nichts weiter war als seine Beute.
Kahlan entfesselte ihre Kraft.
Dank einer bewußten Entscheidung ihres Willens verwandelte sich ihr angeborenes Erbe, sonst stets unterdrückt, augenblicklich in eine alles überwältigende Kraft, die ihr Bewußtsein von Grund auf veränderte.
Ein erster Verdacht blitzte in den Augen des Kriegers auf, der Verdacht, daß ein für ihn vollkommen unbegreifliches Geschehen unwiderruflich seinen Lauf zu nehmen begann. Und dann durchfuhr ihn unvermittelt die blitzartige Erkenntnis, daß sein Leben, wie er es bis zu diesem Augenblick kannte, zu Ende war. All seine Hoffnungen, Gedanken und Ziele, alles, was er sich ersehnte, was er liebte oder haßte ... war mit einem Schlag unwiderruflich ausgelöscht.
Er vermochte in ihren Augen keinen Hauch von Erbarmen zu entdecken, und das, mehr als alles andere, versetzte ihn in blankes Entsetzen.
Ein Donner ohne Hall ließ die Luft erbeben.
Ein Moment unfaßbarer Gewalt – ebenso unverfälscht schön und köstlich wie grausam.
Noch immer hatte jener letzte Augenblick, der Kahlan blieb, ehe er sich auf sie werfen würde, nicht begonnen.
Die dumpfe Ahnung, daß es für ihn längst zu spät war stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Seine Wahrnehmung wurde von der brutalen Magie, die sein Gehirn durchzuckte und alles vernichtete, was ihn je ausgemacht hatte, überrollt.
Die Wucht der Erschütterung ließ die Luft erzittern.
Die Sterne bebten.
Feurige Funken peitschten über den Erdboden, als sich die Schockwelle ringförmig ausbreitete und eine Wolke von Staub vor sich hertrieb. Die Bäume wankten, als die Welle sie erfaßte und mit einem Hagelschauer aus Laub und Nadeln über sie hinwegfegte.
Er gehörte ihr.
Sein vorwärts stürmender Körper stieß Kahlan einen Schritt nach hinten, als sie ihm mit einer Körperdrehung auswich. Er segelte an ihr vorbei und schlug, mit dem Gesicht voran, schwer auf den Boden.
Ohne einen Moment des Zögerns stemmte er sich sogleich wieder hoch auf die Knie und hob die Hände wie zum Gebet in einer flehenden Geste. Tränen liefen über sein Gesicht. Sein Mund, eben noch verzogen in gieriger Erwartung, war jetzt in angstvoller Seelenqual verzerrt.
»Bitte, Herrin«, winselte er, »gebietet über mich.«
Zum allerersten Mal in seinem neuen Leben empfand Kahlan etwas, als sie ihn betrachtete: Verachtung.
15
Das einzige Geräusch, das über den ansonsten vollkommen still daliegenden Lagerplatz wehte, war das leise, verängstigte Meckern Bettys. Das gesamte Gelände schien mit Leichen bedeckt; der Überfall hatte offenbar ein Ende gefunden. Das Schwert noch in der Hand, hastete Richard quer durch das Blutbad zu Kahlan. Jennsen stand am Rand des Feuerscheins, während Cara prüfte, ob sich in den zahllosen Körpern noch Anzeichen von Leben regten.
Kahlan ließ den Krieger, den sie soeben mit ihrer Kraft berührt hatte, im Morast kniend zurück und begab sich mit staksigen Schritten hinüber zu Jennsen. Richard kam ihr auf halbem Weg entgegen und legte ihr erleichtert einen Arm um die Hüfte.
»Alles in Ordnung?«
Sie nickte.
»Und du?«
Richard schien ihre Frage gar nicht zu hören. Sein Arm glitt von ihrer Hüfte. »Bei den Gütigen Seelen«, stieß er hervor und lief hinüber zu einem der regungslos auf der Seite liegenden Männer.
Sabar.
Nicht weit entfernt stand Jennsen, vor Bestürzung zitternd, das Messer wie zur Abwehr erhoben, die Augen entsetzt aufgerissen. Kahlan zog sie in ihre Arme und redete mit leisen, beruhigenden Worten auf sie ein, daß es vorüber sei, daß sie nichts mehr zu befürchten habe und ihr nichts zugestoßen sei.
Jennsen hielt sich krampfhaft an ihr fest. »Sabar – er hat versucht, mich zu beschützen ...«
Kahlan tröstete sie. »Ich weiß, ich weiß.«
Dann sah sie, wie Richard ihn mit ruhigen Bewegungen auf den Rücken wälzte. Der Arm des jungen Mannes fiel kraftlos zur Seite. Kahlans Mut sank.
Völlig außer Atem kam Tom ins Lager gelaufen, über und über mit Blut und Schweiß besudelt. Einen unglücklichen Aufschrei auf den Lippen, warf Jennsen sich ihm in die Arme. Er zog sie beschützend an sich, hielt ihren Kopf an seine Schulter und versuchte, wieder zu Atem zu kommen – ohne das Dunkel ringsum auch nur einen Moment lang aus den Augen zu lassen.
Cara dagegen war die Ruhe in Person; das Fehlen jeglicher Hast, mit dem sie zu Werke ging, ließ keinen Zweifel aufkommen, daß alle Angreifer, ohne Ausnahme, tot waren.
Kahlan legte Richard eine tröstliche Hand auf den Rücken, als er neben Sabar in die Hocke ging und mit leiser Verbitterung in der Stimme fragte: »Wie viele Menschen müssen eigentlich noch für das Verbrechen sterben, in Freiheit leben zu wollen – für die Sünde, ihr Leben selbst bestimmen zu wollen?«
Sie sah, daß er das Schwert der Wahrheit noch immer krampfhaft mit einer Hand umklammert hielt. Die Magie des Schwertes, die sich anfangs nur zögerlich gezeigt hatte, funkelte auch weiterhin bedrohlich in seinen Augen.
»Wie viele?«, stieß er aufgebracht hervor.
»Ich weiß es nicht, Richard«, antwortete Kahlan leise.
Richard warf einen wütenden Blick zu dem Kerl auf der anderen Seite des Lagers hinüber, der noch immer auf den Knien lag und aus Angst, den Mund aufzumachen, mit flehentlich aneinander gepreßten Händen darum bettelte, man möge über ihn gebieten.
Einmal berührt von einer Konfessorin, wurde der Betreffende vollständig seiner früheren Persönlichkeit beraubt – dieser Teil seiner Erinnerung war für alle Zeiten gelöscht. Wer oder was der Betreffende einst auch gewesen sein mochte, es existierte schlicht nicht mehr.
An dessen Stelle setzte die Magie der Konfessorinnenkraft die unbedingte Unterwerfung unter die Wünsche und Bedürfnisse der Konfessorin, die ihn berührt hatte. Nichts sonst zählte. Sein ganzer Lebenszweck reduzierte sich auf das ausschließliche und bedingungslose Befolgen ihrer Befehle: zu tun, was immer sie anordnete, und jede ihrer Fragen zu beantworten.
Niemand, der auf diese Weise berührt worden war, würde es wagen, ein Verbrechen auf Geheiß einer Konfessorin nicht augenblicklich zu gestehen – nur zu diesem Zweck waren sie einst geschaffen worden. In gewisser Hinsicht verfolgten sie das gleiche Ziel wie der Sucher: die Wahrheit. Um zu überleben, gab es im Krieg, wie auch in allen anderen Bereichen des Lebens, kein wichtigeres Gut.
Der Kerl, der nicht weit entfernt am Boden kniete, wand sich in kriecherischer Unterwürfigkeit, denn bisher hatte Kahlan nichts von ihm verlangt. Eine abscheulichere Seelenpein, eine beängstigendere Leere als die, ihre Wünsche nicht zu kennen, war für ihn unvorstellbar; ohne ihre Wünsche entbehrte sein Dasein jeglichen Sinns. Nicht selten gingen von einer Konfessorin berührte Männer ohne ihre Befehle jämmerlich zu Grunde.
Was immer sie jetzt von ihm verlangte, sei es die Preisgabe seines eigenen Namens oder den seiner wahren Geliebten oder die Ermordung seiner geliebten Mutter, würde ihn in einen Zustand grenzenlosen Glücks versetzen, denn dann hätte er endlich eine Aufgabe, die er auf ihr Geheiß erfüllen konnte.
»Fragen wir ihn, was mit dem Überfall bezweckt werden sollte«, meinte Richard mit leisem Knurren und setzte sich in Bewegung, blieb aber gleich darauf unvermittelt wieder stehen. Dort, vor ihm im Staub, lagen die Überreste jener kleinen Statuette, die Sabar ihnen mitgebracht hatte. Sie war in hundert Einzelteile zerbrochen und – wenn man davon absah, daß die Splitter noch immer lichtdurchlässig und bernsteinfarben waren – bis zur Unkenntlichkeit zerstört.