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Nicci hatte in ihrem Brief angedeutet, daß sie die Statuette nicht mehr benötigten, nachdem sie ihre Warnung übermittelt hatte – eine Warnung, der zufolge Kahlan offenbar einen Schutzschild durchbrochen hatte, hinter dem etwas überaus Bedrohliches unter Verschluß gehalten wurde.

Was dieser Schild hatte schützen sollen, wußte Kahlan nicht, sie befürchtete jedoch, nur zu gut zu wissen, womit sie ihn durchbrochen hatte.

Viel mehr allerdings befürchtete sie, schuld am allmählichen Versagen der Magie von Richards Schwert zu sein.

Als sie auf die bernsteinfarbenen, in den Staub getretenen Scherben starrte, überkam sie eine Woge der Verzweiflung.

Richard legte ihr einen Arm um die Hüfte. »Laß deine Phantasie nicht mit dir durchgehen. Bislang wissen wir doch gar nicht, was das zu bedeuten hat. Wir wissen nicht einmal sicher, ob es überhaupt zutrifft – womöglich handelt es sich um eine Art Mißverständnis.«

Kahlan wünschte, sie hätte es glauben können.

Schließlich schob Richard sein Schwert in die Scheide zurück. »Möchtest du dich vielleicht erst ein wenig hinsetzen und ausruhen?«

Seit dem Tag ihrer ersten Begegnung hatte seine Sorge um sie Vorrang vor allem anderen gehabt; im Augenblick jedoch war sie eher um sein Wohlergehen besorgt.

Das Entfesseln ihrer Kraft zehrte stets an der physischen Verfassung einer Konfessorin: diesmal jedoch fühlte Kahlan sich nicht nur stark geschwächt, sondern ihr war geradezu übel. Sie war nicht zuletzt deswegen in das Amt der Mutter Konfessor berufen worden, weil ihre hervorragend ausgeprägte Kraft es ihr erlaubte, sie schon nach wenigen Stunden wiederherzustellen, während andere dafür einen ganzen Tag oder sogar deren zwei benötigten. Der Gedanke an all die anderen Konfessorinnen, von denen sie manchen sehr zugetan gewesen war und die längst nicht mehr lebten, verstärkte ihr Gefühl trostloser Hoffnungslosigkeit noch.

Um ihre Kraft vollständig wiederherzustellen, würde sie mindestens eine Nacht durchschlafen müssen, doch im Augenblick gab es wichtigere Dinge zu bedenken, nicht zuletzt Richards Zustand.

»Nein«, gab sie zurück. »Es geht mir gut. Ausruhen kann ich auch später noch. Fragen wir ihn, was immer du wissen willst.« Der unerträgliche Gestank, unter den sich der Geruch einer im Lagerfeuer vor sich hin schwelenden Leiche mischte, steigerte Kahlans Übelkeit von Sekunde zu Sekunde. »Und anschließend sollten wir zusehen, daß wir diesen schaurigen Ort verlassen«, sagte sie. »Wir müssen von hier fort, schließlich ist nicht auszuschließen, daß noch weitere Krieger auftauchen.« Zumal sie befürchtete, seine Magie könnte ihn, falls er gezwungen wäre, sein Schwert erneut zu ziehen, endgültig im Stich lassen. »Wir müssen uns einen geschützteren Lagerplatz suchen.«

Richard nickte zustimmend, zog sie an seine Brust und blickte gedankenverloren über ihren Kopf hinweg. Es war trotz allem – oder vielleicht deswegen – ein großartiges Gefühl, einfach in den Arm genommen zu werden. Schließlich hörten sie Friedrich völlig außer Atem ins Lager zurückhasten. Der grausige Anblick, der sich ihm bot. ließ ihn so jählings innehalten, daß er fast gestolpert wäre, und entlockte ihm ein entsetztes, angewidertes Stöhnen.

»Tom, Friedrich, habt ihr eine Ahnung, ob sich noch mehr von diesen Kerlen auf dem Weg hierher befinden?«

»Das glaube ich nicht, Lord Rahl«, antwortete Tom. »Meiner Meinung nach sind sie alle zusammengeblieben. Ich hab sie zufällig gesehen, als sie einen ausgetrockneten Wasserlauf heraufstiegen. Ich wollte sofort zurück, um Euch zu warnen, aber dann kamen plötzlich vier von ihnen hinter einer Erhebung hervor und warfen sich auf mich, während die übrigen weiter Richtung Lagerplatz liefen.«

»Ich hab niemanden gesehen, Lord Rahl«, sagte Friedrich, inzwischen wieder halbwegs bei Atem. »Ich bin sofort hergerannt, als ich die Schreie hörte.«

Richard legte ihm zum Zeichen des Dankes eine Hand auf die Schulter und versuchte ihn zu beruhigen. »Helft Tom beim Einspannen der Pferde. Ich möchte die Nacht nicht hier verbringen.«

Die beiden gingen unverzüglich an die Arbeit, während er sich an Jennsen wandte.

»Sei so nett und breite ein paar Schlafdecken auf der Ladeflache des Wagens aus. Ich möchte, daß Kahlan sich hinlegen und ein wenig ausruhen kann, sobald wir aufgebrochen sind.«

»Natürlich, Richard.«

Während alle darangingen, in größtmöglicher Eile ihre Siebensachen zusammenzusuchen, begab Richard sich allein zu einer etwas abseits gelegenen, unbewachsenen Stelle und hob ein flaches Grab aus. Für einen Scheiterhaufen war nicht genügend Zeit – ein namenloses Grab mußte genügen, zumal Sabars Seele seinen Körper bereits verlassen hatte und ihnen das hastige Verscharren seines Leichnams kaum verübeln würde.

Kahlan überdachte ihren Gedanken noch einmal. Nach Niccis Brief, der sie über den Zweck des Warnzeichens aufgeklärt hatte, hatte sie mehr denn je Grund, die Gültigkeit gewisser Vorstellungen, wie die der Seelen, anzuzweifeln. Das Totenreich war über magische Kanäle mit der Welt des Lebens verbunden; der Schleier selbst war magisch und befand sich angeblich in den Köpfen von Richard und seinesgleichen. Sie hatten herausgefunden, daß diese Verbindungskanäle ohne Magie versagen konnten und daß diese anderen Welten, da sie nicht unabhängig von der Welt des Lebens, sondern nur in Beziehung zu ihr existieren konnten im Falle eines völligen Versagens dieser Verbindungen möglicherweise ganz zu existieren aufhörten – etwa so, wie der Begriff der Tageszeiten ohne die Sonne nicht vorstellbar war.

Für Kahlan stand jetzt fest, daß der Magie die Macht über die Welt zu entgleiten drohte und daß dieser Machtverfall bereits seit mehreren Jahren andauerte.

Und sie glaubte auch, den Grund zu kennen.

Die Seelen – die gütigen ebenso wie die bösen –, aber auch alle anderen Dinge, deren Existenz auf Magie beruhte, würden möglicherweise schon bald vernichtet werden. Dadurch bekäme der Tod, im wahrsten Sinn des Wortes, etwas Endgültiges. Es war sogar denkbar, daß die Möglichkeit, sich nach dem Tod mit einem geliebten Menschen oder den Gütigen Seelen zu vereinen, nicht mehr gegeben wäre. Die Gütigen Seelen, ja selbst die Unterwelt, könnten im absoluten Nichts versinken.

Als Richard seine Arbeit beendet hatte, half ihm Tom, Sabars sterbliche Überreste in die Erdmulde zu legen. Er sprach ein paar stille Worte, mit denen er die Gütigen Seelen bat, über einen der ihren zu wachen, dann bedeckte Richard den Leichnam mit Erde.

»Lord Rahl«, wandte Tom sich mit leiser Stimme an ihn, als sie fertig waren. »Während die ersten bereits den Lagerplatz überfielen, haben ein paar Männer hier unseren Pferden die Kehle durchgeschnitten; erst danach sind sie ihren Kumpanen hinterhergeeilt.«

»Allen Pferden?«

»Meine wurden als Einzige verschont. Die Zugtiere sind ziemlich schwer und kräftig; vermutlich hatten die Kerle Angst, niedergetrampelt zu werden. Sie ließen ein paar Männer zurück, die auf mich aufpassen sollten, daher dachten sie wohl, sie hätten von mir nichts mehr zu befürchten. Vermutlich waren sie im Glauben, sie könnten sich später, sobald sie Euch überwältigt hätten, um die Zugtiere kümmern.« Tom zuckte seine breiten Schultern. »Vielleicht hatten sie sogar vor, Euch gefangen zu nehmen, zu fesseln und mit dem Wagen fortzuschaffen.«

Richard nahm Toms Ausführungen mit einem knappen Nicken zur Kenntnis und wischte sich mit den Fingern über die Stirn. Kahlan fand, daß er noch abgespannter aussah, als sie sich fühlte; es war unübersehbar, daß seine Kopfschmerzen zurückgekehrt waren und ihn unter ihrer quälenden Heftigkeit zu erdrücken drohten.

Tom ließ den Blick durch ihr Lager schweifen. »Was machen wir mit den übrigen Toten?«