Er brach in Tränen aus und flehte sie händeringend an. »Vergebt mir, Herrin!«
War seine Stimme der Inbegriff emotionaler Aufgewühltheit, so war die ihre das genaue Gegenteil. »Beantworte die Frage!«
Er stellte sein hemmungsloses Geschluchze ein, um zu sprechen, wie man es ihm befohlen hatte, doch noch immer liefen ihm die Tränen in Strömen über das Gesicht. »Wir blieben zusammen, um unsere Kräfte zu bündeln und dadurch sicherzustellen, den Lord Rahl und, und ... Euch, Mutter Konfessor, gefangen nehmen zu können. Wir teilen uns nur bei der Festnahme größerer Gruppen auf; die eine Hälfte bleibt dann zunächst noch im Hintergrund, um etwaige Fluchtversuche zu unterbinden. Aber da ich Euch beide festnehmen wollte und es hieß, Ihr wärt zusammen, habe ich meinen Leuten erklärt, daß wir nur so eine Chance hätten. Ich wollte auf jeden Fall verhindern, daß Ihr Euch einer Festnahme widersetzen könnt, und befahl, mit allen zur Verfügung stehenden Männern anzugreifen. Einige sollten zuvor noch den Reittieren die Kehle durchschneiden, um jeden Fluchtversuch von vornherein zu vereiteln.«
Seine Miene hellte auf. »Ich hätte nie gedacht, daß wir scheitern könnten.«
»Wer hat euch geschickt?«, fragte Kahlan.
Er rutschte auf den Knien nach vorn, streckte eine Hand vor und versuchte zaghaft, ihr Bein zu berühren. Kahlan verharrte vollkommen regungslos, doch ihr frostiger Blick zeigte ihm unmißverständlich, daß jede Berührung ihr äußerstes Mißfallen erregen würde. Die Hand zuckte zurück.
»Nicholas«, gestand er schließlich.
Kahlan runzelte erstaunt die Stirn. Sie hatte erwartet, er würde Jagang als Auftraggeber nennen.
Sie mußte mit der Möglichkeit rechnen, daß der Traumwandler sie durch die Augen dieses Mannes beobachtete; es wäre nicht das erste Mal, daß Jagang Meuchler entsandt hätte, nachdem er in ihren Verstand eingedrungen war. Eine Person, deren Verstand er kontrollierte, unterlag seiner Willkür und Beeinflussung; nicht einmal Cara hatte dann noch Gewalt über sie – und Kahlan ebenso wenig.
»Du lügst. Jagang hat dich geschickt.«
Er verfiel augenblicklich in erbärmliches Jammern. »Aber nein, Herrin! Ich hatte noch nie etwas mit Seiner Exzellenz zu tun! Die Armee ist riesig und über das ganze Land verteilt. Meine Befehle erhalte ich von den Offizieren meiner Unterabteilung. Ich bezweifele, daß die, von denen sie ihre Befehle entgegennehmen, oder deren Vorgesetzte, oder auch nur deren übergeordnete Kommandanten, der Aufmerksamkeit Seiner Exzellenz würdig sind. Seine Exzellenz weilt derzeit hoch oben im Norden, um den gesetzlosen Barbaren dort die Heilsbotschaft des Ordens zu bringen; vermutlich weiß er nicht einmal von unserer Existenz.
Wir gehören lediglich einer bescheidenen Truppe von Soldaten an, die über das nötige Durchsetzungsvermögen verfügt, um von der Imperialen Ordnung gesuchte Personen aufzugreifen – damit sie entweder verhört oder zum Schweigen gebracht werden können. Wir stammen ausnahmslos aus diesem Teil des Reiches und wurden für diese Arbeit rekrutiert, weil wir hier leben. Ich bin der Aufmerksamkeit Seiner Exzellenz gewiß nicht würdig.«
»Aber Jagang hat dich – deinen Verstand – in deinen Träumen heimgesucht.«
»Herrin?« Er schien bestürzt weil er nachfragen mußte, statt ihre Frage augenblicklich zu beantworten. »Ich verstehe nicht.«
Kahlan maß ihn mit durchdringendem Blick. »Jagang ist in deinen Verstand eingedrungen. Er hat zu dir gesprochen.«
Er wirkte ehrlich verwirrt, als er den Kopf schüttelte. »Nein, Herrin. Ich bin Seiner Exzellenz nie begegnet. Er ist mir auch noch nie im Traum erschienen – ich weiß überhaupt nichts über ihn, außer, daß Altur’Rang die Ehre hat, seine Heimatstadt zu sein.
Möchtet Ihr, daß ich ihn für Euch töte, Herrin? Bitte, wenn dies Euer Wunsch ist, so erlaubt mir, ihn zu töten.«
Er konnte unmöglich wissen, wie absurd dieser Gedanke war; in seinem unbändigen Verlangen, sie zufrieden zu stellen, wäre er jedoch überglücklich gewesen, es auf ihren Befehl hin zu versuchen. Während Richard ihn im Auge behielt, kehrte Kahlan ihm den Rücken zu und beugte sich leise flüsternd vor, damit der Kerl nicht mithören konnte. »Ich weiß nicht, ob die vom Traumwandler Heimgesuchten sich seiner Anwesenheit stets bewußt sein müssen, aber ich vermute es. Bislang traf dies auf alle zu, denen ich begegnet bin.«
»Könnte er sich nicht unbemerkt in den Verstand eines Menschen einschleichen, nur um uns zu beobachten?«
»Möglich wäre es vermutlich schon«, antwortete sie. »Aber überleg doch, wie viele Millionen von Menschen in der Alten Welt leben – woher will er wissen, in welchen Verstand er sich einschleichen muß, um eine bestimmte Person zu beobachten? Traumwandler oder nicht – er ist nur ein einzelner Mann.«
»Besitzt du die Gabe?«, wandte sich Richard wieder an den Schergen.
»Nein.«
Richard raunte ihr mit leiser Stimme ins Ohr: »Nun, von Nicci weiß ich, daß Jagang sich nur selten mit den nicht mit der Gabe Gesegneten abgibt – angeblich, weil er Schwierigkeiten hat, in ihren Verstand einzudringen. Also bedient er sich einfach der mit der Gabe Gesegneten in seiner Gewalt und benutzt sie, um die nicht mit der Gabe Gesegneten zu kontrollieren. Schließlich muß er sich bereits um all die Schwestern in seiner Gefangenschaft kümmern. Er muß sie fortwährend kontrollieren und ihnen vorschreiben, was sie zu tun haben; unter anderem – wie wir in Niccis Brief ansatzweise lesen konnten –, um sie dazu zu bringen, Menschen in Waffen zu verwandeln. Außerdem ist er der Oberbefehlshaber der Streitkräfte und in dieser Funktion verantwortlich für deren Strategie. Mit anderen Worten, er hat alle Hände voll zu tun, weshalb er sich gewöhnlich auf den Verstand der mit der Gabe Gesegneten beschränkt.«
»Aber eben nicht ausschließlich. Wenn er muß oder ihm auch nur danach zumute ist, kann er durchaus in den Verstand eines nicht mit der Gabe Gesegneten eindringen. Wenn wir klug wären«, schloß Kahlan leise, »würden wir diesen Burschen auf der Stelle töten.«
Richard hatte den Mann, während sie miteinander sprachen, keinen Moment aus den Augen gelassen. Sie wußte, er würde nicht zögern, ihr beizupflichten, wäre er nicht überzeugt, der Kerl könnte ihnen noch von Nutzen sein.
»Ich brauche es nur zu befehlen«, erinnerte sie ihn, »und er fällt auf der Stelle tot um.«
Er sah ihr einen Moment lang in die Augen, ehe er sich wieder dem Mann zuwandte und stirnrunzelnd nachhakte: »Du hast gesagt, ein Mann namens Nicholas hätte dich geschickt. Wer ist dieser Nicholas?«
»Nicholas ist ein furchterregender Zauberer in Diensten der Imperialen Ordnung.«
»Du bist ihm also begegnet. Hat er dir diesen Befehl erteilt?«
»Nein. Für einen Mann seines Ranges sind wir zu unbedeutend, um sich mit uns abzugeben. Er hat uns den Befehl über einen Mittelsmann zukommen lassen.«
»Woher wußtest du, wo wir zu finden sind?«
»Der Befehl bezog sich auf das ungefähre Gebiet. Es hieß darin, wir sollten nach Euch Ausschau halten, sobald Ihr am Ostrand des Wüstengebiets nach Norden abgeschwenkt wart, und Euch bei Sichtung sofort gefangen nehmen.«
»Und woher kannte dieser Nicholas unseren Aufenthaltsort?«
Er blinzelte, so als müßte er in seinem Gehirn erst nach der Antwort suchen. »Ich weiß es nicht, das wurde uns nicht mitgeteilt. Wir bekamen nur Order das Gebiet zu durchkämmen und Euch im Falle der Entdeckung beide zu überstellen – und zwar lebend. Der Kommandant, der den Befehl an uns weitergab, schärfte mir noch ein, wir müßten auf jeden Fall erfolgreich sein, da der Schleifer sonst sehr ungehalten wäre.«
»Wer wäre ungehalten? ... der Schleifer?«
»Nicholas, der Schleifer – so lautet sein Name. Manche nennen ihn einfach nur ›den Schleifer‹.«
Kahlan wandte sich mit fragender Miene zu ihm herum. »Den was?«