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Der Anblick ihrer gerunzelten Stirn ließ ihn erneut erzittern. »Den Schleifer, Herrin.«

»Was soll das bedeuten, der Schleifer?«

Er fing erneut an zu wimmern und faltete die Hände, um sie verzweifelt um Vergebung anzuflehen. »Ich weiß es nicht, Herrin. Wirklich nicht. Ihr habt gefragt, wer mich geschickt hat, und das ist eben sein Name: Nicholas. Manche nennen ihn den ›Schleifer‹.«

»Wo befindet er sich zurzeit?«, fragte Richard.

»Das weiß ich nicht«, brachte er unter Tränen hervor. »Ich erhielt meine Befehle von meinem Vorgesetzten, der mir erklärte, die Befehle habe ein Ordensbruder wiederum seinem Kommandanten überbracht.«

Richard holte tief Luft und fuhr sich mit der Hand über den Nacken. »Was weißt du sonst noch über diesen Nicholas – außer daß er ein Zauberer ist und ›der Schleifer‹ genannt wird?«

»Nichts, außer, daß selbst mein Kommandant ihn fürchtet.«

»Wieso das? Was geschieht, wenn man sein Mißfallen erregt?«, warf Kahlan ein.

»Wer sein Mißfallen erregt, wird von ihm persönlich gepfählt.«

Angesichts des Gestanks von Blut und verbranntem Fleisch, gepaart mit den unsäglichen Dingen, die sie gezwungen war, sich anzuhören, hatte Kahlan größte Mühe zu verhindern, daß sie sich übergab. Sie wußte nicht, wie lange ihr Magen noch standhalten würde, wenn sie noch länger an diesem Ort verweilten, um sich die Geschichten anzuhören, die dieser Kerl ihnen auftischte.

Sachte faßte sie Richards Unterarm. »Bitte, Richard«, bat sie ihn leise, »das bringt uns doch nicht weiter. Laß uns diesen Ort endlich verlassen, bitte. Wir können das Verhör doch später fortsetzen.«

»Du wirst vor dem Wagen herlaufen«, entschied Richard augenblicklich. »Ich möchte nicht, daß sie gezwungen ist, dir in die Augen zu sehen.«

Der Mann entfernte sich sofort unter heftigem Nicken.

»Ich glaube eigentlich nicht, daß Jagang in seinem Verstand steckt«, sagte Kahlan, »aber was ist, wenn ich mich irre?«

»Ich denke, wir sollten ihn erst einmal am Leben lassen. Vor dem Wagen hat Tom ihn sicher im Blick. Und falls wir uns getäuscht haben sollten, nun, Tom ist mit seinem Messer ziemlich flink.« Richard stieß einen verhaltenen Seufzer aus. »Aber ein wichtiger Punkt hat sich bereits geklärt.«

»Der wäre?«

Er legte ihr die Hand ins Kreuz und schob sie vor sich her. »Brechen wir erst einmal auf dann erzähle ich es dir.«

Kahlan sah den Wagen ein Stück entfernt in der Dunkelheit warten. Tom folgte dem Gefangenen mit dem Blick, als er sich vor die großen, kräftigen Zugpferde begab und dort wartend stehen blieb. Jennsen und Cara hatten es sich auf der Ladefläche bequem gemacht, und Friedrich saß neben Tom oben auf dem Bock.

»Wie viele sind es?«, rief Richard Cara zu, als sie sich dem Wagen näherten.

»Achtundzwanzig, mit den vier oben in den Hügeln, die Torn erledigt hat, sowie dem einen hier.«

»Dann haben wir sie also alle erwischt«, stellte Richard erleichtert fest.

Kahlan spürte, wie seine Hand von ihrem Rücken glitt und sah ihn wankend stehen bleiben. Sie wußte nicht weshalb er nicht weiterging, und hielt ebenfalls an. Richard sank auf ein Knie hinunter. Sofort war Kahlan bei ihm, ging in die Hocke und legte ihm einen Arm um die Schultern, um ihn zu stützen. Die Augen vor Schmerzen fest geschlossen, eine Hand auf den Unterleib gepresst krümmte er sich gequält.

Cara setzte sofort über die Seitenwand des Wagens hinweg und lief zu ihnen hinüber.

Trotz ihrer ungeheuren Erschöpfung war Kahlan mit einem Schlag hellwach. »Wir müssen augenblicklich zu den Sliph«, befand sie, gleichermaßen an Cara wie an Richard gewandt. »Wir müssen unbedingt zu Zedd. Wir brauchen dringend eine Erklärung – und Hilfe. Zedd wird uns gewiß helfen können.«

Das Atmen bereitete Richard mittlerweile große Mühe, bis er schließlich überhaupt kein Wort mehr hervorbrachte, weil ein Schmerzanfall ihn zwang, die Luft anzuhalten. Kahlan wußte weder aus noch ein und fühlte sich vollkommen hilflos.

»Lord Rahl«, redete die vor ihm kniende Cara auf ihn ein, »Ihr habt gelernt, den Schmerz zu beherrschen. Genau das müßt Ihr jetzt tun.« Mit ihrer Hand griff sie in sein Haar und bog seinen Kopf in den Nacken, damit sie ihm in die Augen sehen konnte. »Denkt nach«, fuhr sie ihn an. »Versucht Euch zu erinnern. Weist den Schmerz in seine Schranken. So macht schon!«

Richard klammerte sich mit beiden Händen an ihren Unterarm, als wollte er ihr für ihre Worte danken. »Geht nicht«, brachte er schließlich unter großen Mühen an Kahlan gewandt hervor. »Wir können nicht durch die Sliph reisen.«

»Aber wir müssen«, beharrte sie. »Es ist der schnellste Weg.«

»Und was ist, wenn ich in die Sliph hinabsteige, das Quecksilber in meine Lungen atme – und meine Magie versagt?«

Kahlan war der Verzweiflung nahe. »Aber wir müssen durch die Sliph reisen, wenn wir ... schnell zu Nicci gelangen wollen.« Das Wörtchen »rechtzeitig« hatte sie bewußt vermieden.

»Und wenn irgend etwas schief geht, sterbe ich.« Keuchend versuchte er trotz der ungeheuren Schmerzen wieder zu Atem zu kommen. »Ohne Magie bedeutet es den Tod, wenn man die Sliph einatmet. Das Schwert versagt mir bereits seinen Dienst.« Er würgte, hustete, schnappte keuchend nach Luft. »Wenn meine Gabe die Ursache der Kopfschmerzen ist und sie auch das Versagen meiner Magie bewirkt, bin ich nach dem ersten Atemzug in der Sliph tot. Und die Möglichkeit, es vorher auszuprobieren, gibt es nicht.«

Eine eiskalte Woge von Angst schoß durch ihre Adern. Ein Besuch bei Zedd war Richards letzte Hoffnung. Ohne seine Hilfe waren die durch die Gabe verursachten Kopfschmerzen sein sicherer Tod.

Sie glaubte allerdings, den Grund für das Versagen der Magie des Schwertes zu kennen – an den Kopfschmerzen lag es jedenfalls nicht. Sie befürchtete, daß es dieselbe Ursache hatte, die auch für den Bruch des Siegels verantwortlich war. Das Warnzeichen war ein unmißverständlicher Hinweis darauf, daß sie die eigentliche Ursache war. In diesem Fall hatte sie auch noch so manches andere zu verantworten.

Wenn sie tatsächlich Recht hatte, wurde ihr schlagartig bewußt, dann stimmte auch, was Richard über die Sliph gesagt hatte: Eine Reise durch sie wäre sein sicherer Tod.

»Richard Rahl, statt meine besten Einfälle als undurchführbar abzulehnen, solltest du besser selbst den einen oder anderen Vorschlag machen.«

Mittlerweile wand er sich keuchend unter einer heftigen Schmerzattacke. Plötzlich sah Kahlan, daß er beim Husten Blut spuckte.

»Richard!«

Tom kam herbeigeeilt, einen bestürzten Ausdruck im Gesicht. Als er das Blut an Richards Kinn herunterrinnen sah, wurde er leichenblaß.

»Helft ihm auf den Wagen«, ordnete Kahlan an, um einen beherrschten Tonfall bemüht.

Cara legte seinen Arm über ihre Schulter. Tom schob ihm einen Arm um die Hüfte und half den beiden Frauen, ihn auf die Beine zu ziehen.

»Nicci«, stieß Richard hervor.

»Was?«

»Du wolltest doch wissen, ob ich eine Idee habe. Nicci.« Er stöhnte vor Schmerzen und hatte sichtlich Mühe, Luft zu holen. Als er hustete, erbrach er einen ganzen Schwall von Blut, das ihm in langen Fäden vom Kinn herabtroff.

Nicci war Hexenmeisterin und kein Zauberer, doch was Richard brauchte, war ein Zauberer. Selbst wenn sie gezwungen waren, den Landweg zu nehmen, konnten sie es bis zu ihr schaffen – vorausgesetzt, sie beeilten sich. »Aber Zedd könnte doch viel eher ...«

»Bis zu Zedd ist es zu weit«, stöhnte er. »Wir müssen zu Nicci. Sie weiß sich beider Seiten der Gabe zu bedienen.«

Das hatte Kahlan nicht bedacht. Womöglich konnte sie ihnen tatsächlich helfen.

Kahlan sah hoch zu Tom, der – nachdem sie Richard mit vereinten Kräften auf den Wagen gebettet hatten – bereits auf dem Bock saß. »Fahren wir und suchen uns einen Lagerplatz für die Nacht.«

Tom nickte und löste die Handbremse. Auf seine Aufforderung stemmten sich die Pferde mit ihrem ganzen Gewicht in die Kummete, und der Wagen setzte sich mit einem Ruck in Bewegung.

Betty hatte es sich leise meckernd neben dem zeitweilig bewußtlosen Richard bequem gemacht und ihren Kopf auf seine Schulter gelegt. Jennsen strich ihrer Ziege über den Kopf.