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Während sie am Himmel ihre Kreise zogen, spürte er den Luftzug unter ihren Schwingen, spürte er das Spiel ihrer Federn im Wind, mit dem sie ihre Flugbahn ebenso mühelos bestimmten, wie sein Gedanke nicht nur seine eigene, sondern auch die Seelen der anderen fünf lenkte.

Er hieß die fünf durch die Nacht jagen, zu ebenjenem Ort an den er auch die Männer beordert hatte. Sie schossen dahin über die Hügel, drehten sich mal hier-, mal dorthin, um das weite Land mit den Augen abzusuchen und den Blick über die kahle Landschaft schweifen zu lassen. Die Dunkelheit umfing ihn wie ein kühles Tuch und hüllte ihn in das unsichtbare Schwarz der Nacht, in das unsichtbare Schwarz seines düsteren Federkleides.

Als die fünf sich gemächlich kreisend dem Boden näherten, witterte er Aasgeruch – scharf, durchdringend, qualvoll verlockend. Mit ihren Augen, die das Dunkel zu durchdringen vermochten, erfaßte Nicholas das Bild, das sich ihm dort unten bot: ein Ort, übersät mit Leichen. Eine Reihe ihrer Artgenossen hatten sich bereits eingefunden, um sich in einem ungezügelten Delirium aus Reißen und Schlingen an ihnen gütlich zu tun.

Augenblick – da stimmte etwas nicht. Er konnte sie nirgendwo entdecken.

Kraft seines Willens kommandierte er seine Schützlinge von dem grausigen Festmahl ab, damit sie sich auf die Suche machten. Das Gefühl dringend gebotener Eile durchfuhr ihn unvermittelt wie ein Schmerz. Was ihm hier durch die Lappen gegangen war, war seine Zukunft – seine Beute drohte ihm zu entgleiten. Er mußte sie finden – unbedingt.

Er trieb seine Schützlinge zur Eile an.

Hierher, hier entlang, macht die Augen auf und seht euch genau um. Findet sie, nur zu, ihr müßt sie finden. Macht die Augen auf, verdammt!

Das hätte niemals geschehen dürfen, die Anzahl der Soldaten war groß genug gewesen. Niemand konnte einem so großen Trupp erfahrener Krieger entkommen – nicht, wenn sie sich heimlich anschlichen und das Moment der Überraschung auf ihrer Seite hatten. Schließlich hatte man sie eigens auf Grund ihrer hervorragenden Qualitäten ausgewählt. Diese Soldaten wußten, was sie taten.

Auf kräftigen Schwingen glitt er durch die Nacht und suchte mit Augen, die das Dunkel zu durchdringen vermochten, versuchte mit Hilfe von Geschöpfen, die selbst aus großer Entfernung ihre Beute finden konnten, ihre Witterung aufzunehmen.

Da – er erblickte ihren Wagen. An seinem Gespann aus kräftigen Pferden erkannte er ihn sofort wieder. Er hatte ihn zuvor bereits gesehen – und die beiden ganz in seiner Nähe. Auf lautlosen Schwingen zogen seine Schützlinge ganz in der Nähe ihre Kreise und gingen tiefer, um in Augenschein zu nehmen, worauf Nicholas es abgesehen hatte.

Doch sie waren fort, wie vom Erdboden verschluckt. Es mußte ein Täuschungsmanöver sein. Vermutlich hatten sie den Wagen fortgeschickt, um ihn auf eine falsche Fährte zu locken.

Der Zorn verlieh ihm frische Kräfte, als er mit wuchtigem Flügelschlag höher stieg, um das Gelände abzusuchen. Jagt sie, laßt sie nicht entkommen, findet sie. Er ließ seine fünf Begleiter immer weiter ausschwärmen, um das Gelände unter dem nächtlichen Himmel abzusuchen. Unbeirrbar zogen sie ihre Bahn, unentwegt auf der Suche. Sein Begehr war jetzt das ihre. Jagt sie, sucht.

Da – zwischen den Bäumen gab es Bewegung.

Die Dunkelheit war gerade erst hereingebrochen; sie würden ihre Verfolger nicht bemerken – nicht im Dunkeln –, er dagegen glaubte sie jetzt deutlich zu erkennen. Er zwang seine fünf Begleiter, kreisend tiefer zu gehen und ganz dicht heranzufliegen. Diesmal würde er nicht versagen, diesmal würde er nahe genug herangehen, bis er sie deutlich vor sich sah.

Sie war es tatsächlich! Die Mutter Konfessor! Dann erblickte er die anderen. Die Frau mit den roten Haaren und ihre kleine vierbeinige Freundin. Dann auch die übrigen. Er mußte ebenfalls darunter sein; vermutlich bei der kleinen Gruppe, die derzeit Richtung Westen zog.

Sie zogen tatsächlich nach Westen. Von der Stelle, wo er sie zuletzt gesichtet hatte, waren sie wahrhaftig weiter Richtung Westen gezogen.

Nicholas konnte ein stummes Lachen nicht unterdrücken. Die Soldaten, die sie hatten gefangen nehmen sollen, lagen alle tot im Staub, aber sie zogen dessen ungeachtet einfach weiter.

Dorthin, wo er sie bereits erwartete.

Er würde sie alle in seine Gewalt bringen, den Lord Rahl, die Mutter Konfessor, alle. Anschließend würde Jagang sie bekommen.

In diesem Augenblick wurde ihm schlagartig klar, was er als Belohnung fordern würde – als Gegenleistung für den Fang, den er abliefern würde.

D’Hara.

Als Gegenleistung für diese zwei erbärmlichen Gestalten würde er die Herrschaft über D’Hara verlangen. Wenn Jagang dieser zwei tatsächlich habhaft werden wollte, würde er ihm den Wunsch gewähren; niemals würde er es wagen, ihm, dem Schleifer, eine Bitte abzuschlagen. Nicht, wenn er im Gegenzug seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt bekam. Für diese zwei wäre Jagang bereit, jeden Preis zu zahlen.

Ein plötzlicher Schmerz, gefolgt von einem Aufschrei. Schock, Entsetzen und Verwirrung durchführen ihn. Er fühlte den Wind, denselben Wind, der ihn eben noch so mühelos getragen hatte, plötzlich wie mit gierigen Händen an seinem Gefieder zerren, während er hilflos unter Schmerzen in die Tiefe trudelte.

Einer seiner fünf Begleiter stürzte mit rasender Geschwindigkeit der Erde entgegen und klatschte auf den Boden.

Nicholas stieß einen Schrei aus. Er hatte eine der fünf Seelen seines Schwarms verloren. Irgendwo weit hinter ihm in einem fernen Raum mit holzgetäfelten Wänden, mit Läden vor den Fenstern und blutigen Marterpfählen, einem Ort, dessen Existenz er fast vergessen hatte, wurde eine Seele gewaltsam seiner Kontrolle entrissen.

Eines der fünf Opfer war im selben Augenblick gestorben, da die Riesenkrähe am Boden aufgeschlagen war.

Und wieder ein Aufschrei wie von einem heftigen Schmerz. Der nächste Vogel geriet unkontrollierbar ins Trudeln, eine weitere Seele entglitt seiner Gewalt und stürzte in die lauernden Arme des Todes.

Nicholas bemühte sich, in diesem Chaos den Überblick zu wahren, und zwang seine noch verbliebenen drei Begleiter, seinen Blick aufrechtzuerhalten. Jagt sie, zögert nicht, nur zu. Wo mochte er nur sein, wo? Die übrigen konnte er sehen, aber wo steckte Lord Rahl?

Ein dritter Aufschrei.

Wo konnte er nur sein? Nicholas hatte größte Mühe, trotz der ungeheuren Schmerzen, trotz des verstörenden Sturzes in die Tiefe, sein Sehvermögen nicht zu verlieren.

Ein glühend heißer Schmerz durchfuhr den vierten Vogel.

Ehe er sich besinnen, seine Sinne bündeln und sie kraft seines Willens unter sein Kommando zwingen konnte, wurden zwei weitere Seelen ins Nichts der Unterwelt gerissen.

Wo mochte er nur stecken?

Die Krallen bereit, spähte Nicholas in die dunkle Nacht.

Da! Das mußte er sein.

Mit einer letzten, verzweifelten Kraftanstrengung zwang er die Riesenkrähe, sich in den Sturzflug fallen zu lassen. Dort war er! Hoch oben, viel höher als die anderen. Aus einem unerfindlichen Grund kauerte er hoch oben, weit oberhalb der anderen, auf einem Fels.

Stürz dich auf ihn. Greif ihn dir.

Ganz ruhig stand er da, den Bogen gespannt.

Ein kolossaler Schmerz durchfuhr die letzte Riesenkrähe; schon stürzte ihr der Boden entgegen. Nicholas schrie auf. Wie von Sinnen versuchte er, sich gegen das Trudeln zu stemmen. Er fühlte die Riesenkrähe mit beängstigender Wucht auf dem Fels aufschlagen – doch nur für den Bruchteil eines Augenblicks.

Keuchend sog Nicholas verzweifelt Luft in seine Lungen. Die sengende Qual seiner abrupten Rückkehr, einer unkontrollierten; ungewollten Rückkehr, bescherte ihm ein heftiges Schwindelgefühl im Kopf.

Er blinzelte, den Mund weit aufgesperrt, wie um zu schreien, brachte aber keinen Laut hervor. Vor Anstrengung traten ihm die Augen aus den Höhlen, doch es war kein Schrei zu hören. Er war wieder zurück – ob er wollte oder nicht, er war zurück in seinem Körper. Keine Riesenkrähe unterstützte seinen stummen Schrei mit ihrem Kreischen. Sie waren tot, alle fünf.