Nicholas wandte sich zu den vier Gepfählten auf den Marterpfählen hinter ihm herum. Das fünfte Opfer lag zusammengesunken in der gegenüberliegenden Ecke. Alle fünf waren tot, ihre Seelen davongeschwebt. Im Raum herrschte eine Stille wie in einer Totengruft. In der Schale vor ihm schimmerte nur noch der Rest seiner eigenen Seele. Er nahm sie wieder in sich auf.
Lange blieb er in dieser Stille sitzen und wartete, daß das Schwindelgefühl in seinem Kopf nachließ. Es war ein Schock gewesen, sich im Augenblick des Todes im Körper eines anderen Wesens zu befinden – die Seele eines Menschen in dessen Todessekunde in sich zu wissen. Und das gleich fünfmal in rascher Folge. Eine verblüffende Erfahrung.
Dieser Lord Rahl war ein erstaunlicher Mann. Zuvor bei ihrem ersten Zusammentreffen; hatte Nicholas es noch für ausgeschlossen gehalten, daß er alle fünf treffen würde. Er hatte es lediglich für Glück gehalten. Jetzt, nach dem zweiten Mal. konnte davon nicht mehr die Rede sein. Dieser Lord Rahl war führwahr ein erstaunlicher Mann.
Hatte er gewollt, er hätte seine Seele erneut auf Reisen schicken und sich neue Augen suchen können, doch er hatte Kopfschmerzen und fühlte sich dem nicht gewachsen. Zudem spielte es ohnehin keine Rolle. Lord Rahl war auf dem Weg nach Westen, auf dem Weg in das große Reich Bandakar.
Das Reich, das ihm, Nicholas, gehörte.
Die Menschen dort verehrten ihn.
Ein Lächeln ging über seine Lippen. Dieser Lord Rahl würde überrascht sein, was für eine Art Mann er bei seinem Eintreffen vorfand. Vermutlich glaubte er, bereits alle möglichen Arten von Männern zu kennen.
Nicholas den Schleifer kannte er nicht.
Nicholas den Schleifer, der einst Herrscher D’Haras sein würde, sobald er Jagang jenen Fang übergeben hätte, nach dem sich dieser am meisten sehnte: den Leichnam Lord Rahls, sowie den Körper der noch lebenden Mutter Konfessor.
Diese beiden würde Jagang für sich selbst beanspruchen.
Und im Gegenzug würde ihr Reich an Nicholas fallen.
29
Ann vernahm den fernen Widerhall von Schritten, die sich in dem langen, menschenleeren Gang draußen vor der äußeren Tür ihres vergessenen Verlieses unter dem Palast des Volkes, dem Sitz der Macht in D’Hara, näherten. Längst war sie nicht mehr gewiß, ob es Tag oder Nacht war; in der lautlosen Finsternis war ihr jedes Zeitgefühl abhanden gekommen. Die Laterne sparte sie sich für die Momente auf, da man ihr das Essen brachte, sie in ihrem Reisebuch an Verna schrieb – oder für die Augenblicke, in denen sie sich so allein fühlte, daß sie froh war, zumindest die Gesellschaft einer winzigen Flamme zu haben.
In der Dunkelheit blieb ihr nichts weiter zu tun, als über ihr Leben und alles, wofür sie so hart gearbeitet hatte, nachzudenken. Jahrhundertelang war sie den Schwestern des Lichts in ihrem Bemühen, dem Licht des Schöpfers in der Welt zum Triumph zu verhelfen und dafür zu sorgen, daß der Hüter der Unterwelt blieb, wo er hingehörte – in seinem Reich, der Welt der Toten –, ein Vorbild gewesen.
Jahrhundertelang hatte sie mit Bangen jene Zeit erwartet, die ihnen laut Prophezeiungen nun bevorstand.
Fünfhundert Jahre hatte sie auf die Geburt des Einen gewartet, der es vermochte, sie erfolgreich in den Kampf um das Überleben der Gabe des Schöpfers, der Magie, zu führen – gegen den Widerstand all jener, die dieses Wissen aus der Welt zu verbannen suchten. Fünfhundert Jahre lang hatte sie darauf hingearbeitet, ihm die Möglichkeit zu geben zu tun, was er tun mußte: den Kräften, die die Magie auslöschen wollten, Einhalt zu gebieten.
Die Prophezeiungen besagten, nur Richard habe eine Chance, ihre Sache vor dem Untergang zu bewahren und ihre Feinde daran zu hindern, ein graues Leichentuch über die Menschheit zu breiten, nur er könne ein Aussterben der Gabe verhindern. Keine Rede davon, daß er obsiegen werde, nur daß er die Möglichkeit habe, ihnen zum Sieg zu verhelfen. Ohne Richard – so viel galt als sicher – war alle Hoffnung verloren. Aus diesem Grund hatte Ann ihm lange vor seiner Geburt und lange, bevor er zu ihrem Führer wurde, ihr Leben gewidmet.
Kahlan hingegen sah in Anns Tun vor allem die ebenso unzulässige wie unbeholfene Einmischung in das Leben eines anderen. In ihren Augen waren Anns Bemühungen vielmehr die Ursache dessen, was sie am meisten fürchtete. Der Gedanke, Kahlan könnte womöglich sogar Recht haben, verstörte Ann manchmal zutiefst. Vielleicht war es eine Fügung des Schicksals, daß Richard auf die Welt gekommen war und aus freien Stücken beschlossen hatte, zu tun, was ihnen im Kampf um den Erhalt der Gabe zum Sieg verhelfen würde. Zumindest Zedd war absolut sicher, daß Richard nur aufgrund seines Verstandes, seines freien Willens und in bewußter Absicht ihr Führer hatte werden können.
Wenn das zutraf, dann hatte Ann sie mit ihrem Versuch, auf Dinge Einfluß zu nehmen, die man weder beeinflussen konnte noch durfte, an den Rand des Untergangs geführt.
Die Schritte kamen naher. Vielleicht war es Essenszeit? Sie verspürte keinen Hunger.
Wenn sie ihr Essen bekam, wurde es auf das Ende eines langes Stabes plaziert, den man dann durch die kleine Öffnung in der äußeren Tür, durch den mit einem Schutzschild versehenen Vorraum, anschließend durch die Öffnung in der zweiten, inneren Tür und schließlich bis zu Ann schob. Nathan war nicht bereit, das geringste Fluchtrisiko einzugehen, indem er die Wachen ihre Zellentür öffnen ließ, nur um ihr die Mahlzeiten zu bringen.
Bislang hatte man ihr verschiedene Brotsorten, Fleischgerichte, Gemüse und Wasserschläuche in die Zelle geschoben. Obwohl keineswegs schlecht, empfand sie das Essen als unbefriedigend. Auch die erlesensten Speisen vermochten nicht zu befriedigen, wenn man sie in einem Verlies zu sich nehmen mußte.
Als Prälatin hatte sie sich bisweilen als Gefangene ihres Amtes empfunden. Nur selten hatte sie das Refektorium aufgesucht, wo die Schwestern des Lichts – vor allem in den späteren Jahren – für gewöhnlich ihre Mahlzeiten einnahmen. Die Prälatin beim Abendessen unter sich zu wissen, erzeugte bei allen eine angespannte Nervosität. Und kam es gar zu häufig vor, ging etwas von ihrer natürlichen Beklommenheit, von ihrem Unbehagen in Gegenwart einer Autoritätsperson verloren.
Nach Anns fester Überzeugung war eine gewisse Distanz, ein gewisser schuldiger Respekt, zur Aufrechterhaltung der Disziplin unverzichtbar – insbesondere an einem Ort, wo ein Bann den Lauf der Zeit für die dort Lebenden verlangsamte. Äußerlich wirkte Ann etwa wie eine Siebzigjährige, aber da während ihrer Zeit unter dem Bann, mit dem der Palast der Propheten belegt war, ihr Alterungsprozeß drastisch verlangsamt worden war, stand in Kürze bereits ihr tausendster Geburtstag an.
Natürlich hatte all ihre Disziplin letztendlich kaum etwas genutzt. Unter ihrer Obhut als Prälatin hatten die Schwestern der Finsternis ihre Gemeinschaft unterwandert. Es gab Hunderte von Schwestern, und niemand vermochte genau zu sagen, wie viele insgeheim einen Eid auf den Hüter geleistet hatten; offenbar jedoch hatten seine verlockenden Versprechungen Wirkung hinterlassen. Natürlich waren sie nichts als blanke Illusion, aber wie erklärte man das jemandem, der ihnen bereits erlegen war? Für Frauen, die jeden außerhalb des Palasts altern und sterben sahen, während sie selbst scheinbar ewiger Jugend frönten, war Unsterblichkeit eine Verlockung, der sie nur schwerlich widerstehen konnten.
Wer von den Schwestern Kinder hatte, sah, wie sie des Palasts verwiesen wurden, um unter normalen Verhältnissen aufzuwachsen, sah diese selbst und deren Kinder alt werden und sterben. Einer Frau, die diese Dinge sah, die den ständigen Verfall und Tod all ihrer Lieben vor Augen hatte, während sie selbst für immer jung, attraktiv und begehrenswert zu bleiben schien, mußte das Angebot der Unsterblichkeit zunehmend verlockend erscheinen, je offenkundiger die eigene Blüte zu verblassen drohte.
Altern, das war der Eintritt in ein Endstadium, bedeutete das Ende des Lebens: im Palast der Propheten war es eine endlos lange, schwere Prüfung. Ann war bereits seit mehreren Jahrhunderten alt. Lange Zeit jung zu bleiben war eine wundervolle Erfahrung, ein langes Alter hingegen nicht – zumindest nicht für jeden. Für Ann war das Leben an sich wundervoll – und nicht so sehr eine Frage des Alters und des Wissens, das sie sich angeeignet hatte. Aber das empfand durchaus nicht jeder so.