Die geballten Fäuste neben ihrem Körper, ging sie mit einem Ungestüm auf ihn los, das die Mord-Sith, obschon sie sich nicht von der Stelle rührte, sofort zu ihrem Strafer greifen ließ. Nathan wich keinen Zoll zurück und bewahrte sich sein Lächeln, ohne seine Augen von ihr abzuwenden.
»Was ich mehr verlangen könnte?«, zeterte Ann. »Was ich mehr verlangen könnte? Ich will hier raus. Das ist es, was ich verlange!«
Nathans schmallippiges, vielsagendes Lächeln traf sie bis ins Mark. »Tatsächlich?«, erwiderte er; es war ein stummer Vorwurf zusammengefaßt in einem einzigen Wort.
Ann stand in der steingewordenen Stille des Verlieses und starrte zu ihm hoch, unfähig, auch nur ein einziges Argument vorzubringen, das nicht sofort auf sie zurückgefallen wäre.
Sie warf einen wütenden Seitenblick auf die Mord-Sith. »Was habt Ihr ihm ausgerichtet?«
»Nyda richtete mir aus, daß du mich zu sehen wünschst«, antwortete Nathan an ihrer Stelle. Er breitete die Arme aus. »Und da bin ich, wie verlangt. In welcher Angelegenheit möchtest du mich sprechen, meine Liebe?«
»Behandle mich nicht von oben herab, Nathan. Du weißt sehr wohl, weswegen ich dich sprechen möchte. Du weißt, weshalb ich hier in D’Hara bin – und warum ich in den Palast des Volkes gekommen bin.«
Nathan verschränkte die Hände hinter seinem Rücken. Der Zweck seines Lächelns hatte sich erschöpft.
»Nyda«, wandte er sich an seine Begleiterin, »würdet Ihr uns einen Augenblick allein lassen, seid so gut.«
Die Mord-Sith maß Ann mit einem flüchtigen Blick; mehr war nicht nötig. Sie war für Nathan keine Gefahr. Er war ein Zauberer – zweifellos hatte er ihr gegenüber durchblicken lassen, er sei der größte Zauberer aller Zeiten – und befand sich im Stammsitz der Familie Rahl. Er brauchte diese alte Hexenmeisterin nicht zu fürchten – jedenfalls nicht mehr.
Nyda warf Nathan einen Wenn-Ihr-mich-braucht-ich-warte-draußen-Blick zu, ehe sie ihren makellosen Körper mit geschmeidiger Grazie durch die Türöffnung schlängelte – mühelos wie eine Katze, die durch eine Hecke schlüpft.
Nathan, die Hände noch immer hinter seinem durchgedrückten Rücken verschränkt, stand in der Zellenmitte und wartete darauf, daß Ann zu sprechen begann.
Statt dessen trat Ann zu ihrem Bündel und ließ sich auf der Steinbank nieder, die ihr gleichzeitig als Bett, Tisch und Stuhl diente. Sie schlug die Klappe zurück, langte hinein und suchte, bis ihre Finger gegen das kalte Metall des gesuchten Gegenstandes stießen. Ann zog ihn heraus und beugte sich darüber, so daß ihr Schatten ihn verdeckte.
Schließlich drehte sie sich herum. »Ich habe dir etwas mitgebracht, Nathan.«
Sie hielt ihm einen Rada’Han hin, den sie ihm hatte umlegen wollen. Wie sie dieses Kunststück hatte schaffen wollen, war ihr in diesem Moment nicht mehr klar, doch daß es ihr mit der nötigen Entschlossenheit gelungen wäre, stand für sie außer Frage. Sie war Annalina Aldurren, die Prälatin der Schwestern des Lichts – oder es zumindest einst gewesen. Kurz vor ihrem und Nathans vorgetäuschten Tod hatte sie dieses Amt Verna übertragen.
»Du möchtest, daß ich mir eigenhändig diesen Halsring umlege?«, fragte Nathan mit ruhiger Stimme. »Erwartest du das wirklich?«
Ann schüttelte den Kopf. »Nein, Nathan, ich möchte ihn dir zum Geschenk machen. Ich habe lange nachgedacht, während ich hier unten saß – unter anderem darüber, daß ich mein Gefängnis wahrscheinlich nie wieder verlassen werde.«
»Welch ein Zufall«, sagte Nathan. »Auf denselben Gedanken habe damals auch ich viel Zeit verwendet.«
»Ja«, meinte Ann und nickte. »Vermutlich.« Sie reichte ihm den Rada’Han. »Hier, nimm ihn. Ich will nie wieder eins von diesen Dingern sehen. Auch wenn ich damals überzeugt war, das einzig Richtige zu tun, war mir jede einzelne Minute davon zutiefst verhaßt, Nathan, vor allem, weil ich es dir antun mußte. Mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß mein Leben ein einziger Irrtum war. Es tut mir leid, daß ich dich jemals wie einen Gefangenen hinter diesen Schilden weggesperrt habe. Könnte ich mein Leben noch einmal von vorn beginnen, ich würde manches anders machen. Ich erwarte keine Nachsicht; schließlich habe ich sie dir auch nicht gewährt.«
»Nein«, sagte Nathan, »das hast du allerdings nicht.«
Seine himmelblauen Augen schienen bis auf den Grund ihrer Seele zu dringen; es war so eine Eigenart von ihm. Richard hatte denselben durchdringenden Blick der Rahls geerbt. »Es tut dir also leid, daß du mich mein Leben lang wie einen Gefangenen gehalten hast. Weißt du auch, warum das falsch war, Ann? Ist dir die Ironie dessen überhaupt bewußt?«
Sie hörte sich, beinahe gegen ihren Willen, sagen: »Welche Ironie?«
»Nun«, meinte er achselzuckend, »wofür kämpfen wir denn überhaupt?«
»Du weißt sehr wohl, wofür wir kämpfen, Nathan.«
»Ja, das stimmt. Aber weißt du es auch? Dann verrate mir doch bitte, was es ist, das wir unter Aufbietung all unserer Kraft beschützen, bewahren und am Leben zu erhalten versuchen?«
»Die Gabe der Magie des Schöpfers, was sonst? Für ihren Fortbestand in der Welt kämpfen wir. Wir kämpfen für das Überleben derer, die mit ihr geboren wurden, und daß sie lernen, dieses Talent in vollem Umfang auszuschöpfen. Wir kämpfen, damit jeder Einzelne von ihnen dieses Talent besitzen und es lobpreisen kann.«
»Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, findest du nicht auch? Du fürchtest das, wofür es sich angeblich zu kämpfen lohnt. Die Imperiale Ordnung vertritt den Standpunkt, es diene keinesfalls dem Wohl der Menschheit, wenn die mit der Gabe Gesegneten Magie besitzen, weshalb ihnen dieses einzigartige Talent genommen werden müsse. Sie behauptet, dieses Talent verteile sich nicht gleichmäßig auf alle Menschen, demzufolge sei es gefährlich, wenn nur einige wenige es besitzen – weshalb man sich von dem Glauben verabschieden müsse, der Mensch könne sein Leben selbst gestalten. Alle mit Magie Geborenen müßten daher aus dieser Welt verstoßen werden, damit sie für die, die dieses Talent nicht besitzen, zu einem besseren Ort werde.
Und doch war ebendies einer der Leitsätze deines ganzen Tuns, war diese unsinnige Überzeugung die Grundlage deines Vorgehens. Wegen dieses Talentes hast du mich weggesperrt. Du hast, was ich kann, nicht aber andere können, als mein verbrecherisches Erbe betrachtet, das man nicht auf die Menschheit loslassen dürfe.
Und doch hast du dich dafür eingesetzt, dieses Etwas, das du bei mir fürchtest – mein einzigartiges Talent –, in anderen zu erhalten. Du kämpfst dafür, daß jeder mit Magie Geborene das unveräußerliche Recht auf ein selbstbestimmtes Leben hat und er sein Talent nach besten Kräften nutzen darf ... und doch hast du mich eingesperrt, um mir ebendieses Recht vorzuenthalten.«
»Nur weil ich möchte, daß die Wölfe des Schöpfers ihrer Bestimmung gemäß ungehindert auf die Jagd gehen können, muß ich mich doch nicht gleich fressen lassen.«
Nathan beugte sich vor. »Ich bin aber kein Wolf, sondern ein Mensch. Du hast über mich gerichtet, mich überführt und zu lebenslanger Haft in deinem Verlies verurteilt – dafür, daß ich der bin, als der ich geboren wurde, und etwas tun könnte, was dir Angst macht – wohlgemerkt: allein, weil ich die Fähigkeit dazu besaß. Dann hast du deine innere Zerrissenheit dadurch auszugleichen versucht, daß du mein Gefängnis – um dich von deiner Güte zu überzeugen – luxuriös ausstaffiertest, dabei aber gleichzeitig die ganze Zeit so getan, als seist du überzeugt, wir müßten dafür kämpfen, daß zukünftige Generationen ihr Leben selbst bestimmen können.
Die luxuriöse Ausstattung meines Gefängnisses diente also nur dazu, dich selbst über die wahre Natur dessen hinwegzutäuschen, was du vertratst. Sieh dich um, Ann.« Mit einer ausladenden Handbewegung deutete er auf die steinernen Mauern. »Das hast du all jenen zugedacht, die deiner Meinung nach kein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben. Dein Entschluß, gefaßt aufgrund einer Fähigkeit anderer, die dir nicht paßt, gleicht dem der Imperialen Ordnung. Er besagt, daß Menschen, die über ein größeres Potential verfügen, zum Wohle der weniger Bemittelten geopfert werden müssen. Wie hübsch du dein Verlies auch dekorieren magst, von innen sieht es stets so aus wie hier.«