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Ann räusperte sich. »Und wenn uns das nicht gelingt?«

Nathan griff sich erst die Laterne, dann ihr Bündel. »Dann ist er nicht mehr länger Teil der entwicklungsfähigen Linien der Prophezeiungen, was wiederum hieße, er würde nie wieder mit den Dingen dieser Welt zu tun bekommen.«

»Soll das heißen, er wird sterben, wenn es uns nicht gelingt, ihn von dort, wo immer das sein mag, zurückzuholen?«

Nathan musterte sie mit wirrem Blick. »Rede ich eigentlich gegen die Wand? Natürlich würde er sterben! Wenn der Junge den Pfad der Prophezeiungen verläßt wenn er sämtliche Verbindungen zu jenen Prophezeiungen kappt, in denen von ihm die Rede ist, macht er alle Linien der Prophezeiungen ungültig, auf denen er existiert. Damit würden sie zu falschen oder unechten Prophezeiungen, und die Prophezeiungen, in denen von ihm die Rede ist, würden nicht mehr in Erfüllung gehen. In allen anderen Verbindungen ist kein Verweis auf ihn enthalten – weil er auf diesen Linien zuvor stirbt.«

»Und was geschieht auf den Verbindungen, die keinen Verweis auf ihn enthalten?«

Nathan ergriff ihre Hand und zog sie zur Tür hin. »Auf diesen Verbindungen würde sich ein Schatten über alle Menschen legen: auf alle lebenden, jedenfalls. Was folgt, wäre ein sehr lange währendes und sehr düsteres Zeitalter.«

»Augenblick«, sagte Ann und zwang ihn, stehen zu bleiben.

Sie kehrte noch einmal zur Steinbank zurück und plazierte den Rada’Han genau in die Mitte. »Ich habe nicht die Macht, ihn zu vernichten. Deshalb gehört er vielleicht besser hinter Schloß und Riegel.«

Nathan gab ihr nickend Recht. »Wir werden alle Türen verschließen und den Wachen Befehl geben, daß er für alle Zeiten hier, hinter den Schilden, weggesperrt bleiben soll.«

Ann drohte ihm mit erhobenem Zeigefinger. »Und komm bloß nicht auf den Gedanken, ich würde dir irgendwelche Unbotmäßigkeiten durchgehen lassen, nur weil du keinen Halsring trägst.«

Nathans amüsierte Miene kehrte zurück, er unterließ es aber, ihr spontan beizupflichten. Ehe er durch die Tür trat, wandte er sich noch einmal zu ihr herum.

»Übrigens, hast du über das Reisebuch mit Verna Verbindung aufgenommen?«

»Ja, ab und zu. Sie ist zur Zeit bei der Armee und hat mit der Sicherung der nach D’Hara hineinführenden Pässe alle Hände voll zu tun. Jagang hat mit seiner Belagerung begonnen.«

»Nun ja, nach allem, was ich von den militärischen Befehlshabern hier im Palast in Erfahrung bringen konnte, sind die Pässe hervorragend gesichert und dürften noch eine Weile halten. Du mußt ihr aber trotzdem eine Nachricht zukommen lassen. Sag ihr, wenn ein unbewaffneter Wagen sich ihren Linien nähert, soll sie ihn durchlassen.«

Ann machte ein verwundertes Gesicht. »Was soll das heißen?«

»Prophezeiungen sind den Eingeweihten vorbehalten. Richte es ihr einfach aus.«

»Also gut«, preßte Ann ein wenig atemlos hervor als Nathan sie durch die schmale Türöffnung zog. »Aber ich sollte ihr besser nicht verraten, daß der Hinweis von dir stammt, denn sonst wird sie ihn vermutlich ignorieren. Sie halt dich nämlich für ein bißchen vertrottelt, mußt du wissen.«

»Sie hatte eben noch keine Gelegenheit, mich näher kennen zu lernen, das ist alles.« Er sah sich um. »Schließlich war ich jahrelang zu Unrecht eingesperrt.«

Ann hatte am liebsten entgegnet, daß Verna ihn nur zu gut kannte, besann sich aber eines Besseren. Als Nathan sich zur äußeren Tür herumdrehen wollte, hielt sie ihn am Ärmel zurück.

»Was verschweigst du mir noch über diese Prophezeiung, die du entdeckt hast?«

Sie kannte Nathan gut genug, um seiner Nervosität anzusehen, daß er ihr etwas vorenthielt und er es womöglich für einen galanten Zug hielt, um ihr Kummer zu ersparen. Er sah ihr mit ernster Miene erst eine Weile in die Augen, ehe er antwortete.

»Auf dieser Gabelung der Prophezeiungen gibt es einen Schleifer.«

Ann legte die Stirn in Falten und verdrehte nachdenklich die Augen. »Ein Schleifer, ein Schleifer«, murmelte sie bei sich und versuchte, sich den Ausdruck in Erinnerung zu rufen. Irgendwie klang er vertraut. »Ein Schleifer ...« Sie schnippte mit den Fingern. »Ein Schleifer!« Sie riß die Augen auf. »Gütiger Schöpfer.«

»Ich bezweifle sehr, daß der Schöpfer seine Hände dabei im Spiel hatte.«

Ann winkte protestierend ab. »Das ist völlig ausgeschlossen. Diese neue Prophezeiung, die du entdeckt hast, muß irgendwie fehlerhaft sein. Schleifer wurden zu Zeiten des Großen Krieges geschaffen; es ist also vollkommen unmöglich, daß auf dieser Verbindung der Prophezeiung ein Schleifer existiert – begreifst du nicht? Ganz offensichtlich liegt hier eine Phasenverschiebung vor; die Prophezeiung ist längst abgelaufen.« Ann biß sich auf die Unterlippe, während ihre Gedanken rasten.

»Sie unterliegt keiner Phasenverschiebung. Meinst du, das war nicht auch mein erster Gedanke? Hältst du mich vielleicht auch für vertrottelt, für einen Amateur? Ich bin die gesamte Zeitbestimmung Hunderte von Malen durchgegangen. Ich habe sämtliche Tabellen und Berechnungen zu Rate gezogen, die ich je gelernt habe – einige habe ich sogar eigens für diesen Zweck entwickelt. Sie alle lieferten dieselbe Wurzel; alle Verbindungen waren in Ordnung. Die Prophezeiung ist phasengleich; ihre Chronologie und alle anderen Aspekte sind korrekt ausgerichtet.«

»Dann handelt es sich eben um eine unechte Verbindung«, beharrte Ann. »Schleifer waren damals mit Hilfe von Magie erschaffene Kreaturen: sie waren steril und unfähig, sich zu vermehren.«

»Laut Prophezeiung wurde er als Schleifer nicht geboren, sondern wiedergeboren.«

Eine Gänsehaut überlief Ann. Sie starrte ihn eine Weile unverwandt an, ehe sie ihre Stimme wiederfand. »Seit dreitausend Jahren sind außer Richard keine Zauberer mehr mit beiden Seiten der Gabe geboren worden. Es ist vollkommen ausgeschlossen, daß jemand ...«

Ann unterbrach sich. Er beobachtete sie und sah, wie ihr plötzlich ein Licht aufging, wie es gewesen sein mußte. »Gütiger Schöpfer«, entfuhr es ihr leise.

»Wie ich bereits sagte, dürfte der Schöpfer seine Hände dabei kaum im Spiel gehabt haben. Für seine Erschaffung waren die Schwestern der Finsternis verantwortlich.«

Ann war bis ins Mark erschüttert; es hatte ihr die Sprache verschlagen. Eine schlimmere Nachricht hätte man ihr nicht überbringen können.

Gegen einen Schleifer gab es keinen Schutz, keine Verteidigung.

Der Attacke eines Schleifers waren alle Seelen hilflos ausgeliefert.

Nyda wartete vor der zweiten Tür im Gang, das Gesicht wie immer grimmig, wenn auch längst nicht so grimmig wie das Anns. Bis auf den trüben Lichtschein der völlig regungslosen Flammen der wenigen Kerzen herrschte im Gang völlige Finsternis, kein Windhauch drang je bis in diese Tiefen des Palasts vor. Der einzige Farbtupfer vor dem dunklen Felsgestein, das den winzigen Lichtkegel fast gierig aufzusaugen schien, war das blutige Rot von Nydas Lederanzug.

31

Richard stand am Rand eines schmalen Felsbandes und blickte hinunter auf die zerrissenen grauen Wolkenfetzen unter ihm. Hier draußen, unter freiem Himmel, trug die kühle, feuchte Luft, die seinen Körper umspülte, den Duft von Balsamtannen, Moos, von feuchtem Laub und satter fetter Erde heran. Er sog die wohlriechenden heimatlichen Erinnerungsdüfte tief in seine Lungen. Das Gestein, größtenteils rissiger und zu leicht gewölbten Blöcken verwitterter Granit, ähnelte sehr dem in seiner Heimat, den Wäldern Kernlands. Die Berge selbst waren hier jedoch beträchtlich höher. Unmittelbar hinter seinem Rücken erhob sich ein schwindelerregender Hang.

Westlich vor ihm, jedoch deutlich tiefer, erstreckte sich ein schier endloses Gebiet aus zerklüftetem Boden und geschwungenen, unter einem Teppich aus dichten Wäldern verborgenen Hügeln. Da er wußte, wonach er Ausschau halten mußte, konnte er sowohl rechts wie links gerade ebenjenen Geländestreifen ohne jeden Baumbewuchs ausmachen, wo einst die Grenze verlaufen war. Weiter westlich erhoben sich die niedrigeren Berge, die, größtenteils kahl, an das Wüstengebiet grenzten. Das Wüstengebiet selbst sowie der Ort mit Namen »Säulen der Schöpfung« waren von hier aus nicht mehr zu erkennen. Er war froh, daß es endlich weit hinter ihm lag.