Am Himmel waren keine schwarz gezeichneten Riesenkrähen zu sehen – zumindest im Augenblick nicht. Die riesigen Vögel wußten höchstwahrscheinlich, daß Richard, Kahlan, Cara, Jennsen, Tom und Owen in westlicher Richtung weitergezogen waren.
Wenn dieser Nicholas sie tatsächlich mit den Augen der fünf Riesenkrähen beobachtet hatte, dann wußte er auch, daß sie in westlicher Richtung weitergezogen waren. Nur konnte er jetzt da sie seinen Blicken entzogen waren, nicht einfach davon ausgehen, daß sie dieselbe Richtung beibehalten würden. Falls es Richard gelang, dort abzutauchen, wo die Vögel nach ihm suchten, und nicht an der vermuteten Stelle wieder aufzutauchen, würde ihm das gewiß zu denken geben. Möglicherweise dämmerte ihm dann allmählich, daß sie die Richtung gewechselt und diesen Moment vorübergehender Verwirrung zur Flucht genutzt hatten.
Obschon es keineswegs sicher war, daß dieser Nicholas sich auf diese Weise hinters Licht führen ließe, war Richard fest entschlossen, es zu versuchen.
Richard suchte den dicht bewaldeten Anstieg mit den Augen ab, um sich die geographischen Gegebenheiten einzuprägen, bevor er sich wieder zurück unter das dichte Laubdach begab, wo die anderen warteten. Die Wolkenfetzen unterhalb von ihm waren nichts anderes als die zerrissenen Ableger der aufgewühlten, dunklen Wolkendecke über ihnen. Die Bergflanke verschwand in steilem Winkel unter dieser regennassen, geschlossenen Bewölkung.
Noch einmal ließ Richard den Blick prüfend über das Felsgestein, den Hang und die Bäume schweifen, bis er gefunden hatte, was er suchte. Er betrachtete den steilen Hang ein letztes Mal, ehe er auch den Himmel mit den Augen absuchte, um sich zu vergewissern, daß die Luft rein war. Da er weder Riesenkrähen noch sonst irgendwelche Vögel sah, machte er sich auf den Rückweg zu der Stelle, wo die anderen warteten. Daß er diese Tiere nicht sah, bedeutete natürlich nicht, daß sie ihn nicht beobachteten; sie konnten, ohne daß er sie dort vermutlich überhaupt bemerkte, zu Dutzenden in den Bäumen hocken. Aber da er sich im Augenblick noch dort befand, wo sie ihn vermuteten, bereitete ihm das keine allzu große Sorge.
Denn in Kürze würde er etwas für sie völlig Unerwartetes tun.
Er kletterte über die rutschige Böschung aus Moos, Laub und nassen Wurzeln wieder nach oben. Die einzige Chance, im Falle eines Ausrutschers einen mehrere tausend Fuß tiefen Absturz ins blanke Nichts zu verhindern, bestand darin, sich an dem schmalen Felsvorsprung festzuhalten, auf dem er eben noch gestanden hatte. Der Gedanke an einen Absturz ließ ihn die Wurzeln fester packen, bewog ihn, jede Kerbe im Fels, in die er seinen Stiefel setzte, noch sorgfältiger zu prüfen, ehe er ihr sein Gewicht anvertraute.
Als er den Oberrand der steilen Böschung erreicht hatte, tauchte er unter den überhängenden Zweigen des knorrigen Gebirgsahorns hindurch – das Unterholz jener Laubbäume, die sich Seite an Seite mit den hoch aufragenden Föhren über den Klippenrand lehnten, um das Sonnenlicht einzufangen.
Unter den niedrig hängenden Föhrenzweigen folgte Richard gebückt seiner eigenen Spur zurück durch die Blaubeerdickichte in den lichteren Teil des stillen Waldes; der Wind hatte die Fichtennadeln zu ausgedehnten weichen Matten verflochten, die seine Schritte dämpften.
Kahlan hörte ihn dennoch nahen und erhob sich. Sie war kaum auf den Beinen, als auch die anderen ihn bemerkten und ebenfalls aufstanden.
»Habt Ihr irgendwo Riesenkrähen gesehen, Lord Rahl?«, erkundigte sich Owen, sichtlich nervös wegen der Raubvögel.
»Nein«, antwortete ihm Richard, während er seinen Rucksack vom Boden aufnahm, ihn über die Schulter warf, seinen anderen Arm durch den zweiten Tragegurt schob und den Rucksack auf seinen Rücken zog. »Was aber nicht heißt, daß sie mich nicht gesehen haben.«
Er streifte seinen Bogen, zusammen mit einem Wasserschlauch, über seine linke Schulter.
»Na ja«, meinte Owen, »jedenfalls besteht noch eine gewisse Hoffnung, daß sie unseren Aufenthaltsort nicht kennen.«
Richard hielt in seiner Bewegung inne und warf ihm einen Blick zu. »Hoffnung ist keine Strategie.«
Während die übrigen darangingen, nach der kurzen Verschnaufpause ihre Sachen zusammenzusammeln, Ausrüstungsgegenstände in ihre Gürtel zu haken und Rucksäcke zu schultern, nahm Richard Cara beim Arm und zog sie aus dem schützenden Dickicht aus kleinen Bäumen heraus.
»Könnt Ihr den Hang dort drüben erkennen?«, fragte er und zog sie zu sich heran, damit sie sehen konnte, wohin er zeigte. »Mit dem Streifen offenen Geländes unmittelbar vor der jungen Eiche mit dem abgebrochenen, herabhängenden Ast?«
Cara nickte. »Kurz hinter dem Geländeanstieg, wo der kleine Wasserlauf über den glatten, grünlich verfärbten Fels rinnt?«
»Genau die Stelle meine ich. Ich möchte, daß Ihr diesem Streifen hangaufwärts folgt, Euch dann rechts haltet und durch den Spalt nach oben klettert – dort neben dem Riß im Gestein – und feststellt, ob ihr einen Pfad auskundschaften könnt, der bis auf den nächsthöheren Felsvorsprung oberhalb der Bäume dort führt.«
Cara nickte wieder. »Wo werdet Ihr sein?«
»Ich werde die anderen bis zur ersten Lichtung am Hang führen. Dort warten wir. Wenn Ihr einen Weg über den Vorsprung gefunden habt, kommt Ihr anschließend dorthin zurück und gebt uns Bescheid.«
Cara wuchtete ihren Rucksack schwungvoll auf den Rücken und packte den kräftigen Stecken, den Richard ihr geschnitten hatte.
»Ich wußte gar nicht, daß Mord-Sith Pfade anlegen können«, meinte Tom.
»Können sie auch nicht«, erwiderte Cara. »Aber ich, Cara, kann es. Lord Rahl hat es mir beigebracht.«
Richard sah ihr hinterher, als sie zwischen den Bäumen verschwand. Ihre Bewegungen waren grazil und sparsam, so daß sie im weglosen Wald kaum Spuren hinterließ und ihre Kräfte schonte. Das war nicht immer so gewesen, doch sie hatte ihre Lektionen gut gelernt, wie Richard mit Freude vermerkte.
Plötzlich ergriff Owen das Wort; er wirkte aufgeregt. »Aber Lord Rahl, diesen Weg können wir nicht gehen.« Er deutete mit einer fahrigen Handbewegung über seine Schulter. »Der Pfad verläuft dort entlang; es ist der einzige Weg über den Paß. Dort liegt der Abstieg und damit, jetzt, da die Grenze nicht mehr existiert, auch der Weg zurück bergauf. Leicht ist es nicht, aber es ist der einzige Weg.«
»Es ist der einzige dir bekannte Weg. Sein ausgetretener Zustand läßt vermuten, daß auch Nicholas keinen anderen kennt. Offenbar ist es der Pfad, über den die Truppen der Imperialen Ordnung nach Bandakar ein- und ausmarschieren. Wenn wir diesen Pfad benutzen, werden uns die Riesenkrähen gewiß beobachten. Lassen wir uns dort aber nicht blicken, dürfte Nicholas uns aus den Augen verlieren. Und von jetzt an möchte ich, daß es dabei bleibt. Ich bin es leid, für seine Raubvögel ein leichtes Ziel abzugeben.«
Wo der weitere Verlauf des Pfades einigermaßen deutlich zu erkennen war – und sie der natürlichen Form der Landschaft folgen konnten –, überließ Richard Kahlan bergauf durch den Wald die Führung. War sie im Zweifel, sah sie sich nach Richard um, der ihr mit einem Blick oder Nicken die gewünschte Richtung vorgab oder ihr in einigen wenigen Fällen auch mit knappen Anweisungen weiterhalf.
Den örtlichen Gegebenheiten nach war Richard einigermaßen sicher, daß es einen alten Pfad über den Gebirgspaß gab. Dieser Paß, der von weitem wie eine Kerbe in der unüberwindbaren Wand des Gebirges aussah, war in Wirklichkeit nicht bloß ein kleiner Einschnitt, sondern ein breites Tal, das mäandernd zwischen den Bergen immer höher stieg. Richard war überzeugt; daß der von den Einwohnern Bandakars zur Verbannung mißliebiger Personen benutzte Pfad durch das Grenzgebiet nicht der einzige Weg über diesen Paß war. Dies mochte der Fall gewesen sein, solange die Grenze Bestand gehabt hatte, doch existierte diese ja jetzt nicht mehr.