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Seine bisherigen Beobachtungen ließen vermuten, daß es einst noch einen anderen Weg gegeben hatte, in früheren Zeiten die Hauptverbindung von und nach Bandakar. Da und dort waren Vertiefungen zu erkennen, die er für Überreste jener alten, lange aufgegebenen Route hielt.

»Früher oder später werden die Riesenkrähen uns finden, meinst du nicht?«, fragte Jennsen. »Oder glaubst du etwa, wenn wir an der Stelle, wo sie uns erwarten, nicht wieder auftauchen, werden sie Ruhe geben, ehe sie uns gefunden haben? Du hast doch selbst gesagt, daß sie aus der Luft riesige Entfernungen überblicken und uns aufstöbern können.«

»Schon möglich. Aber solange wir unseren Verstand gebrauchen und in Deckung bleiben, dürften wir im Wald schwerlich auszumachen sein. Im offenen Gelände konnten sie uns schon aus einer Entfernung von vielen Meilen erkennen, hier dagegen dürfte ihnen das sehr viel schwerer fallen, es sei denn, sie befinden sich in unmittelbarer Nähe und wir sind unvorsichtig.

Wenn wir an der Stelle, wo der bekannte Pfad Bandakar erreicht, nicht auftauchen, haben sie ein riesiges Areal abzusuchen – und das, ohne zu wissen, in welcher Richtung sie uns suchen sollen –, was ihnen die Aufgabe, uns zu finden, zusätzlich erschwert.«

Jennsen ließ sich das durch den Kopf gehen, als sie in einen kleinen Birkenhain gelangten, wo Betty einen Baum auf der falschen Seite passierte, so daß Jennsen stehen bleiben mußte, um den Strick wieder zu entwirren. Alle zogen die Köpfe ein, als eine plötzliche Bö einen alles durchnässenden Schauer über ihnen niedergehen ließ.

»Und was willst du tun«, fragte Jennsen mit einer Stimme, kaum lauter als ein Flüstern, als sie ihn wieder eingeholt hatte, »wenn wir dort angekommen sind?«

»Ich werde mir das Gegenmittel beschaffen, damit ich nicht sterbe.«

»Das weiß ich doch.« Jennsen strich sich eine regennasse Haarlocke aus dem Gesicht. »Was ich meinte, ist, was wirst du hinsichtlich Owens Volk unternehmen?«

Jeder Atemzug erzeugte tief unten in seinen Lungen einen leichten, aber dennoch schmerzhaften Stich. »Im Moment vermag ich noch nicht einzuschätzen, was ich überhaupt tun kann.«

Jennsen ging eine Weile schweigend weiter. »Aber du wirst doch versuchen, ihnen zu helfen, oder?«

Richard warf seiner Schwester einen Seitenblick zu. »Jennsen, diese Leute drohen damit, mich umzubringen; und sie haben bewiesen, daß sie es ernst meinen.«

Verlegen zog sie die Schultern hoch. »Ich weiß, aber sie sind doch in einer verzweifelten Lage.« Mit einem kurzen Blick nach vorn vergewisserte sie sich, daß Owen nicht mithörte. »Sie haben sich nicht anders zu behelfen gewußt. Sie sind nicht wie du; sie haben noch nie gegen jemanden gekämpft.«

Richard holte tief Luft; der dadurch verursachte Schmerz schien ihm die Brust zusammenzuschnüren. »Du hast auch noch nie gegen jemanden gekämpft. Als du dachtest, ich wolle dich töten, so wie unser Vater, und glaubtest, ich sei für den Tod unserer Mutter verantwortlich, wie hast du dich da verhalten? Ich meine nicht ob du dich mir gegenüber korrekt verhalten hast, sondern wie hast du auf das Geschehen, so wie es sich in deinen Augen darstellte, reagiert?«

»Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß ich dich, wenn ich weiterleben wollte, töten mußte, bevor du mich umbringst.«

»Genau. Du hast nicht einfach irgend jemanden vergiftet und ihm gesagt, er soll es für dich tun, da er andernfalls sterben werde. Du fandest dein Leben lebenswert also hast du dir gesagt, daß niemand das Recht hat, es dir zu nehmen.

Wenn man bereit ist, sein höchstes Gut, sein Leben, das einzige, das einem je vergönnt sein wird, unterwürfig dem erstbesten dahergelaufenen Schurken zu opfern, der aus einer Laune heraus beschließt, es einem wegzunehmen, dann ist man rettungslos verloren. Vielleicht wäre man für einen Tag zu retten, doch schon am nächsten würde der nächste auftauchen, vor dem man sich bereitwillig in den Staub wirft. Man würde das Leben seines Meuchlers über das eigene stellen.

Wenn man einem Fremden das Recht einräumt, über das eigene Leben, den eigenen Tod zu entscheiden, ist man längst zu einem willenlosen Sklaven verkommen, der nur noch darauf wartet, sich abschlachten zu lassen.«

Eine Weile lief sie schweigend neben ihm her und dachte über seine Worte nach. Richard bemerkte, daß sie sich durch den Wald bewegte, wie er es Cara beigebracht hatte. Offenbar fühlte sie sich im Wald fast so heimisch wie er.

»Richard.« Jennsen schluckte. »Ich möchte nicht, daß diesen Menschen noch mehr Leid zugefügt wird. Sie haben schon genug gelitten.«

»Erzähl das Kahlan, nachdem ich an dem Gift krepiert bin.« »Sieh den Tatsachen ins Gesicht, Richard. Es war meine Schuld, daß die Grenze gefallen ist. Deswegen galt das Warnzeichen mir – weil ich das Versagen der Sperre verschuldet habe. Das wirst du doch nicht ernsthaft bestreiten wollen, oder?«

»Nein, trotzdem müssen wir noch eine Menge in Erfahrung bringen, ehe wir wissen, was hier vor sich geht.«

»Ich habe die Chimären befreit«, sagte sie. »Es wird wenig hilfreich sein, die Augen vor dieser Tatsache zu verschließen.«

Kahlan hatte sich einer uralten Magie bedient, um ihm das Leben zu retten, und die Chimären befreit, um ihn wieder gesund zu machen. Sie hatte damals unter unvorstellbarem Zeitdruck gestanden: hätte sie auch nur einen Moment gezögert, wäre er wenige Augenblicke später gestorben.

Zudem hatte sie keine Ahnung gehabt, daß die Chimären die Welt mit Zerstörung überziehen würden; sie hatte nicht gewußt, daß sie dreitausend Jahre zuvor mit Hilfe von Kräften aus der Unterwelt als Waffe zur Vernichtung aller Magie erschaffen worden waren. Man hatte ihr lediglich eröffnet, wenn sie Richards Leben retten wolle, müsse sie sich ihrer bedienen.

Richard kannte das Gefühl, die Ursache bestimmter Ereignisse zu kennen, ohne daß einem irgend jemand Glauben schenkte, und wußte, daß sie jetzt die gleiche niederschmetternde Erfahrung machte.

»Du hast Recht, wir können uns nicht davor verstecken – vorausgesetzt, es stimmt tatsächlich. Aber bislang wissen wir das eben nicht. Zumal die Chimären wieder in die Unterwelt verbannt worden sind.«

»Und was ist mit Zedds Äußerungen über den Beginn der vernichtenden Flut der Magie, die längst eingesetzt hat und die angeblich nicht einmal durch eine Verbannung der Chimären aufgehalten werden kann? Für ein solches Ereignis gibt es keinerlei Erfahrungen, aufgrund derer sich irgendwelche Vorhersagen treffen ließen.«

Richard konnte ihr nicht mit einer Antwort dienen, zumal er ihr gegenüber ohnehin im Nachteil war, da er nicht ihre magische Ausbildung besaß. Doch da trat Cara durch einen dichten Hain aus jungen Balsamtannen auf die Lichtung und bewahrte ihn davor, spekulieren zu müssen. Sie nahm ihren Rucksack von den Schultern und ließ sich Richard gegenüber auf einem Felsen nieder.

»Ihr hattet Recht. Es gibt dort oben tatsächlich einen Durchgang; hinter dem Felsband meinte ich sogar eine Fortsetzung des Weges erkennen zu können.«

Richard erhob sich. »Dann laßt uns aufbrechen. Der Himmel wird zusehends dunkler. Ich denke, wir sollten uns einen Lagerplatz für die Nacht suchen.«

»Unterhalb des Felsbandes habe ich eine passende Stelle gesehen, Lord Rahl. Dort könnte es trocken genug sein, um zu übernachten.«

»Gut.« Er warf sich ihren Rucksack über. »Ich werde ihn Euch eine Weile abnehmen, damit Ihr Euch ein wenig ausruhen könnt.«

Cara bedankte sich mit einem Nicken und schloß sich an, als sie sich zwischen den dicht stehenden Bäumen hindurchzwängten und bereits nach wenigen Schritten den steilen Anstieg beginnen mußten; das freiliegende Felsgestein und die Wurzeln boten ausreichend halt für Hände und Füße.

Tom versuchte Jennsen zu helfen, indem er ihr ab und zu Betty anreichte, obwohl die Ziege im Klettern über felsigen Grund sehr viel geschickter war als sie. Richard vermutete, daß es ihm dabei eher um Jennsens denn um Bettys Seelenfrieden zu tun war. Schließlich erklärte ihm Jennsen, Betty komme bestens allein zurecht.