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»Schieb dich zurück, Jennsen.« Sein Stimme klang gepresst. Er bekam nicht genug Luft, um gleichzeitig zu sprechen und zu atmen.

Er streckte die Finger vor, griff ins Leere, straffte seinen Körper, streckte erneut die Finger. Seine Lungen gierten nach Luft ... Die anderen warteten bereits unmittelbar vor dem Ausgang und halfen ihnen heraus. Richard hatte einen Gegenstand, den er unterwegs gefunden hatte, unter den linken Arm geklemmt, während er half, Jennsen zuerst ins Freie zu schieben. Sie stürzte in Toms wartende Arme, aber nur, bis Richard ebenfalls herausgekrabbelt war und sich aufgerichtet hatte. Dann warf sie sich, Tränen der Erleichterung in den Augen, in seine Arme und klammerte sich an ihn, als hinge ihr Leben davon ab.

»Es tut mir so leid«, wiederholte sie ein ums andere Mal, während sie ihren Tränen freien Lauf ließ. »Es tut mir so leid, Richard. Ich hatte solche Angst.«

Er hielt sie noch immer in den Armen. »Ich weiß«, tröstete er sie. Einmal hatte er sich ja in einer ganz ähnlichen Situation befunden und geglaubt, sich nicht mehr aus dieser entsetzlichen Lage befreien zu können, deshalb hatte er Verständnis.

»Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Es war richtig unheimlich. Es war, als würden diese Gedanken, daß ich nie wieder herauskommen würde, keine Luft bekäme und sterben müßte, plötzlich Besitz von mir ergreifen. Gefühle, die ich bislang gar nicht kannte, überkamen mich. Sie schienen mich glatt zu übermannen. So etwas ist mir noch nie passiert.«

»Spürst du diese seltsamen Gefühle noch immer?«

»Ja«, antwortete sie unter Tränen, »aber jetzt, wo ich wieder draußen bin, wo es vorbei ist, klingen sie allmählich ab.«

Die anderen hatten sich ein kleines Stück entfernt, um ihr die nötige Zeit zu geben, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Richard versuchte, sie nicht zu drängen. Er hielt sie einfach fest und gab ihr das Gefühl, in Sicherheit zu sein.

»Es tut mir so leid, Richard. Ich komme mir so albern vor.«

»Brauchst du nicht. Es ist ja vorbei.«

»Du hast dein Versprechen gehalten«, sagte Jennsen, noch immer unter Tränen.

Ein Lächeln ging über Richards Lippen; er war selbst froh darüber.

»Richard«, rief Kahlan mit einem sonderbaren Unterton in der Stimme. »Was ist das da unter deinem Arm?«

»Oh, das habe ich unweit von Jennsen im Fels eingeklemmt gefunden, nahe der Stelle, wo sie festsaß. Im Dunkeln konnte ich nichts Genaues erkennen – außer daß es nicht aus Stein war.«

Er zog den Gegenstand hervor, um ihn zu betrachten. Es war eine kleine Statuette, eine ihm – in seinem Kriegszaubereranzug – nachempfundene Figur. Der Umhang war in einer wirbelnden Bewegung um die Beine festgehalten, so daß der Sockel etwas breiter war als die Taille. Die untere Partie der Figur war von lichtdurchlässiger Bernsteinfarbe, hinter der man ein Rinnsal aus feinem Sand in den beinahe gefüllten unteren Teil rieseln sah.

Im Gegensatz zu Kahlans Statuette bestand diese hier nicht ganz aus Bernstein. Im mittleren Teil ging der durchscheinende Bernstein des Sockels in eine dunklere Farbe über, so daß der Engpaß, durch den der Sand rieselte, verdeckt war. Nach oben hin wurde die Figur zunehmend dunkler.

Die obere Partie aus Kopf und Schultern war so tiefschwarz wie ein Nachtstein. Nachtsteine gehörten der Unterwelt an, ein gefährliches Material, dessen Aussehen Richard nur zu gut noch in Erinnerung war. Der obere Teil der Statuette schien aus dem gleichen unheilvollen Material zu bestehen – glänzend, glatt und von einer so tiefen Schwärze, daß sie das Tageslicht in sich aufzunehmen schien.

Ein Gefühl der Mutlosigkeit befiel ihn, als er sich auf diese Weise, als bereits vom Tod gezeichneter Talisman, dargestellt sah.

»Die hat sie gemacht«, rief Owen und drohte Jennsen, die noch immer in Richards schützendem rechten Arm lag, vorwurfsvoll mit dem Finger. »Mit Magie. Ich hab ja gleich gesagt, sie kann das. Sie hat sie dort unten in der Höhle in einem unbemerkten Augenblick aus schwarzer Magie erschaffen. Aus Nachlässigkeit hat sie einen Moment vergessen, daß sie keine Magie bewirken kann, und schon hat diese sie übermannt und sich in Gestalt der Statuette manifestiert.«

Owen hatte offenbar nicht die leiseste Ahnung, was er da redete. Diese Statuette war eindeutig nicht Jennsens Werk.

Sie war das zweite Warnzeichen, gedacht als Warnung an den, der imstande war, die Lücke wieder zu verschließen.

»Lord Rahl ...«

Richard sah auf. Es war Cara. die gesprochen hatte.

Sie stand ein Stück abseits mit dem Rücken zu ihnen und schaute hoch zu einem kleinen Himmelsausschnitt zwischen den Bäumen. Jennsen drehte sich in seinen Armen herum, um zu sehen, was der Grund für Caras seltsamen Tonfall sein mochte. Er zog seine Schwester fest an sich, trat hinter Cara und spähte zwischen den Wipfeln in den Himmel, um zu sehen, wohin sie blickte.

Durch eine lichte Stelle im Dach aus Föhrenzweigen konnte man, oberhalb von ihnen, den Rand des Gebirgspasses erkennen. Vor den eisengrauen Wolken, die sich verstohlen durch den Pass schoben, zeichnete sich die Silhouette eines eindeutig von Menschenhand geschaffenen Objekts ab.

Es sah aus wie eine gewaltige, mitten auf dem Paß sitzende Statue.

34

»Was denkst du?«, wandte sich Kahlan an ihn.

Richard schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht.« Er warf einen Blick nach hinten, zwischen die schützenden Bäume. »Hast du wirklich keine Idee, was es damit auf sich haben könnte, Owen?«

Die aufgewühlten Wolken bildeten eine unheilvolle Kulisse für die eindrucksvolle Statue oben auf dem Kamm.

»Nein, Lord Rahl. Ich bin noch nie hier gewesen; keiner von uns hat diesen Weg jemals benutzt. Ich weiß wirklich nicht, was es sein könnte. Es sei denn ...« Seine Worte verklangen in einem Heulen des Windes.

»Es sei denn was?«

Erschrocken wich Owen zurück und spielte verlegen am Knopf seiner Jacke, während sein Blick erst kurz zu der Mord-Sith und schließlich, auf der anderen Seite, zu Tom und Jennsen hinüberzuckte. »Es gibt eine Weissagung – von denselben Leuten, die uns unseren Namen gegeben haben und uns mit der Sperrung des Passes beschützen wollten. Dort heißt es, als sie unserem Reich den Namen gaben, hätten sie uns auch erklärt, eines fernen Tages werde ein Erlöser zu uns kommen.«

Richard wollte schon fragen, wovon genau sie seiner Meinung nach erlöst werden müßten – wo sie doch in einer so erleuchteten Gesellschaft lebten, die sie vor den unerleuchteten »Barbaren« im Rest der Welt beschützte. Statt dessen beließ er es bei einer einfacheren Frage, die Owen möglicherweise sogar beantworten konnte.

»Deiner Meinung nach könnte es sich also um eine Statue dieses Erlösers handeln?«

Owen, sichtlich nervös, zögerte, rang sich dann aber doch zu einem Schulterzucken durch. »Er ist nicht einfach nur ein Erlöser. In der Weissagung heißt es weiter, er werde uns obendrein vernichten.«

Richard musterte ihn stirnrunzelnd und hoffte inständig, daß dies nicht wieder eine dieser überspannten, pseudoreligiösen Lehren war. »Dieser Erlöser, von dem du sprichst, wird euch also vernichten. Ergibt das einen Sinn?«

Owen beeilte sich, ihm beizupflichten. »Ich weiß. Niemand versteht das.«

»Vielleicht soll es lediglich bedeuten, daß jemand kommt, um Euer Volk zu retten«, schlug Jennsen vor, »dabei jedoch scheitert und euch bei dem Versuch letztendlich vernichtet.«

»Vielleicht.« Es bereitete ihm sichtlich Verdruß, diesen Ausgang der Geschichte in Erwägung ziehen zu müssen.

»Aber vielleicht bedeutet es ja auch«, schlug Cara boshaft vor, »daß dieser Mann auftaucht und, nachdem er dein Volk gesehen hat, beschließt, es sei nicht wert, gerettet zu werden, und es statt dessen«- sie beugte sich ganz nah zu ihm hin -»ausrottet.«

Owen starrte Cara entgeistert an; offenbar betrachtete er ihre Äußerung als durchaus realistische Möglichkeit und nicht als den bitteren Spott, als der sie, wie Richard wußte, gemeint war.