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»Ich denke, das ist nicht damit gemeint«, erklärte Owen ihr nach reiflicher Überlegung. Er wandte sich wieder Richard zu. »Denn die Weissagung, wie man sie uns gelehrt hat, besagt, daß erst ein Mann kommen wird, der uns vernichtet. Erst danach ist davon die Rede, daß derselbe uns retten wird. ›Euer Vernichter wird kommen, und er wird Euch befreien‹«, zitierte Owen. »Das ist der Wortlaut, den man uns beigebracht hat, das sind die Worte, die man meinem Volk mit auf den Weg gegeben hat, als man uns hier, jenseits des Passes, ansiedelte.«

»›Euer Vernichter wird kommen, und er wird Euch befreien‹«, wiederholte Richard seine Worte. Er atmete geduldig einmal tief durch. »Sehr wahrscheinlich ist der ursprüngliche Wortlaut bei der Überlieferung völlig durcheinander geraten. Möglicherweise hat er mit der anfänglichen Weissagung nur noch wenig gemein.«

Statt augenblicklich zu widersprechen, wie Richard es erwartet hatte, nickte Owen beflissen. »Einige von uns sind derselben Meinung wie Ihr, daß der wahre Wortlaut verloren gegangen ist oder verdreht wurde. Andere wiederum glauben, daß er unverändert überliefert wurde und eine wichtige Bedeutung enthalten müsse. Dann gibt es Leute, die glauben, die Weissagung besagt nichts weiter, als daß ein Erlöser kommen wird; wieder andere sehen darin die Ankündigung eines Vernichters.«

»Und was glaubst du?«, fragte Richard.

Owen spielte erneut mit dem Knopf an seiner Jacke. »Ich denke, sie soll besagen, daß erst ein Vernichter kommen wird – vermutlich dieser Nicholas von der Imperialen Ordnung – und anschließend ein Erlöser, der uns erretten wird. Und ich glaube, dieser Mann seid Ihr, Lord Rahl. Dieser Nicholas ist unser Vernichter, und Ihr seid unser Erlöser.«

Aus dem Buch der Prophezeiungen wußte Richard, daß Prophezeiungen bei diesen Leuten, den Säulen der Schöpfung, stets versagten.

»Was deine Leute für eine Weissagung halten«, erklärte Richard, »ist wahrscheinlich nichts weiter als ein altes Sprichwort, das die Menschen irgendwie durcheinander gebracht haben.«

Doch Owen blieb standhaft, wenn auch erst nach einigem Zögern. »Man hat uns gelehrt, daß es eine Weissagung ist, die von denselben Leuten stammt, die uns auch unseren Namen gegeben haben. Diese Leute wollten, daß sie überliefert wird, damit alle sie kennen.«

Richard seufzte; der Wind verwehte seinen Atem zu einer langen Dampfwolke. »Du glaubst also allen Ernstes, daß dort oben eine Statue von mir steht, aufgestellt vor Tausenden von Jahren von denselben Leuten, die euch zu eurem eigenen Schutz hinter die Grenze verbannt haben? Woher hätten sie lange vor meiner Geburt wissen sollen, wie ich aussehe, um ein Standbild von mir anzufertigen?«

»Die wahre Realität weiß, was die Zukunft bringen wird«, leierte Owen wie auswendig gelernt herunter. Er zwang sich zur Andeutung eines Lächelns und zuckte abermals die Schultern. »Schließlich hat sie es auch geschafft, die kleine Statuette, die Ihr gefunden habt, Euch ähnlich zu machen.«

Richard, der sich von diesem Thema unangenehm berührt fühlte, kehrte ihm den Rücken zu. Die kleine Figur war ihm mit Hilfe einer Magie nachempfunden worden, die mit der Grenze und möglicherweise auch mit einem toten Zauberer aus der Unterwelt in Verbindung stand.

Es hatte ihm schon nicht im Mindesten gefallen, daß das zweite Warnzeichen offenbar für ihn bestimmt war. Er fühlte sich dadurch an eine Verantwortung, an eine Pflicht, gebunden, die er weder erfüllen wollte noch konnte.

Zumal er gar nicht wußte, wie er die Sperre vor diesem Bandakar wiederherstellen sollte. Zedd hatte vor langer Zeit Grenzen erschaffen, die denen hier unten in der Alten Welt vermutlich vergleichbar waren, aber selbst Zedd hatte sich dabei entworfener Magie bedient, auf die er in der Burg der Zauberer gestoßen war. Diese entworfenen Banne waren von alten, ungeheuer mächtigen Zauberern erschaffen worden, die in diesen Dingen über enorme Kenntnisse verfügten. Überdies hatte Zedd ihm erklärt, daß diese Banne nicht mehr existierten.

»Richard«, fragte Kahlan leise, damit die anderen weiter hinten unter den Bäumen sie nicht hörten, »was meinst du, hat es zu bedeuten, daß das zweite Warnzeichen, das dir gilt, allmählich so schwarz wie ein Nachtstein wird? Glaubst du, damit soll dir die Zeitspanne angezeigt werden, die dir noch für die Beschaffung des Gegenmittels bleibt?«

Da er die Statue eben erst gefunden hatte, hatte er noch nicht groß darüber nachgedacht. Trotzdem, im Grunde ließ es sich eigentlich nur als Unheil verkündende Warnung deuten. Immerhin stand der Nachtstein mit den Seelen der Toten – mit der Unterwelt – in Verbindung.

Durchaus denkbar, daß die Verfärbung, wie von Kahlan angedeutet, ihm zeigen sollte, wie sehr das Gift bereits von ihm Besitz ergriffen hatte, und daß seine Zeit sich dem Ende zuneigte. Aber aus mehreren Gründen hielt er diese Erklärung nicht für zutreffend.

»Sicher weiß ich es natürlich nicht«, erklärte er ihr schließlich, »aber ich halte es nicht für eine Warnung, die sich auf das Gift bezieht. Ich glaube vielmehr, die Schwarzfärbung der Statuette soll veranschaulichen, wie die Gabe in mir nach und nach an Kraft verliert, mich allmählich umbringt, und die Unterwelt, die Welt der Toten, ihr Leichentuch über mich breitet.«

Kahlans Hand glitt seinen Arm hinauf, es war eine tröstliche, besorgte Geste. »Genau das war auch mein Gedanke. Ich hatte gehofft, du würdest dem widersprechen. Denn letztlich bedeutet das, daß die Gabe ein größeres Problem sein könnte als das Gift – immer vorausgesetzt, dieser tote Zauberer wollte dich mit dem Warnzeichen tatsächlich davor warnen.«

Richard überlegte, ob sich die Antwort darauf vielleicht oben, bei der Statue auf dem Paß, finden ließe; im Augenblick jedenfalls wußte er nicht weiter. Um dorthin zu gelangen und nachzusehen, würden sie allerdings den schützenden Wald verlassen und ein Stück offenes Gelände überqueren müssen.

Richard drehte sich um und winkte die anderen zu sich.

»Ich glaube nicht, daß die Riesenkrähen uns hier erwarten«, erklärte er, nachdem die anderen sich um ihn versammelt hatten. »Falls es uns tatsächlich gelungen sein sollte, sie abzuschütteln, werden sie weder unseren derzeitigen Aufenthaltsort noch unsere Marschrichtung kennen und uns demnach hier auch nicht suchen. Meiner Meinung nach müssten wir es bis dort oben schaffen, ohne daß die Riesenkrähen oder dieser Nicholas Wind davon bekommen.«

»Zumal sie«, warf Tom ein, »vermutlich gar nicht nach uns Ausschau halten können, solange die Berge weitgehend von der tief hängenden Wolkendecke verdeckt sind.«

»Mag sein«, sagte Richard. Dann deutete er mit einer Handbewegung auf die eisigen Flocken, die in der Luft tanzten. »Sind die Winter in Bandakar kalt, Owen? Ist es normal, daß es hier schneit?«

»Die Winde kommen von Norden und folgen dann, soweit ich weiß, unserer Seite des Gebirges. Im Winter wird es kalt. Alle paar Jahre bekommen wir auch ein wenig Schnee, aber gewöhnlich hält sich der nicht lange. Meist regnet es den Winter über eher. Warum es hier jetzt, mitten im Sommer schneit, begreife ich selbst nicht.«

»Wohl wegen der großen Höhe«, antwortete Richard beiläufig, den Blick auf die beiderseits steil aufsteigenden Hänge gerichtet.

Weiter oben lag eine mächtige, geschlossene Schneedecke, die an manchen Stellen, wo der Wind den Schnee zu Wachten und Überhängen verweht hatte, trügerisch sein mochte.

»Ich muß unbedingt wissen, was es mit diesem Ding auf sich hat«, meinte Richard schließlich und deutete zu der Statue weiter oben am Hang hinauf. Er drehte sich zu den anderen herum, um zu sehen, ob jemand einen Einwand vorzubringen hatte. Niemand hatte. »Und ich will wissen, warum es dort oben steht.«

»Findet Ihr nicht, wir sollten warten, bis es dunkel wird?«, wandte Cara ein. »Im Dunkeln sind wir nicht so leicht zu erkennen.«

Richard schüttelte den Kopf. »Die Riesenkrähen können zweifellos auch bei Dunkelheit ausgezeichnet sehen – schließlich gehen sie nachts auf die Jagd. Hätte ich die Wahl, wäre ich lieber tagsüber unter freiem Himmel, wo ich sie kommen sehen kann.«