Richard klemmte seinen Bogen unter sein Bein und bog ihn, bis er die Sehne einspannen konnte. Dann entnahm er dem Lederköcher auf seinem Rücken einen Pfeil, legte ihn auf und hielt ihn in entspannter Stellung mit der Linken fest. Er suchte den Himmel mit den Augen ab und betrachtete, stets auf der Suche nach einem Anzeichen für die Riesenkrähen, die Wolken. Was die Schatten in den Bäumen anging, war er nicht ganz sicher, am Himmel aber waren keine zu sehen.
»Ich denke, wir machen uns jetzt besser auf den Weg.« Mit einem Rundblick über ihre Gesichter vergewisserte er sich, daß er die Aufmerksamkeit aller hatte. »Wenn irgend möglich, tretet auf die Steine. Ich möchte keine Spuren im Schnee hinterlassen, die Nicholas durch die Augen der Riesenkrähen entdecken könnte.«
Sie nickten, zum Zeichen, daß sie verstanden hatten, dann folgten sie ihm im Gänsemarsch hinaus in das steinige Gelände. Niemand sprach während des Aufstiegs. Von Zeit zu Zeit mußten sie eine kleine Pause einlegen, um zu verschnaufen. In der Ferne erspähte Richard ein paar kleine Vögel, aber keine von nennenswerter Größe.
Als er den letzten Einschnitt zwischen den mit feinem Pulverschnee bestäubten und sich zum Zweifachen seiner Körpergröße auftürmenden Findlingen durchkletterte, konnte Richard endlich die den Paß bewachende Statue in ihrer Gesamtheit erfassen.
Und sie bewachte ihn tatsächlich. Die Statue war ein Wachtposten.
Die stattliche, auf einem enormen steinernen Sockel sitzende männliche Gestalt behütete den Pass mit wachsamem Blick. In einer Hand hielt sie, lässig und doch griffbereit, ein Schwert, dessen Spitze auf dem Boden ruhte. Sie schien mit einer Lederrüstung bekleidet zu sein sowie einem Umhang, der über ihren Schoß gebreitet lag. Diese Figur war eindeutig zur Bewachung dessen, was immer jenseits von ihr liegen mochte, errichtet worden.
Der Stein war nach Hunderten von Jahren unter freiem Himmel verwittert, doch dieser Verwitterungsprozess vermochte der Steinmetzarbeit nichts von ihrer inneren Kraft zu nehmen. Diese Statue hatte man mit großer Zielbewusstheit in Stein gehauen und hier aufgestellt. daß sie hier draußen, mitten im Nirgendwo stand, auf dem Kamm eines längst nicht mehr benutzten Gebirgspasses und einem Pfad, der womöglich unmittelbar nach ihrer Errichtung aufgegeben worden war, machte sie in Richards Augen nur noch interessanter.
Er hatte selbst schon Stein behauen und wußte, wie viel Schweiß und Blut in diese Figur eingeflossen sein mochte. Sie war nicht eben das, was man ein großes Kunstwerk nennen würde, doch verströmte ihre Ausführung eine enorme Kraft. Ihr bloßer Anblick bereitete ihm eine Gänsehaut.
»Wenigstens sieht sie dir nicht ähnlich«, bemerkte Kahlan.
Immerhin etwas.
Doch daß dieses von Menschenhand geschaffene Objekt hier womöglich seit Tausenden von Jahren ganz für sich alleine stand, hatte etwas Verstörendes.
»Mich würde interessieren«, wandte sich Richard an sie, »warum das zweite Warnzeichen dort weiter unten am Hang in der Höhle lag und nicht hier oben.«
Kahlan und er wechselten einen viel sagenden Blick. »Hätte Jennsen nicht getan, was sie getan hat, hättest du es nie gefunden.«
Richard ging suchend – wonach, wußte er selbst nicht recht – um den Sockel der Statue herum. Doch kaum hatte er mit seiner Suche begonnen, bemerkte er auf der Stirnseite des Sockels, oberhalb einer der Zierleisten, eine merkwürdige ausgesparte Stelle im Schnee. Sie sah aus, als hätte dort etwas gestanden, das später entfernt worden war.
Irgendwas erschien ihm an dieser ausgesparten Stelle vertraut. Er holte das Warnzeichen aus seinem Rucksack hervor und betrachtete die Form seines Fußes. Seine Vermutung bestätigte sich; er stellte die Statuette von sich auf die ausgesparte Stelle im Schnee, der sich auf dein Sockelrand gesammelt hatte. Sie paßte haargenau hinein.
Demnach hatte die kleine Figur ursprünglich hier auf der Statue gestanden.
»Was glaubt Ihr, wie mag sie wohl unten in die Höhle gelangt sein?«, fragte Cara, einen ahnungsvollen Unterton in der Stimme.
»Vielleicht ist sie heruntergefallen«, schlug Jennsen vor. »Hier oben herrscht ein ziemlicher Wind. Vielleicht wurde sie von einem Windstoß heruntergefegt und ist anschließend den Hang hinuntergepurzelt.«
»Mitten durch den Wald, ohne an einem Baum hängen zu bleiben, ehe sie passgenau in die winzige Höhlenöffnung rollte, um dann, nur wenige Fuß neben der Stelle, wo du ganz zufällig festgesteckt hast, zwischen den Felsen eingeklemmt liegen zu bleiben? An einer überaus beklemmenden Stelle, möchte ich hinzufügen, die dich aber nicht davon abgehalten hat, dort hineinzukriechen.«
Jennsen sah ihn verwundert an. »Wenn du es so ausdrückst...«
Jetzt, da er auf dem Kamm des Passes stand, genau vor jenem Punkt der Statue, wo das Warnzeichen einst gestanden hatte und nun wieder stand, erkannte Richard, daß man von hier aus einen weiten Blick über den Zugang nach Bandakar hatte. Die Berge, die das Blickfeld zu beiden Seiten begrenzten, gehörten zu den gewaltigsten, die er je gesehen hatte; die genau zwischen ihren schneebedeckten Gipfeln liegende Anhöhe, auf dem der Wachtposten thronte, überblickte den weiter unten liegenden Zugang des Passes. Trotz der großen Höhe befanden sie sich gerade erst in den Vorbergen dieses Gebirges.
Die Statue blickte nicht genau nach vorn, wie man es von einem Wächter vielleicht erwarten würde, statt dessen war ihr unerschütterlicher Blick ein wenig nach rechts gerichtet. Richard fand dies etwas eigenartig; er fragte sich, ob dadurch zum Ausdruck gebracht werden sollte, daß dieser Wachtposten ein wachsames Auge auf alles, auf jede nur erdenkliche Bedrohung hielt.
Von seinem Platz unmittelbar vor dem Sockel der Statue, genau vor dein Standplatz des Warnzeichens, ließ Richard seinen Blick ein Stück nach rechts hinüberwandern – in die Richtung, in die die Figur des Monuments blickte.
»Und«, fragte Kahlan, »was siehst du?«
»Die Säulen der Schöpfung.«
35
»Owen«, fragte Richard, »wie weit ist es von diesem Paß bis zu deinen Gefährten – den Männern, die sich mit dir in den Bergen versteckt haben?«
Die Frage schien ihn völlig zu verwirren. »Aber ich bin zuvor noch nie auf diesem Teil des Passes gewesen, Lord Rahl. Ich sehe diese Statue zum allerersten Mal. Ich bin auch noch nie nur in die Nähe dieses Ortes gelangt: es ist mir völlig unmöglich, Eure Frage zu beantworten.«
»Völlig unmöglich nicht«, gab Richard zurück. »Wenn du auch nur eine vage Vorstellung von deiner Heimat hast, solltest du die markanten Punkte in der unmittelbaren Umgebung wiedererkennen können. Schau durch den Paß zurück zu den Bergen dort und stell fest, ob dir irgend etwas bekannt vorkommt.«
Mit einem skeptischen Ausdruck im Gesicht kletterte Owen die letzten Schritte hinauf bis hinter die Statue und spähte nach Osten hinüber. Eine ganze Weile stand er dort oben im Wind und hielt Ausschau. Schließlich deutete er durch den Paß auf einen fernen Berggipfel.
»Die Stelle dort meine ich wiederzuerkennen.« Die Augen gegen den böigen Wind geschützt, richtete er den Blick weiter unverwandt nach Osten, bis er schließlich erneut den Arm vorstreckte. »Und diese auch! Die Stelle erkenne ich ebenfalls wieder!«
Hastig kehrte er zu Richard zurück. »Ihr hattet Recht, Lord Rahl! Ich kann tatsächlich ein paar Punkte erkennen.« Den Blick wieder in die Ferne gerichtet, murmelte er verwundert bei sich: »Ich kann von hier sogar erkennen, wo mein Zuhause liegt, obwohl ich noch nie hier gewesen bin.«
Kahlan hatte noch nie jemanden über etwas so Selbstverständliches derart in Erstaunen geraten sehen.
»Also«, drängte ihn Richard schließlich, »wie weit ist es nun deiner Meinung nach bis zu deinen Gefährten?«
Owen sah über seine Schulter. »Durch die Senke dort, dann um den von rechts kommenden Hang herum ...« Er wandte sich wieder Richard zu. »Wir haben uns in dem Gebiet, unweit der Stelle, wo sich einst die Barriere unseres Reiches befand, versteckt; wo sich nie jemand hintraut, weil dort der Tod umgeht, ganz in der Nähe des Passes. Meiner Schätzung nach dürfte es von hier aus ein strammer Tagesmarsch bis dorthin sein.« Plötzlich wurde er unsicher. »Aber es ist falsch, darauf zu vertrauen, was meine Augen mir sagen. Vielleicht sehe ich ja nur, was mein Verstand sehen möchte. Es ist vielleicht gar nicht wirklich.«