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Richard lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Granitsockel der Statue und ließ, äußerlich unbeeindruckt von Owens plötzlichen Selbstzweifeln, den Blick zu den Säulen der Schöpfung hinüberschweifen. »Sieh dir das an, Richard.«

Er drehte sich um, sah, was sie sah, und ging sofort daran, die Stelle mit hastigen Bewegungen vom restlichen Schnee zu befreien. Die anderen drängten sich um ihn und versuchten zu erkennen, was in den Stein des Statuensockels gemeißelt stand. Unterdessen legte Cara eine Art Zierleiste auf der anderen Seite mit der Hand bis zum Ende frei.

Kahlan konnte es nicht entziffern. Die Inschrift war wiederum in einer Sprache verfaßt, die sie nicht sprach, wohl aber wiederzuerkennen glaubte.

»Hoch-D’Haran?«, fragte Cara.

Richard nickte bestätigend, während er die Worte nachdenklich betrachtete. »Offenbar handelt es sich um einen sehr alten Dialekt«, sagte er halb zu sich selbst, während er die Inschrift prüfte und ihren Sinn zu entschlüsseln versuchte. »Und zwar nicht nur um einen sehr alten, sondern auch einen mir nicht vertrauten Dialekt. Was möglicherweise mit der völligen Abgeschiedenheit dieses Ortes zusammenhängt.«

»Und was steht dort nun?«, wollte Jennsen wissen. »Kannst du es übersetzen?«

»Es ist nicht leicht zu entziffern«, murmelte Richard. Während er sich mit einer Hand das Haar aus der Stirn strich, glitten die Finger der anderen behutsam über die Worte. Schließlich richtete er sich auf und blickte Owen an, der etwas abseits des Sockels stand und zu ihnen herübersah.

Alles wartete gespannt, als Richard sich erneut über die Inschrift beugte. »Ich bin nicht sicher«, meinte er schließlich. »Die Formulierung klingt irgendwie merkwürdig ...« Er sah zu Kahlan hoch. »Genau kann ich es nicht sagen. Auf diese Weise habe ich Hoch-D’Haran noch nie geschrieben gesehen. Mir ist, als sollte ich die Bedeutung der Worte kennen, und doch komme ich nicht recht dahinter.«

Kahlan vermochte nicht einzuschätzen, ob er tatsächlich so unschlüssig war oder die Übersetzung nicht vor allen anderen aussprechen wollte.

»Vielleicht fällt es dir ja ein, wenn du eine Weile darüber nachdenkst«, schlug sie vor, um ihm die Möglichkeit zu geben, den Sinn der Inschrift erst einmal für sich zu behalten.

Doch statt auf ihr Angebot einzugehen, tippte er mit dem Finger auf die Worte links neben dem Warnzeichen. »Dieser Teil scheint mir etwas verständlicher. Ich glaube, es bedeutet so viel wie: ›Hütet Euch, die Sperre zu dem jenseits liegenden Reich zu durchbrechen ...‹«

Er wischte sich mit der Hand über den Mund, während er darüber nachdachte, wie es weiterging. »Der Rest ist nicht ganz klar«, meinte er schließlich. »Es scheint zu bedeuten: ›denn dahinter liegt das Böse: diejenigen, die blind sind ...‹«

»Dachte ich’s mir doch«, murmelte Jennsen verärgert, die ihre Vermutung bestätigt sah.

Richard fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Ich bin alles andere als sicher, ob ich es getroffen habe. Irgend etwas ergibt noch immer keinen rechten Sinn.«

»Du hast es ganz genau getroffen«, meinte sie. »Die, die blind sind gegen alle Magie. Die Inschrift ist von den mit der Gabe Gesegneten angebracht worden, die diese Menschen wegen ihres Geburtsfehlers aus der restlichen Welt verbannt haben.« Ihre zornigen Augen füllten sich mit Tränen. »Hütet euch, die Sperre zu dem jenseits liegenden Reich zu durchbrechen, denn dahinter liegt das Böse – diejenigen, die blind sind gegen alle Magie. Das ist es, was es bedeutet, diejenigen, die blind sind gegen jegliche Magie.«

Niemand widersprach ihr. Das einzige Geräusch war das Pfeifen des Windes über dem kahlen Gelände.

Dann wandte Richard seine Aufmerksamkeit wieder Owen zu. »Wie viele Männer warten dort in den Hügeln auf deine Rückkehr?«

»Nicht ganz einhundert.«

Richard entfuhr ein enttäuschter Seufzer. »Nun, wenn das alles ist, was du zu bieten hast, dann ist es eben alles. Um Verstärkung werden wir uns später kümmern müssen.

Fürs Erste möchte ich, daß du deine Gefährten herholst. Wir werden hier auf deine Rückkehr warten. Dies wird unsere Basis sein, hier werden wir einen Plan ausarbeiten, wie wir die Imperiale Ordnung aus Bandakar vertreiben können. Zwischen den Bäumen dort unten ist es einigermaßen geschützt; dort werden wir ein Lager einrichten.«

Owen blickte hangabwärts zu der von Richard angegebenen Stelle, dann in die Richtung, in der seine Heimat lag, ehe er sich ihm, einen verwirrten Ausdruck im Gesicht, wieder zuwandte. »Aber Lord Rahl, Ihr seid es doch, der dazu ausersehen ist, uns die Freiheit zu bringen. Wieso begleitet Ihr mich nicht einfach zu meinen Gefährten, wenn Ihr sie kennenlernen wollt?«

»Weil ich diesen Platz hier für sicherer halte als ihr derzeitiges Versteck, das der Imperialen Ordnung höchstwahrscheinlich bekannt sein dürfte.«

»Aber die Imperiale Ordnung weiß doch gar nichts von diesen Männern, und erst recht nicht, wo sie sich versteckt halten.«

»Du machst dir etwas vor. Diese Ordenssoldaten mögen brutal sein, aber sie sind gewiß nicht dumm.«

»Wenn sie den Aufenthaltsort meiner Gefährten kennen, warum sind sie dann noch nicht gekommen, um sie zurückzuholen?«

»Das werden sie noch tun«, erwiderte Richard. »Und zwar, sobald es ihnen paßt. Deine Freunde stellen keine Gefahr dar, deswegen haben sie es nicht eilig, sich die Mühe zu machen, sie gefangenzunehmen. Aber früher oder später werden sie es tun, und sei es nur, um zu verhindern, daß jemand glaubt, er könne sich ihrer Herrschaft entziehen.

Ich will, daß deine Gefährten ihren jetzigen Aufenthaltsort verlassen und sich an einen ihnen bislang völlig unbekannten Ort begeben: hierher. Die Imperiale Ordnung soll denken, daß sie verschwunden sind, sich aus dem Staub gemacht haben, damit sie sie gar nicht erst verfolgen.«

»Na ja«, meinte Owen nachdenklich, »ich denke, das ließe sich einrichten.«

Tom stand an einer Ecke des Statuensockels Wache. Richard sprach ihn an. »Tom, ich möchte, daß Ihr Owen begleitet.«

»Wieso soll er mich begleiten?«, wollte Owen wissen.

»Weil ich«, erwiderte Richard, »sichergehen möchte, daß du mit deinen Freunden auch tatsächlich hierher kommst. Ich brauche dringend das Gegenmittel, oder ist dir das bereits entfallen? Je mehr Männer ich hier um mich habe, die wissen, wo es sich befindet, desto besser. Außerdem möchte ich, daß sie erst einmal vor der Imperialen Ordnung sicher sind. Tom, mit seinen blonden Haaren und blauen Augen, wird unter deinen Leuten nicht auffallen. Solltet ihr Soldaten begegnen, werden sie ihn für einen von euch halten. Tom ist meine Gewähr, daß ihr alle hier ankommt.«

»Aber es ist möglicherweise nicht ganz ungefährlich«, gab Jennsen zu bedenken.

Richard sah sie herausfordernd an, sagte aber nichts, sondern wartete einfach ab, ob sie sich traute, ihren Einwand näher zu begründen. Schließlich senkte sie den Blick.

»Wahrscheinlich ist es nur vernünftig«, gab sie sich schließlich geschlagen.

Richard wandte seine Aufmerksamkeit wieder Tom zu. »Ich möchte, daß Ihr versucht, einige Materialien mitzubringen. Außerdem möchte ich mir, solange Ihr fort seid, gern Euer Beil ausborgen, sofern Ihr nichts dagegen habt.«

Mit einem Nicken zog Tom das Beil aus seinem Rucksack. Als Richard zu ihm hintrat, um die Axt entgegenzunehmen, ging er in Gedanken bereits eine Liste mit den Dingen durch, nach denen Tom sich umsehen sollte – Spezialwerkzeuge, Eibenholz, Fellkleber, Packschnur Leder sowie eine ganze Liste anderer Dinge.

Tom hakte seine Daumen hinter seinen Gürtel. »Geht in Ordnung. Ich bezweifle allerdings, daß ich alles auf Anhieb auftreiben kann. Wollt Ihr, daß ich mich vor meiner Rückkehr auf die Suche nach den Dingen mache, die nicht sofort aufzutreiben sind?«