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Jennsen machte ein überraschtes Gesicht. »Aber wirst du diesen Menschen denn nicht helfen?«

Er maß sie mit einem durchdringenden Blick über seine Schulter hinweg. »Sie haben mich vergiftet. Wie man es auch dreht und wendet, diese Leute sind bereit, mich zu töten, wenn ich nicht tue, was sie verlangen – ihnen sozusagen die Drecksarbeit abnehme. Sie halten uns für Barbaren und dünken sich uns überlegen. Ihrer Meinung nach ist unser Leben weniger wert, nur weil wir nicht ihrer Gemeinschaft angehören. Aber ich bin vor allem für mein eigenes Leben verantwortlich, und deshalb muß ich das Gegenmittel beschaffen.«

»Ich verstehe, was du meinst.« Jennsen reichte ihm den nächsten Balsamzweig. »Trotzdem glaube ich noch immer, daß wir uns vor allem selbst helfen würden, wenn wir die Imperiale Ordnung und diesen Nicholas von hier vertreiben.«

Richard lächelte. »Da muß ich dir Recht geben, und wir werden auch alles in unserer Macht stehende tun. Aber wenn wir diesen Menschen wirklich helfen wollen, muß ich Owen und seine Gefährten davon überzeugen, daß sie die Dinge selbst in die Hand nehmen müssen.«

Cara schnaubte verächtlich. »Das wäre schon ein gewaltige Leistung, diesen Lämmern beizubringen, sich in Wölfe zu verwandeln.«

Kahlan war der gleichen Ansicht. Vermutlich wäre es schwieriger, Owen und seine Gefährten von der Notwendigkeit der Selbstverteidigung zu überzeugen, als Bandakar zu fünft von der Imperialen Ordnung zu befreien. Sie fragte sich, woran Richard wohl dachte.

»Nun«, meinte Jennsen, »findet ihr nicht, daß ich ein Recht darauf habe, eingeweiht zu werden und zu erfahren, warum ihr beide euch ständig heimlich Blicke zuwerft und miteinander tuschelt? Schließlich sitzen wir alle im selben Boot, wenn wir es mit der Imperialen Ordnung in Bandakar zu tun bekommen.«

Richard starrte Jennsen einen Moment an, ehe er sich wieder an Kahlan wandte.

Kahlan legte ihr Zweigbündel neben dem Unterschlupf auf dem Boden ab. »Ich finde, sie hat recht.«

Richard schien darob nicht sonderlich begeistert, aber schließlich nickte er und legte den Balsamzweig fort, den er gerade in der Hand hielt. »Vor nahezu zwei Jahren gelang es Jagang, mit Hilfe von Magie eine Seuche auszulösen. Die Seuche selbst war nicht magisch; sie war nichts weiter als eine Seuche. Sie fegte durch Städte und hinterließ Zehntausende Opfer. Da dieser Flächenbrand durch einen magischen Funken ausgelöst worden war, konnte ich die Seuche schließlich auch mit Hilfe von Magie beenden.«

Kahlan glaubte nicht, daß sich ein solcher Alptraum auf die einfache Feststellung der Tatsachen reduzieren ließ, wenn man auch nur ansatzweise jenes Grauen vermitteln wollte, das sie damals durchgemacht hatten, doch Jennsens Gesichtsausdruck ließ vermuten, daß sie ein wenig von dem Schrecken begriff, der damals das Land ergriffen hatte.

»Um den Ort wieder verlassen zu können, den er hatte aufsuchen müssen, um die Seuche zu beenden«, fuhr Kahlan unter Auslassung der schaurigen Einzelheiten fort, »mußte er sich selbst mit der Seuche infizieren. Andernfalls hätte er zwar selbst überlebt, allerdings vollkommen vereinsamt, ohne mich oder sonst einen seiner Lieben jemals wiederzusehen. Er steckte sich freiwillig mit der Seuche an, um zurückkehren und mir seine Liebe gestehen zu können.«

Jennsen starrte sie aus großen Augen an. »Wußtest du denn nicht, daß er dich liebt?«

Ein dünnes, bitteres Lächeln spielte über Kahlans Lippen. »Meinst du nicht, deine Mutter würde nur zu gern aus dem Reich der Toten zurückkehren, um dir zu sagen, daß sie dich liebt, obwohl du das längst weißt?«

»Doch, vermutlich würde sie das. Aber warum mußtest du dich anstecken, um zurückkehren zu können? Und von wo überhaupt?«

»Der Ort nannte sich Tempel der vier Winde und lag teilweise in der Unterwelt.« Richard deutete mit einer Handbewegung hinauf zum Paß. »Vergleichbar in etwa mit der Grenze dort, die einerseits Teil des Totenreiches, gleichzeitig aber Teil dieser Welt war. Man könnte sagen, mit dem Tempel der vier Winde verhielt es sich ähnlich. Er lag verborgen in der Unterwelt; und da ich eine Art Grenze zur Unterwelt überqueren mußte, um in ihn hineinzugelangen, setzten die Seelen einen Preis für meine Rückkehr in die Welt des Lebens fest.«

»Seelen? Du bist dort tatsächlich den Seelen der Toten begegnet?«, wollte Jennsen wissen. Als Richard darauf nickte, hakte sie sofort nach. »Und warum haben sie diesen Preis festgesetzt?«

»Die Seele, die diesen Preis festsetzte, war die Darken Rahls.«

Jennsen klappte vor Verblüffung der Unterkiefer herunter.

»Als wir Lord Rahl damals fanden«, warf Cara ein, »lag er im Sterben. Die Mutter Konfessor begab sich auf eine gefahrvolle Reise durch die Sliph, um in Erfahrung zu bringen, wodurch er wieder geheilt werden könnte. Schließlich gelang es ihr tatsächlich, ein Heilmittel zu beschaffen, doch trennten ihn da nur noch wenige Augenblicke von seinem Tod.«

»Ich wendete die Magie an, die ich mitgebracht hatte«, griff Kahlan den Faden auf. »Etwas, mit der sich die Seuche, die er sich durch Magie zugezogen hatte, ins Gegenteil verkehren ließ. Die Magie, die ich zu diesem Zweck beschwor, waren die drei Chimären.«

»Drei Chimären?«, fragte Jennsen. »Was muß man sich darunter vorstellen?«

»Die Chimären sind magische Wesen aus der Unterwelt. Erbittet man ihre Hilfe, läßt sich verhindern, daß jemand ins Reich des Todes hinüberwechselt.

Unglücklicherweise – vielleicht war es ja auch ein Glück – war mir damals darüber hinaus nichts über diese drei Chimären bekannt. Wie sich herausstellte, waren sie während des Großen Krieges zur Abschaffung aller Magie erschaffen worden. Sie stammen aus der Unterwelt und vermögen die Magie in dieser Welt aufzuheben.«

Jennsen schien verwirrt. »Aber wie können sie so etwas bewerkstelligen?«

»Wie sie funktionieren, weiß ich selbst nicht genau. Da sie jedoch dem Totenreich entstammen, setzt ihre Anwesenheit in dieser Welt den Prozeß der Vernichtung aller Magie in Gang.«

»Konntest du diese Chimären denn nicht verjagen – sie wieder zurückschicken?«

»Das habe ich inzwischen längst getan«, sagte Richard. »Doch solange sie in dieser Welt weilten, verlor die Magie immer mehr an Kraft.«

»Offenbar habe ich an jenem Tag, als ich die Chimären in die Welt des Lebens rief, eine Flut von Ereignissen ausgelöst, die sich unaufhaltsam weiterentwickeln, obwohl die Chimären längst wieder in die Unterwelt zurückgesandt wurden.«

»Das wissen wir nicht«, warf Richard, mehr an Kahlan denn an Jennsen gewandt, ein.

»Richard hat wohl Recht«, bestätigte Kahlan. »Mit Sicherheit können wir das nicht sagen, doch haben wir allen Grund, es zu vermuten. Die Grenze, die Bandakar von der Außenwelt abriegeln sollte, ist gefallen. Der Zeitpunkt deutet darauf hin, daß es kurz nach der Befreiung der Chimären durch mich passierte. Das ist übrigens so ein Fehler, von denen ich dir erzählte. Du erinnerst dich?«

Jennsen starrte Kahlan entgeistert an, schließlich nickte sie. »Aber das hast du doch nicht getan, um jemandem zu schaden. Du wußtest ja nicht einmal, daß es so kommen würde. Du konntest nicht wissen, daß die Grenze fallen und die Imperiale Ordnung in das Land einmarschieren und die Menschen mißbrauchen würde.«

»Wo liegt da der Unterschied? Ich habe es getan, ich habe es verursacht. Ich könnte schuld daran sein, daß die Magie versiegt. Damit hätte ich erreicht, was herbeizuführen die Imperiale Ordnung keine Mühe scheut. Mein Tun hatte zur Folge, daß all diese Menschen in Bandakar gestorben sind, während andere frei herumlaufen und das tun, was sie auch damals, vor so langer Zeit schon getan haben – die Gabe durch gezielte Fortpflanzung auszumerzen.

Wir stehen am Rande der Abschaffung aller Magie, und das ist allein meine Schuld.«

Jennsen stand da wie versteinert. »Und deshalb bereust du jetzt, was du damals getan hast? Daß durch dein Tun möglicherweise alle Magie versiegen könnte?«

Kahlan spürte Richards Arm auf ihrer Taille. »Ich kenne nur eine Welt, in der Magie existiert«, meinte sie schließlich. »Ich wurde – jedenfalls zum Teil – Mutter Konfessor, weil ich helfen wollte, Menschen mit Magie zu beschützen, die sich nicht selbst schützen konnten. Letztendlich bin auch ich ein Geschöpf der Magie – sie ist mit meiner Person unentwirrbar verbunden. Ich kenne magische Dinge von überwältigender Schönheit, die ich sehr liebe; sie sind ein unveräußerlicher Bestandteil der Welt des Lebens.«