»Demnach befürchtest du, das Ende dessen herbeigeführt zu haben, was du am meisten liebst?«
Kahlan lächelte. »Nicht, was ich am meisten liebe. Ich wurde Mutter Konfessor weil ich an Gesetze glaube, welche die Menschen schützen und allen Individuen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben zugestehen. Ich möchte weder, daß einem Künstler die Fähigkeit zum Bildhauern beschnitten, die Stimme eines Sängers zum Schweigen gebracht oder der Geist eines Menschen brachgelegt wird, noch möchte ich, daß die Menschen ihrer Fähigkeit beraubt werden, mit Hilfe von Magie ihr Bestes zu geben.
Im Grunde geht es gar nicht so sehr um die Magie selbst. Ich möchte, daß alle Blumen die Möglichkeit haben, in ihrer bunten Vielfalt zu erblühen. Auch du bist schön, Jennsen, deswegen möchte ich dich ebenso wenig verlieren. Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben. Die Vorstellung, ein Leben müsse einem anderen vorgezogen werden, widerspricht allem, woran wir glauben.«
Als Kahlan ihr mit der Hand über die Wange strich, meinte Jennsen lächelnd: »Ich schätze, in einer Welt ohne Magie könnte ich sogar Königin sein.«
Cara, den Arm voller Balsamtannenzweige, meinte im Vorübergehen: »Auch Königinnen müssen ihr Haupt vor der Mutter Konfessor beugen, vergeßt das nicht.«
36
Licht flutete herein, als die Abdeckung der Kiste unvermittelt angehoben wurde: die rostigen Scharniere protestierten kreischend gegen jeden Zoll, den sich der Deckel öffnete. Mit zusammengekniffenen Augen blinzelte Zedd in das plötzlich gleißend helle Tageslicht. Schließlich schlugen fleischige Arme den Deckel ganz zurück. Hätte ihm die Kette um seinen Hals auch nur den geringsten Spielraum gelassen, wäre Zedd beim hallenden Scheppern des schweren Kistendeckels, der eine Wolke aus Dreck und rostigen Metallpartikeln auf ihn herniederrieseln ließ, hochgeschreckt.
Geblendet vom grellen Licht und dem wirbelnden Staub in der Luft, konnte Zedd fast nichts erkennen. Wenig hilfreich war auch die kurze, in der Mitte des Kistenbodens vernietete Kette um seinen Hals, die verhinderte, daß er seinen Kopf weiter als ein paar Zoll anheben konnte. Da man ihm zudem die Hände hinter dem Rücken in Eisen gelegt hatte, hatte er fast keine andere Möglichkeit; als flach auf dem Kistenboden zu liegen.
Immerhin konnte er, den Hals in unmittelbarer Nähe des eisernen Bolzens, trotz seiner erzwungenen Seitenlage wenigstens den überraschenden Strom kühlerer Luft in seine Lungen saugen. Die Hitze im Innern der Kiste war erdrückend gewesen. Man hatte ihm beim allabendlichen Halt mehrmals einen Becher mit Wasser gereicht, doch der war nicht annähernd ausreichend gewesen. Auch zu essen hatten er und Adie herzlich wenig bekommen, viel dringender als Essen aber benötigte er Wasser. Zedd hatte das Gefühl, verdursten zu müssen. Wasser war zu seinem allesbeherrschenden Gedanken geworden.
Längst hatte er aus den Augen verloren, wie viele Tage er nun schon angekettet am Boden der Kiste lag, trotzdem stellte er einigermaßen überrascht fest, daß er noch lebte. Während der ganzen holprigen, gleichwohl flotten Fahrt war die Kiste hinten auf der Ladefläche eines Wagens durchgerüttelt worden. Er konnte bestenfalls vermuten, daß man ihn zu Kaiser Jagang brachte; im Übrigen aber war er sicher, daß er es bedauern würde, das Ende dieser Reise zu erleben.
In der stickigen Hitze der Kiste hatte es mehrfach Augenblicke gegeben, in denen er fest damit gerechnet hatte, allmählich das Bewußtsein zu verlieren und jämmerlich zu krepieren; nicht selten hatte er seinen Tod geradezu herbeigesehnt. Ein sanftes Entschlummern in einen tödlichen Schlaf, dessen war er sicher, war dem, was ihn erwartete, gewiß vorzuziehen. Aber er hatte keine Wahl; die Schwestern wußten über die durch den Rada’Han ausgeübte Macht zu verhindern, daß er sich mit der Kette strangulierte, und ein Tod allein durch Willenskraft war, wie er herausgefunden hatte, ziemlich schwierig.
Zedd, dessen Kopf von der viel zu kurzen Kette am Boden des Verschlags festgehalten wurde, versuchte sich umzuschauen, doch außer einem winzigen Stück Himmel konnte er nichts erkennen. Dann hörte er, wie ein weiterer Kistendeckel knallend zurückgeschlagen wurde, und mußte, als ihn zum zweiten Mal eine Staubwolke einhüllte, husten. Als er kurz darauf Adie husten hörte, hätte er nicht zu sagen vermocht; ob er nun erleichtert oder betrübt darüber war. daß sie noch lebte – schließlich wußte er nur zu gut, was sie, ebenso wie er, würde erdulden müssen.
In gewisser Hinsicht war Zedd auf die Folter vorbereitet, der man ihn zweifellos in Kürze unterziehen würde, denn als Zauberer hatte er eine Schmerzensprüfung ablegen müssen. Die Folter machte ihm Angst, aber er würde sie ertragen, bis sie seinem Leben schließlich ein Ende bereitete. Angesichts seines geschwächten Zustands würde es vermutlich ohnehin nicht lange dauern. In mancher Weise erschien ihm das Gefoltertwerden mittlerweile fast wie ein alter Bekannter, der ihn fortwährend mit seinen Heimsuchungen verfolgte.
Aber viel mehr noch, als selbst gefoltert zu werden, graute ihm vor dem Leid, das Adie würde über sich ergehen lassen müssen. Die Qualen anderer verabscheute er mehr als alles andere. Die Vorstellung, daß Adie einer solchen Mißhandlung ausgesetzt sein würde, erfüllte ihn zutiefst mit Abscheu.
Ein Rütteln ging durch den Wagen, als die Vorderseite der anderen Kiste aufklappte. Unmittelbar darauf drang ein Schrei aus Adies Kehle, offenbar, nachdem jemand sie geschlagen hatte.
»Zur Seite, dämliches altes Weib, damit ich an das Schloß rankomme!«
Zedd hörte ihre Schuhe über den hölzernen Kistenboden scharren, als sie der Aufforderung mit auf den Rücken gebundenen Händen nachzukommen versuchte. Nach dem Geräusch der Fäuste auf ihrem Körper zu urteilen, war der Kerl mit ihren Bemühungen nicht zufrieden. Zedd schloß die Augen und wünschte sich, er könnte seine Ohren ebenso verschließen.
Die Vorderseite von Zedds beengender Kiste klappte mit einem Krachen auf, so daß noch mehr Helligkeit und Staub den Weg ins Innere fanden. Eine kräftige Hand langte ins Innere der Kiste und schob einen Schlüssel ins Schloß. Zedd hielt seinen Kopf so weit wie möglich von ihm entfernt, um ihm allen verfügbaren Platz zu lassen und ihn in seinem Tun nicht unnötig zu behindern. Seine Bemühungen trugen ihm einen derben Stoß seitlich gegen den Kopf ein, der ihm noch lange die Ohren klingen ließ.
Endlich öffnete sich das Schloß mit einem Schnappen. Der Kerl packte Zedd mit seiner kräftigen Hand bei den Haaren, zerrte ihn wie einen Sack Getreide aus der Kiste und schleifte ihn zum rückwärtigen Teil des Wagens. Zedd preßte die Lippen fest aufeinander, um nicht laut aufzuschreien, als seine Knochen über die vorstehenden Laufschienen auf der Ladefläche holperten. An der Ladekante angekommen, wurde er ohne großes Federlesen hinuntergestoßen und landete hart auf dem Boden. Dort packte ihn ein Hüne bei den Haaren und riß ihn unsanft auf die Beine.
Endgültig verließ ihn aller Mut, als er sah, daß sie sich inmitten einer Armee von furchterregenden Ausmaßen befanden. So weit das Auge reichte, bedeckten dunkle Menschenmassen, einem häßlichen Ausschlag gleich, die Landschaft. Offenbar waren sie also am Ziel.
Aus den Augenwinkeln sah er Adie mit hängendem Kopf neben sich im Staub hocken. Sie hatte eine blaugraue Prellung an der Wange und hob nicht einmal den Blick, als ein Schatten auf sie fiel.
Eine Frau in einem langen, schmutzfarbenen Rock trat vor sie beide hin und riß Zedd aus seiner Betrachtung der gegnerischen Streitkräfte. Er erkannte ihr graubraunes Wollkleid sofort wieder, es gehörte ebenjener Schwester der Finsternis, die ihnen den Halsring umgelegt hatte. Ihren Namen kannte er nicht, sie hatte sich ihm nicht vorgestellt; genau genommen hatte sie, seit man sie in ihren Kisten angekettet hatte, überhaupt nicht mehr mit ihnen gesprochen. Als sie jetzt vor ihnen stand, erinnerte sie ihn an eine strenge Gouvernante für schwer erziehbare Kinder.