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Der Ring in ihrer Unterlippe, der sie als Sklavin auswies, nahm ihrem autoritären Gehabe in Zedds Augen unwiderruflich allen Glanz.

Der Boden war mit Pferdedung bedeckt, meist alt und trocken, wenn auch nicht überall. Hinter dem Rücken der Schwester standen, scheinbar ohne jede Ordnung, inmitten der Soldaten Pferde angepflockt. Diejenigen, die dem Anschein nach der Kavallerie angehörten, waren hervorragend gepflegt; die Arbeitstiere dagegen machten einen weniger gesunden Eindruck. Überall zwischen den Pferden und Soldaten war die spätnachmittägliche Landschaft mit Wagen und Vorratsstapeln übersät.

Über allem lag ein übler Gestank von nicht tief genug ausgehobenen Latrinen, von Pferden und Mist, vermischt mit den unerträglichen Ausdünstungen auf beengtem Raum hausender Menschen, die ihre gewohnten hygienischen Verrichtungen schon seit längerem vernachlässigten. Zedd kniff die Lider halb zusammen, als beißender Rauch von einem der unzähligen Kochfeuer vorüberzog und ihm in den Augen brannte.

Überdies wimmelte die Luft nur so von Moskitos, Mücken und Fliegen. Die Fliegen waren am schlimmsten. Die Moskitostiche würden später zu jucken beginnen, Fliegenstiche aber plagten einen vom Augenblick des Einstichs an, und mit seinen auf den Rücken gefesselten Armen vermochte er sich ihrer nicht anders als durch das Schütteln seines Kopfes zu erwehren, um sie wenigstens von Augen und Nase fernzuhalten.

Die beiden Soldaten, die Zedd und Adie aus ihren Kisten befreit hatten, warteten geduldig rechts und links neben ihnen. Hinter den Röcken der Frau erstreckte sich, so weit das Auge reichte, ein Feldlager von enormen Ausmaßen. Überall erblickte man Soldaten, Soldaten, die mit irgendwelchen Arbeiten beschäftigt waren, die schliefen oder irgendeiner Freizeitbeschäftigung nachgingen. Bekleidet waren sie mit allen nur erdenklichen Kleidungsstücken, von Lederrüstungen. Kettenhemden und dornenbewehrten Gürteln bis hin zu Fellen, schmutzstarrenden Waffenröcken oder Hosen im fortgeschrittenen Zustand des Verfalls. Die meisten waren unrasiert, und alle waren so verdreckt wie völlig verwilderte Einsiedler weit abseits jeder Zivilisation. Das Massenlager erzeugte ein dauerhaftes Getöse aus Rufen und Pfiffen, grölenden und lachenden Kriegern, dem Rasseln und Klirren von Metall, dem Klingen von Hämmern, dem rhythmischen Geräusch der Sägen sowie dem gelegentlichen Aufschrei eines von quälenden Schmerzen Gepeinigten.

Tausende Zelte jedweder Machart bedeckten, wie Laub nach einem kräftigen Wind, die sanft geschwungene Hügellandschaft am Fuß der Vorberge des sich im Osten emportürmenden Gebirges. Nicht selten waren sie mit Beuteteilen geschmückt: Ein Zelteingang war mit einem Baumwollvorhang dekoriert, vor einem anderen stand ein kleiner Hocker oder Tisch, da und dort flatterte ein Stück Frauenunterwäsche zum Zeichen der Eroberung im Wind. Wagen, Pferde und Ausrüstungsgegenstände standen oder lagen ohne ersichtliche Ordnung dicht gedrängt in diesem Chaos nebeneinander. Das Erdreich unter dieser Karikatur einer Stadt, die selbst der grundlegendsten Ordnung entbehrte, war zu feinem Staub zerwühlt.

Das Lager war der Alptraum einer auf die Roheit eines völlig enthemmten Pöbels reduzierten menschlichen Gemeinschaft, deren Streben allein von den Regungen des Augenblicks bestimmt wurde. Ihre Anführer mochten noch Ziele haben, diesen Männern hier war dergleichen allerdings unbekannt.

»Seine Exzellenz wünscht euch beide zu sehen«, verkündete die Schwester den beiden Gefangenen.

Weder Zedd noch Adie erwiderten etwas. Die Soldaten rissen sie mit einem Ruck auf die Beine; ein deftiger Stoß ließ sie der Schwester hinterhertorkeln, die bereits ein Stück vorausgegangen war. In diesem Augenblick bemerkte Zedd, daß sie noch von weiteren Soldaten, etwa einem Dutzend an der Zahl, eskortiert wurden.

Der Wagen hatte sie am Ende einer Art Straße abgesetzt, die sich auf verschlungenem Weg durch das schier endlose Feldlager wand. Das Ende dieser Straße, wo die Wagen in Reih und Glied aufgereiht standen, schien den Eingang zu einem inneren Lager, wahrscheinlich der militärischen Kommandozentrale, zu bilden. Die einfachen Truppen außerhalb des Rings aus schwer bewaffneten Wachen waren mit Essen, Würfeln und Zocken beschäftigt, sie betrieben einen regen Tauschhandel mit Beutegut, scherzten, unterhielten und betranken sich, während sie zusahen, wie die beiden Gefangenen von ihrer Eskorte abgeführt wurden.

Zedd kam der Gedanke, daß unter den Soldaten, wenn er mit lauter Stimme verkündete, er sei für den Lichtbann verantwortlich, der so viele ihrer Kameraden getötet oder verletzt hatte, ein Tumult ausbrechen, sie sich auf sie stürzen und sie umbringen würden, bevor Jagang Gelegenheit erhielt, ihn und Adie nach Belieben zu foltern.

Zedd, bereit, seinen Plan in die Tat umzusetzen, hatte den Mund bereits geöffnet, doch dann sah er die Schwester sich kurz zu ihm herumdrehen und mußte feststellen, daß ihre Kontrolle über den Ring um seinen Hals ihn seiner Stimme beraubt hatte. Ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis würde er kein einziges Wort über die Lippen bringen.

Sie folgten der Schwester vorbei an der Wagenreihe, die vor dem einen Gefährt stand, in dem sie hergebracht worden waren. Weit über ein Dutzend dieser Transportwagen reihten sich vor dem abgesperrten Bereich mit den größeren Zelten auf, keiner davon leer, sondern alle ausnahmslos mit Kisten voll gestapelt.

Mit wachsender Beklommenheit dämmerte es Zedd. Auf diesen Wagen lag das Beutegut aus der Burg der Zauberer; diese Wagen hatten sie auf ihrer Fahrt begleitet. Alle waren voll gepackt mit Gegenständen, die diese nicht mit der Gabe gesegneten Kerle auf Geheiß der Schwestern aus der Burg getragen hatten. Zedd wagte nicht, sich vorzustellen, welch unbezahlbare und hochgefährliche Dinge sich in diesen Kisten befinden mochten. Die Burg war voller Objekte, die jedem gefährlich werden konnten, sobald man sie von den sie bewachenden Schilden trennte. Es waren seltene Stücke darunter, die, wurden sie auch nur für kurze Zeit aus ihrer schützenden Umgebung – Dunkelheit etwa – entfernt, ihre Entwicklungsfähigkeit verloren.

Wachen, bekleidet mit mehreren Schichten aus Fellen, Kettenhemden und Leder und bewaffnet mit Langspießen, die mit langen Stahlspitzen sowie ausgestellten, scharf geschliffenen Klingen, mit riesigen Sicheläxten und dornenbewehrten Keulen versehen waren, durchstreiften die Sperrzone. Diese finsteren Krieger wirkten noch kräftiger und bedrohlicher als die regulären Truppen draußen im eigentlichen Lager – und die waren bereits furchterregend genug.

Die Wachen geleiteten die Schwester, Zedd und Adie durch eine Öffnung in einer Reihe eisendornenbewehrter Barrikaden. Dahinter schlossen sich die kleineren Sonderzelte an, von denen die meisten rund und etwa von der gleichen Größe waren. Zedd vermutete, daß Jagang in diesen Zelten sein persönliches Personal, seine Diener und Leibsklaven, untergebracht hatte. Er fragte sich, ob die Schwestern ausnahmslos im kaiserlichen Lager gefangen gehalten wurden.

Weiter vorn erhob sich der an einen Palast erinnernde Anblick der prunkvollen Zelte des Kaisers und seines Gefolge im spätnachmittäglichen Licht. Ohne Zweifel dienten einige dieser komfortablen, rings um den zentralen Bereich und innerhalb des Zeltrings für Diener und Gefolge errichteten Zelte hochrangigen Offizieren und Beamten sowie den engsten Beratern des Kaisers als Unterkünfte.

Nur zu gern hätte Zedd einen Lichtbann besessen sowie die Möglichkeit, ihn zu entzünden; vermutlich hätte er die Imperiale Ordnung gleich hier und jetzt ihres Oberhaupts berauben können.

Andererseits war er sich darüber im Klaren, daß das darauf folgende Chaos und die Tumulte bestenfalls einen vorübergehenden Rückschlag für die Imperiale Ordnung bedeutet hätten. Man würde kurzerhand einen anderen Rohling bereitstellen, der ihrer Mission nur um so nachdrücklicher Geltung verschaffen würde. Um der Gefahr der Imperialen Ordnung ein Ende zu bereiten, brauchte es mehr als nur Jagangs Ermordung. Er hätte nicht einmal mehr mit Sicherheit zu sagen vermocht, womit sich die Welt überhaupt noch von der Unterdrückung und Tyrannei der Imperialen Ordnung befreien ließe.