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»Das sind sie?«, fragte ein Posten mit kurz geschorenem Schädel. Die Ringe, die ihm aus Nase und Ohren hingen, erinnerten Zedd an ein für den Sommerjahrmarkt herausgeputztes Preisschwein – obschon ein solches Schwein natürlich säuberlich gewaschen wäre und erheblich besser riechen würde.

»Ja«, antwortete die Schwester. »Alle beide, wie befohlen.«

Sorgfältig und ohne Hast erfaßten seine dunklen Augen erst Adie und dann Zedd. Seinem Stirnrunzeln nach hielt er sich offenbar für einen redlichen Menschen, dem zutiefst mißfiel, was er vor sich sah: das Böse. Nachdem er die Halsringe der beiden zur Kenntnis genommen hatte – Beweis, daß sie dem Kaiser nicht gefährlich werden konnten –, trat er zur Seite und beorderte sie mit einem Wink seines Daumens durch eine zweite Absperrung jenseits der dem Gefolge, den Dienern und Sklaven vorbehaltenen Zelte. Sein haßerfüllter Blick folgte den Sündern auf ihrem Weg zu ihrem wohlverdienten Schicksal.

Sofort stürmten aus dem zentralen Bereich weitere Posten herbei, die sie in ihre Mitte nahmen. Zedd fiel auf, daß diese Soldaten ordentlicher gekleidet waren. Ihre Uniformen bestanden aus ähnlichen Leder- und Kettenpanzerschichten, auch trugen sie ähnlich schwere Waffengurte, und vor ihrer Brust kreuzten sich dornenbesetzte Lederriemen. Aber ihnen war eine gewisse Einheitlichkeit, ja Gleichheit eigen, die sie als Spezialtruppen auswies. Die in ihren breiten Gürteln hängenden Waffen waren von besserer Machart, und sie trugen mehr davon. Ihre Art, sich zu bewegen, verriet Zedd, daß dies nicht die gewöhnlichen, zum Kriegsdienst gedungenen Männer waren, sondern eigens ausgebildete Spezialeinheiten, die über eine hoch entwickelte Befähigung zur Kriegsführung verfügten. Die Leibgarde Kaiser Jagangs.

Zedd warf einen schmachtenden Blick auf den nahezu vollen Wassereimer, der für die in der Hitze Wache stehenden Soldaten bereitstand. Einem Kaiser stünde es schlecht zu Gesicht, wenn seine Elitetruppen aus Wassermangel zusammenbrächen. Sich der vermeintlichen Antwort nahezu gewiß, verzichtete Zedd darauf, um einen Schluck zu bitten. Ein Blick zur Seite zeigte ihm, daß Adie ihre aufgesprungenen Lippen benetzte, doch auch sie blieb stumm.

Auf einer kleinen Anhöhe, inmitten der eindrucksvollen, aber minderen Quartiere des kaiserlichen Gefolges, stand das bei weitem größte Zelt. Tatsächlich erinnerte das kaiserliche Zelt eher an einen reisenden Palast denn an ein Zelt. Es besaß ein dreispitziges Dach, durchbohrt von hohen Stützpfählen, an denen bunte Wimpel und Fahnen befestigt waren. Reich bestickte Stoffbahnen schmückten die Außenwände; rote und gelbe Fähnchen wehten träge in der heißen, spätnachmittäglichen Luft. Wegen des mit Quasten und bunten Bändern gesäumtes Randes erinnerte es ein wenig an das große Versammlungszelt eines Jahrmarkts.

Ein Posten neben dem Zelteingang erwiderte Zedds Blick, ehe er den mit goldenen Schilden und Rundbildern aus getriebenem Silber verzierten Lamrnfellvorhang anhob, um sie eintreten zu lassen. Einer der anderen Posten stieß Zedd mit gestrecktem Arm gegen die Schulter und schickte ihn fast der Länge nach zu Boden. Zedd, unmittelbar gefolgt von Adie, stolperte durch den Zelteingang in das schwach beleuchtete Innere.

Drinnen dämpften mehrere Schichten dicker, scheinbar zufällig verteilter Teppiche das derbe Getöse des Feldlagers. Der Rand des Fußbodens war von Hunderten Kissen aus Seide und Brokat gesäumt. Bunt verzierte Stoffbahnen unterteilten den düsteren Innenraum des Zeltes und bedeckten die Außenwände, an deren Oberrand mit gazeartigem Stoff verhängte Öffnungen zwar nur wenig Licht, dafür aber einen milden Luftzug in die stille Düsterkeit des eindrucksvollen Zeltes hereinließen. Tatsächlich war die Beleuchtung so spärlich, daß man Lampen und Kerzen benötigte.

In der Mitte des Raumes stand, nach hinten versetzt, ein kunstvoll verzierter, mit schweren roten Seidenstoffen behangener Sessel. Wenn dies Jagangs Thron war, so saß er nicht darauf.

Während Zedd und Adie von Posten umringt wurden, die ihre Bewegungsfreiheit auf ein Minimum beschränkten, verschwand einer der Soldaten hinter den Stoffbahnen, hinter denen ein schwaches Licht hervordrang. Die Posten in Zedds unmittelbarer Nähe stanken nach Schweiß; ihre Schuhe waren mit Dung verkrustet. Trotz der aufwendigen, luxuriösen Umgebung, die sich nach Kräften bemühte, eine Atmosphäre ehrfürchtigen Respekts vorzutäuschen, durchzog ein hartnäckiger Scheunenhofgestank das Zelt, der durch den Pferdedung und den menschlichen Schweiß der Soldaten, die mit Zedd und Adie das Zelt betreten hatten, nur noch verstärkt wurde.

Der Soldat, der hinter den Stoffbahnen verschwunden war. steckte seinen Kopf wieder heraus und winkte die Schwester zu sich. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr, worauf sie ebenfalls hinter den Stoffbahnen verschwand.

Zedd warf einen verstohlenen Seitenblick auf Adie. Ihre völlig weißen Augen starrten genau nach vorn. Unter dem Vorwand, das Gewicht zu verlagern, beugte er sich zu ihr hinüber und streifte heimlich ihre Schulter – eine tröstliche Geste in einer vollkommen ausweglosen Situation. Als Antwort hielt sie leicht dagegen; seine Botschaft war angekommen und dankbar aufgenommen worden. Er sehnte sich danach, sie in die Arme zu schließen, wohl wissend, daß es wahrscheinlich das allerletzte Mal sein würde.

Man hörte dumpfe Stimmen, doch die schweren Stoffbahnen dämpften sie so sehr, daß Zedd kein Wort verstehen konnte. Hätte er Zugang zu seiner Gabe gehabt, wäre er imstande gewesen, jedes Wort klar und deutlich zu verstehen, doch der Halsring verwehrte ihm den Zugriff auf sein Talent. Nichtsdestoweniger hörte er heraus, daß der Bericht der Schwester, ihre Worte knapp und geschäftsmäßig klangen.

Die im Zelt arbeitenden Sklaven, damit beschäftigt, die Teppiche abzubürsten, elegante Vasen zu polieren oder Schränke zu wachsen, schenkten den von den Posten hereingeführten Personen keinerlei Beachtung, der plötzliche, leise Unterton von Bedrohlichkeit jedoch, der hinter den Stoffbahnen hervordrang, bewirkte, daß alle ihre Arbeit mit spürbar gesteigerter Sorgfalt verrichteten. Auch wenn dem Kaiser zweifellos des öfteren Gefangene vorgeführt wurden, ahnte Zedd, daß es von den im kaiserlichen Zelt Beschäftigten sicherlich nicht eben klug wäre, auch nur das geringste Interesse an den kaiserlichen Belangen zu bekunden.

Darüber hinaus drang hinter den aus gestickten Landschaftsszenen zusammengesetzten Stoffbahnen warmer Essensgeruch hervor. Zedd war erstaunt, welche Vielfalt an unterschiedlichen Düften er zu unterscheiden vermochte, auch wenn der alles überlagernde Gestank den angenehmen Wohlgerüchen von Fleischspeisen, Olivenöl, Knoblauch, Zwiebeln und Gewürzen etwas Widerwärtiges verlieh.

Als die Schwester hinter der Zwischenwand aus bunten Stoffbahnen wieder zum Vorschein kam, hob sich der Ring in ihrer Unterlippe auffallend deutlich von ihrer aschfahlen Gesichtsfarbe ab. Sie nickte den Soldaten rechts und links von den Gefangenen kurz zu, dann packten kräftige Hände Zedd und Adie bei den Armen, und die beiden wurden zur Öffnung und dem matten Lichtschein dahinter abgeführt.

37

Ein unvermittelter Ruck zwang Zedd stehenzubleiben: endlich stand er, in Handschellen, vor dem finster dreinblickenden Traumwandler höchstselbst, Kaiser Jagang.

Der thronte mit mahlenden Kiefern, beide Ellbogen aufgestützt, auf einem mit kunstvollen Schnitzereien verzierten Stuhl mit hoher Rückenlehne, eine Gänsekeule zwischen beiden Händen. Lichtpunkte der Kerzen spiegelten sich an den Seiten seines kahlgeschorenen Schädels und tanzten, sobald die Sehnen in seinen Schläfen durch sein Kauen in Bewegung gerieten. Sein dünner Schnauzer an den Mundwinkeln und in der Mitte seiner Unterlippe bewegte sich im Rhythmus seines Kiefers, ebenso das dünne Kettchen, das die goldenen Ringe in Ohr und Nase miteinander verband. Das ölige Gänsefett auf seinen beringten Fingern glänzte im Schein der Kerzen und troff an seinen nackten Armen herab.