Von seinem Platz hinter der Tafel musterte er seine jüngsten Gefangenen mit gelangweiltem Blick.
Trotz der überall auf dem Tisch verteilten und zu beiden Seiten in Haltern aufgestellten Kerzen verströmte das Innere des Zeltes die düstere Atmosphäre eines Gefängnisses.
Rechts und links von ihm war die Tafel vollgestellt mit Tellern voller Speisen, mit Pokalen, Flaschen, Kerzen und Schalen sowie bisweilen, da und dort, mit einem Buch oder einer Schriftrolle. Da in diesem Gedränge nicht für alle Silberteller Platz war, hatten einige an strategisch günstigen Stellen auf kleinen Ziersäulen plaziert werden müssen. Die Menge der Speisen schien ausreichend für eine kleine Armee.
Allem Gerede des Ordens zum Trotz, die Darbringung von Opfern zum Wohl der Menschheit sei ihr nobles Anliegen, wußte Zedd, daß diese Völlerei an der kaiserlichen Tafel eine ganz andere Botschaft vermitteln sollte, auch wenn kaum jemand außer dem Kaiser selbst sie jemals zu Gesicht bekam.
An der Zeltwand hinter Jagang standen Sklaven aufgereiht, einige mit weiteren Serviertellern in den Händen, andere in steifer Körperhaltung – und alle harrten ihrer Befehle. Einige waren noch sehr jung -angeblich junge Zauberer, hatte Zedd gehört –, bekleidet mit weiten, weißen Hosen und sonst nichts. Hier also waren die Zauberer gelandet, die im Palast der Propheten hatten ausgebildet werden sollen – zusammen mit den gefangen genommenen Schwestern, die einst ihre Ausbilderinnen waren. Sie alle waren nun Gefangene des Traumwandlers. Männer mit hervorragenden Anlagen, Männer, die über ein enormes Potential verfügten, wurden als Hausdiener für niedere Dienste mißbraucht. Auch das war eine Botschaft, mit welcher der Kaiser der Imperialen Ordnung jedem zeigen wollte, daß die Besten und Klügsten gerade gut genug waren, das Nachtgeschirr zu leeren, während brutale Rohlinge über sie herrschten.
Die jüngeren Frauen unter ihnen – sowohl Schwestern der Finsternis wie auch des Lichts, vermutete Zedd – trugen vom Hals bis zu den Knöcheln reichende Gewänder, die jedoch so durchscheinend waren, daß ihre Trägerinnen ebensogut hätten nackt sein können. Auch das sollte zum Ausdruck bringen, wie wenig der Kaiser von ihren Anlagen hielt, und daß er sie nur zu seiner Zerstreuung schätzte. Die älteren, nicht mehr ganz so attraktiven Schwestern standen, in schmutziggraue Kleider gehüllt, etwas abseits – vermutlich Schwestern, die ihm in anderen niederen Funktionen dienten.
Jagang fand sichtlich Gefallen daran, einige der begabtesten Menschen überhaupt als Sklaven zu halten. Es entsprach dem Wesen der Imperialen Ordnung, Menschen mit besonderen Talenten zu erniedrigen statt sie zu verehren.
Jagang beobachtete Zedd, wie dieser seine Haussklaven mit seinem Blick erfaßte, zeigte jedoch keinerlei Regung. Sein Stiernacken verlieh seinem Äußeren etwas beinahe Nichtmenschliches. Seine Brustmuskulatur, wie auch seine massigen Schultern, waren unter der offenen, ärmellosen Schafwollweste deutlich zu erkennen. Er war der stämmigste, kräftigste Mann, den Zedd je gesehen hatte, eine einschüchternde Erscheinung, selbst wenn er sich nicht bewegte.
Während Zedd und Adie schweigend warteten, riß Jagang mit den Zähnen ein weiteres Fleischstück von der Gänsekeule. In der angespannten Stille musterte er sie kauend, so als überlegte er was er mit seinem jüngsten Fang anfangen sollte.
Mehr als alles andere waren es seine tiefschwarzen Augen ohne Pupille, Iris oder auch nur eine Spur von Weiß, die Zedd das Blut in den Adern gefrieren zu lassen drohten. Das letzte Mal, als er diese Augen gesehen hatte, war Zedd nicht in Handschellen gewesen, sondern dieses nicht mit der Gabe gesegnete Mädchen hatte ihn daran gehindert, dem Mann den Garaus zu machen. Nie würde er einer verpaßten Gelegenheit jemals mehr nachtrauern als dieser. Er hatte die Gelegenheit, Jagang zu töten, an jenem Tag leichtfertig verspielt – nicht etwa wegen der unermeßlichen Kräfte all der erfahrenen Schwestern und Truppen, die man gegen ihn aufgeboten hatte, sondern wegen eines einzigen, nicht mit der Gabe gesegneten Mädchens.
Die vollkommen schwarzen Augen – Augen eines erwachsenen Traumwandlers – funkelten im Kerzenschein, während dunkle Schatten, gleich Wolken in einer mondlosen Nacht, durch ihre dunkle Leere trieben.
Die Unmittelbarkeit seines Blicks war ebenso unverkennbar wie bei Adie, wenn sie ihn aus ihren vollkommen weißen Augen ansah. Zedd mußte sich unter Jagangs starrem Blick ermahnen, seine Muskeln zu entspannen und das Weiteratmen nicht zu vergessen.
Am meisten aber entsetzte ihn der scharfe, berechnende Verstand, den er dahinter zu erkennen glaubte. Mittlerweile bekämpfte er Jagang lange genug, um zu wissen, daß man diesen Mann nicht ungestraft unterschätzte.
»Jagang der Gerechte«, stellte die Schwester ihn vor, indem sie mit ausgestreckter Hand auf den Alptraum vor ihnen wies. »Exzellenz, dies sind Zeddicus Zu’l Zorander, der Oberste Zauberer, sowie eine Hexenmeisterin mit Namen Adie.«
»Ich weiß, wer sie sind«, sagte Jagang in einem tiefen Baß, der gleichermaßen von Bedrohlichkeit und Abscheu troff.
Er lehnte sich zurück, ließ einen Arm über die Rückenlehne seines Stuhles baumeln, legte ein Bein über die mit Schnitzereien verzierte Armlehne und gestikulierte mit der Gänsekeule.
»Richard Rahls Großvater, habe ich mir sagen lassen.«
Zedd schwieg.
Jagang warf die halb abgenagte Keule auf einen Servierteller und nahm ein Messer zur Hand. Mit einer Hand säbelte er ein Stück blutiges Fleisch von einem Braten und spießte es auf.
»Vermutlich hattet Ihr gehofft, mir unter anderen Umständen zu begegnen.«
Er lachte über seinen eigenen Scherz – ein tiefes, hallendes, von Bedrohlichkeit durchdrungenes Geräusch.
Jagang zog das Fleischstück mit den Zähnen vom Messer ab und kaute, während er die beiden betrachtete, als wüßte er nicht, für welche der zahllosen ihm durch den Kopf gehenden Möglichkeiten von erlesener Grausamkeit er sich entscheiden sollte.
Mit einem kräftigen Schluck aus einem silbernen Pokal spülte er das Fleisch hinunter, ohne seinen stechenden Blick von ihnen abzuwenden. »Ich vermag kaum zu beschreiben, wie entzückt ich bin, daß Ihr gekommen seid um mich aufzusuchen.« Sein Lächeln war wie der Tod persönlich. »Und das lebend.«
Mit einer Drehung seines Handgelenks ließ er das Messer kreisen. »Es gibt eine Menge Dinge, über die wir reden müssen.« Sein Gelächter erstarb, sein Grinsen jedoch blieb. »Nun, Ihr zumindest. Ich werde den guten Gastgeber mimen und zuhören.«
Zedd und Adie schwiegen noch immer, während der Blick aus Jagangs schwarzen Augen von einem zum anderen wanderte.
»Euch ist noch nicht nach Sprechen zumute. Nun, sei’s drum. Ihr werdet noch früh genug gesprächig werden.«
Zedd vergeudete seine Kräfte nicht damit Jagang zu erklären, daß Folter ihm nichts einbringen werde. Jagang würde eine solche Prahlerei nicht glauben, und selbst wenn, würde sie ihn kaum davon abbringen können, seinen Wunsch in die Tat umsetzen zu lassen.
Jagang fischte ein paar Trauben aus einer Schale. »Ihr seid ein findiger Mann, Zauberer Zorander.« Er ließ mehrere Trauben in seinen Mund fallen und kaute, während er sprach. »Ganz auf Euch gestellt in Aydindril, umringt von einer Armee, ist es Euch gelungen, mich zu dem Glauben zu verleiten, ich hätte Richard Rahl und die Mutter Konfessor in eine Falle gelockt. Meine Hochachtung. Ehre, wem Ehre gebührt.
Dann der Lichtbann, den Ihr inmitten meiner Krieger gezündet habt. Bemerkenswert«. Eine weitere Traube verschwand in seinem Mund. »Macht Ihr Euch eigentlich eine Vorstellung, wie viele Hunderttausende von ihnen durch Eure Zauberei in Mitleidenschaft gezogen worden sind?«
Zedd sah die Muskelstränge seines über die Stuhllehne drapierten Armes hervortreten, als er seine Faust ballte. Schließlich entspannte er seine Hand, beugte sich vor und löste mit dem Daumen ein mächtiges Stück Schinken aus.