Mit dem Fleischstück fuchtelnd, fuhr er fort. »Exakt diese Art der Magie müßt Ihr für mich wirken, bester Zauberer. Ich bin mir darüber im Klaren – wenn ich diese dummen Weibsstücke recht verstehe, die sich, je nachdem, wer ihnen ihrer Meinung nach im Leben nach dem Tod die größeren Privilegien zu bieten vermag, Schwestern des Lichts oder Schwestern der Finsternis schimpfen –, daß Ihr diesen kleinen Zauber nicht allein bewirkt, sondern Euch eines entworfenen Banns aus der Burg der Zauberer bedient und ihn mit Hilfe irgendeines Tricks oder Auslösers mitten unter meinen Männern zur Entzündung gebracht habt – vermutlich mit irgendeinem unscheinbaren Gegenstand, den einer von ihnen aus Neugier in die Hand genommen hat.«
Zedd war einigermaßen schockiert, daß es Jagang gelungen war, sich so umfassende Kenntnisse zu beschaffen. Der Kaiser riß einen weiteren mächtigen Bissen aus dem Schinkenstück, ohne sie einen Moment aus den Augen zu lassen. Die Nachsicht in seinem Blick neigte sich dem Ende zu.
»Nun, da Ihr offenbar außerstande seid, derart phantastische Magie allein zu wirken, habe ich einige Dinge aus der Burg der Zauberer herbringen lassen, damit Ihr mir ihre Funktions- und Wirkungsweise erläutern könnt. Ich bin sicher, der Bestand umfaßt eine Vielzahl faszinierender Objekte. Ich möchte einige dieser entworfenen Banne in meinen Besitz bringen, damit sie uns die Pässe nach D’Hara freisprengen, was mir eine Menge Zeit und Ärger ersparen wird. Ohne Zweifel habt Ihr Verständnis für meine Ungeduld, nach D’Hara einzumarschieren und den bescheidenen Widerstand dort ein für alle Mal zu brechen.«
Zedd holte tief Luft und ergriff schließlich das Wort. »Was die meisten dieser Objekte anbelangt, so könntet Ihr mich bis ans Ende aller Zeiten foltern, ich könnte Euch doch nichts erklären – schlicht, weil ich über sie nichts weiß. Im Gegensatz zu Euch kenne ich meine Grenzen. Ich weiß ganz einfach nicht, wie ein solcher Bann aussehen könnte. Und selbst wenn, bedeutet das noch lange nicht, daß ich auch weiß, wie man ihn wirkt. Bei dem, den ich damals benutzte, hatte ich ganz einfach Glück.«
»Das mag alles sein, einige Objekte werden Euch gewiß trotzdem vertraut sein. Schließlich seid Ihr der Oberste Zauberer, habe ich mir sagen lassen; es ist Eure Burg. Eure angebliche Unkenntnis der dort eingelagerten Objekte erscheint mir daher wenig glaubwürdig. Auch wenn Ihr Euch auf Glück beruft, so konntet Ihr offenbar genügend Kenntnisse über diesen entworfenen Lichtbann sammeln, um ihn mitten unter meinen Männern zu zünden; daraus schließe ich, daß Ihr über die mächtigsten dieser Objekte bestens informiert seid.«
»Ihr habt nicht die leiseste Ahnung von Magie«, unterbrach Zedd ihn schroff. »Ihr habt den Kopf voller großartiger Hirngespinste und glaubt, es nur befehlen zu müssen, und schon werden sie in die Tat umgesetzt. Nun, dem ist nicht so. Ihr seid ein Narr, der von echter Magie und ihren Grenzen keine Ahnung hat.«
Über einem der trüben Augen Jagangs schnellte erstaunt eine Braue hoch. »Oh, ich denke, ich weiß weit mehr, als Ihr vielleicht glaubt, Zauberer. Seht Ihr, ich bin ein begeisterter Leser, und ich habe den großen Vorteil, die Gedanken einiger der, sagen wir, bemerkenswertesten mit der Gabe gesegneten Köpfe, die Ihr Euch vorstellen könnt, lesen zu können. Wahrscheinlich weiß ich weit mehr über Magie, als Ihr mir zutraut.«
»Vor allem traue ich Euch dreiste Selbsttäuschung zu.«
»Selbsttäuschung?« Er breitete die Arme aus. »Seid Ihr imstande, einen Schleifer zu erschaffen, Zauberer Zorander?«
Zedd erstarrte. Jagang mußte den Namen aufgeschnappt haben, das war alles. Er las gerne; folglich hatte er den Namen irgendwo gelesen.
»Natürlich nicht; und das vermag zur Zeit auch sonst kein Lebender.«
»Ihr könnt ein solches Wesen nicht erschaffen, Zauberer Zorander. Aber Ihr habt keine Ahnung, wie ungeheuer weit meine Kenntnisse der Magie inzwischen fortgeschritten sind. Seht Ihr, ich habe gelernt, verlorengeglaubte Begabungen wieder ins Leben zu rufen – Künste, die längst als ausgestorben und verloren galten.«
»Ich möchte Euren Träumen eine gewisse Großartigkeit nicht absprechen, Jagang, aber Träumen ist nicht schwer. Eure Träume werden nicht einfach dadurch Wirklichkeit, daß Ihr beschließt, sie lebendig werden zu lassen.«
»Schwester Tahirah hier kennt die Wahrheit.« Jagang deutete mit seinem Messer auf sie. »Erklärt Ihr es ihm, meine Liebe. Sagt ihm, was ich träumen und zum Leben erwecken kann.«
Zögernd trat die Ordensschwester einige Schritte vor. »Es ist, wie Seine Exzellenz sagt.« Sie vermied es, Zedds mißfälligem Blick zu begegnen, und spielte statt dessen nervös mit ihrem widerspenstigen grauen Haar. »Dank der brillanten Unterweisung Seiner Exzellenz ist es uns gelungen, das alte Wissen teilweise wiederzugewinnen. Unter der kundigen Leitung unseres Kaisers konnten wir einen Zauberer mit Namen Nicholas mit einem Talent ausstatten, wie es die Welt seit dreitausend Jahren nicht gesehen hat. Es ist eine der gewaltigsten Großtaten seiner Exzellenz. Ich kann Euch persönlich versichern, daß es sich genauso verhält, wie Seine Exzellenz sagt; derzeit wandelt wieder ein Schleifer auf Erden. Das ist nicht etwa Wunschdenken, Zauberer Zorander, sondern die Wahrheit.«
»Die Seelen mögen mir beistehen«, fügte sie mit kaum hörbarer Stimme hinzu, »ich war dabei und habe mit eigenen Augen gesehen, wie der Schleifer das Licht der Welt erblickte.«
»Ihr habt einen Schleifer erschaffen?« Die Hände noch immer auf den Rücken gebunden, machte Zedd einen zornentbrannten Schritt auf die Schwester zu. »Habt Ihr den Verstand verloren, Frau?« Sie wich verängstigt zur hinteren Wand zurück. Zedd richtete seinen Zorn auf Jagang. »Schleifer haben nichts als Unheil angerichtet! Sie sind unkontrollierbar! Ihr müßt verrückt sein, daß Ihr ein solches Wesen erschaffen habt!«
Jagang lächelte boshaft. »Eifersüchtig, Zauberer? Eifersüchtig, daß Ihr zu so etwas nicht fähig seid, daß Ihr keine solche Waffe gegen mich erschaffen könnt, während ich Euch mit ihrer Hilfe Richard Rahl und seine Gemahlin fortnehmen werde?«
»Ein Schleifer verfügt über Kräfte, die Ihr unmöglich beherrschen könnt!«
»Ein Schleifer kann einem Traumwandler nicht gefährlich werden. Mein Talent ist schneller als seins; ich bin ihm überlegen.«
»Wie schnell Ihr seid, spielt keine Rolle – mit Schnelligkeit hat das alles nichts zu tun! Schleifer sind unkontrollierbar und werden niemals tun, was Ihr von ihnen verlangt!«
»Das kann ich zur Zeit wirklich nicht bestätigen.« Auf einen Ellenbogen gestützt, beugte sich Jagang vor. »Eurer Meinung nach braucht man Magie, um seine Untergebenen zu beherrschen, doch auf mich trifft das nicht zu. Weder bei Nicholas noch bei den Menschen überhaupt.
Ihr scheint, im Gegensatz zu mir, von Herrschaft geradezu besessen. Es ist mir gelungen, ein Volk zu finden, das nach dem Willen von Euch und Euresgleichen nicht in Freiheit unter seinen Mitmenschen leben durfte, ein Volk, das von den mit der Gabe Gesegneten vertrieben wurde, ein Volk, das verunglimpft wurde, weil es nicht einen Funken der ach so geschätzten Gabe der Magie besitzt – ein Volk, verhaßt und verbannt, weil Ihr und Euresgleichen es nicht beherrschen konntet. Das war sein einziges Verbrechen: sie entzogen sich der Herrschaft Eurer Magie.«
Jagangs Faust, die krachend auf dem Tisch landete, ließ Teller wie Sklaven gleichermaßen in die Höhe springen.
»So wünscht Ihr Euch die Zukunft der Menschheit: nur wer zumindest einen Funken der Gabe besitzt, darf sich frei bewegen! Und das auch nur, damit Ihr ihn mit Hilfe Eurer Gabe kontrollieren könnt! Wenn ich mir den Ring um Euren Hals betrachte, scheint es Euch geradezu eine Lust zu sein, die ganze Menschheit mit Hilfe von Magie an die Kette zu legen!
Ich habe dieses vertriebene Volk der nicht mit der Gabe Gesegneten gefunden und es in den Schoß der Gemeinschaft ihrer Mitmenschen zurückgeführt. Zum großen Mißfallen und Schrecken von Euch und Euresgleichen berührt Eure widerwärtige Magie sie nicht.«