Zedd vermochte sich nicht vorzustellen, wo Jagang ein solches Volk entdeckt haben wollte. »Und nun habt Ihr einen Schleifer, der es stellvertretend für Euch beherrscht.«
»Ihr habt sie verdammt und ins Exil getrieben; wir haben sie mit offenen Armen aufgenommen; mehr noch, wir wollen die Menschen nach ihrem Vorbild umgestalten. Ihre Sache ist geradezu naturgegeben auch die unsere – die Schaffung einer reinen, vom Makel der Magie befreiten Menschheit. Auf diese Weise wird die Welt endlich in Frieden vereint sein.
Euch gegenüber bin ich im Vorteil, Zauberer; ich habe das Recht auf meiner Seite. Ich brauche keine Magie, um zu obsiegen. Ihr dagegen schon. Mein Streben gilt der bestmöglichen Zukunft für die Menschen, und der Weg dorthin steht unumkehrbar fest.
Mit Hilfe dieser Menschen habe ich Eure Burg erobert, mit ihrer Hilfe habe ich unbezahlbare Schätze in meinen Besitz gebracht. Und Ihr konntet nicht das Geringste tun, um sie daran zu hindern, hab ich Recht? Fortan werden die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, ohne daß der Fluch der Magie sie in ihrem Ringen behindert.
Und ich besitze jetzt einen Schleifer, der uns zu diesem noblen Ziel verhelfen wird. Er bedient sich dieser Menschen zum Wohle unserer gemeinsamen Sache. Allein dadurch hat er sich bereits als von unschätzbarem Wert erwiesen.
Mehr noch, dieser Schleifer, den Ihr und Euresgleichen nie beherrschen konntet, hat hoch und heilig versprochen, mir jene beiden auszuhändigen, nach denen es mich am meisten verlangt: Euren Enkelsohn und seine Frau. Ich habe Großes mit den beiden vor – jedenfalls mit ihr.« Er rang sich ein Lächeln ab. »Mit ihm dagegen weniger.«
Zedd konnte seine Wut kaum noch zügeln. Hätte der Halsring seine Gabe nicht gewaltsam unterdrückt, er hätte das gesamte Zelt in Schutt und Asche gelegt.
»Sobald dieser Nicholas sein Talent meisterlich beherrscht, werdet Ihr feststellen, daß er selbst auf Rache sinnt – und einen Preis von Euch verlangt, einen Preis, der Euch womöglich viel zu hoch erscheint.«
Jagang breitete die Arme aus. »Da täuscht Ihr Euch, Zauberer. Was immer Nicholas für Lord Rahl und die Mutter Konfessor verlangen mag, ich werde es mir leisten können. So etwas wie einen zu hohen Preis gibt es für mich nicht.
Ihr mögt mich für habgierig und eigennützig halten, doch Ihr täuscht Euch. Gewiß, ich genieße es, Beute zu machen, am meisten aber reizt mich die Rolle, die ich bei der Niederwerfung dieser Heiden spiele. Was mich wirklich interessiert, ist das Endergebnis; und am Ende werde ich die Menschen so weit haben, daß sie sich, so wie es sich geziemt, unserer gerechten Sache und dem Willen des Schöpfers beugen!«
Jagangs heftiger Ausbruch schien sich erschöpft zu haben. Er lehnte sich zurück und grapschte eine Hand voll Walnüsse aus einer Silberschale.
»Zedd irrt sich«, ergriff Adie schließlich das Wort. »Ihr habt bewiesen, daß Ihr wißt, was Ihr tut. Ihr werdet keine Mühe haben, diesen Schleifer zu beherrschen. Wenn ich Euch einen Rat geben darf haltet ihn am kurzen Zügel, damit er Euch in Eurem Bestreben unterstützt.«
Jagang lächelte sie an. »Auch Ihr, meine Beste, werdet mir alles, was Ihr wißt, über den Inhalt dieser Kisten verraten.«
»Pah«, schnaubte Adie spöttisch. »Ihr seid nichts weiter als ein Narr, und Eure Beute ist völlig wertlos. Ich hoffe, Ihr verhebt Euch, wenn Ihr sie überall mit hinschleppt.«
»Adie hat Recht«, warf Zedd ein. »Ihr seid ein unfähiger Einfaltspinsel, der bestenfalls ...«
»Ach, gebt Euch doch keine Mühe, ihr zwei. Glaubt Ihr wirklich, Ihr könntet mich zu einem Zornesausbruch reizen, damit ich Euch auf der Stelle niederstrecke?« Sein boshaftes Grinsen kehrte zurück. »Und Euch die gebührende Gerechtigkeit dessen erspare, was Euch erwartet?«
Zedd und Adie verstummten.
»Als kleiner Junge«, fuhr Jagang, den Blick in die Ferne gerichtet, in ruhigerem Tonfall fort, »war ich ein Nichts. Ein Straßenschläger in Altur’Rang. Ein kleiner Tyrann und Dieb. Mein Leben war ohne jeden Sinn. Meine Zukunft beschränkte sich auf die nächste Mahlzeit.
Eines Tages sah ich einen Mann die Straße entlangkommen. Er sah aus, als hätte er Geld; dieses Geld wollte ich. Es wurde bereits dunkel. Lautlos schlich ich mich hinterrücks an, fest entschlossen, ihm den Schädel einzuschlagen, doch dann drehte er sich plötzlich um und sah mir in die Augen. Sein Lächeln ließ mich auf der Stelle erstarren. Es war kein freundliches oder schwächliches Lächeln, sondern ein Lächeln, wie es einem jemand schenkt, der ganz genau weiß, daß er einen, so es ihm beliebt, auf der Stelle töten kann.
Er zog eine Münze aus seiner Tasche und schnippte sie mir zu, dann machte er ohne ein einziges Wort auf dem Absatz kehrt und ging seines Weges.
Einige Wochen darauf wachte ich mitten in der Nacht in einer Gasse auf, wo ich mir aus alten Decken und Kisten ein Nachtlager eingerichtet hatte, und sah vor mir auf der Straße einen Schatten Gestalt annehmen. Ich wußte, daß er es war, noch ehe er mir eine Münze zuschnippte und wieder in der Dunkelheit verschwand.
Bei unserer nächsten Begegnung saß er auf einer Steinbank am Rande eines alten Platzes, der hauptsächlich von den weniger vom Glück verwöhnten Bewohnern Altur’Rangs frequentiert wurde. Wie ich, war niemand bereit, diesen Menschen eine Chance im Leben zu geben. Die Habgier ihrer Mitmenschen hatte sie allen Lebenswillens beraubt. Gewöhnlich ging ich dorthin, um sie mir anzusehen, um mir einzureden, daß ich nie so werden wollte wie sie – dabei war mir längst klar, daß es genauso kommen würde: Ich war ein Niemand, menschlicher Abschaum, der nur darauf wartete, im Leben nach dem Tod der Vergessenheit anheim zu fallen. Eine Seele ohne jeden Wert.
Ich setzte mich neben ihn auf die Bank und fragte ihn, warum er mir Geld geschenkt hatte. Statt mich, wie es die meisten gegenüber einem kleinen Jungen getan hätten, mit irgendeiner nichtssagenden Antwort abzuspeisen, erzählte er mir von dem großen Ziel der Menschheit, vom Sinn des Lebens, und daß unser Aufenthalt auf Erden nur ein kurzer Zwischenhalt auf dem Weg zu der Bestimmung war, die der Schöpfer für uns alle ausersehen hat – vorausgesetzt, wir waren stark genug, uns der Herausforderung gewachsen zu zeigen.
Das war alles völlig neu für mich. Ich erzählte ihm, ich glaubte nicht, daß diese Dinge in meinem Leben eine Rolle spielten, schließlich sei ich doch bloß ein kleiner Dieb. Er erwiderte, damit setzte ich mich nur gegen mein ungerechtes Los im Leben zur Wehr; die Menschheit sei gottlos und böse, weil sie mich zu dem gemacht habe, was ich sei, und nur wenn sie meinesgleichen half und sich für mich aufopferte, könne sie auf Erlösung im Leben nach dem Tode hoffen. In diesem Moment öffnete er mir die Augen für die sündhafte Natur des Menschen.
Bevor er ging, wandte er sich noch einmal um und fragte mich, ob ich wisse, wie lange die Ewigkeit dauere. Ich verneinte. Er erklärte, unser elendes Dasein auf Erden sei nichts weiter als ein winziger Augenblick vor unserem Eintritt in die nächste Welt. Das brachte mich zum ersten Mal dazu, wirklich über den höheren Zweck unseres Daseins nachzudenken.
In den darauffolgenden Monaten nahm Bruder Narev sich die Zeit, sich mit mir zu unterhalten, mir von der Schöpfung und der Ewigkeit zu erzählen. Wo ich zuvor nichts besessen hatte, gab er mir die Vision einer möglichen besseren Zukunft. Er lehrte mich, was Selbstaufopferung und Erlösung bedeuteten. Ich hatte geglaubt, zu einer Ewigkeit in Dunkelheit verdammt zu sein, bis er mir zur Erleuchtung verhalf. Er nahm mich bei sich auf – als Gegenleistung mußte ich ihm bei seinen alltäglichen Arbeiten helfen.
Für mich war Bruder Narev Lehrer, Priester, Berater, der Weg zur Erlösung und« – Jagang hob seinen Blick und sah Zedd tief in die Augen – »Großvater in einem.« Nach einer kleinen Pause fuhr Jagang fort: »Er entfachte in mir das Feuer dessen, wozu der Mensch fähig war, fähig sein sollte. Er zeigte mir die unverzeihliche Sünde selbstsüchtiger Gier und das dunkle Nichts, wohin sie die Menschen dereinst führen würde. Mit der Zeit machte er mich zur ausführenden Hand seiner Visionen. Er war die Seele, ich war das Rückgrat und die Muskeln.