Bruder Narev ließ mir die Ehre zuteil werden, die Revolution auszulösen. Er stellte mich ins Zentrum des Aufstands der Menschheit gegen die Unterdrückung der Sündhaftigkeit. Wir waren die neue Hoffnung des Menschengeschlechts, und Bruder Narev persönlich ließ mir die Ehre zuteil werden, seine Vision von den reinigenden Flammen der Erlösung unter die Menschheit zu bringen.«
Jagang ließ sich auf seinem Stuhl nach hinten sinken und fixierte Zedd mit einem Blick, grimmiger, als dieser je einen Blick gesehen hatte.
»In diesem Frühjahr schließlich kam ich – im Gepäck die noble Aufforderung Bruder Narevs an die Menschheit, an all jene, die nie Gelegenheit hatten, die Vision dessen zu sehen, was der Mensch sein konnte, die Vision einer Zukunft ohne den zerstörerischen Einfluß der Magie, ohne Unterdrückung, ohne Habgier und den charakterlosen Trieb, sich über andere zu erheben – nach Aydindril ... und was mußte ich dort sehen? Bruder Narevs Haupt aufgespießt auf einer Lanze, daneben ein Zettel mit den Worten: ›Mit besten Empfehlungen von Richard Rahl.‹
Der Mann, den ich am meisten auf dieser Welt bewunderte, der Mann, der uns allen den heiligen Traum der wahren Bestimmung des Menschen in diesem Leben brachte, wie sie uns vom Schöpfer selbst auferlegt worden war – tot, sein Kopf von Eurem Enkelsohn auf einer Lanze aufgespießt.
Wenn es jemals eine ungeheuerlichere Gotteslästerung, ein schwereres Verbrechen an der gesamten Menschheit gegeben hat, so ist mir nichts davon bekannt.«
Dunkle, schwermütige Schatten trieben durch Jagangs völlig schwarze Augen. »Richard Rahl wird Gerechtigkeit widerfahren. Er wird einen ebensolchen Schlag erleben, ehe ich ihn zum Hüter schicke. Ich wollte nur, daß Ihr Euer Schicksal kennt, alter Mann. Euer Enkelsohn wird die gleiche Art des Schmerzes kennen lernen und dazu die Qualen zu wissen, daß ich seine Gemahlin in meiner Gewalt habe und sie für ihre Schandtaten teuer bezahlen lassen werde.« Ein Anflug seines Grinsens kehrte zurück. »Und wenn er seinen Preis schließlich bezahlt hat, werde ich ihn ebenfalls töten.«
Zedd gähnte. »Nette Geschichte. Nur habt Ihr all die Passagen ausgelassen, in denen Ihr unschuldige Menschen zu Zehntausenden abschlachtet, nur weil sie nicht unter Eurer schändlichen Herrschaft oder nach Narevs kranker, verschrobener Vision leben wollten.
Wenn ich es mir reiflich überlege, verschont mich mit Euren schäbigen Rechtfertigungen. Schneidet mir einfach den Kopf ab, spießt ihn auf eine Lanze und Schluß.«
Jagangs Feixen erstrahlte in seiner ganzen erschreckenden Pracht. »So leicht werde ich es Euch nicht machen, alter Mann. Zuvor werdet Ihr mir einiges erzählen müssen.«
38
»Ja, richtig«, sagte Zedd. »Die Folter. Die hätte ich fast vergessen.«
»Folter?«
Mit zwei Fingern winkte Jagang eine Frau zur Seite. Die ältere Schwester, die händeringend dagestanden hatte, zuckte zusammen, als sie seinen Blick auf sich ruhen sah, und verschwand sofort mit hastigen Schritten hinter einer Wand aus Stoffbahnen. Zedd hörte sie irgendwelchen Personen dahinter mit eindringlicher Stimme Anweisungen geben, worauf dumpfe Schritte über den Teppich und schließlich zum Zelt hinauseilten.
Jagang wandte sich wieder seinem genüßlichen Mahl zu, während Zedd und Adie, völlig ausgehungert und dem Verdursten nah, vor ihm standen. Schließlich legte der Traumwandler sein Messer auf einem Teller ab. Kaum hatten die Sklaven dies bemerkt, verfielen sie prompt in hektische Aktivität und räumten die zahllosen unterschiedlichen Gerichte ab. Von den meisten war nur kurz gekostet worden, was jedoch kaum Spuren hinterlassen hatte. Im nu war die gesamte Tafel von allen Speisen und Getränken geräumt; zurück blieben nur die Bücher, die Schriftrollen, ein paar Kerzen sowie die mit Walnüssen gefüllte Silberschale.
Schwester Tahirah, ebenjene Schwester, die Zedd und Adie in der Burg gefangengenommen hatte, stand etwas seitlich, die Hände vor dem Körper verschränkt, und beobachtete sie. Trotz ihrer offenkundigen Furcht vor Jagang und ihrer unterwürfigen Kriecherei ihm gegenüber verriet das wissende Feixen, mit dem sie Zedd und Adie bedachte, ihre hämische Vorfreude auf das, was gleich geschehen würde.
Als kurz darauf ein halbes Dutzend abstoßend aussehender Soldaten ins Innere des Zeltes trat und etwas abseits Aufstellung nahm, dämmerte Zedd der Grund für Schwester Tahirahs Freude. Die Krieger, überaus ungepflegt und von kräftiger Statur, verströmten einen Eindruck von erbarmungsloser Brutalität, wie Zedd ihn selten gesehen hatte. Ihr Haar war völlig verfilzt und fettig; Hände und Unterarme waren voller rußiger Flecken, ihre Fingernägel rissig und verdreckt. Ihre schmutzstarrenden Kleider waren von der harten Arbeit ihres Berufes mit dunklen Flecken getrockneten Bluts übersät.
Das Geschäft dieser Männer war das Foltern.
Zedd wich dem unverwandten Blick der Schwester aus, die offenbar Angst, Panik, vielleicht sogar Tränen in seinen Augen zu sehen hoffte.
Schließlich wurde eine Gruppe von Männern und Frauen in den düsteren Raum im Innern des kaiserlichen Zeltes geführt. Dem Aussehen nach schienen es Bauern oder einfache Arbeiter zu sein, vermutlich von einer Patrouille aufgegriffen. Die Männer hatten ihre Arme beschützend um ihre Frauen gelegt, um deren Rockzipfel sich die kleinen Kinder scharten, wie Küken um ihre Glucke. Sie wurden zur anderen Seite des Raumes, gegenüber der Reihe aus Folterknechten, hinübergetrieben.
Zedd richtete seine Augen unvermittelt auf Jagang. Die völlig schwarzen Augen des Traumwandlers maßen ihn mit durchdringendem Blick, während er mit den Zähnen eine Walnuss zermalmte.
»Kaiser«, verkündete die Schwester, die die Familien hereinbegleitet hatte, »dies sind Leute von hier, einige Leute aus der hiesigen Gegend, wie Ihr es verlangt habt.« Sie stellte ihn mit ausgestreckter Hand vor. »Liebe Leute, dies ist unser verehrter Kaiser Jagang der Gerechte. Geleitet von der Weisheit unseres Schöpfers, trägt er das Licht der Imperialen Ordnung in unsere Welt, auf daß uns allen ein besseres Leben vergönnt sei und wir nach dem Tod Erlösung durch den Schöpfer erlangen mögen.«
Jagang ließ den Blick abschätzend über das kleine Häuflein aus den Midlands wandern, das sich unbeholfen verneigte und knickste.
Zedd drehte sich der Magen um, als er die Mischung aus Befangenheit und Entsetzen in ihren Mienen sah. Vermutlich hatten sie das ganze Lager der Ordenssoldaten zu Fuß durchqueren müssen, wobei ihnen das ungeheure Ausmaß der Streitmacht nicht entgangen sein dürfte, die ihre Heimat überrannt hatte.
Jagang deutete mit dem Arm auf Zedd. »Möglicherweise ist Euch dieser Mann bekannt; er ist der Oberste Zauberer Zorander. Er gehört zu jenen Personen, die euch kraft ihrer Herrschaft über die Magie tyrannisiert haben. Wie ihr seht, steht er nun in Ketten vor uns. Wir haben euch von der schändlichen Herrschaft dieses Mannes und seinesgleichen befreit.«
Die Augen der Landbewohner wanderten unstet zwischen Jagang und Zedd hin und her; sie waren sich unsicher, was ihre Rolle im kaiserlichen Zelt betraf, was von ihnen erwartet wurde. Schließlich bedankten sie sich unter heftigem Nicken murmelnd für ihre Befreiung.
»Die mit der Gabe Gesegneten, wie diese beiden hier hätten ihr Talent auch in den Dienst der Menschheit stellen können, doch statt dessen zogen sie es vor sie für ihre eigenen Zwecke zu mißbrauchen. Wo sie sich für die Bedürftigen hätten aufopfern sollen, haben sie ihrer Selbstsucht gefrönt. In Anbetracht ihrer großen Talente ist dieses Verhalten ein Verbrechen, ist es ein Verbrechen, so zu leben wie sie. Es erfüllt mich mit Zorn, wenn ich daran denke, was sie, hätten sie sich nicht von ihrer Selbstsucht leiten lassen, alles für die Bedürftigen, für ein armes Volk wie euch hätten tun können. Hilflose Menschen müssen leiden und sterben, weil diese Leute in ihrer Ichbezogenheit ihnen jeden Beistand verwehren.
Dieser Zauberer und seine Hexenmeisterin stehen hier, weil sie uns ihre Hilfe bei der Befreiung der Menschen in der Neuen Welt verweigert haben; weil sie sich geweigert haben, uns über den Zweck der schändlichen magischen Objekte aufzuklären, die uns mit ihnen in die Hände gefallen sind – magische Objekte, mit denen sie die Ermordung unzähliger Menschen planen, und zwar aus purer Bosheit, weil man ihnen nicht ihren Willen ließ.«