Alle Augen richteten sich entsetzt geweitet auf Zedd und Adie.
»Ich könnte euch von den gewaltigen Opferzahlen berichten, die dieser Mann zu verantworten hat, doch ich fürchte, das würde euer Begriffsvermögen übersteigen. Eins aber kann ich euch versichern: Ich kann und werde nicht zulassen, daß dieser Mann am Tod Zehntausender weiterer schuldig wird.«
Dann lächelte Jagang den Kindern zu und forderte sie mit beiden Hände gestikulierend auf, zu ihm zu kommen. Die Kinder, vielleicht ein Dutzend an der Zahl, von sechs oder sieben bis etwa zwölf, klammerten sich verängstigt an ihre Eltern. Den Blick zu diesen Eltern gehoben, wiederholte Jagang seine Geste. Die Eltern verstanden; widerstrebend drängten sie ihre Kinder, der Aufforderung des Kaisers nachzukommen.
Verunsichert näherte sich das Häuflein Unschuld Jagangs breitem Grinsen und seinen weit ausgebreiteten Armen. Als sie sich schließlich zögernd um ihn scharten, umarmte er sie hölzern. Er zauste einem blonden Jungen das Haar und gleich darauf das glatte sandfarbene Haar eines kleinen Mädchens. Mehrere der Kleineren warfen einen flehentlichen Blick zurück zu ihren Eltern, ehe sie unter der Berührung von Jagangs fleischiger Hand auf ihrem Rücken oder dem jovialen Tätscheln ihrer Wangen erschrocken zusammenzuckten.
Die Atmosphäre stummen Entsetzens in der Luft war beinahe mit Händen greifbar.
Noch nie war Zedd Zeuge einer beklemmenderen Szene geworden.
»Also«, begann der Kaiser lächelnd, »laßt mich nun auf den Grund zu sprechen kommen, weshalb ich euch herbestellt habe.«
Mit seinen kräftigen Armen zog er die Kinderschar näher zu sich heran. Als eine Schwester einem Jungen den Weg versperrte, der zu seinen Eltern zurück wollte, legte Jagang einem kleinen Mädchen seine riesige Hand um die Hüfte und hob sie auf sein Knie. Die Kleine starrte mit weit aufgerissenen Augen in sein lächelndes Gesicht, auf seinen kahlen Schädel, vor allem aber in die alptraumhafte Leere seiner unergründlich schwarzen Traumwandleraugen.
Jagang sah von dem Mädchen zu ihren Eltern. »Ihr müßt wissen, dieser Zauberer und seine Hexenmeisterin haben uns ihre Zusammenarbeit verweigert. Nun bin ich aber, um viele Menschenleben retten zu können, auf ihre Hilfe angewiesen. Sie weigern sich, obwohl sie alle meine Fragen wahrheitsgemäß beantworten müssen. Ich hoffe, ihr achtbaren Leute könnt sie überzeugen, uns alles zu verraten, was wir wissen müssen, damit wir zahllose Menschenleben retten und noch viel mehr von der Unterdrückung ihrer Magie befreien können.«
Jagang sah zu der Reihe von Männern hinüber, die schweigend vor der gegenüberliegenden Wand ausharrten, und befahl ihnen mit einem knappen Nicken vorzutreten.
»Was tut Ihr da?«, rief eine Frau, während ihr Mann sie noch zurückzuhalten versuchte. »Was habt Ihr vor?«
»Was ich vorhabe«, erklärte Jagang der versammelten Elternschar, »ist folgendes: Ich möchte, daß ihr redlichen Leute diesen Zauberer und seine Hexenmeisterin überzeugt, endlich den Mund aufzumachen. Ich werde euch mit ihnen allein in ein Zelt sperren, damit ihr sie in aller Ruhe überreden könnt, ihre Pflicht gegenüber der Menschheit zu erfüllen – und mit uns zusammenzuarbeiten.«
Als die Schergen schließlich darangingen, die Kinder zu packen, brachen diese in verängstigtes Weinen aus. Der Anblick ihrer rotgesichtigen, vor Entsetzen kreischenden Kinder veranlaßte die Eltern, ihrerseits mit einem Aufschrei vorzustürzen, um ihre Sprößlinge zu befreien. Die hünenhaften Männer, jeder ein, zwei dünne Ärmchen in seiner Hand, stießen sie grob zurück, worauf die Eltern in hysterisches Geschrei verfielen, man solle ihre Kinder loslassen.
»Ich bin untröstlich, aber das kann ich unmöglich tun«, übertönte Jagang das Geschrei der Kinder. Auf ein erneutes Neigen seines Kopfes hin begannen seine Schergen, die sich sträubenden, kreischenden Kinder aus dem Zelt zu schleifen. Nun stimmten auch die Eltern heftiges Wehklagen an und versuchten, vorbei an den schmutzstarrenden, muskulösen Armen, nach ihren Kindern, dem Wertvollsten, was sie auf dieser Welt besaßen, zu greifen.
Doch kaum waren die Kinder aus dem Zelt, versperrten die Schwestern hinter ihnen den Ausgang und hinderten die Eltern daran, ihnen hinterherzulaufen. Im Zelt brach die Hölle los.
Ein einziges Kommando von Jagang, unterstrichen von einem Faustschlag auf den Tisch, ließ alle abrupt verstummen.
»Also«, verkündete er, »die beiden Gefangenen werden in ein Zelt gesperrt. Dort werdet Ihr alle ihnen unbeaufsichtigt Gesellschaft leisten; es werden weder Wachen noch Beobachter anwesend sein.«
Jagang zog eine dicke Kerze auf dem Tisch zu sich heran. »Dies ist das Zelt, in dem sich die beiden Gefangenen und ihr achtbaren Bürger befinden werden.« Er beschrieb mit dem Finger einen Kreis um die Kerze. »Um dieses Zelt mit den Verbrechern und euch herum wird ein enger Ring aus anderen Zelten stehen.«
Aller Augen waren starr auf ihn gerichtet, als sein Finger einen Kreis nach dem anderen um das Zelt zog. »Eure Kinder werden ganz in der Nähe sein, und zwar in den besagten Zelten.« Jagang griff sich eine Hand voll Walnüsse aus der Silberschale und verteilte einige davon rings um die Kerze auf dem Tisch, ehe er sich die restlichen in den Mund stopfte.
Im Raum herrschte absolute Stille, als alle ihn anstarrten und ihm beim Kauen zusahen. Niemand wagte eine Frage zu stellen, niemand wagte sich auszumalen, was er als Nächstes sagen würde.
Bis eine Frau schließlich ihre Zunge nicht mehr im Zaum halten konnte: »Zu welchem Zweck werden sie dort in diesen Zelten, sein?«
Ehe er darauf antwortete, ließ Jagang seine völlig schwarzen Augen über die Anwesenden schweifen, um sicherzugehen, daß jeder mitbekam, was er zu sagen hatte.
»Die Männer die eure Kinder soeben in die Zelte geschafft haben, werden sie dort foltern.«
Die Eltern rissen entsetzt die Augen auf. Das Blut wich aus ihren Gesichtern. Eine Frau brach ohnmächtig zusammen. Sofort kümmerten einige der anderen sich um sie. Schwester Tahirah ging neben ihr in die Hocke und legte ihr eine Hand auf die Stirn, worauf sie die Augen aufschlug. Sie forderte die anderen Frauen auf, ihr wieder auf die Beine zu helfen.
Als Jagang sicher war, daß er wieder die Aufmerksamkeit aller hatte, ließ er den Finger noch einmal um die Kerze und die ringsum verteilten Nüsse kreisen. »Die Zelte werden einen engen Kreis bilden, damit ihr alle klar und deutlich hören könnt, wie eure Kinder gefoltert werden, und nicht der geringste Zweifel daran entsteht, daß ihnen nichts, aber auch gar nichts, dessen diese Männer fähig sind, erspart bleiben wird.«
Leeren Blicks standen die Eltern vollkommen regungslos da, offenkundig außerstande zu begreifen, was sie da soeben hörten.
»Alle paar Stunden werde ich nachsehen kommen, ob es euch, liebe Leute, gelungen ist, den Zauberer und die Hexenmeisterin zu überzeugen, uns die erforderlichen Informationen zu verraten. Sollte euch zunächst noch kein Erfolg vergönnt sein, werde ich mich anderen Dingen widmen und später, sobald ich Zeit finde, noch einmal wiederkommen, um zu prüfen, ob die beiden inzwischen zu reden beschlossen haben.
Achtet jedoch peinlichst darauf, daß der Zauberer und die Hexenmeisterin bei euren Versuchen, sie zur Vernunft zu bringen, nicht ums Leben kommen – tot können sie unsere Fragen nicht beantworten. Nur wenn und falls sie diese Fragen beantworten, werden Eure Kinder wieder freigelassen werden.«
Jagang richtete seine alptraumhaften Augen auf Zedd. »Meine Männer verfügen beim Foltern von Personen über einen reichen Erfahrungsschatz. Wenn Ihr die Schreie aus den umliegenden Zelten hört, werdet Ihr an ihrem Können und ihrer Entschlossenheit gewiß nicht zweifeln. Dennoch solltet Ihr Euch über eins im Klaren sein: Zwar können sie ihre Gäste unter Folter tagelang am Leben halten, Wunder jedoch können sie nicht bewirken. Menschen, insbesondere so junge und zarte Wesen, sind nicht endlos leidensfähig. Sollten diese Kinder sterben, ehe Ihr Euch zur Zusammenarbeit entscheidet, so gibt es genügend andere Familien mit Kindern, die ihren Platz einnehmen können.«